#miteinanderstark Notbetreuung in Magdeburg: Wie digitale Kita funktioniert

Julia Heundorf
Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

Seit einer Woche sind Kitas und Schulen im Land geschlossen. Zahlreiche Kinder werden zu Hause betreut, nur wenige in der Notbetreuung. Vier Wochen soll die Maßnahme vorerst dauern – für kleine Kinder eine lange Zeit. Wie eine Kita in Magdeburg in dieser Zeit den Kontakt zu den Kleinen aufrechterhält.

Eine Frau in Jeansshirt filmt einen sitzenden Labrador und eine Frau auf der Couch.
Pädagogin Mandy Mertins liest eine Geschichte vor, Cornelia Zimmermann filmt. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Wer die Kita Mandala im Magdeburger Gründerzeitviertel betreten will, muss strenge Vorschriften einhalten. An der Tür wird das Fieber gemessen, es werden die Hände desinfiziert und Gummihandschuhe angeboten. Alle Besucherinnen und Besucher tragen sich in eine Liste ein. Am Eingang zur Krippe steht der Hinweis, dass auf Händeschütteln verzichtet wird. Es gilt mindestens zwei Meter Abstand voneinander einzuhalten.

In der Kita, die sonst täglich 77 Kinder besuchen, werden derzeit nur zwei vor Ort betreut. Für alle anderen hat sich das Team der Kita etwas Außergewöhnliches überlegt: Digitale Kita. Die Kinder, die in der Kita Mandala gemeldet sind, bekommen nun regelmäßig Videos, Texte und Fotos aus der Einrichtung.

Kontakt aufrechterhalten

Dunkelhaarige Frau am Schreibtisch lächelt
Claudia Rondio leitet die Kita Mandala. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

"Wir wollen den Kontakt zu den Kindern aufrechterhalten", erklärt Claudia Rondio. Vier Wochen ohne Kindertagesstäte seien für die Kleinen eine lange Zeit. Danach müsse man die Kinder womöglich wieder eingewöhnen. Das Team der Kita wolle die Möglichkeit geben, die gewohnte Tagesstruktur aufrechtzuerhalten und Kindern das gewohnte Umfeld zeigen.

Deshalb senden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Videos und Fotos an die Familien, beispielweise vom Morgenkreis, der normalerweise zu Tagesbeginn um 9 Uhr durchgeführt wird. Ein Angebot zum Mitmachen, kein Zwang. Pädagogin Cornelia Zimmermann sagt: "Die Eltern entscheiden selbst, wann 9 Uhr ist."

Ideen, Geschichten und Aufgaben

Das Angebot ist umfangreich. Claudia Rondio hatte die Idee erst am vergangenen Wochenende und seit dem ersten Video am Dienstagabend gab es nach ihrer Schätzung bereits mehr als 30 Videos. Beim Morgenkreis singen Erzieherinnen und Erzieher Lieder. Es gibt Finger- und Puppenspiel, Tipps und Anleitungen – Wie stellt man selbst Knete her? – Aufgaben und es wird vorgelesen.

Außerdem, erzählt Cornelia Zimmermann, würde die Kita-Zeitung "Murmelpost" nun wöchentlich erscheinen statt einmal im Monat. Darin finden Eltern und Kinder dann auch Texte zu den Videos. "Es ist auch die Chance für die Eltern, stärker am Bildungsprozess der Kinder teilzunehmen", betont sie. Geplant sind Videos, die den Eltern Anregungen für pädagogische Aktivitäten an der frischen Luft geben – abseits von Spielplätzen.

Ein Labrador sitzt im Zimmer, ein Frau hinter ihm filmt
Cornelia Zimmermann filmt ihre Kollegin. Hund Jule ist dabei. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Angebote nach Bedarf gestaltet

"Wir fragen uns, was brauchen die Kinder und was brauchen auch die Eltern", erklärt Claudia Rondio. Deshalb spielen zum Beispiel die Tiere der Kita in vielen Videos mit: Hund Aslan und Hund Jule, die Fische im Aquarium und kleine Hasen. "Damit die Kinder sich keine Sorgen machen und wissen, dass es den Tieren gut geht", sagt Cornelia Zimmermann. Die eigene Köchin der Kita kocht im Video für die Kinder und präsentiert Rezepte zum Nachmachen, wie kleine Schweinohren oder Kräuterquark. So würden auch die Lebensmittel nicht komplett verschwendet, die eigentlich für 77 Kinder eingekauft waren.

Das ganze Team macht mit

Porträt einer dunkelhaarigen jungen Frau mit Brille
Mandy Mertins hat viele Ideen für neue Videos. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Cornelia Zimmermann erzählt, wie das ganz Team in die Digitalbetreuung eingebunden und davon begeistert ist: "Ein Video, in dem wir alle versetzt auf der Feuertreppe stehen, war die Idee der Köchin." In der Kita Mandala gelte: Jeder kann sich mit den Videos einbringen, aber niemand muss. Auch Erzieherin Mandy Mertins hat bereits Videos angeboten: "Das erste Mal war befremdlich", erzählt sie, "man macht sowas sonst nicht. Man stellt sich ja nicht die Kamera hin und sagt: Okay, ich spiel jetzt mal Influencer oder YouTuber, das läuft nicht so lockerflockig." Es sei hilfreich, sich vorzustellen, dass die Kinder wirklich da sind. Aber sie werde sehr kreativ, hat bereits Videos mit einer Handpuppe gedreht und Spiele aus der eigenen Kindheit neu entdeckt. Die Videos sorgten dafür, dass der Spaß bei der Arbeit bleibt.

Leeres Zimmer mit Spielgeräten in Kita
Keine Kinder im Raum und nur zwei Kinder im Haus. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Sogar Teammitglieder, die selbst zu Hause sind, beteiligen sich am Projekt. Eine Kollegin dreht ein Video zu Hause, in dem sie ein Buch in arabisch vorliest. Ihr Sohn, der bereits zur Schule geht unterstützt das Projekt und liest auf Deutsch. So erzählen sie die Geschichte Seite für Seite auf zwei Sprachen. Die Kita Mandala ist interkulturell aufgestellt, ein gutes Drittel der Kinder hat einen Migrationshintergrund und es gibt Erzieherinnen und Bundesfreiwillige im Team, die zum Beispiel Türkisch, Kurdisch oder Bulgarisch als Muttersprache haben.

Transparentes Arbeiten

Die Videos sieht Leiterin Claudia Rondio  auch als Möglichkeit, transparent zu zeigen, dass das Personal auch ohne Kinder arbeitet. Sie hat für den Schließungszeitraum die Renovierung der Küche angestoßen, die eigentlich erst für die Sommerpause geplant war. Die Fortschritte zeigt das Team natürlich in Fotos und Videos. Auch umräumen und Großputz sind jetzt möglich. Fotos von Lego-Steinen im Geschirrspüler und einzeln geschrubbten Spielsteinen schaffen es auch in die "Murmelpost".

Porträt einer grauhaarigen Frau in Jeansshirt
Cornelia Zimmermann ist Sprachfachkraft und verantwortlich für tiergestützte Pädagogik. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Um das Material an die Familien zu Hause zu übermitteln, nutzt die Kita Mandala eine Kita-Management- und Kommunikationssoftware. Darüber kommt auch das sehr positive Feedback der Eltern rein. Viele Eltern kommentieren die Einträge des Kita-Teams, aber Familien senden den Betreuerinnen und Betreuern auch Videos zurück: ein Mädchen, das beim Morgenkreis mittanzt oder ein Junge, der ein Lied in Gebärdensprache übersetzt. "Das berührt", sagt Cornelia Zimmermann.

Julia Heundorf
Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

über die Autorin Julia Heundorf arbeitet seit Februar 2020 für die Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Sie ist im Landkreis Harz aufgewachsen und hat ihren Bachelor in Halle und Bologna gemacht, den Master Medien, Kommunikation und Kultur in Frankfurt (Oder), Sofia und Nizza.

Nach Magdeburg kam sie für einen Job an der Uni. Zu ihren Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt gehören die Dörfer westlich von Osterwieck, der Heinrich-Heine-Weg zum Brocken und das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle.

Quelle: MDR/jh

2 Kommentare

Bensel vor 35 Wochen

Ganz tolle Sache was sich die Betreuerinnen und Betreuer in der Kita sich einfallen lassen. Vielleicht lernen wir alle was aus dieser Krise. Menschlichkeit und Zusammenhalt anstatt Ausgrenzung. Danke an alle die für uns da sind. Gruß aus dem schönen Baden Württemberg

geradeaus vor 35 Wochen

Ja darauf kommt es jetzt an, Rücksicht. Ist nicht immer einfach, ich weiß das. Gutes Gelingen. Grüße zurück aus Berlin

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