Kolumne "Corona, voll verpönt!" Hamsterbacken – vom Einkaufsverhalten zu Corona-Zeiten

Stephan Schulz
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Politikredakteur Stephan Schulz arbeitet wegen der Corona-Krise derzeit im Homeoffice. Dort stellt er schnell fest: Wer zu Hause arbeitet, sitzt gefährlich nah am Kühlschrank. Doch auch das Befüllen des Kühlschranks ist eine ganz neue Erfahrung zu Corona-Zeiten. Vom Einkaufen mit Pollenallergie und was Toilettenpapier mit Hamsterbacken zu tun hat – eine Kolumne.

Dicker Hamster
Der Hamster hamstert in seinen Backen, der Mensch in seinen Einkaufsbeuteln. (Symbolbild) Bildrechte: Imago-Stock

Seit meine Frau und ich im Homeoffice arbeiten und die Kinder nicht mehr zur Schule dürfen, ist unser Kühlschrank ständig leer. Eigentlich müssten sich die Lebensmittel stapeln, weil wir wegen der Corona-Krise einen geringeren Energiebedarf haben. Wir bewegen uns ja kaum noch. Trotzdem haben wir ständig Hunger. Selbst der Wellensittich, der es gewohnt ist, abgeschottet von der Außenwelt zu leben, sitzt pausenlos vor seinem Futternapf und verlangt schimpfend nach Körnern.

Eine Diät muss her

Als der Wellensittich gestern in unserem Wohnzimmer seine tägliche Flugrunde drehte, schlug er nach wenigen Sekunden wie eine Billardkugel in unser Sofa ein, weil ihn sein dicker Bauch am Bremsen hinderte. Wegen dieses Vorfalls haben wir nun beschlossen, den Vogel auf Diät zu setzen und uns gleich mit. 

Aber ganz ohne Lebensmittel werden wir nicht über die Runden kommen. Ich muss also Einkaufen gehen. Nur, ich traue mich nicht! Zum einen, weil ich Respekt vor den Corona-Viren habe, zum anderen, weil ich permanent niesen muss. Normalweise würde ich mich wegen meiner Allergie auf gewisse Pollen nicht verstecken. Aber gehen Sie mal in diesen Zeiten niesend in einen Supermarkt. Sie werden Ihr blaues Wunder erleben. 

Einkaufsliste für den 10-Tages-Vorrat

Ohnehin wäre ich bei meinem letzten Supermarktbesuch fast gelyncht worden. Dabei wollte ich ursprünglich nur die Checkliste des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) abarbeiten. Auf meinem Einkaufszettel standen: 

  • 80 Liter Wasser
  • 14 Kilo Kartoffeln, Nudeln, Reis und Brot
  • 16 Kilo Hülsenfrüchte
  • 10 Kilo Obst und Gemüse
  • 10,4 Kilo Milch und Milchprodukte
  • 6 Kilo Fisch, Fleisch und Eier
  • 1,428 Kilo Öle und Fette
  • Sonstiges nach Belieben: Zucker, Marmelade, Toilettenpapier etc. 

Ein Einkaufswagen mit verschiedenen Lebensmitteln.
Selbst beim Wochenendeinkauf ist der Einkaufswagen schneller gefüllt als gedacht. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/photothek

Wenn ich mich an die Vorgaben des BBK gehalten hätte, hätte jeder in meiner Familie seinen täglichen Kalorienbedarf etwa zehn Tage decken können. Im Supermarkt hatte ich mich dann aber für einen ganz normalen Einkauf für ein verlängertes Wochenende entschieden. Ich warf Obst und Gemüse in den Wagen, Wurstpakete und Konserven, Aufbackbrötchen, Nudeln, Erdnussflips, Süßigkeiten, Yoghurt, Eier, Marmelade, Käse und vieles mehr. Nebenbei wunderte ich mich darüber, wie schnell sich so ein Einkaufswagen füllt. 

Noch mehr wunderte ich mich aber darüber, wie lange es dauert, einen gut gefüllten Einkaufswagen wieder zu entladen. Ich brauchte gefühlt eine halbe Stunde, bis ich alle Waren aufs Kassenband gelegt hatte. Hinter mir bildete sich derweil eine lange Warteschlange und die Menschen, die in dieser Schlange standen, schauten mich grimmig an. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn ich auch noch zum Toilettenpapier gegriffen hätte. Zum Glück war es ausverkauft. 

Einkaufstüten – die Hamsterbacken des Menschen

"Das ist der längste Kassenzettel, den ich heute ausgedruckt habe", sagte die Kassiererin lauter als nötig, als ich bezahlte. "Ich habe zwei Ikea-Taschen dabei", entgegnete ich. "Machen Sie sich keine Sorgen." Dann beeilte ich mich, aus dem Supermarkt zu kommen. Dabei dachte ich über Menschen und kleine Nagetiere nach. Was für uns Menschen der Einkaufsbeutel ist, ist für den Feldhamster die Backentasche. 

Genau genommen haben Feldhamster zwei Backentaschen. Sie stopfen Samen und Körner hinein. Sind die Hamsterbacken voll, wetzen sie in ihren Bau, um ihre Vorratskammern aufzufüllen. Wir Menschen haben vor langer Zeit damit begonnen, solche tierischen Verhaltensweisen auf uns zu übertragen. Dadurch entstanden neue Begriffe wie "herumtigern", "einsauen" und "hamstern". Wer hamstert, hortet bekanntlich Dinge, die knapp werden könnten oder bereits knapp sind. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren vor allem Lebensmittel knapp. Deshalb schnallten sich viele Stadtbewohner einen Rucksack auf den Rücken und fuhren aufs Land. In den Rucksäcken lagen wertvolle Broschen, Ketten und Silberbestecke. Sie wurden auf den Bauernhöfen gegen Eier, Wurst, Milch und Käse eingetauscht. Als sich die Lebensmittelgeschäfte einige Jahre später wieder füllten, endeten die Hamsterfahrten.

Erst im 21. Jahrhundert kehrten die Hamsterer in großer Zahl zurück. Zunächst horteten sie Medikamente, die gegen das Vogelgrippe-Virus H5N1 helfen sollten. Einige Jahre später beschloss die Europäische Union ein Verkaufsverbot für Glühlampen. Das lockte ebenfalls viele Hamsterer aus ihren Behausungen. Sie vertrauten den neuen Energiesparlampen nicht und horteten so viele Glühlampen, wie sie nur kriegen konnten. Aber das alles ist nichts im Vergleich zu dem, was wir seit Ausbruch der Corona-Pandemie erleben. 

"Andere Länder, andere Hamster"

Hamsterkäufe wegen Corona-Virus, Frau kauft groߟe Mengen an Papiertüchern und Klopapier zur ܜberbrückung einer eventuellen Corona-Pandemie in Deutschland
Andere Ländern hamstern Kondome, Wein oder Käse. Der Deutsche hamstert Klopapier. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/MiS

Überall auf der Welt zieht es die Menschen zum Hamstern in die Supermärkte. Dabei gilt der Spruch: "Andere Länder, andere Hamster." Während die US-Amerikaner Medikamente und Waffen horten, decken sich die Franzosen mit Kondomen und Rotwein ein. Die Italiener kaufen massenweise Zigaretten und Grappa, die Holländer geben ihr Geld für Haschisch und Käse aus, die Schotten kippen sich literweise Whiskey hinter die Binde, und was machen die Deutschen? Sie hamstern Klopapier! Die weißen Rollen sind heiße Rollen geworden, begehrt bei jung und alt. 

Wenn mir Anfang des Jahres jemand gesagt hätte, dass Toilettenpapier im hochentwickelten Kapitalismus zur Mangelware werden würde, ich hätte ihn für komplett verrückt erklärt. Aber inzwischen kämpfen meine Landsleute sogar mit körperlichem Einsatz um Hygieneartikel für ihren Allerwertesten. In einem Supermarkt in Bergneustadt (Nordrhein-Westfalen) schleppte eine 54-jährige Dame erst vor wenigen Tagen mehrere Pakete Toilettenpapier zur Kasse. Als sie von einer Verkäuferin darauf aufmerksam gemacht wurde, dass jeder Kunde von dem "heißen Stoff" nur ein Paket kaufen dürfe, rastete die Dame komplett aus. Sie sprang zu ihrem Klopapier aufs Kassenband und begab sich umgehend in einen Sitzstreik. 

Ich musste über diesen Vorfall nachdenken, als ich meine Ikea-Taschen zum Auto schleppte. Ich kann ja noch verstehen, wenn Menschen in der derzeitigen Situation Mehl und Nudeln horten. Aber Klopapier? Da bekommt der Begriff Hamsterbacken eine ganz neue Bedeutung. 

Stephan Schulz
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über den Autor Stephan Schulz, geboren 1972, wuchs in Burg bei Magdeburg auf. Er studierte Germanistik, Soziologie und Politikwissenschaften und stellte fest, dass das Hörsaalwissen nicht weit führt, weil sich die Politik selten an die Wissenschaft hält. Deswegen schreibt er so gern darüber – als Politikredakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk und auch als Buchautor. 2016 veröffentlichte er den heiter-satirischen Erzählungsband »Bück dich, Genosse!«. Sein neues Buch "Das Leben ist ein Angelteich" ist im Frühjahr 2020 erschienen.

Quelle: MDR/cw

1 Kommentar

Ossi 65 vor 9 Wochen

Das Hamstern von Klopapier und Küchenrollen und Taschentücher ist im E-Center Magdeburg im Bördepark noch immer nicht unter Kontrolle, und das trotz der Mengenbegrenzung, denn ich kann mir nicht Erklären warum es heute auf den Dienstag Vormittag so etwa 10-11 Uhr immer noch oder schon wieder kein Klopapier gab. Ich muss sagen, das Aldi, Rossmann und dm dieses Problem mehr unter Kontrolle haben oder besser Beliefert werden, denn dort gibt es häufiger Klopapier und Co zu kaufen als wie in diesem großen E-Center. Für mich ist das nicht nachvollziehbar. Kann es sein das die Warennachlieferungskette im E-Center nicht richtig Organisiert ist?

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