Kolumne Von Homeoffice, Toilettenpapier und Eichhörnchen

Stephan Schulz
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Politikredakteur Stephan Schulz arbeitet wegen der Corona-Krise derzeit im Homeoffice. In den eigenen vier Wänden hört er überraschend verrückte Geschichten: Warum in seinem Haushalt Klopapier durch Eichhörnchen ersetzt werden soll und wie ein Disneyfilm die Coronakrise vorausgesagt hat, erzählt er in seiner neuen Kolumne "Corona, voll verpönt!"

Eichhörnchen steht im Laub
Die Eichhörnchen der Region können unbesorgt sein. (Symbolfoto) Bildrechte: Andrea Hosse

Im antiken Griechenland war Corona noch eine Auszeichnung, ein Kranz aus Blumen, den man sich unter den Haaransatz klemmte und stolz durch die Straßen trug. Heutzutage ist jeder froh, wenn sich Corona nicht in den Haaren festsetzt, weil wir mit dem Begriff einen neuartigen Virus verbinden, der vielen von uns gefährlich werden kann und die Welt zum Stillstand bringt.

Am Himmel sind kaum noch Flugzeuge zu sehen, Industriebetriebe fahren ihre Produktion herunter, Geschäfte sind geschlossen und in den Restaurants wird nur noch auf Sparflamme gekocht oder gar nicht mehr. Mit solchen Maßnahmen versuchen wir die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Und weil jeder von uns dabei mithelfen kann, sitzen wir nun in unseren Wohnungen herum und tun Dinge, die wir schon lange nicht mehr getan haben. 

Im Homeoffice als Mann

Ich zum Beispiel verhökere den Hausstand im Internet – vor allem die Spielsachen der Kinder, die seit Jahren einstauben –, und ich bügele, wasche und putze mit einem Elan, als wäre ich Meister Proper. Meine Frau hat mich neulich schon gefragt, ob ich wirklich ihr Mann bin und kein Fremder in der Gestalt ihres Mannes. 

In Friedenszeiten war ich tatsächlich kein großer Freund der Hausarbeit, aber jetzt, da wir alle gegen einen unsichtbaren Feind kämpfen, schrubbe ich nahezu täglich die Wohnung in der Hoffnung, alle Bakterien und Viren zu erlegen. 

Ich bin aber längst nicht der Einzige in der Familie, der in diesen Zeiten durch ungewöhnliche Verhaltensweisen und seltsame Kommentare auffällt. Als mich meine Frau neulich nach dem Mittagessen sichtbar nervös darauf hinwies, dass uns das Toilettenpapier ausgehen könnte, versuchte ich sie zu beruhigen: "Im Notfall schneiden wir die Volksstimme in handliche Stücke."

"Die erste Seite sollten wir aber lieber nicht nehmen", entgegnete meine Frau. "Da ist zu viel Druckerschwärze drauf. Nicht dass du noch die Schlagzeile von gestern mit dir rumträgst."

Mein Sohn, der unser Gespräch belauschte, rief aus dem Flur: "Wir könnten ja auch ein Eichhörnchen nehmen."

Meine Frau und ich wissen auch nicht, woher der Junge seine Phantasie hat, aber ich muss sagen, er geht von uns allen am Entspanntesten mit der Corona-Krise um. 

Seine ältere Schwester macht mir hingegen etwas Sorgen. Sie ist in letzter Zeit häufig schlecht gelaunt, weil sie ihre Freundinnen nicht sehen darf. Soziale Distanzierung heißt die Medizin dieser Tage. Sie soll helfen, die Ausbreitung der Coronaviren zu verlangsamen. Allerdings hat diese Medizin auch Nebenwirkungen.

Grafik: Rapunzel
Wie die Märchenfigur Rapunzel sind viele Menschen während der Coronakrise zu Hause eingeschlossen. Bildrechte: Colourbox.de

Bei meiner Tochter hat sie zu einem ausgeprägten Stubenkoller geführt, der gewagte Thesen hervorbringt. Gestern Abend kam sie ins Wohnzimmer gerannt und rief: "Disney ist Schuld! Die haben die Corona-Krise vorausgesagt!"

Ich konnte mir zunächst keinen Reim darauf machen und bat meine Tochter, mich in ihre Gedankenwelt einzuweihen. Sie erzählte mir von der jungen Prinzessin Rapunzel, die in dem Film "Rapunzel, neu verföhnt!" von einer Frau, die vorgibt ihre Mutter zu sein, in einem Turm eingesperrt wird, angeblich zu ihrer eigenen Sicherheit. Das Königreich, in dem Rapunzel lebt, heißt - jetzt kommt’s – Corona. 

Meine Tochter hat nun Angst, dass ihr das gleiche Schicksal wie Rapunzel bevorsteht und sie ihren Turm (ein kleines Zimmer in einem Mietshaus) nie mehr verlassen darf. Ich würde sie ja gern beruhigen, aber auch ich weiß nicht, was uns in nächster Zeit noch alles an Prüfungen bevorsteht. 

Eines weiß ich aber mit Sicherheit: Mit der richtigen Musik schwingen sich Feudel, Dampfstaubsauger und Besen gleich viel leichter. Ich habe mir deshalb eine umfangreiche Playlist für meine Putzattacken angelegt und sie "Corona, voll verpönt!" genannt. Auf dass uns das Virus nicht mehr allzu lange auf den Kranz geht und wir bald wieder ein normales Leben führen können. 

Stephan Schulz
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über den Autor Stephan Schulz, geboren 1972, wuchs in Burg bei Magdeburg auf. Er studierte Germanistik, Soziologie und Politikwissenschaften und stellte fest, dass das Hörsaalwissen nicht weit führt, weil sich die Politik selten an die Wissenschaft hält. Deswegen schreibt er so gern darüber – als Politikredakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk und auch als Buchautor. 2016 veröffentlichte er den heiter-satirischen Erzählungsband »Bück dich, Genosse!«. Sein neues Buch "Das Leben ist ein Angelteich" ist im Frühjahr 2020 erschienen.

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Bildrechte: imago images / Hans Lucas

Quelle: MDR/jh

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