Vor Ort in Olvenstedt Die Tafeln und Corona: "Ein Drittel weniger Lebensmittel gespendet"

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Wenn die Tafeln schwächeln, trifft das die Ärmsten der Armen. In der Corona-Krise passiert genau das: Weil den Tafeln Mitarbeiter wegbrechen und weniger Lebensmittel gespendet werden, hat so manche Tafel schon vorübergehend geschlossen. In Magdeburg-Olvenstedt werden noch Lebensmittel ausgegeben. Allerdings unter verschärften Bedingungen. Ein Besuch.

Ein Mann hält eine Box mit Lebensmitteln in die Höhe.
Holger Franke ist Chef der Tafeln in Magdeburg. Auch dort sorgt die Corona-Krise für Probleme: Die Zahl der gespendeten Lebensmittel ist um ein Drittel zurückgegangen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Die Ruhe ist schon beinahe gespenstisch. Vor der Tafel im Magdeburger Stadtteil Olvenstedt herrscht Totenstille. Die Vögel zwitschern, der Spielplatz der Schule nebenan ist komplett verwaist. Man könnte meinen, es sei Sonntag. In Wahrheit ist Donnerstag, kurz vor 12 Uhr. Einzig die heranfahrende Müllabfuhr zeugt von etwas Normalität in diesen skurillen Tagen.

Im Innern der Tafel ist zumindest auf den ersten Blick alles normal. Die Mitarbeiterinnen packen Lebensmittel in Kisten, bereiten sie für die Bedürftigen vor, die einige Stunden später erwartet werden.

Normal läuft der Betrieb nur auf den ersten Blick

Blick von außen auf die Tafel in Magdeburg-Olvenstedt
In der Tafel in Magdeburg-Olvenstedt werden rund 2.000 Bedürftige mit Lebensmitteln versorgt. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Doch der Schein trügt. Wer mit Holger Franke spricht, erfährt das sehr schnell. Franke ist Chef der Tafeln in Magdeburg, außerdem ist er stellvertretender Landesvorsitzender der Tafeln in Sachsen-Anhalt. Und als solcher im Moment mindestens besorgt. "Die Zahl der gespendeten Lebensmittel ist um ein Drittel gesunken", berichtet Franke. "Normalerweise bekommen wir monatlich im Schnitt 40 Tonnen Lebensmittel gespendet. Zur Hälfte des Monats hätten es also 20 Tonnen sein müssen", rechnet der 56-Jährige vor. Die Realität in diesen Tagen ist eine andere: Bis zur Monatsmitte kamen 12 Tonnen Lebensmittel zusammen. Acht Tonnen weniger als üblich.

Der Schluss liegt nahe: Für die Ärmsten der Armen kann die Corona-Krise zum echten Problem werden.

Franke, der nun zu einem Rundgang durch die kleine Baracke einlädt, in der die Tafel untergebracht ist, kann für den Moment aber Entwarnung geben. "Wir merken in dieser Woche, dass weniger Kunden zur Lebensmittel-Ausgabe kommen", erzählt er. Es ist wohl die Verunsicherung, die so manchen vom Gang zur Tafel abhält. Um die 2.000 Menschen holen sich hier in Olvenstedt üblicherweise Lebensmittel ab. Sie kommen aus der ganzen Stadt. An sechs Tagen in der Woche. Dass es nun weniger Kunden – wie sie bei der Tafel sagen – sind, entschärft die Lage ein wenig.

Tafel
Hände schütteln verboten: In der Tafel weisen Schilder auf die außergewöhnliche Lage hin. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

So oder so: Auch die Tafeln selbst haben in Magdeburg einiges verändert. Zum "Rauchen verboten"-Schild vor dem Eingang hat sich ein Schild gesellt, das das Händeschütteln verbietet. Mehrsprachig sind zudem Änderungen aufgelistet, die jetzt in der Corona-Krise greifen: Die Tafel ist nur noch montags bis freitags geöffnet. Maximal zwei Kunden dürfen gleichzeitig im Innern stehen. Und die Mittagsversorgung, die wurde komplett eingestellt. Außerdem sind alle Mitarbeiter angehalten, noch häufiger als bislang die Hände zu waschen. Zur Ausgabe der Lebensmittel tragen sie Einmalhandschuhe, im Eingangsbereich steht eine Flasche Desinfektionsmittel.

Sechs Tafeln landesweit geschlossen

Anruf bei Andreas Steppuhn. Steppuhn ist Landeschef der Tafeln in Sachsen-Anhalt, im Hauptberuf sitzt er für die SPD im Landtag. "So eine Situation habe ich noch nicht erlebt", erzählt er. Von landesweit 32 Tafeln haben – Stand Mittwochmorgen – sechs ihren Betrieb eingestellt. Neben den vier bereits geschlossenen Tafeln im Harz sind nun auch noch Halle und Schönebeck dazugekommen. Lebensmittel werden dort nicht mehr ausgegeben. Montag wird voraussichtlich auch die Tafel in Sangerhausen erst einmal schließen.

"Die Gründe sind unterschiedlich", erklärt Steppuhn. Während bei der Tafel in Schönebeck die Lebensmittel knapp werden, sind es anderswo die zumeist älteren Bedürftigen und ehrenamtlichen Helfer, wegen denen die Tafeln vorsichtshalber geschlossen werden. Für sie wäre eine Infektion mit dem Coronavirus besonders gefährlich. Mancher entscheidet deshalb, auf Nummer sicher zu gehen. Landeschef Steppuhn stellt aber klar, dass es Ziel sei, die Arbeit der Tafeln im Großen und Ganzen aufrechtzuerhalten – so wie in Wittenberg. Von dort hat MDR SACHSEN-ANHALT erfahren, dass alles reibungslos läuft.

Andreas Steppuhn
Bildrechte: dpa

Wir brauchen die Unterstützung des Landes und der Kommunen, um den Betrieb der Tafeln flächendeckend aufrecht zu erhalten.

Andreas Steppuhn Chef der Tafeln in Sachsen-Anhalt

Anderswo gibt es ernsthafte Probleme. Obwohl die Tafeln keine Vollverpflegung anbieten, sondern Bedürftige lediglich mit einzelnen Lebensmitteln unterstützen, fehlt das, was in diesen Tagen viele Menschen zu Hause hamstern: Immer mehr Obst und Gemüse zum Beispiel. "Für bedürftige Kunden wird es damit schwerer, über die Runden zu kommen", weiß Tafel-Chef Steppuhn. "Wir brauchen die Unterstützung des Landes und der Kommunen, um den Betrieb aufrecht zu erhalten", appelliert Steppuhn.

Tafeln arbeiten ohne Zuschüsse vom Staat

Auch Holger Franke weiß um die besondere Rolle der Tafeln. Den Job als Chef der Magdeburger Tafeln macht er seit zehn Jahren. Da erlebt man vieles. Franke betont: "Die Tafeln arbeiten bundesweit ohne staatliche Zuschüsse." Wenn jetzt immer davon gesprochen werde, dass Unternehmen finanziell ausgeholfen werde, sollten die Tafeln nicht vergessen werden, findet Franke. "Da wäre der eine oder andere Euro vom Staat ganz gut aufgehoben."

Blick in einen Kühlschrank mit Wurst in einer Tafel in Magdeburg
Wurst und Fleisch müssen heute für rund 60 Bedürftige ausreichen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Es ist nun Mittag geworden, im leeren Essraum der Tafel hört man noch das Geklimpere der Mitarbeiterinnen, die Kisten packen. Normalerweise wäre von nebenan nun auch Kindergeschrei zu hören, vom Schulhof. Doch was ist schon normal in diesen Tagen? Holger Franke geht nun zu einer Kühltheke, in der Fleisch und Wurst lagern. Etwa 60 Bedürftige werden heute wohl zur Tafel kommen, um sich mit Lebensmitteln einzudecken. "Das muss für alle reichen", sagt Franke und zeigt mit dem Finger auf die doch etwas spärlich gefüllte Kühltheke.

Wer in der Tafel arbeitet, muss Augenmaß haben. Er muss dafür sorgen, dass alles gerecht verteilt wird. In diesen Tagen mehr denn je.

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT - in der Online-Redaktion und im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg - besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 20. März 2020 | 10:30 Uhr

2 Kommentare

Selei vor 36 Wochen

Jetzt mal meine Meinung zu den Tafeln: es ist gut das es diese Einrichtungen gibt ,um Lebensmittel die sonst vernichtet würden, an Bedürftige weiter zu geben. Es sollte aber die Unterstützung des Staates so eingesetzt werden, das die Leute alleine davon leben können.

Anhaltiner vor 36 Wochen

"Wir brauchen die Unterstützung des Landes und der Kommunen, um den Betrieb der Tafeln flächendeckend aufrecht zu erhalten."
Andreas Steppuhn Chef der Tafeln in Sachsen-Anhalt. Wer nichts fordert kommt zu nichts . Koste es was se wolle.

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