Absage bei Kulturhauptstadt Bewerbung Magdeburg: Dann spielen wir eben in unserer eigenen kulturellen Liga

Janine Wohlfahrt
Bildrechte: MDR/Luca Deutschlaender

Magdeburg hatte sich so viel vorgenommen. Kulturhauptstadt Europas wollte die Stadt werden, doch am Ende hat es nicht gereicht. Raus aus der Leere war ein Motto. Wie aber nun umgehen mit der Leere? Ein Kommentar.

Magdeburg aus der Vogelperspektive mit der Elbe, der historischen Hubbrücke und dem Dom
Magdeburg lässt sich nicht umhauen. Sagt auch Oberbürgermeister Trümper und so soll die Begeisterung über die Bewerbung zur Kulturhauptstadt weiter für kulturelle Projekte genutzt werden. Bildrechte: dpa

Die Enttäuschung war geradezu spürbar in der Festung Mark in Magdeburg. Gerade noch keimte Hoffnung auf und einige hatten den Jubelschrei wohl schon auf der Zunge. Schließlich wurde während die Vorsitzende der Jury, Sylvia Amann, den Sieger noch nicht ganz ausgesprochen hatte, schon der Name Lutz Trümper auf einer riesigen Videoleinwand eingeblendet und viele dachten sicher: Na wenn schon der Name des Magdeburger Oberbürgermeisters da steht, dann wird es Magdeburg doch wohl werden. Aus dem Mund der Jury-Vorsitzenden kam dann aber der Name Chemnitz und es herrschte Stille im Hof der Festung.

Wie kann diese Stille nun in neue Energie umgewandelt, wie der Spirit, den viele beschreiben, weiter genutzt werden?

Das Leben geht weiter

Kulturhauptstadt
Große Enttäuschung direkt nach der Entscheidung. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Oberbürgermeister Lutz Trümper fand gleich wenige Minuten nach der Entscheidung aufmunternde Worte. "Das Leben geht weiter", appellierte er und wurde nicht müde zu sagen, dass es jetzt das wichtigste sei, auf die jungen Leute zu setzen, auf die freie Kulturszene. Doch die plagen gerade ganz andere Sorgen. Seit Wochen sind Klubs geschlossen, Veranstaltungen gibt es nur wenige – wenn überhaupt – und die Aussichten für die nächsten Wochen sind düster, was kulturelles Leben angeht. Einen schlechteren Zeitpunkt für die Absage an Magdeburg hätte es fast gar nicht geben können.

Das wurde schon in der Festung Mark deutlich. Ein Kulturfest sollte es werden, egal, ob Magdeburg den Titel holt oder nicht. Aber die Musik spielte nicht mehr in Magdeburg. Fast alle Gäste waren enttäuscht gegangen und im Hof machte sich Leere breit. Eine Leere, aus der Magdeburg eigentlich heraus wollte, laut der Bewerbung. Alle Verantwortlichen machten Hoffnung, dass die besten Ideen jetzt dennoch umgesetzt werden sollen, auch die Landesregierung sicherte Unterstützung zu. Geld wäre vor allem nötig.

Blick über Magdeburg vom Riesenrad im Stadtpark Rotehorn über die Elbe auf Magdeburg mit dem Dom und der backsteinernen Stadthalle im Bauhaus-Stil. 7 min
Bildrechte: imago images/ecomedia/robert fishman

Viele Magdeburger haben Hoffnung

Ohne gemeinsames großes Ziel wird es auf alle Fälle schwieriger werden. Doch die Hoffnung vieler Magdeburger macht auch Mut und steht vielleicht für eine Wende, ein neues Miteinander. Denn viele sagen, es ist toll, dass wir stolz auf unsere Stadt sind, es ist toll, dass wir uns alle so viel besser kennengelernt haben, wir wollen das auf alle Fälle weiter machen und wollen dafür kämpfen, die Stadt lebenswerter zu gestalten.

Kulturhauptstadt-Titel geht an Chemnitz Menschen in Magdeburg: "Wünsche mir, dass die Leute weiter an ihre Stadt glauben"

Eine Frau blickt bei einer Umfrage in die Kamera.
Ursula Schmidt
"Ich bin schon ganz schön enttäuscht. Wir waren ganz schön optimistisch, dass wir es werden können. Das war ein gutes Konzept das da über Jahre aufgestellt worden ist. Ich hoffe, dass das nicht alles vepufft, sondern irgendwie weiterlebt. Und ich wünsche mir, dass wir trotz Corona ein bisschen Kultur weiter erleben können. Mal sehen, was jetzt alles passiert."
Bildrechte: MDR/Janine Wohlfahrt
Eine Frau blickt bei einer Umfrage in die Kamera.
Ursula Schmidt
"Ich bin schon ganz schön enttäuscht. Wir waren ganz schön optimistisch, dass wir es werden können. Das war ein gutes Konzept das da über Jahre aufgestellt worden ist. Ich hoffe, dass das nicht alles vepufft, sondern irgendwie weiterlebt. Und ich wünsche mir, dass wir trotz Corona ein bisschen Kultur weiter erleben können. Mal sehen, was jetzt alles passiert."
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Eine junge Frau steht auf einem Platz und schaut in die Kamera.
Katharina Otto
"Magdeburg braucht etwas mehr Stolz auf die Stadt. Dass die Bürgerinnen und Bürger stolz sind auf das was, hier umgesetzt wird."
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Eine Frau blickt lächelnd in die Kamera.
Sophie Leschik
"Ich habe ganz fest daran geglaubt, dass Magdeburg das wird. Das Kulturbüro hatte so eine tolle Arbeit geleistet. Ich bin ganz schwer enttäuscht. Ich wünsche mir, dass doch etliche Projekte umgesetzt werden. Dass Kultur noch stärker verankert wird in der Stadt. Dass das Ziel, dass die Magdeburger mehr zusammen leben und freundlicher werden, erreicht wird."
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Ein Mann blickt bei einer Umfrage in die Kamera.
Marcel Böge
"Ich freue mich, dass der Titel in Ostdeutschland geblieben ist. Trotzdem ist es schade, dass es nicht Magdeburg geworden ist. Allerdings sind viele tolle Ideen hier auch nicht umgesetzt worden, weil es keine Kapazitäten gab. Trotzdem hat Magdeburg kreative Ideen und tolle Leute, die durch die Bewerbung aktiv geworden sind. Mit ihnen kann man in Zukunft viel erreichen, mit oder ohne Titel."
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Eine junge Frau mit Mund-Nasen-Schutz schaut bei einer Umfrage in die Kamera.
Anna Lena Schiemann
"Ich bin enttäuscht. Ich bin 2025 nicht mehr hier. Ich hoffe, dass es für alle anderen Projekte gibt, die umgesetzt werden und dass der Spirit erhalten bleibt. Ich wünsche mir, dass die Leute weiter an die Stadt glauben."
Bildrechte: MDR/Janine Wohlfahrt
Eine Frau mit Mund-Nasen-Schutz blickt bei einer Umfrage in die Kamera.
Irene Mihlan
"Man ist natürlich sehr enttäuscht und auch traurig. Ich hatte das aber schon befürchtet. Chemnitz war ein sehr starker Konkurrent. Aber das Leben geht weiter. Und wenn es so ist, wie der Oberbürgermeister sagt, dass wir viele Projekte trotzdem umsetzen, wäre das gut. Ich fänd es gut, wenn Stadt und Region zusammenwachsen, wenn man mehrere Projekte gemeinsam umsetzt."
Bildrechte: MDR/Janine Wohlfahrt
Ein Mann blickt bei einer Umfrage in die Kamera.
Lukas
"Ich freu' mich für Chemnitz", sagt Lukas, der seit zwei Jahren in Magdeburg wohnt. Magdeburg habe es seiner Meinung auch verdient. Es gebe viele kleine Dinge, die hier gewachsen sind und immer weiter wachsen. Der Titel hätte noch mehr Türen geöffnet, zum Beispiel für Projekte wie das "Schauwerk", wo er arbeitet.
Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
Eine Frau blickt bei einer Umfrage in die Kamera.
Katharina Berger
"Ich bin schon wirklich enttäuscht. Ich war super aufgeregt. Es wäre schade, wenn jetzt die ganze Motivation verloren ginge und alles abflacht. Wir haben echt etwas erreicht in den vergangenen Wochen und Monaten und es wäre toll, wenn es so weitergehen würde.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 28.10.2020 | 13:30 Uhr

Quelle: MDR/ld
Bildrechte: MDR/Janine Wohlfahrt
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Ich würde es mir jedenfalls wünschen und wer, wenn nicht die Magdeburgerinnen und Magdeburger, sollten es schaffen. Denn mit Krisen können die Magdeburger ja bekanntlich gut umgehen. Das hat auch der Oberbürgermeister angesprochen. Mehrfach zerstört, steht die Stadt heute immer noch und Fußball wird auch weiter gespielt, wenn auch nicht mehr im Europapokal. Und so spielen wir eben auch in der Kultur einfach in unserer eigenen Liga.  

Janine Wohlfahrt
Bildrechte: MDR/Luca Deutschlaender

Über die Autorin Janine Wohlfahrt stammt aus Magdeburg und arbeitet seit 2001 für MDR SACHSEN-ANHALT. Seitdem hat sie im Hörfunk und Fernsehen Nachrichten gemacht, war als Reporterin mit dem Ü-Wagen unterwegs und sorgt jetzt dafür, dass viele interessante und relevante Gesprächsthemen aus Magdeburg auch im Internet landen. Janine Wohlfahrt arbeitet auch als Chefin vom Dienst in der Online-Redaktion. Bevor sie zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat sie bei der Bild-Zeitung, Radio SAW und MDR JUMP gearbeitet. Ihre Lieblingsorte in Magdeburg sind ihr Zuhause, die Datsche, der Neustädter See und der Stadtpark.

Quelle: MDR/jw

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | MDR SACHSEN-ANHALT | 28. Oktober 2020 | 19:00 Uhr

4 Kommentare

Altmagdeburger vor 4 Wochen

Wäre schön gewesen, aber jetzt habt ihr Zeit die vielen Baustellen zu Ende zubringen und die die jedes Jahr neu entstehen, denn Magdeburg hat ja schon ein Titel „ Ewige Baustelle Magdeburg „.

Machdeburjer vor 4 Wochen

Wir haben dann bald sogar 3.
Und ja, hat auch nicht jede Stadt.

C.T. vor 4 Wochen

Kopf hoch Magdeburg ... dafür habt ihr einen schönen neuen Tunnel - hat auch nicht jeder!

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