Mangelnde Kommunikation Neue Neustadt in Magdeburg: Die schleppende Versorgung der Menschen in Quarantäne

Kevin Poweska
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

In Magdeburg hat die Versorgung Hunderter Anwohner in Quarantäne-Häusern in der Neuen Neustadt begonnen – allerdings mit einigen Kommunikationsproblemen. Auch Bürger können bei der neuen Initiative "MORITZ HILFT!" Sachspenden abgeben. MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Kevin Poweska schildert seine Eindrücke von vor Ort.

Ein Mann schaut vor dem Hauseingang auf eine Liste neben den Lebensmitteln
Die Johanniter haben am Dienstag Lebensmittel in die Neue Neustadt in Magdeburg geliefert. Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

Mit einigen Startschwierigkeiten hat am Dienstag die Grundversorgung der Menschen in den Quarantäne-Wohnblöcken der Neuen Neustadt in Magdeburg begonnen. Seit dem Nachmittag versorgen die Johanniter die betroffenen Anwohner. Bei den gelieferten Lebensmitteln handelt es sich ausschließlich um Grundnahrungsmittel. Optimal war die Organisation bei der Verteilung am Dienstag allerdings nicht.

Insgesamt sind in den kommenden zwölf Tagen vier Lieferungen geplant. Ob die Stadt für alle Lebensmittelpakete die Kosten übernimmt, ist nach Angaben von Lutz Trümper (SPD) noch offen. In den 19 Wohnblöcken befinden 523 Menschen in Quarantäne – 82 von ihnen seien mit dem Virus infiziert, teilte der Magdeburger Oberbürgermeister am Dienstagmittag mit.

Das Warten auf die Lieferung

Sehnsüchtig stehen die Bewohner am Dienstagnachmittag an den offenen Fenstern und auf den Balkonen. Dann bricht in der Haldensleber Straße Jubel aus, als die Fahrzeuge der Johanniter um die Ecke fahren. Das Ausladen geht zügig, schnell steht vor den Hauseingängen eine Palette mit Grundnahrungsmitteln – ohne dass sich irgendjemand dafür zuständig fühlt. Ein Gefühl von Unsicherheit macht sich breit. Niemand weiß so recht, wie es weiter gehen soll. Die Bewohner an den Fenstern und auf den Balkonen warten ab, was passiert.

Das Warten nach der Lieferung – zwei Stunden Ungewissheit

Ganze zwei Stunden dauert es, bis das Ordnungsamt vorfährt und in Absprache mit der Polizei mitteilt, dass die Anwohner sich das Essen untereinander aufteilen sollen. Eine Person je Hauseingang darf die Verteilung der Lebensmittel übernehmen. "Die Organisation ist eine Katastrophe. Wir wissen nicht, was mir machen sollen", sagt ein Anwohner, der die Lebensmittel in seinem Wohnblock verteilt.

Ein Mann steht in der Tür vor den verpackten Lebensmitteln und zieht sich Handschuhe an
Anwohner haben die Grundnahrungsmittel am Dienstag aufgeteilt. Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

Noch am Dienstagvormittag – vor der Lieferung der Lebensmittel – war die Lage in der Neuen Neustadt weitaus angespannter. Am Montag sollte ein Mädchen operiert werden, was wegen der Quarantäne-Anordnung nicht möglich gewesen sei, sagten Anwohner Dolmetscherin Heidemari Felser, die am Dienstag mit MDR SACHSEN-ANHALT in der Neuen Neustadt unterwegs war. Auch gebe es eine schwangere Frau, die kurz vor der Entbindung stehe und ihre Wohnung nicht verlassen dürfe. Sie wisse nicht, was sie tun soll, berichteten Anwohner auf rumänisch.

Wenn die Polizei nicht da wäre, dann wären die Bewohner schon längst wieder aus den Häusern rausgegangen. Sie verstehen die Quarantäne nicht.

schätzt Heidemari Felser (Dolmetscherin) die Situation ein.

Nachbarschaftshilfe in der Neuen Neustadt

Ein Polizist geht auf die Johanniter vor beim entladen der Lebensmittel zu
Die Polizei zeigt seit dieser Woche rund um die Uhr Präsenz in der Neuen Neustadt. Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

Nachdem die Rufe der Menschen in den Wohnblöcken nach besserer Versorgung immer lauter wurden, haben sich kurzerhand sechs Organisationen zusammengetan und die Initiative "MORITZ HILFT!" gegründet. Eine Nachbarschaftshilfe in der Neuen Neustadt, die weiter blicken will, als es durch die Grundversorgung der Johanniter möglich ist.

Sandy Gärtner, Mitorganisatorin vom Kultureck Utopolis, erzählt: "Das Projekt "MORITZ HILFT!" ist erst gestern entstanden – wir wollten einfach etwas tun, um den Menschen zu helfen." Angewiesen ist das Projekt dabei auf Informationen vom Gesundheitsdezernat oder von den Johannitern. "Wir müssen wissen, wo wer wohnt und wer was genau gebrauchen könnte", erklärt Gärtner.

Nicht nur den Grundbedarf decken

Dabei geht es nicht nur um den Grundbedarf. Auch Spielsachen für Kinder seien wichtig – vom Malbuch bis zu Kartenspielen. Die Leute hätten in der Quarantäne viel Zeit. Sandy Gärtner erzählt, dass die meisten Menschen in Quarantäne Familien mit Kindern sind. Sie hofft auf die Nächstenliebe der Magdeburger.

Ich wünsche mir, dass da Menschen mit vollgepackten Beuteln stehen werden – mit Sachen, die sie sich auch in der Quarantäne wünschen würden. Mal einen Saft oder einen Malblock – einfach Dinge, die das Leben in der Quarantäne schöner machen.

Sandy Gärtner Projektleiterin

Für das Projekt werden noch weitere freiwillige Helfer gesucht. Bereits am Dienstag haben teilnehmende Organisationen beispielsweise ein paar Bastelsachen für die Kinder gekauft.

Was, wann und wo: Spenden für Menschen in Quarantäne

In dieser Woche läuft das Projekt "MORITZ HILFT!" vorerst von Mittwoch bis Freitag. Zwischen 16 und 17 Uhr können Spenden am Kinder- und Jugendhaus "KNAST" in der Umfassungsstraße 77 am Moritzplatz abgegeben werden.

Was benötigt wird

  • Essensartikel: Säfte, Kaffee, Kondensmilch, frisches Obst und Gemüse, Verpackte/abgepackte Kekse/Süßigkeiten/Snacks


  • Freizeitartikel: Malhefte, Stifte, generell Bastelmaterial, Knete, Kartenspiele/ Gesellschaftsspiele, Puzzles, Kleinkinderspielzeug – alles, womit man Kinder unterschiedlichen Alters in der Wohnung beschäftigen kann.

Kevin Poweska
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Kevin Poweska arbeitet trimedial im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT. Aktuell ist er im sechsten Semester seines Bachelor-Studiengangs Journalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Während seines Studiums absolvierte er bereits ein Praktikum bei der Braunschweiger Zeitung.

In seiner Freizeit ist er gerne sportlich aktiv: Seine Hauptambitionen liegen in den Sportarten Basketball, Tennis und Fußball - aber auch da probiert er sich gerne immer wieder neu aus. Zudem ist er journalistisch sportlich voll dabei: Kevin Poweska führt einen Blog zu den Deutschen Tennisherren und steht dabei mit den Spielern für Postgame-Interviews in regem Kontakt.

Quelle: MDR/pow

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 23. Juni 2020 | 19:00 Uhr

7 Kommentare

Ossi 65 vor 6 Wochen

C.T. , Haben Sie überhaupt eine Ahnung davon was bestimmte Nahrungsmittelunverträglichkeiten anrichten können? Offensichtlich nicht. Schon mal was von Histaminintoleranz gehört? Bestimmt nicht, sonst würden Sie hier nicht so agieren. 3. Welt hin oder her, aber das ist eine andere Geschichte. Bei Histaminintoleranz kann es sogar auch mal sehr Gefährlich werden, und Nahrungsmittel wie Wurst, bestimmte Obst-und Gemüsesorten, sowie alle Fertiggerichte wie eben auf dem Bild zu sehen Büchsensuppen sind da Tabu. Symptome wie Blutende Enddarmentzündungen bis hin zu Atemnot sind da zumindest für mich die schon Erlebten Situationen, und das muss man nicht haben, und deswegen ist das bei der Auswahl von Lebensmitteln schon wichtig.

C.T. vor 6 Wochen

Meine Güte - immer dieses "ich mag das nicht, ich ess das nicht,..." Erzähle mal den verhungernden Menschen in der 3. Welt etwas von Lactoseintoleranz etc... Friss oder stirb!

Denkschnecke vor 6 Wochen

Ich wüsste nicht, dass von den unter Quarantäne Stehenden überproportional viele in der lokalen Fleischindustrie arbeiten? Es geht auch gerade nicht um Schuld, sondern darum, dass sich erstens nicht die halbe Stadt ansteckt und zweitens die unter Quarantäne Stehenden mt Lebensmitteln versorgt werden.
Nebenbemerkung, bevor irgendwelche Spekulationen aufkommen: Die Lebensmittel sollen von den Bewohnern durchaus bezahlt werden.
Gute Menschen sind m.E. die Leute, die sich bei "Moritz hilft!" engagieren und sich darum kümmern, dass es nicht nur zu Essen gibt, sondern auch die Kinder bei Laune gehalten werden. Daran sind hier im April schließlich andere Familien auch verzweifelt.

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