Mehrstöckiges Backstein-Gebäude neben der Notaufnahme
Das denkmalgeschützte Gebäude des Uniklinikums muss einem neuen weichen. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Neues Herzzentrum Uniklinik Magdeburg: Denkmalgeschütztes Gebäude wird vor Bauhaus-Jubiläum abgerissen

Im kommenden Jahr feiert Sachsen-Anhalt das Bauhaus-Jubiläum. Rund 18 Millionen Euro werden für die Feierlichkeiten und das Marketing ausgegeben. Hinzu kommen 12,5 Millionen Euro für den Museumsbau in Dessau. Fast gleichzeitig wird in Magdeburg ein denkmalgeschütztes Gebäude des "neuen Bauens" abgerissen. Wie das zusammenpasst, erklärt MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Christine Warnecke.

von Christine Warnecke, MDR SACHSEN-ANHALT

Mehrstöckiges Backstein-Gebäude neben der Notaufnahme
Das denkmalgeschützte Gebäude des Uniklinikums muss einem neuen weichen. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Ein roter Backsteinbau in L-Form, teils verwitternde, ehemals weiße Fenster, ein fünfgeschossiger Turm an der Ecke – der Bauzaun um das Haus 15 der Uniklinik Magdeburg und die gefällten Bäume davor kündigen bereits die Veränderungen an, die demnächst anstehen. Der denkmalgeschützte Bau vom Ende der 1920er Jahre soll abgerissen werden, um Platz für ein neues Herzzentrum zu geben. "Peinlich, dass das im Jahr vor dem großen Bauhaus-Jubiläum passiert", kommentiert Jürgen Canehl, von den Grünen im Magdeburger Stadtrat.

Schon 2015 hatte Canehl eine Anfrage gestellt, ob die Stadt es sich gut überlegt habe, dieses Gebäude abzureißen und ob es für das neue Herzzentrum keinen anderen möglichen Standort gebe. "Das Haus ist Teil der Bauten, die der ehemalige Stadtbaudirektor Johannes Göderitz hier erstellt hat. Die sind wertvoll und an vielen Stellen haben wir schon solche Gebäude verloren – zum Beispiel den alten Schlachthof mit der Hermann-Gieseler-Halle. Da hat sich die Stadt aus der Verantwortung gezogen, indem sie das Gelände privatisiert hat." Bei dem Gebäude der Uniklinik liegen die Verantwortungsbereiche zwar anders, aber die Tendenz sei erkennbar, dass der Denkmalschutz immer wieder ausgebremst wird.

Magdeburg öffnete sich schnell neuen architektonischen Ideen

Die Landesregierung möchte, wie auf Ihrer Webseite nachzulesen ist, zum 100-jährigen Jubiläum des Bauhauses das Kulturerbe mit besonderer Aufmerksamkeit bedenken. Auch in Magdeburg werden Veranstaltungen dazu stattfinden. Die Stadt hatte sich schon früher unter Oberbürgermeister Herrmann Beims und Stadtbeirat Bruno Taut als eine der ersten Verwaltungen den Ideen der Zeit geöffnet.

Von 2017 bis 2020 hat das Land Sachsen-Anhalt insgesamt 18,5 Millionen Euro für die Feierlichkeiten und Aktionen eingeplant. Hinzu kommen 12,5 Millionen Euro für den Museumsbau in Dessau, in dem die Stiftung Bauhaus ab 2019 ihre Sammlung präsentieren will.

Ein mehrstöckiges Backstein-Gebäude der Uniklinik Magdeburg
Haus 15 des Uniklinikums Magdeburg gehört zwar nicht direkt zum Bauhaus, wird aber trotzdem zu der klassischen Moderne gezählt. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Auch wenn die ehemalige Hautklinik im Magdeburger Süden nicht direkt zum Bauhaus gehört, ist es ein Beispiel für das "neue Bauen" vor allem in den 1920er Jahren. "Es ist eins von noch 23 existierenden Bauten von Johannes Göderitz in Magdeburg und eines von fünf Krankenhausbauten der klassischen Moderne in Sachsen-Anhalt", erläutert das Landesverwaltungsamt. Damit habe es Seltenheitswert. Es sei ein "sehr bedeutendes Bauwerk der klassischen Moderne". "An dessen Erhaltung ein hohes öffentliches Interesse" bestehe. Bei dem Amt lag schließlich die Entscheidung über Erhalt oder Abriss des Denkmals.

Medizinisch keine andere Lösung möglich

"Uns gegen das Göderitz-Haus auszusprechen, haben wir uns nicht leicht gemacht", erwidert der Klinikdirektor der Herz- und Gefäßabteilung, Rüdiger Braun-Dullaeus. "Natürlich reißen wir ein solch historisches Gebäude nicht gern ab, aber eine zeitgemäße Kardiologie muss nahe an der Notaufnahme sein, weil hier die Patienten meist eintreffen. Auch die Radiologie muss für eine schnelle Diagnostik nahe sein – es geht nicht, dass jetzt schon Patienten den ganzen Tag mit Fahrdiensten hin und her gefahren werden, da können wir nicht auf der grünen Wiese bauen", erklärt Braun-Dullaeus.

Rüdiger Braun-Dullaeus
Rüdiger Braun-Dullaeus, Klinikdirektor der Herz- und Gefäßabteilung am Uniklinikum Magdeburg Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Das Haus 15 zu erhalten und in einen Neubau zu integrieren, sei nicht möglich – allein schon, weil die Decken die Lasten der Geräte nicht ausgehalten hätten, die OP-Säle hätten ausgelagert werden müssen. "Und zwei Etagen hätten am Ende völlig leer gestanden, weil man keine Verwendung für sie hätte. Das kostet aber auch Geld, sie zu heizen und in Stand zu halten", so Braun-Dullaeus. Und noch ein Argument spricht aus seiner Sicht für einen Neubau: eine bessere Empfangskultur. "Wir haben aktuell gar keinen richtigen Empfang, kein Atrium oder dergleichen. Die Leute suchen sich irgendwie ihre Station, dabei gehört es doch zu einer professionellen Willkommenskultur, die Menschen freundlich zu empfangen", führt der Direktor aus.

Investitionsstau am Klinikum

Braun-Dullaeus sehe das Herzzentrum als Anfang einer notwendigen, breiteren Investition. Längerfristig sei sonst die Leistung in Gefahr: "Wir sind stolz auf unsere Spitzenmedizin – aber das werden wir nicht mehr lange halten können, wir kämpfen jeden Tag mit Widrigkeiten." Mit widrigen Bedingungen meint Braun-Dullaeus etwa die Vierbettzimmer für Patienten, die mit einer einzelnen Dusche auf dem Gang für 15 bis 20 Patienten auskommen müssen. Oder Geräte, die zehn oder gar 15 Jahre alt sind und für die es weder einen Servicevertrag noch Ersatzteile gibt. "Da gibt es schon jetzt einen großen Investitionsstau", fasst Braun-Dullaeus zusammen.

Letztlich hatte das Landesverwaltungsamt zu entscheiden. Weil das Herzzentrum in einem erheblichen öffentlichen Interesse liege und es keine anderen sinnvollen und realisierbaren Möglichkeiten gebe, Haus 15 zu erhalten und parallel neu zu bauen, musste der Denkmalschutz in diesem Fall zurücktreten.

Christine Warnecke
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über die Autorin Christine Warnecke ist gebürtige Niedersächsin und arbeitet seit September 2017 bei MDR SACHSEN-ANHALT für die Radio- und Online-Redaktion, insbesondere das Studio Magdeburg. Davor hat sie in Praktika bei der Bild-Zeitung Hannover, bei Radio mephisto 97.6 und der Zeitung "Costa del Sol"-Nachrichten in Spanien Erfahrung gesammelt. Sie studierte Journalistik an der Universität Leipzig und volontierte bei der Neuen Westfälischen Zeitung in Bielefeld. Nach diesem Abstecher in den Teutoburger Wald fühlt sie sich nun fast überall nahe der elbischen Fluten wohl.

Quelle: MDR/pat

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 08. November 2018 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. November 2018, 09:45 Uhr

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8 Kommentare

09.11.2018 15:41 jackblack 8

Hallo Tom, Gott sei Dank sind Geschmäcker verschieden, aber Höflichkeit ist zeitlos. ( Bei Depression schnell zum Arzt )

09.11.2018 11:20 Peter 7

Oh je Tom, genau mit diesem Baustil wurde die Archtekturmoderne eingeläutet. Meinen Sie mit modern die Einkaufszentren, mit denen ab 1990 das Zentrum Magdeburgs zu gemüllt wurde?

09.11.2018 09:59 Tom 6

Dieser dunkle und depressive Baustil ist äußerst unattraktiv von mir aus können sie die Stadthalle gleich mit abreißen. Magdeburg als Großstadt braucht endlich mehr moderne Hingucker. Neu modern und architektonisch wertvoll. Der neue Luisenturm ist ein schönes Beispiel.