LSBTIQ*-Gemeinschaft Sachsen-Anhalt feiert Christopher Street Day

Sachsen-Anhalt feiert Vielfalt: Der Christopher Street Day 2019, kurz CSD, ist Demonstration und Fest gleichzeitig. In Magdeburg findet er am Samstag, den 24. August, statt, in Halle am 7. September. Lesben, Schwule, Transgender-Personen und Menschen, die nicht heterosexuell sind, machen an diesem Tag auf ihre Rechte aufmerksam und rufen dazu auf, für deren Erhalt zu kämpfen.

Im Bild sind Fahnen mit der Aufschrift Love is Love zu sehen.
Liebe ist Liebe – egal, ob zwischen Mann und Frau oder Mann und Mann. Seit 2017 können gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland auch heiraten. (Symbolbild) Bildrechte: imago images / Christian Spicker

Von einem gesellschaftlichen "Roll-back" sprechen die Vertreter der CSD-Vereine in Magdeburg und Halle, von einer Rückwärtsbewegung, die gerade stattfinde. Einerseits sei die Akzeptanz von sexueller Vielfalt bei einem großen Teil der Gesellschaft hoch, sagt Falko Jentsch vom CSD Magdeburg e.V., "aber wir merken auch, dass vieles einfach wieder gesagt werden kann und dass einfach die Hemmschwelle in diesem Bereich wieder sinkt." Darauf macht der Verein beim diesjährigen CSD aufmerksam.

Forderungen der Vereine und Verbände                 

Der CSD in Magdeburg ist Demonstration und Feier zugleich – und "das passt sehr gut zusammen", sagt Jentsch. "Dieses lebensbejahende miteinander Feiern ist Ausdruck von Freisein." Parallel stellen sie konkrete Forderungen an die Stadt. Dazu gehören unter anderem

Dunkelhaariger Mann steht lächelnd vor dem Rathaus Magdeburg
Falko Jentsch gehört zum Vorstand des CSD Magdeburg e.V. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

  • Enge Zusammenarbeit und regelmäßige Treffen mit der Stadt
  • Mittel und Räume für ihre Arbeit – Derzeit finanziert der Verein das Büro über Spenden
  • Verschiedene Maßnahmen für LSBTIQ*-Geflüchtete zum Beispiel dezentrale Unterbringung, individuelle Beratung und eine zentrale Beratungsstelle für LSBTIQ*-Geflüchtete
  • Fortsetzung der Finanzierung der AIDS-Hilfe Magdeburg

Insgesamt stellt der CSD Magdeburg elf Forderungen auf, die im Pride Guide 2019 nachzulesen sind und auf der Demonstration vorgestellt werden. Für den CSD in Halle sagt Mitorganisator Ants Kiel, sei das Motto gleichzeitig auch die politische Forderung. Es lautet: "50 Jahre Stonewall – Erinnern heißt aktiv sein!" Weil aber bereits mehrere Nachfragen kamen, will der CSD Halle in der kommenden Woche noch konkrete Forderungen ausformulieren.

Es sei wichtig, dass sich viele Leute, ob homosexuell oder nicht, an den Aktionen des CSD-Vereins beteiligen, insbesondere an Demonstration und Stadtfest: "Je mehr Leute an diesem Tag kommen, desto mehr Gewicht hat das auch im Nachgang", sagt Jentsch.

Landesweite Interessen

Der Lesben- und Schwulenverband Sachsen-Anhalt (LSVD) stellt Forderungen gegenüber dem Land und auch mit Blick nach Berlin auf, die er jedoch nicht allein erarbeitet. Die Forderungen spiegeln die Interessen der LSBTIQ*-Gemeinschaft wider, die die Verbände und Vereine im Land an einem Runden Tisch gemeinsam erarbeiten. "Die Forderungen sind die gleichen wie im letzten Jahr", erklärt Mathias Fangohr vom LSVD. 15 Forderungen stellt der Verband auf, unter anderem:

  • Ergänzung von Grundgesetz und Landesverfassung um ein Benachteiligungsverbot wegen sexueller Identität
  • Volle Anerkennung und umfassende Gleichstellung aller Familienformen im Sozial-, Sorge-, Adoptions- und Abstammungsrecht sowie beim Recht auf Familiengründung
  • Rehabilitation und Entschädigung homosexueller Strafrechtsopfer nach 1945 in DDR und BRD
  • Hauptamtliche Ansprechpersonen für LSBTI*-Lebensweisen bei der Polizei und bei den Staatsanwaltschaften

Unterstützung von vielen Seiten

Der Generalkonsul der USA in Leipzig, Timothy Eydelnant
Timothy Eydelnant ist der Schirmherr des CSD Magdeburg. Bildrechte: MDR/Klees

Der Schirmherr für den CSD in Magdeburg ist in diesem Jahr Timothy Eydelnant, Generalkonsul der USA für Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen. "Er ist jemand, der mit uns gemeinsam kämpft und streitet, der sich besonders verdient gemacht hat in der Community", erzählt Falko Jentsch, Vorstandsmitglied beim CSD Magdeburg e.V. Eydelnant ist selbst schwul und lebt mit seinem Mann in Leipzig. In Halle übernimmt der Oberbürgermeister Bernd Wiegand die Schirmherrschaft.

Die CSD-Demonstrationen und Stadtfeste werden von vielen Seiten unterstützt. Menschen helfen ehrenamtlich bei der Organisation. Falko Jentsch arbeitet normalerweise im Vertrieb. Für die zwei Wochen vor dem CSD nimmt er sich extra Urlaub, organisiert, koordiniert, baut auf und wieder ab. Die Liste der offiziellen Sponsoren ist lang. Auch bei spontanen Problemen können sie auf Unterstützung zählen: Als beispielsweise zwei Tage vor dem CSD ein großes Notstromaggregat ausfällt, hilft das Technische Hilfswerk.

AfD wirkt der Bewegung entgegen

Eine Gegenkraft zu ihrer Arbeit sehen beide CSD-Organisatoren in der Partei AfD. "Sie will Förderprogramme abschaffen, bekämpft den Aktionsplan, der im Landtag beschlossen wurde", sagt Falko Jentsch.

Geschäftsräume mit großen Fenstern.
Das BBZ "lebensart" organisiert gemeinsam mit der AIDS-Hilfe Magdeburg federführend den CSD. (Archivbild) Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/BBZ lebensart

Der "Gesamtgesellschaftliche Aktionsplan für Akzeptanz von Lesben und Schwulen, Bisexuellen, Trans- und Intersexuellen (LSBTI) und gegen Homo- und Transphobie in Sachsen-Anhalt" war im Zusammenschluss verschiedener Verbände im Land erarbeitet worden. Der Landtag hatte die Umsetzung 2015 beschlossen.

In Halle organisieren das Beratungs- und Begegnungszentrum "lebensart" e.V. und die AIDS-Hilfe federführend den CSD. Laut Ants Kiel vom BBZ "lebenart" habe er von Stadtrat-Mitgliedern die Rückmeldung bekommen: Es werde in Zukunft schwieriger Fördermittel zu bekommen. Das liege an der starken AfD. "Man will uns unsichtbar machen und entkräften. Deshalb müssen wir auf die Straße gehen, um dagegen zu halten", sagt Kiel.

Rechte, die es zu wahren gilt

In beiden Städten erinnern Veranstalter und Teilnehmer mit ihren Mottos an den Aufstand in einer New Yorker Bar namens "Stonewall Inn" vor 50 Jahren. Die Gäste der Schwulenbar hatten sich damals gegen regelmäßige Polizeirazzien und die Kriminalisierung von Schwulen und Transsexuellen gewehrt. Das Ereignis gilt als Meilenstein im Kampf um die Rechte der sogenannten LSBTIQ*-Community. Das sind Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intersexuelle Menschen.

Angehörige dieser Gemeinschaft haben seitdem viel an Rechten gewonnen: Seit 2017 können sie heiraten und Kinder adoptieren, zuvor hatten sie die Möglichkeit, eine Lebenspartnerschaft eintragen zu lassen. Bis 1994 gab es im Gesetz noch einen Paragraphen, der Sex zwischen zwei Männern unter Strafe stellte.  

Erinnerungs- und Begegnungsorte in Sachsen-Anhalt

Aktuell gibt es im Land 21 Vereine und Verbände, die sich als Treffpunkt oder mit besonderen Angeboten speziell an die LSBTIQ*-Gemeinschaft richten. Neun davon haben ihren Sitz in Magdeburg, fünf in Halle. Auch in Osterburg, Dessau und im Landkreis Harz gibt es Vereine, Stammtische und Sportgruppen.

Sowohl in Magdeburg als auch in Halle berichten Vertreter, dass es immer weniger und kaum noch Treffpunkte gibt, die als Szene-Treffs für Schwule und Lesben gelten. In Halle gebe es noch die "Gay Schorre", sonst habe sich "viel auf das Internet verlagert", sagt Ants Kiel. In Magdeburg hatte es im Rahmen der Aktionswochen rund um den CSD eine Fahrradtour gegeben, bei der Orte angefahren wurden, die für die LSBTIQ*-Gemeinschaft in Magdeburg von Bedeutung sind. Dazu gehöre laut Falko Jentsch vor allem die ehemalige Kneipe "Gummibärchen", die sich in der Liebigstraße befand, sowie die Straße selbst. Hier hatte lange der CSD selbst stattgefunden.

Quelle: MDR/jh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 24. August 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. August 2019, 18:52 Uhr

13 Kommentare

Simone vor 3 Wochen

Entschuldigung, aber in welchem Jahrhundert lebst du? Heteros können sich wohl nach deiner Sichtweise weder mit HIV noch mit anderen unangenehmen durch Sex übertragbaren Krankheiten anstecken? Warum hängen dann nur überall die großen Plakate die genau über solche Risiken aufklären?

Wer solche Vorurteile wie du verbreitet, der hetzt aus meiner Sicht schlicht und ergreifend gegen Minderheiten mit einer anderen sexuellen Orientierung.

Schiller vor 3 Wochen

Ich frage mich, wieso sich die Nicht-Hetero-Sexuellen eigentlich ständig unterdrückt fühlen. In einem Umfeld und generell in den Städten sind sie doch voll toleriert und akzeptiert und heiraten können sie auch... Manchmal fühle ich mich direkt als Hetero etwas diskriminiert.

ElBuffo vor 3 Wochen

Aha, man will gar nicht gleich sein, sondern fordert Sonderbehandlungen. Und nein, nicht Sachsen-Anhalt feiert hier, sondern es wird in Sachsen-Anhalt gefeiert. So korrekt sollte es schon in einem der Objektivität verpflichteten Medium zugehen können.

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