Landwirte stehen mit Bannern und Plakaten vor der Staatskanzlei in Magdeburg und demonstrieren.
Demo in Magdeburg: Viele Landwirte seien laut Landesbauernverband zu freiwilligem Naturschutz bereit. Wirtschaftlichkeit müsse aber an erster Stelle stehen. Bildrechte: MDR/Marko Litzenberg

Naturschutz-Verordnung Landwirte und Waldbesitzer demonstrieren gegen "Natura 2000"

Landwirte, Waldbesitzer und Angler haben am Dienstag vor der Staatskanzlei in Magdeburg gegen "Natura 2000" protestiert. Sie sind gegen die Art der Umsetzung des europäischen Artenschutz-Projekts in Sachsen-Anhalt und fordern gerechte Ausgleichszahlungen.

Landwirte stehen mit Bannern und Plakaten vor der Staatskanzlei in Magdeburg und demonstrieren.
Demo in Magdeburg: Viele Landwirte seien laut Landesbauernverband zu freiwilligem Naturschutz bereit. Wirtschaftlichkeit müsse aber an erster Stelle stehen. Bildrechte: MDR/Marko Litzenberg

In Magdeburg haben knapp 500 Landwirte, Waldbesitzer und Angler gegen Umweltauflagen demonstriert, die zu Jahresbeginn in Kraft getreten sind. Sie forderten am Dienstag, dass die sachsen-anhaltische Verordnung zum europäischen Artenschutzprojekt "Natura 2000" umfassend überarbeitet wird. Der Chef des Landesbauernverbands, Olaf Feuerborn, sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Wir wollen über Naturschutzrecht reden, wie man in der Natur partnerschaftlich arbeiten kann. Da darf man nicht über Verbote für die Leute reden, die diese Natur jahrelang gepflegt haben und sie erst zu dem gemacht haben, was sie heute ist."

Der Bauernverband befürchtet, dass durch die Verordnung Existenzen bedroht sind. In der Richtlinie ist unter anderem festgelegt, wann Grünflächen betreten, gemäht oder gedüngt werden dürfen. Für Teile des Elbufers oder besonders sensible Moorwälder gelten Betretungsverbote. 

Wir fordern für unseren Betrieb eine Zukunft.

Sören Rawolle Landwirt in Sachsen-Anhalt

Sören Rawolle, Demonstrationsteilnehmer mit grüner Weste und Trillerpfeife, sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Wir sind mit 1.400 Hektar einer der größten Betriebe in Sachsen-Anhalt, der davon betroffen ist und wir fordern für unseren Betrieb eine Zukunft." Das bedeute im Klartext: Man wolle einen finanziellen Ausgleich. "Wir fordern, dass die Menschen in dem Gebiet überleben können", so Rawolle, der im Jerichower Land als Landwirt arbeitet. Betroffene Landwirte können Entschädigungen beantragen, wenn unzumutbare Belastungen durch "Natura 2000" auf sie zukommen. Die Anforderungen seien aber unklar.

"Natura 2000" in Sachsen-Anhalt Die Verordnung trat "auf den letzten Drücker" zum 1. Januar 2019 in Kraft. Die "Natura 2000"-Flächen umfassen in Sachsen-Anhalt 266 der bisher schon bekannten Naturschutzgebiete, die sogenannten Flora-Fauna-Habitat-Gebiete (FFH) sowie 32 Vogelschutzgebiete. Viele FFH- oder Vogelschutzgebiete durften bislang landwirtschaftlich genutzt werden. Mit "Natura 2000" wird die Nutzung nun eingeschränkt. Insgesamt sind das mit 232.000 Hektar gut elf Prozent der Landesfläche.

Thüringen und Sachsen sind bei der Umsetzung schon einige Jahre voraus. Hätte Sachsen-Anhalt die Richtlinie zum 1. Januar nicht in Kraft gesetzt, hätte Deutschland Strafzahlungen an die EU leisten müssen.

Etwa elf Prozent der Landesfläche von Sachsen-Anhalt fallen unter den neuen Schutzstatus. Das größte Schutzgebiet ist mit mehr als 19.000 Hektar die Colbitz-Letzlinger Heide. Im Vorfeld hatte es lange Diskussionen gegeben, weil Landbesitzer und Anwohner Einschränkungen befürchteten. Laut Chef des Landesbauernverbands hat es viele tausend Einwände zur Verordnung gegeben, doch die Bauern hätten keine Antworten bekommen.

Ministerpräsident Haseloff habe ihnen jedoch versprochen, dass auch im Nachhinein Veränderungen an der Verordnung möglich seien. Deshalb haben die Landwirte jetzt vor der Staatskanzlei demonstriert – dabei betonten sie, dass trotz aller Maßnahmen zum Naturschutz die Wirtschaftlichkeit der Betriebe an erster Stelle stehen müsse.

Widerspruch von Agrarministerin

Sachsen-Anhalts Agrarministerin Claudia Dalbert (Die Grünen) hat das europäische Artenschutzprojekt gegen die Kritik verteidigt. Sie sprach von einem Menschheitsprojekt, das seltene Arten und Lebensräume für die Nachwelt erhalten soll. Die Bedenken von Land- und Forstwirten, Anglern und Fischern seien berücksichtigt worden. Bislang seien diese Änderungen den Betroffenen aber noch nicht erklärt worden. Das werde das Landesverwaltungsamt mit vielen Veranstaltungen nun nachholen.

Was ist "Natura 2000"? Naturschutz ist eine europäische Gemeinschaftsaufgabe – dieser Grundgedanke trieb die Väter und Mütter der Naturschutz-Agenda "Natura 2000" vor zwei Jahrzehnten um. Ein Netz aus Naturschutzgebieten sollte über die EU gelegt werden, in dem vergleichbare Regeln gelten. Regeln, die die Länder unterschiedlich streng auslegen, und die auch Verbote mit sich bringen.

Bei einer Demonstration tragen Landwirte Schilder und Banner, einige tragen Warnwesten.
Die Demonstranten forderten am Dienstag Änderungen an der Umsetzung von "Natura 2000". Bildrechte: MDR/Marko Litzenberg

Quelle: MDR/lk, dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 08. Januar 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Januar 2019, 20:38 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

19 Kommentare

10.01.2019 20:54 Rene 19

Das was hier nicht geschrieben oder gesagt würde das schon mal eine Demo war gegen das Vorhaben von Natura 2000 und zwar im September 2018 in Fischbeck da waren ca. 300 Angler und Bauern. Da war der Herr Haseloff auch vor Ort und hat den neuen Deich eingeweiht. auch der MDR war vor Ort und hat Aufnahmen gemacht aber nie ausgestrahlt.
ich frage mich heute noch warum es nicht gebracht wurde?

10.01.2019 09:26 Martha 18

Wann jammern Landwirte eigentlich einmal nicht? Zu warm / zu kalt, zu viel / zu wenig Regen,… ,? Und dann natürlich immer gleich hinterher die Forderungen nach einem finanziellen Ausgleich.
„Viele Landwirte seien lt. Landesbauernverband zu freiwilligem Naturschutz bereit. Wirtschaftlichkeit müsse aber an erster Stelle stehen.“
Solange Landwirte nicht bereit sind, dazuzulernen, statt auf Artenvielfalt nur auf Monokultur setzen, weiterhin übermäßig Düngen, zu viel Gülle aufbringen, auf Einsatz von Pestiziden nicht verzichten – so lange wird auch kein Landwirt zu freiwilligem Naturschutz bereit sein. Es gibt Landwirte, welche erkannt haben, dass gesunde Produkte nur auf einem gesunden Boden wachsen können. Es sind aber zu wenige. Der Bedarf ist schon lange da, aber das Angebot fehlt. Warum? Vermutlich auf Grund von fehlender Bereitschaft der Landwirte, welche sich immer nur aufregen statt etwas zum Besseren zu verändern.

09.01.2019 21:40 Flo 17

@ 16 Ich denke das hat das MDR Team etwas missverständlich ausgedrückt. Die Flächen dürfen immernoch landwirtschaftlich genutzt werden. Nur eben nicht mehr so intensiv. Beispielsweise dürfen nur noch 60 statt 120 kg Stickstoff pro Hektar und Jahr gedüngt werden. Leider führen solche Missverständnisse häufig zu vollkommen falschen Schlussfolgerungen.

Mehr aus Magdeburg, Börde, Salzland und Harz

Mehr aus Sachsen-Anhalt