Ruf des Kneipenviertels Hasselbachplatz Magdeburg: "Der Hassel hat mehr als Wurst"

Ausschreitungen, Unmut unter Gastrobesitzern, schließende Kneipen – das Image des Magdeburger Hasselbachplatzes, das Kneipenviertel der Landeshauptstadt, bröckelt seit Jahren. Neu-Magdeburgerin und Bloggerin Jules Cachecoeur wohnt dort und erklärt in einem Gastbeitrag ihre Sicht auf den "Hassel" und was sie von dem negativen Ruf hält.

Eine Frau mit einem blonden Kurzhaarschnitt lehnt an einer Wand
Bildrechte: Matthias Sasse

von Jules Cachecoeur, Gastbeitrag

"Wie ist das eigentlich so mitten im Brennpunkt zu wohnen? Hat man da nicht eigentlich permanent Angst?", fragt man mich während der Mittagspause mit einem ganz zaghaft skeptischen Unterton. Wir sitzen in der Kantine, um uns einige gewöhnlich hungrige Menschen, die alle bei gewöhnlich unspektakulären Unterhaltungen in ihrem gewöhnlich lauwarmen Komponentenessen rumstochern und sich auf ihren gewöhnlich mittelunterhaltsamen Feierabend freuen. "Ja, bis auf die drei mäßig verheilten Schusswunden kann ich es einigermaßen verkraften, danke", sage ich und unterwerfe mich der Stochermentalität meiner Mitmenschen in dieser täglichen Routine.

Der Drang, die fragende Person mit der Information, dass ich häufiger zur ironischen Übertreibung neige, zu betrauen, weicht meinem Hang zur Provokation und ich erfreue mich an dem Gesichtsausdruck meines Gegenübers. Vielleicht ist es auch der Geschmack der Tomatensauce. Die braunen Bröckchen, die darin schwimmen, sehen nämlich nicht allzu appetitlich aus.

Herz des Magdeburger Altstadtviertels

Wenn mich Menschen fragen, wieso ich in Magdeburg am Hasselbachplatz wohne, dann komme ich immer wieder zu der Aussage zurück: "Wenn nicht hier, wo sonst?“ Natürlich gibt es viele schöne Ecken in Magdeburg. Wo statt Unkraut aus den Fugen der Bodenpflasterung und ausgebrannte Mülltonnen in ruhiger, naturbelassener und gepflegter Wohngegend akkurat angelegte Lorbeerhecken eine ebenfalls akkurat angelegte einbahnige Zufahrtsstraße säumen. Aber neben dem kleinbürgerlichen Einöd gibt es genauso pure, etwas abgeranzte Gebiete, die mich mit ihren kaputten Straßen, der Dönerbude, dem arabischen Supermarkt und dem alteingesessenen Späti ein wenig an das Ruhrgebiet erinnern. Das Besondere am Hasselbachplatz ist, dass er diese ganzen vielen Stadtteile repräsentiert und er deshalb zu Recht als das Herz des Altstadtviertels bezeichnet wird.

Hier kannst du morgens aufstehen und zum Brötchenholen mit Badelatschen und Jogginghose das Haus verlassen, ohne dass die Leute dich anglotzen und über dich reden. Hier kannst du auch nach 22 Uhr noch friedlich vor der Bar sitzen und plaudern, ohne dass gleich das Ordnungsamt anrückt, weil irgendein Nachbar sich beschwert hat. Hier kannst du anziehen was du willst; es krähen womöglich nur die Raben danach. Hier findest du alles, was du woanders in Monokultur hast.

Der Hassel ist Vielfalt

Der Hassel ist Vielfalt, das ist sein Potenzial. Der Hassel hat längst mehr zu bieten als eine Würstchenbude. Die Zeiten ändern sich, dieser Ort wächst mit. Man könnte auf die Idee kommen, das gastronomische Angebot als Indikator der kulturellen Diversität vor Ort zu lesen. Viele beschweren sich über das Kneipensterben, doch das ist tatsächlich kein Magdeburger Phänomen per se, sondern einer Studie zufolge offensichtlich ein deutschlandweiter Trend, der das Freizeitverhalten unserer nachfolgenden Generationen betrifft.

Sofern man also den Hasselbachplatz als Spiegelbild gesellschaftlichen Wandels betrachtet, wird er interessant für alle, nicht nur Gesellschaftsforscher, denn er führt denen, die hierher kommen, gesellschaftliche Veränderungen, sowohl positive als auch negative, provokativ vor Augen.

Ein Ort, der Reflexion anregt

Aber warum ist sein Image eigentlich so schlecht? Oder etwas emotionsbetonter gefragt: Ist der Hassel ein böser Ort? In Anbetracht der medialen Berichterstattung der letzten Jahre ist es kein Wunder, dass er seinen Ruf als einer der unsichersten Orte hier in Magdeburg weg hat. Folgt man den Stimmen der Journalisten, soll es hier neben Alkoholmissbrauch, Drogenverkauf, brennenden Restaurantstühlen, umherfliegenden Flaschen, Steinen und Feuerwerkskörpern auch regelmäßig Schlägereien und Raubüberfälle geben. Wir wissen, wenn die Journalisten den Weg der Dystopisierung einmal beschritten haben, scheint es in Anbetracht der einschlägigen Öffentlichkeitswirksamkeit kein Zurück mehr zu geben und schon wird aus einem Ort der Vielfalt ein Ort der Missstände und des Bösen.

Polizisten im Einsatz am Hasselbachplatz
Der Hasselbachplatz war schon öfter Schauplatz von Ausschreitungen, wie an Christi Himmelfahrt, wo es zu einer größeren Schlägerei unter 20 Personen kam. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Tom Wunderlich

Es würde lediglich eine dekonstruktivistische Auseinandersetzung mit den postfaktischen Phänomenen der medialen Berichterstattung bleiben, wenn ich an dieser Stelle nicht nochmal auf mein eigenes Erleben als Bewohnerin des Hassels zurückkommen würde. Denn Ziel dieses Blogartikels ist es, dem entstandenen Bild eines kriegsähnlichen Zustandes im Herzen der Stadt etwas entgegenzusetzen – als Reaktion auf die vielen defizitorientierten Beiträge, zuletzt von einem Autor der ZEIT online, in dem die Menschen am Hassel in zwei recht polarisierende Meinungslager aufgeteilt werden. Diese gesellschaftlich verbreitete Art der Wirklichkeitskonstruktion kennen wir noch aus unseren Kinderschuhen, als man von den Erwachsenen gelehrt bekam, das Gute vom Bösen zu unterscheiden. Und mit einem O-Ton-gespickten Artikel Bürgernähe zu suggerieren, kann nicht gerade als seriöser Journalismus bezeichnet werden.

Kriminalität in Magdeburg gesunken

Wenn man sich schon zum Ziel gesetzt hat, die gesellschaftliche Stimmung vor Ort einzufangen, zählt meines Erachtens zur journalistischen Seriosität, diese lebensweltnahen Eindrücke in ihrer Heterogenität abzubilden und anschließend mit wissenschaftlich fundierten Quellen zusammenzuführen (vgl. Deutscher Presserat).

Nach kurzer Recherche wäre man auch fündig geworden: Beispielsweise befragt das Magdeburger Bürgerpanel seit 2012 die Bevölkerung zu verschiedenen Schwerpunkten, in denen es um die Auswirkungen des demografisches Wandels auf die Lebenssituation und das Verhalten der Einwohner geht. Es ist keine neue Information, dass die Kriminalitätsrate in Magdeburg – und ja, auch im Stadtteil "Altstadt" – in den vergangenen Jahren gesunken (ja, gesunken!) ist. Vielleicht sollte das irgendwer noch einmal publiker machen, um besorgten Bürgern, wie dem panischen Mann vom Würstchenstand, die Angst zu nehmen.

Ein Baseballschläger ist auch ein politisches Statement

Neben dem Thema Kriminalität stellt das vermeintliche Gastrosterben einen weiteren, damit eng verknüpften Baustein der medialen Dystopisierungsstrategie des Hasselbachplatzes dar. Die zahlreichen Schließungen namhafter und alteingesessener Lokalitäten, die identitätsstiftend für diesen Ort wirkten, werden als Indiz dafür gelesen, dass die Menschen sich an diesem Ort nicht mehr wohl und sicher fühlen. Wenn man der Theorie Glauben schenkt, könnte auch davon ausgegangen werden, dass die Menschen der Altstadt als favorisierten Wohnort tendenziell den Rücken kehren. Doch faktisch verhält sich dies ganz anders: So handelt es sich laut Statistik der Stadt Magdeburg nicht nur um einen sehr jungen, sondern auch einen im Vergleich ziemlich frequentierten Stadtteil, der der beliebteste von allen (noch vor Stadtfeld-Ost) ist.

Restaurants ersetzen Kneipen

Wie gesagt, der Hassel hat mehr zu bieten als eine Würstchenbude, drei Stahlbänke (es sind übrigens sechs!) und einsam vor sich hin saufende Männer. Gerade in der Gastro-Szene scheint sich die soziale Dynamik niederzuschlagen: Während tatsächlich einige originäre Bars, wie beispielsweise das Jakelwood, dicht gemacht haben, kam es auch zu einigen Neueröffnungen, und zwar von Lokalen, in denen nicht nur ausschließlich Drinks, sondern eben auch Speisen angeboten werden. Orientiert an den Einträgen bei Google Maps ist das kulinarische Angebot am Hassel vielfältig und gut. Schon allein die grob geschätzt dreizehn asiatischen Restaurants unterscheiden sich laut Bewertungsprofil von Google-Nutzern in Qualität und Angebot. Und tatsächlich ist das Zentrum Magdeburgs zwischenzeitlich so neuzeitlich aufgestellt, dass auch Zugewandte der gesunden, fleischlosen Küche angesprochen werden.

Hasselbachplatz
Der Hasselbachplatz wird als das Herz des Altstadtviertels bezeichnet. (Archivbild) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ja, warum berichtet man nicht einmal auch über die kleinen Erfolge, die sich hier ereignen? So sind drei der insgesamt zehn Gewinner des Magdeburger Gründerwettbewerbs 2019 tatsächlich am Hasselbachplatz ansässig, davon wiederum zwei aus dem Gastronomiebereich. Hierzu zählen zwei Grafikdesignerinnen mit ihrem Concept Store Lokalgold, Madame Lulu mit ihrem veganen Restaurant Botanica und die Phönix-Bar.

Etwas mehr Optimismus und Offenheit bitte!

In meinen Augen bedeutet Vielfalt Kollision sozialer Milieus. Heterogenität bedeutet Reibung und Reibung führt zu Dynamik. Das ist meine Sicht auf die Dinge und vielleicht stecken wir derzeit inmitten eines Schubs des sozialen Wandels, der sich genau an diesem Ort veranschaulichen lässt? Wenn wir die Dinge mit etwas mehr Optimismus und Offenheit angehen würden und die Baseballschläger, Elektroschocker (beide sind meines Erachtens nichts anderes als brennende Fackeln) einfach mal zu Hause lassen, könnte sogar etwas Konstruktives dabei rumkommen. Auch wenn ich, einer bestimmten Filter-Bubble zugehörig, nur durch meine eigene Brille sehe und meine Sichtweise dementsprechend limitiert und geprägt ist, so hat meine Perspektive doch eine ebensolche Relevanz wie die anderer Anwohner und wirtschaftlicher Akteure. Aus vielen (und nicht nur zwei) perspektivischen Puzzlestücken entsteht letztendlich ein Bild dieses Ortes, das der Realität sehr nahe kommen kann.

Vielleicht verhält es sich so wie mit dem Essen in der Kantine: Es steht uns offen, ob wir die Tomatensauce mit den braunen Bröckchen essen oder ob wir uns für etwas anderes entscheiden. Ich könnte mich sogar dazu entscheiden, mich diesem gewöhnlichen Komponentenessen der Kantine ganz zu widersetzen und stattdessen meine Verpflegung selbst in die Hand zu nehmen. Dazu gehört die Bereitschaft, sich auch mal außerhalb der täglichen Komfortzone und jenseits von Gut und Böse zu bewegen. Das Entscheidende hierfür ist der Mut zum Hinterfragen.

Eine Frau mit einem blonden Kurzhaarschnitt lehnt an einer Wand
Bildrechte: Matthias Sasse

Über die Autorin Jules Cachecoeur kommt ursprünglich aus dem Rheinland und lebt seit drei Jahren in Magdeburg. In ihrem Blog "FrauFuchsLiebt." schreibt sie unter anderem darüber, wie sich das Leben als Neu-Magdeburgerin mit Anfang 30 anfühlt. Neben dem Schreiben schlägt ihr Herz für die Musik und für die Soziologie.

Quelle: MDR/cw

Zuletzt aktualisiert: 13. Juli 2019, 13:12 Uhr

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9 Kommentare

15.07.2019 09:47 maria 9

@7"Und vielleicht freuen sich andere Großstadtbewohner, dort nicht auf Leute wie Sie zu treffen. So hat dann jeder seins. Ich für meinen Teil finde Menschen, die nur unter Ihresgleichen bleiben möchten (vermutlich selbst im Urlaub) - kleingeistig."
Ja ja, ist schon kleingeistig wenn man den Multikulti in Form von Clanfamilien, mafiösenStrukturen usw. usw nicht schön findet....manche wachen halt später auf!!

14.07.2019 20:11 Bernd L. 8

Langer Artikel, ohne den Elefant, der im Wohnzimmer steht und vielen Bürgern Sorgen macht, auch nur einmal zu erwähnen.

14.07.2019 17:41 Denkschnecke 7

@1
Und vielleicht freuen sich andere Großstadtbewohner, dort nicht auf Leute wie Sie zu treffen. So hat dann jeder seins. Ich für meinen Teil finde Menschen, die nur unter Ihresgleichen bleiben möchten (vermutlich selbst im Urlaub) - kleingeistig.

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