Ort der Trauer Totensonntag: Herbstbesuch bei Friedhofsgärtnern in Magdeburg

Fabian Stark
Bildrechte: MDR/Johanna Daher

Volkstrauertag, Totensonntag – der November ist eher ein Monat der Trauer. Für Friedhofsgärtner Martin Cziborra ist Hochsaison, er pflegt die Gräber für die Gedenktage. Dabei sind sie nicht nur ein Ort der Trauer, sondern auch des Lebens. Ein Besuch auf dem Westfriedhof in Magdeburg.

Zwei Männer stehen an einem Grab auf einem Friedhof.
Martin Cziborra und sein Großvater Klaus Boese stehen am Grab der Blumes. Bildrechte: MDR/Fabian Stark

Ein grüner Transporter fährt auf den Wegen des Magdeburger Westfriedhofs entlang. Er kommt vor dem Grabmal der Familie Blume zum Stehen. Vier Säulen und ein steinerner Balken bilden hier ein Tor, durch das an diesem Dienstagvormittag die Sonnenstrahlen wandern. Das Grab der Blumes ist ein stattliches, es ist bereits hundert Jahre alt. Hier liegt Carl Hans Blume, ein Gründer, einst erfolgsgesegneter Magdeburger Lackfabrikant und Gegner der Sozialdemokratie. Nachfahren, die sich um sein Familiengrab kümmern, hat er heute keine mehr.

Die Ruhestätte der Blumes ist nun ein Schaugrab der Friedhofsgärtnerei Boese, einem Familienunternehmen in vierter Generation. Klaus Boese und sein Enkel Martin Cziborra steigen aus dem Transporter. Sie wollen das Grab der Blumes an diesem Tag für den Totensonntag herrichten. Im November haben die Friedhofsgärtner viel zu tun, denn dann sollen sich die Gräber von ihrer schönsten Seite zeigen. Mit Pflanzen, die auch Minusgrade überstehen.

Offener über den Tod sprechen

Ein Grabstein
Die Ruhestätte der Familie Blume dient als Schaugrab. Bildrechte: MDR/Fabian Stark

Großvater Boese, 80 Jahre, hat es zwar mit dem Knie, hilft aber trotzdem noch gerne: Er holt einen Sack Erde aus dem Auto, schüttet ihn über dem Grab aus. Sein Enkel lockert die Eisbegonien aus der Erde, "weil sie sonst erfrieren". An ihrer Stelle pflanzt er Sommerheide, "trotz ihres Namens winterhart, ein Knospenblüher, behält also im ganzen Winter die Farbe", dazu Alpenveilchen.

Cziborra und Boese spielten vor drei Jahren Hauptrollen für den MDR, in der Doku-Soap "Hier liegen Sie richtig". Ihr Engagement habe sie bekannt gemacht, meint Cziborra. Viele hätten sich nach der Sendung getraut, offener über den Tod zu sprechen, über Vorsorge und darüber, dass man sich schon früh eine passende Grabstelle suchen sollte. "Weil es nicht mehr ganz so ein Tabuthema war", meint Cziborra, "mir persönlich macht es Spaß, die Angst zu nehmen." Sein Großvater ergänzt: "Das ist das Wichtigste."

Ein Grab ist wie ein neues Heim

Geschafft haben sie das wohl – durch ihren Humor und dadurch, wie sie ihren Beruf auffassen. Sie pflanzen ein Heim für die Verstorbenen, aber auch für die Lebenden. Es ist wie ein neues Haus für die Familie, nur eben ohne Wände, ohne Dach.

Die Leute kommen auch zur Grabstelle, um mit ihrem Partner zu sprechen. Es geht darum, dass es nicht für immer vorbei ist.

Martin Cziborra, Friedhofsgärtner

Der Friedhof bedeute dabei viel mehr als Tod: "Wenn es einen Trauerfall gibt, ist es erst furchtbar traurig – das Schlimmste, was einem im Leben passieren kann", sagt Cziborra. Wenn aber Zeit vergehe und die Grabstelle schön sei, erfreue das die Hinterbliebenen. Cziborras Gärtnerei pflegt insgesamt 1.700 Gräber. Fünf Tage benötigen die Angestellten, um sie alle herzurichten.

Gräber sollen perfekt aussehen

Cziborra nimmt Tannenzweige aus dem Transporter, knipst einzelne Äste ab und legt sie um das frische Beet. Die Tannenzweige sind ein traditioneller Schmuck für den Totensonntag, den evangelischen Gedenktag für die Verstorbenen. An diesem Tag im Jahr solle die Grabstelle perfekt sein, sagt Cziborra. Sein Großvater erinnert sich: "Früher haben wir noch einen Hula-Hoop-Reifen darum gelegt, um zu schauen, ob es wirklich rund ist."

Nach einem Todesfall sollen die Angehörigen im Friedhof einen Ort zum Trauern finden, den sie das ganze Jahr über gerne aufsuchen. Das ist das Ziel der Friedhofsgärtner – ein Ziel, für das sie sich schon mal sputen müssen, sagt Opa Klaus: "Es ist immer der Druck da, die Termine einzuhalten. Allerheiligen muss es für die Katholiken fertig sein – dann eben Totensonntag für die Evangelischen. Bei den Muslimen ist es einfacher, die decken nicht ein."

Das Schaugrab Blume ist nun fertig. Klaus Boese läuft mit der Gießkanne über die Wiese, um Wasser zu holen. Er gießt das Gedeck mit den Alpenveilchen, der Sommerheide und den Tannenzweigen. Das Grab ist bereit für den Feiertag – den Toten zu Ehren.

Fabian Stark
Bildrechte: MDR/Johanna Daher

Über den Autor Fabian Stark wurde 1991 im bayerischen Altötting geboren und volontiert seit 2019 beim MITTELDEUTSCHEN RUNDFUNK. Davor hat er in Berlin Europäische Ethnologie studiert - und arbeitet auch heute am liebsten zu Themen zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Vor dem MDR machte Fabian Stark Stationen bei Zeit Online, der tageszeitung und funk. Neben dem Journalismus unternimmt er gelegentlich Ausflüge ins Theater, wie zum Beispiel zum Dokumentartheater Rimini Protokoll, für das er 2018 eine Virtual-Reality-Ausstellung über die globalisierte Nahrungsmittel-Produktion recherchierte. In seiner Freizeit schwimmt er und überlegt sich Texte für die bürgerliche Punkband "Ente Kross". Ihre bisher größten Hits: "Feindbilder: Betriebsyoga", "Akku leer auf Lanzarote" und "Hautausschlag von Sojamilch".

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Quelle: MDR/cw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 24. November 2019 | 19:00 Uhr

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