Ausstellung zur Wende in Magdeburg Wende-Fotograf Matthias Pavel: "Alles passierte Schlag auf Schlag"

Fotograf Matthias Pavel war während der Wende in Magdeburg unterwegs – die Kamera hatte der damalige Hobbyfotograf immer dabei. Seine Fotografien dokumentieren den Herbst '89 mit viel Direktheit. Eine Auswahl ist momentan im MDR-Landesfunkhaus Sachsen-Anhalt zu sehen. MDR SACHSEN-ANHALT hat mit Pavel über den Wendeherbst vor 30 Jahren gesprochen.

Demonastration auf dem Domplatz in Magdeburg
Tausende Magdeburger kamen zur sonntäglichen Großkundgebung auf dem Domplatz am 14. Januar 1990. Bildrechte: Matthias Pavel

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Pavel, Bilder aus welchem Zeitraum genau werden in der Ausstellung gezeigt?

Matthias Pavel: Der Zeitraum geht von September '89 bis in den frühen April 1990 nach den ersten freien Wahlen in der DDR. Aber da ist kein Anspruch auf Vollständigkeit. Das sind herausgegriffene Dokumente, die ich zufällig an den Orten, an denen ich war, aufgenommen habe.

Sie sind hauptberuflicher Fotograf. Ende der 1980er aber war fotografieren für Sie eher ein Hobby. Wie sind Sie zu der Zeit überhaupt dazu gekommen?

Der Fotograf Matthias Pavel sitzt am Elbufer in Magdeburg
Fotograf Matthias Pavel hat die Wende vor 30 Jahren mit seinen Fotos dokumentiert. Bildrechte: Wenzel Oschington

Ich war immer mit der Kamera in Magdeburg unterwegs. Das hat angefangen, als ich zwölf Jahre war, mit der ersten Kamera und hat sich so fortgesetzt. Die Fotos in Magdeburg haben sich mehr oder weniger zufällig ergeben. Ich bin damals in diesen Sog mit reingeraten und bin einfach mit anderen Jugendlichen mitgegangen, damals mit den Punks. Ich war selber kein Punk, aber wir sind alle auf derselben Wellenlänge geschwommen. Wir waren im Dom, danach waren die Demos draußen. Das hat sich dann Montag für Montag fortgesetzt und es wurden immer mehr Leute. Ich kann mich erinnern: Beim ersten Mal waren es 400 Leute, am zweiten Montag waren es doppelt so viele und am dritten waren wir dann schon 4.000.

War Ihnen damals bewusst, dass Sie sich auf einem sehr schmalen Grad bewegen, wenn Sie dort gerade politische Demonstrationen in der DDR fotografieren?

Nein, durchaus nicht. Erstmal war das für mich keine politische Demonstration. Das war einfach erstmal ein Geschehen, was da abgelaufen ist. Aber es gab mal eine Situation an einem Montag, das war Ende Oktober, da hieß es, auf dem Schleinufer wären Panzer und andere militärische Sachen aufgefahren – das wurde erzählt, ich hab's nicht gesehen. Da hatte man schon ein bisschen ein mulmiges Gefühl, aber wir sind trotzdem marschiert und es ist zum Glück nichts passiert.

Ihre Fotografien sind schwarz-weiß. Haben Sie das bewusst gewählt oder war es einfach damals noch so?

Es gab Farbfotografie, aber ich habe die Bilder selber entwickelt und ich hatte ein eigenes Labor, das auf schwarz-weiß war. Farbe war zu dieser Zeit sehr kompliziert zu entwickeln. Und es sollte schnell gehen. Ich habe mich abends nach den Demos bzw. den Geschichten noch ins Labor gestellt und habe die Negative entwickelt und getrocknet, dann zerschnitten und archiviert. Am nächsten Tag ging es schon weiter. Deswegen gab es von diesen Bildern bis vor ein paar Jahren eigentlich nur die Negative. Ich habe den Großteil dieser Bilder bis zu diesem Zeitpunkt auch noch nie wirklich gesehen, da man keine Zeit hatte, sie wirklich dann auch als Positiv zu entwickeln. Es kam jeden Tag wieder etwas Neues.

"Kunst im Funkhaus" | 22.08. bis 20.10.2019 Agonie und Aufbruch

Im Herbst '89 war der Fotograf Matthias Pavel in Magdeburg unterwegs und fing die Momente mit der Kamera ein. Die heute historischen Fotos des Magdeburgers sind ab 22. August im MDR Landesfunkhaus im Stadtpark zu sehen.

Eine Jugendband bei einem Auftritt in kirchlichen Räumen in Magdeburg
Die Jugendband "Dervers" bei einem Auftritt in kirchlichen Räumen vor einem Montagsgebet im Oktober 1989. Bildrechte: Matthias Pavel
Eine Jugendband bei einem Auftritt in kirchlichen Räumen in Magdeburg
Die Jugendband "Dervers" bei einem Auftritt in kirchlichen Räumen vor einem Montagsgebet im Oktober 1989. Bildrechte: Matthias Pavel
Demonastration auf dem Domplatz in Magdeburg
Demonstranten am 11. November 1989 auf dem Domplatz in Magdeburg. Bildrechte: Matthias Pavel
Demonstrationszug auf der Otto-von-Guericke-Straße in Magdeburg
Demonstrationszug auf der Otto-von-Guericke-Straße – die Aufnahme entstand am 4. Dezember 1989. Bildrechte: Matthias Pavel
Demoteilnehmer mit Kerzen im Innenhof des Magdeburger Doms
Vor dem Montagsgebet am 4. Dezember 1989 sammeln sich Teilnehmer mit Kerzen im Innenhof des Magdeburger Dom. Bildrechte: Matthias Pavel
Demonstrationszug auf der Otto-von-Guericke-Straße in Magdeburg
Demonstrationszug am 4. Dezember 1989 auf der Otto-von-Guericke-Straße nach dem Montagsgebet im Dom. Bildrechte: Matthias Pavel
Demonastration auf dem Domplatz in Magdeburg
Tausende Magdeburger kamen zur sonntäglichen Großkundgebung auf dem Domplatz am 14. Januar 1990. Bildrechte: Matthias Pavel
Kundgebung auf dem Alten Markt in Magdeburg
Auf dem Alten Markt in Magdeburg fordern Rentner ihre Vertretung durch die Volkssolidarität am Runden Tisch in Berlin. Die Aufnahme entstand am 20. Februar 1990. Bildrechte: Matthias Pavel
Wahlkundgebung
Wahlkundgebung im März 1990

Quelle: MDR/jr
Bildrechte: Matthias Pavel
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Viele beschreiben die Wendezeit als die intensivste Zeit in ihrem Leben. Das ist jetzt 30 Jahre her. Haben Sie es denn auch so erlebt?

Das spricht mir voll aus dem Herzen. Ich hatte damals das Gefühl, dass ich doppelt so schnell leben würde, sprich dass die Zeit doppelt so schnell vergehen würde und der Tag nicht nur 24, sondern 48 Stunden hätte. Alles passierte so Schlag auf Schlag – man hatte das eine noch gar nicht verarbeitet, da ist schon das Nächste passiert. Es war wirklich eine große Zeit. Und nach dem Mauerfall begann eine Zeit, in der keiner wusste, was erlaubt ist und was nicht. Es war wie so eine Goldgräberstimmung. Man hat einfach gemacht, denn es war auch niemand da, der einem etwas verboten hat.

Heute kommen Journalisten und Fotografen nicht einfach so spontan überall hin. Man muss sich überall akkreditieren. Wie war das damals – sind Sie einfach auf den Domplatz gegangen?

Ja, das ging einfacher. Bei der Großdemo beispielsweise am 4. November wurde vor dem jetzigen Landtag eine Tribüne aufgebaut. Man wusste, was da los ist. Ich bin einfach auf die Tribüne geklettert, ein paar andere auch, und hab' Fotos gemacht. Es hat dich auch keiner runtergeschubst, das hätte sich ja keiner getraut. Das Gleiche war im Dezember, als Willy Brandt da war. Da bin ich auf so einen Lkw mit drauf. Dadurch hab ich ein Foto von Brandt, da steht er halt nur einen Meter neben mir. Das ist einfach geil. Heutzutage würdest du nicht mal in Rufweite kommen. 

Die Fragen stellte Sören Thümler.

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Wahlkundgebung
Wahlkundgebung im März 1990 Bildrechte: Matthias Pavel

Quelle: MDR/cw

Zuletzt aktualisiert: 30. August 2019, 10:39 Uhr

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