Neue Neustadt Das schwierige Zusammenleben nach dem Corona-Ausbruch in Magdeburg

Seit Jahren gibt es in Magdeburg Konflikte im Zusammenleben mit Menschen aus Osteuropa – vor allem im Stadtteil Neue Neustadt. Nun haben sich besonders viele von ihnen mit dem Coronavirus infiziert und die Lage ist schwierig. 800 Menschen sind in Quarantäne.

Eigentlich ist der Moritzplatz im Norden Magdeburgs vor allem im Sommer belebt. Viele Kinder und Jugendliche spielen hier oder treffen sich. Jetzt aber ist die Grünfläche auf dem Moritzplatz abgesperrt. Das Coronavirus ist im Viertel Neue Neustadt ausgberochen und nach Angaben der Stadt betrifft der Ausbruch vor allem Familien aus Rumänien, die rund um den Moritzplatz wohnen.

Einer, der die Situation in der Neustadt gut kennt, ist der evangelische Pfarrer Johannes Möcker. Seit drei Jahren arbeitet er in der Gemeinde St. Nikolai in der Neuen Neustadt. Er hat viel Kontakt zu den rumänischen Familien und kann ihre Lage einschätzen. Möckern meint: "Die Rumänen sind zwar laut, aber keineswegs bösartig." Schockierend sei für ihn, unter welchen Umständen die Familien in Magdeburg zum Teil leben müssten.

Familien hausen hier in kleinen Wohnungen mit viel zu vielen Leuten, die gar nicht so richtig verstehen, was hier eigentlich passiert.

Pfarrer Johanes Möcker

Es gebe Fälle, da verstünden einige die Sprache nicht richtig oder seien sogar Analphabeten. "Die sind der Situation hilflos ausgeliefert und versuchen einfach klarzukommen. Da muss etwas passieren", mahnt Möcker.
Nach Bekanntwerden des Ausbruchs hatte die Stadt mit Dolmetschern und rumänischen Ärzten vor Ort aufgeklärt. Auch Sprachnachrichten auf rumänisch wurden verschickt.

Die zwei Meinungen zur Integrationsarbeit

Zuletzt hätten sich die Magdeburger in der Neuen Neustadt sehr gut mit den rumänischen Familien arrangiert, meint Pfarrer Johanes Möcker. Ein großes Lob spricht er etwa den Schulen in der Neuen Neustadt aus. Diese würden sich mit Sprachlernkursen für die Eltern bemühen, die Familien weiter zu integrieren. Aufgrund der aktuellen Situation hat der Pfarrer aber große Bedenken, dass es neue Stigmatisierungen geben wird. "Ich bin der Meinung, die Rumänen sind die eigentlichen Opfer", erklärt er.

Anders sehen das einige Anwohner rund um den Moritzplatz. "Wir halten uns an alles und die Rumänen sind auch während der Corona-Zeit jede Nacht durch die Straßen gegangen. Da war kein Abstand, kein Mundschutz – gar nichts", beschreibt eine Anwohnerin die Situation. Dank des neuerlichen Corona-Ausbruchs, könnte Sie jetzt nachts endlich wieder ruhig schlafen. In der Zeit vor Corona und dem erneuten Ausbruch sei es rund um den Moritzplatz bis tief in die Nacht laut gewesen. "Die haben einfach keinen Respekt", zeigt sich die Anwohnerin vom Verhalten ihrer Nachbarn in der Neuen Neustadt genervt.

Rund 1700 Rumänen leben in Magdeburg

Insgesamt leben nach Angaben der Stadt Magdeburg 1703 Menschen mit der rumänischen Staatsangehörigkeit in der Landeshauptstadt (Stand: 31.12.2019). Im Jahr 2019 lebten davon 677 Personen in der Neuen Neustadt.

Problemfall: die Mütter

Mehr als die Hälfte der Rumänen in Magdeburg sind 17 Jahre alt oder jünger. Viele von ihnen versucht Sandy Gärtner zu erreichen. Sie ist Leiterin des Projektes "Utopolis – Auf die Plätze… Kulturraum Moritzplatz neu entdeckt." Seit Oktober 2018 wird dabei versucht, die Bewohner des Stadtteils zusammenzubringen. Wichtig ist dabei, das Wir-Gefühl zu stärken – egal welche Nationalität die Teilnehmer haben. Sandy Gärtner sagt, mit Kindern funktioniere das Deutschsprechen sehr gut und auch bei den Vätern klappe es oftmals. "Die Mütter sind problematisch: Die sind immer Zuhause und kümmern sich um die Kinder." Um auch mit ihnen in Kontakt zu kommen, wurde extra ein Müttercaffee nahe der Grundschule am Umfassungsweg gegründet.

Kritik an der Darstellung der Stadt

Eine Frau hinter einem Bilderrahmen aus Holz.
Sandy Gärtner engagiert sich in der Neuen Neustadt. Bildrechte: Kathrin Singer

Sandy Gärtner ärgert sich darüber, dass die Stadt überhaupt mitgeteilt hat, dass es sich bei den Infizierten um Rumänen handelt. "Warum muss das sein? Es ist einfach in Familien aufgetreten", meint sie. Auch der Beirat für Integration und Migration der Stadt Magdeburg bewertet die Äußerungen kritisch. In einer Pressemitteilung des Beirats wird gefragt, inwiefern es relevant sei "welcher Nationalität die Infizierten und unter Quarantäne befindlichen Personen sind? Das Virus kennt keine Nationalität."

Trümper wirft den Rumänen in Magdeburg schon seit längerem vor, sich die Sozialleistungen illegeal zu beschaffen. In einem Beitrag von aus dem Sommer 2019 von MDR Exakt meint er, dass "bei 90% der angemeldeteten Gewerbe überhaupt gar keins vorlag." Diese seien abgemeldet worden, so der Bürgermeister.
Die gesetzliche Situation ist dabei allerrdings eindeutig: Seit 2014 gilt die volle EU Arbeitnehmer- und Niederlassungsfreiheit. Das heißt: EU-Bürger dürfen in Deutschland arbeiten. Zudem ist im Jahr 2016 ein Gesetz in Kraft getreten, dass arbeitslose EU-Bürger von den Sozialleistungen ausschließt. Allerdings gibt es hierbei die Möglichkeit dennoch Sozialleistungen zu erhalten: Wer eine geringfügige Beschäftigung oder Selbstständigkeit nachweisen kann, hat Anspruch auf Kindergeld. Die Stadt trägt bei den Sozialleistungen die Wohnkosten der Betroffenen.

Schwierige Lebensumstände

Insgesamt sind die Lebensumstände der Rumänen in Magdeburg nicht einfach. Einige Großfamilien lebten in viel zu kleinen Wohnungen zusammen, meint Sandy Gärtner. "Da leben zum Teil zehn Personen auf 60 Quadratmetern", sagt sie.

Wie alle Magdeburger waren auch die Bewohner in der Neustadt froh über die Lockerungen im Mai. Jedoch fühlen sich viele jetzt wieder unwohl.

Hunderte Menschen in Magdeburg unter Quarantäne

Blick auf alten Plattenbau
In Magdeburg waren am Wochenende nach steigenden Corona-Infektionszahlen 19 Hausaufgänge unter Quarantäne gestellt worden. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert
Blick auf alten Plattenbau
In Magdeburg waren am Wochenende nach steigenden Corona-Infektionszahlen 19 Hausaufgänge unter Quarantäne gestellt worden. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert
Hinweisschild zu Corona-Quarantäne an Hauseingang
In den Gebäuden in den Stadtteilen Neue Neustadt und Salbke wohnen überwiegend rumänische Mitbürger. Bildrechte: Matthias Strauß
Abgesperrter Bereich in Wohnviertel
Rund 800 Menschen sind von der Quarantäne betroffen. Ihre Versorgung war lange ungeklärt. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert
Corona-Grafitti an Hauswand
Künftig sollen Hilfsorganisationen den Bewohnern die Maßnahmen erklären und verständlich machen. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert
Menschenleere Straße vor Gedenkstätte Moritzplatz
Gespenstische Leere am Montag im Stadtteil Neue Neustadt Bildrechte: MDR/Leonard Schubert
Abgesperrter Park
Auch öffentliche Parks wie hier am Moritzplatz wurden abgesperrt. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert
Ordnungsamt auf Streife neben Einsatzfahrzeug
Auch wenn die Quarantäne freiwillig ist, sollen Sicherheitskräfte vermehrt deren Einhaltung kontrollieren. Bildrechte: Matthias Strauß
Vier Autos stehen vor einem Mehrfamilienhaus im Magdeburger Stadtteil Neue Neustadt, darunter ein Streifenwagen der Polizei.
Anfangs war die Polizei kaum in der Neuen Neustadt präsent. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis
Blick auf mehrere Wohnblocks und Autos im Magdeburger Stadtteil Neue Neustadt
Aus dem Stadtteil werden seit mehr als einer Woche zahlreiche Neuinfektionen mit dem Coronavirus gemeldet. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis
Ein Mehrfamilienhaus im Magdeburger Stadtteil Neue Neustadt
Grund für die Quarantäne ist, dass laut Stadt bisherige Maßnahmen und die Kommunikation mit dem Gesundheitsamt nicht im erwünschten Maße funktioniert haben.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 22. Juni 2020 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/agz
Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis
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Die Suche nach der Ursache

Noch immer ist unklar, wie sich die Menschen in Magdeburg mit dem Coronavirus infiziert haben. Der Verdacht der Stadt: Es gebe Kontakte nach Berlin zu einem Pfarrer einer Pfingstgemeinde, bei dem das Coronavirus festgestellt worden sei. Der Mann habe Beziehungen zu einer Pfingstgemeinde in Schönebeck, die wiederum viele der in Magdeburg lebenden Rumänen besuchen würden. Betroffene seien aber zuvor auch in Berlin gewesen.
Die Stadt Magdeburg hatte versucht, bei der Pfingstgemeinde herauszufinden, wer genau an Gottesdiensten teilgenommen hatte. "Die Nachverfolgung scheiterte hier", erklärt Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper. Es gebe keine Auskünfte, wer mit wem Kontakt hatte. Auch die Teilnehmerlisten helfen laut Trümper nicht weiter.

Auf den Listen von Gottesdiensten stehen nur Vornamen drauf und zwar mit einer einzigen Schrift gemacht. Keine Adressen, keine Telefonnummern, nichts. Wie soll man das nachverfolgen?"

Lutz Trümper, Oberbürgermeister der Stadt Magdeburg

Was ist eine Pfingstgemeinde?

Die Pfingstbewegung ist eine weltweite christliche Erweckungs- und Missionsbewegung, die das grenzüberschreitende Wirken des Heiligen Geistes in den Mittelpunkt ihrer Frömmigkeit stellt.

Die Bezeichnungen Pfingstler, Pfingstkirche, Pfingstbewegung weisen auf das Pfingstfest hin, das an die im Neuen Testament berichtete Ausgießung des Heiligen Geistes in der Jerusalemer Urgemeinde erinnert. 

Strenge Hygieneregeln bei Gottesdiensten

Die Nikolai Kirche in der Neuen Neustadt von vorne.
Die St. Nicolai Kirche in der Neuen Neustadt in Magdeburg ist ein zentraler Ort im Stadtteil. Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

In der evangelischen und katholischen Kirche gelten derzeit strenge Vorschriften bei Gottesdiensten. Es gelten Mundschutzpflicht und Abstandsvorschriften, außerdem gibt es Einlasskontrollen, Teilnehmerlisten werden ausgelegt und Gottesdiensts sind zeitlich auf 30 Minuten begrenzt. Pfarrer Möckern befürchtet, das es durch Sprachbarieren dazu kommen könne, dass beispielsweise einer Pfingstgemeinde diese Vorschriften gar nicht bewusst seien. Er sagt: "Dass so eine Community sich untereinander trifft, vielleicht auch in Berlin, Hygienevorschriften nicht beachtet, weil sie es vielleicht auch gar nicht weiß und der Pastor die Leute vor Ort dann eventuell alle ansteckt – das ist natürlich richtig doof."

Eine Pfingstgemeinde feiert von der Glaubensrichtung sehr lebendige Gottesdienste mit viel Gesang, Musik und Tanz. Da ist richtig was los und es nicht mit einem klassischen deutschen Gottesdienst vergleichbar.

Pfarrer Johannes Möcker

Auch das Feiern von Gottesdiensten, gerade bei Pfingstgemeinden, muss sich der aktuellen Situation anpassen, damit es weiter gelebt werden kann in Zeiten von Corona. Nachdem die Infektionen nun immer weiter vorangeschritten sind, wurden in der Neuen Neustadt in Magdeburg 19 Wohnblöcke unter Quarantäne gestellt. Wichtig sei es jetzt dass die Maßnahmen von den infizierten Personen befolgt werden, damit weitere Infektionen und eine Ausbreitung im Stadtgebiet vermieden werden, meint der Oberbürgermeister.

Quelle: MDR/jw,pow

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 17. Juni 2020 | 17:00 Uhr

19 Kommentare

Kritische vor 6 Wochen

Und was wäre Ihr Vorschlag? Jede 10-köpfige Familie in eine Villa ziehen lassen? Woher sollen diese Räumlichkeiten kommen und wie wollen sie das den Friseurinnen, Busfahrerinnen, Leiharbeiterinnen und Postbotinnen erklärern, die sich das ebenfalls nicht leisten können? In anderen Ländern bekommen sie gar nichts, deshalb sind sie ja hier. Immer diese Forderungen und Selbstgeißelung "die bösen deutschen Behörden" und natürlich diese Stigmatisierung. Nein, es liegt kein Müll umher, es gibt keine öffentliche Ruhestörung und die Corona-Regeln haben sie auch vorher brav eingehalten. An dem Ausbruch ist allein die Stadt Magdeburg Schuld. Merken Sie was?

Steuerzahler321 vor 6 Wochen

Die Achtung von Gesetzes des Deutschen Staaten ist also ihr Anliegen . Gehen Sie doch mal mit leuchtenden Beispiel voran , und lesen sie mal das Grundgesetz. Würde sie bestimmt überraschen. Dabei würde ihnen auffallen das ein Recht keine Bitte ist , das EU Freizügigkeitsabkommen für deutsche Rentner auf Malle genauso gilt wie für Rumänen die hier arbeiten , und vor allem : Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt . Und wenn Rumänische Kinder hier mehr Geld bekommen als in Rumänien , abgesehen von teureren Kosten hier , sollte es nicht darum gehen das es Kindern besser geht , und nicht schlechter ?

MDR-Team vor 6 Wochen

Wir haben redaktionsintern auch stark diskutiert, ob wir die Herkunft nennen. Nachdem wir anfänglich auch kein redaktionelles / öffentliches Interesse daran gesehen hatten, dass rumänische Mitbürger betroffen sind, mussten wir uns dann doch umentscheiden und es zumindest erwähnen. Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper hatte den Zusammenhang aufgemacht und darauf verwiesen, dass es Schwierigkeiten mit der Information der Betroffenen gegeben habe. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass einige von ihnen in einer rumänischen Pfingstgemeinde Gottesdienst gefeiert haben und eventuell da Kontakt zu einem infizierten Pfarrer hatten. Ähnliches wurde auch schon aus Berlin berichtet. Ob da ein Zusammenhang besteht, ist noch nicht klar.

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