Jobvermittlung Neue Jobs für Enercon-Mitarbeiter in Magdeburg

Es war ein Schock im vergangenen Herbst: Beim Windradhersteller Enercon in Magdeburg verlieren 1.600 Mitarbeiter ihren Job. Die Agentur für Arbeit hatte deshalb eine spezielle Jobbörse organisiert. Rund 400 Interessierte kamen am Mittwochabend, um sich zu informieren. Einige sind bereits ab März arbeitslos, andere müssen sich erst im September einen neuen Job suchen.

Julia Heundorf
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von Julia Heundorf, MDR SACHSEN-ANHALT

Enercon
Bei Enercon in Magdeburg fallen bis zu 1.600 Stellen weg. (Archivbild) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mittwochabend Magdeburg, Arbeitsagentur an der Hohepfortestraße. Seit 17 Uhr ist hier alles für die Enercon-Mitarbeiter vorbereitet: Ungefähr 50 Unternehmen stellen sich als Arbeitgeber vor. Die Enercon-Mitarbeiter bekommen am Eingang einen Lageplan der Ausstellungsplätze der einzelnen Unternehmen mit Hinweisen auf den Bedarf, den die die Unternehmen haben: Arbeiter für die Bereiche Metall, Elektro, Lager und Logistik sowie Produktion sind gefragt.  

Lächelnder Mann mit grauem Hemd in einem Treppenhaus
Jan Aertel arbeitet noch bis Ende April in der Arbeitsvorbereitung. Seine Stelle fällt Ende April weg. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Als potentielle Bewerber sind vor allem Männer vor Ort, die ein Handwerk gelernt haben, viele Schlosser und Lackierer. Die Erwartungen sind unterschiedlich: "Ich gehe völlig frei an die Sache ran, man wird sehen", sagt Enercon-Mitarbeiter Jan Aertel, der seit fast 20 Jahren im Unternehmen arbeitet und zum 30. April seinen Job verliert.

Ein anderer Besucher,  der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will, hat bereits einen neuen Job in Aussicht. Der Lackierer wird sich auf der Jobbörse ansehen, was andere Unternehmen, ihm anbieten können: "Der Punkt ist, wo du das Meiste verdienen kannst. Der Stundenlohn muss passen."

Entlassung als neue Chance

Einige Betroffene sehen die Entlassung auch als Chance, sich komplett neu zu orientieren. Frank arbeitet seit ungefähr 20 Jahren bei Enercon in der Instandhaltung. Seinen Nachnamen will er nicht nennen. Er interessiert sich für die Angebote bei der Börse, könnte sich aber auch eine Umschulung Richtung Sozialpädagogik vorstellen: "Ich sehe das einfach als Chance, was anderes zu machen."

Kurzhaariger Mann mit Brille und blauem T-Shirt
Frank kann sich eine Umschulung nach der Entlassung gut vorstellen. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Zum 31. März müsse er die Rothenseer Rotorblattfertigung wegen Betriebsschließung verlassen. Für eine Weiterbildung oder Umschulung setze er auf die Unterstützung der Agentur für Arbeit und der Transfergesellschaft.

Auch eine Industriemechanikerin, die ihren Namen nicht nennt, erwägt, einen ganz anderen Job anzunehmen. Seit ihrer Ausbildung vor sieben Jahren hatte sie in Rothensee Bauteile gefertigt. Nun könne sie sich vorstellen, im Verkauf zu arbeiten oder eine Umschulung zur Altenpflegerin zu machen.

Als Industriemechanikerin weiterzuarbeiten und sich im Beruf weiterzuentwickeln, schließt sie nicht aus. Aber viele Angebote, die sie interessant finde, bedeuteten Arbeiten im Vierschichtsystem – und wären damit nur schwer mit dem Familienleben vereinbar.

Seit 20 Jahren im Unternehmen

Die Besucher der Jobbörse sind zum großen Teil langjährige Mitarbeiter. Viele geben an, bereits seit ungefähr 20 Jahren bei Enercon beziehungsweise den Zulieferfirmen in Magdeburg Rothensee gearbeitet zu haben.

Jüngere Besucher sind bei Enercon ins Berufsleben eingestiegen und dort geblieben. Dass es im Betrieb nicht anonym zugeht, wird auf der Jobbörse sichtbar: Unter den Besuchern werden viele Hände geschüttelt und Gespräche am Rand geführt. Man kennt sich.

Hier gibt es Perspektiven für Enercon-Mitarbeiter

Unter den ausstellenden Firmen ist nur eine, die Windkraftanlagen baut und somit genau das macht, was Aufgabe bei Enercon ist. Sie sitzt in Rostock. Trotz der Entfernung hätten Besucher Interesse gezeigt, wollen Bewerbungen einreichen, erzählt der Mitarbeiter am Stand.

Gruppe von Menschen mit Rücken zum Fotografen
Der Amazon Standort Sülzetal öffnet voraussichtlich im Laufe des Jahres. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Aber auch andere Firmen erklären, dass die Qualifikationen, die die Enercon-Mitarbeiter mitbringen, passen. Die Firma Mora Services sucht laut Mitarbeiter Frank Schmidt Schlosser, Mechaniker, Monteure, Schweißer.

Beim Thema Arbeitsgestaltung gingen die Vorstellungen von Arbeitgeber und Kandidat aber nicht selten auseinander: Qualifizierte Kandidaten hätten beispielweise keinen Führerschein oder sie wollten keine Montagejobs.

Als Arbeitgeber präsentiert sich auch die Amazon Logistik Sülzetal GmbH, die noch gar nicht in Betrieb ist. Amazon-Mitarbeiter Fabian Kruschel erklärt: Zum Weihnachtsgeschäft soll der Standort spätestens öffnen. Bis dahin rekrutiert das Unternehmen Mitarbeiter in allen Bereichen.  

Auch die Transfergesellschaft Agentur für Struktur- und Personalentwicklung GmbH (AgS) war bei der Jobbörse vor Ort – als Aussteller, betonen die Mitarbeiter am Stand. "Wir haben Stellen recherchiert von Leuten, die heute hier nicht ausstellen", erklärt ein Vertreter der Firma. Über den Auftrag und die Situation will er nicht reden. In dicken Ringordnern können sich die Besucher Jobs ansehen.

Tische auf einem Flur mit MEnschen in Beratungssituation
Über zwei Gebäude und drei Flure zog sich die Jobbörse mit ungefähr 50 Unternehmen. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Bis 19:00 Uhr war die Jobbörse offen und Besucher in der Arbeitsagentur unterwegs. Insgesamt schätzt Agentursprecher Georg Haberland die Zahl der Besucher auf 400. Die Veranstaltung war exklusiv den Betroffenen des Stellenabbaus bei Enercon kommuniziert worden. Viele der Besucher waren gerade aus der Tagesschicht gekommen – andere waren von der Arbeitsagentur nach Rothensee zur Nachtschicht gefahren.

Julia Heundorf
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Über die Autorin Julia Heundorf arbeitet seit Februar 2020 für die Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Sie ist im Landkreis Harz aufgewachsen und hat ihren Bachelor in Halle und Bologna gemacht, den Master Medien, Kommunikation und Kultur in Frankfurt (Oder), Sofia und Nizza.

Nach Magdeburg kam sie für einen Job an der Uni. Zu ihren Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt gehören die Dörfer westlich von Osterwieck, der Heinrich-Heine-Weg zum Brocken und das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle.

Quelle: MDR/jh

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | MDR SACHSEN-ANHALT | 26. Februar 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Februar 2020, 16:53 Uhr

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