Leerstehende Geschäftsräume
Viel Potential für gute Ideen – leere Geschäfte im Magdeburger Zentrum Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Fehlende Geschäfte in der Innenstadt Magdeburgs Kampf gegen den Leerstand

Der Einzelhandel in Magdeburg hat es schwer. Die vielen Baustellen vertreiben derzeit die Kunden, hinzu kommt das Onlinegeschäft. Doch es gibt einige Einzelkämpfer, und auch die Stadt hat das Problem erkannt.

Viktoria Schackow
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Viktoria Schackow, MDR SACHSEN-ANHALT

Leerstehende Geschäftsräume
Viel Potential für gute Ideen – leere Geschäfte im Magdeburger Zentrum Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

"Ich habe mich bewusst für die Innenstadt entschieden, ich hab gar nicht erst in anderen Stadtteilen Magdeburgs nach Mietobjekten gesucht." Elisabeth "Betsy" Peyman hat im März dieses Jahres ihr Bekleidungsgeschäft "Betsy Peyman" auf dem Breiten Weg eröffnet, im Schatten des Allee Centers. Sie ist eine, die sich getraut hat, denn der Trend ist eher rückläufig.

Eine Frau steht in der Tür eines Geschäftes
Die 26-jährige Betsy Peyman betreibt seit diesem Jahr ein Geschäft in der Innenstadt. Bildrechte: Matthias Piekacz

Die Magdeburger Innenstadt hat mit Leerstand zu kämpfen. In direkter Umgebung von Betsy Peyman stehen vier Schaufenster leer, dabei würde sich die 26-jährige Inhaberin über Nachbarschaft sehr freuen: "Ich würde mir einfach wünschen, dass noch mehr Geschäfte direkt neben uns kommen, einfach damit die Attraktivität des Breiten Wegs erhöht wird. Meinetwegen auch noch ein Bekleidungsgeschäft in unserem Stil." Aufenthaltsqualität – das will Betsy Peyman nicht nur mit ihrem Laden alleine vermitteln, sondern eben auch für den Breiten Weg und die Innenstadt insgesamt.

Stichwort: Aufenthaltsqualität

Das wünschen sich auch die Menschen in Magdeburg für ihr Zentrum. Ein Magdeburger erinnert sich zurück: "Gerade der Breite Weg ist ja eine große Geschäftsstraße gewesen schon damals, also das ist wirklich schade". Auf einer der schönsten Barockstraße Deutschlands reihten sich einmal viele Geschäfte aneinander, sogar für Autos war die ganze Strecke komplett befahrbar. Heute sei davon nicht mehr viel zu spüren, dieser Meinung ist zumindest eine Magdeburgerin, die über den Breiten Weg spaziert. "Ich würd‘s schöner finden, wenn hier mehr Abwechslung wäre. Vielleicht fehlen hier aber auch einfach die Flecken, wo man sich mal einen kleinen Snack oder eine Erfrischung holt, das hat man ja hier gar nicht", so die Magdeburgerin, die mit vollgepackten Einkaufstüten aus dem Allee Center kommt. Das große Einkaufszentrum macht es für den Einzelhandel auf dem Breiten Weg schwer, vermutet sie.

Einkaufszentren: Phänomen einer Druckwelle

Auch der Regionalvertreter des Immobilienverbandes Deutschland, Mitte-Ost, Robert Vesely, sieht eine Verbindung zwischen dem Leerstand auf dem Breiten Weg und dem Allee Center.

Das Allee Center ist Fluch und Segen zugleich. Zum einen ist es natürlich so, dass man komfortabel viele Geschäfte auf einem Fleck findet. Zum anderen ist die Vielfalt natürlich nicht gegeben, weil wir keine lokalen Anbieter haben. Die Geschäfte außerhalb des Centers zu legen ist eine Herausforderung, weil das Center eben viele Kunden abzieht.

Robert Vesely, Immobilienmakler

Der Magdeburger beschreibt dieses Phänomen mit einer Druckwelle. Im Inneren des Centers findet man die heiß umkämpften Geschäfte, deren Mieten zwar hoch sind, aber durch die Lage eine Menge Laufkundschaft anziehen. Je weiter man sich von diesem Inneren entfernt, also außerhalb des Centers, desto weniger wird diese Laufkundschaft.

Eine große unbebaute Gruenflaeche in der Magdeburger Innenstadt
Das Allee Center vereint viele Geschäfte auf einem Fleck. Bildrechte: MDR/Pia Uffelmann

Dennoch hat ich Betsy Peymann im Schatten des Allee Centers mit ihrem Geschäft niedergelassen. Sie bietet in ihrem "Bekleidungsgeschäft mit Aufenthaltsqualität" neben Kaffeespezialitäten auch noch fair gehandelte und nachhaltige Mode an. Für sie stand die Innenstadt zwar schnell als Standort fest, jedoch weiß sie auch um die Gründe, die viele Jungunternehmer und Geschäftsinhaber eher woanders hin verschlägt. "Vielleicht kommt man gar nicht so darauf mit seinem Geschäft direkt ins Zentrum zu gehen. Viele schauen in Stadtteile wie zum Beispiel Stadtfeld oder Buckau. Denn vielleicht traut man sich das im ersten Moment gar nicht zu, schließlich spielt dann auch eine Rolle 'Was kostet das Mietobjekt im Zentrum?' und 'Hab ich da irgendwie als kleiner inhabergeführter Laden überhaupt eine Chance?'"

Vesely: Mieten werden Einzelhandel zurückdrängen

Die Mietpreise sind auch für Robert Vesely ein entscheidender Faktor in der Diskussion um den Leerstand in der Innenstadt: "Dass die Läden leer stehen, hängt letztlich mit den zu erzielenden Mietpreisen ab. Die Mietpreise, die dort mitunter gefordert werden, sind für einen Lokalpatrioten nicht darstellbar." Vesely, der selbst als Immobilienmakler in Magdeburg und Umgebung tätig ist, weist aber auch auf die steigenden Marktpreise für Eigentümer dieser lukrativen Objekte im Zentrum hin. Hier noch günstige Mieten anzubieten ist also fast nicht mehr möglich. "Auf Grund dessen wird der stationäre Einzelhandel weiter zurück gehen", prognostiziert der Magdeburger.

Großes Problem für den Einzelhandel: die Baustellen

Blick auf eine Großbaustelle, auf der ausgegossene Bohrlöcher den Weg in einen Tunnel weisen
Die große Baustelle für den City-Tunnel macht es Menschen, die ins Zentrum wollen, nicht gerade einfach. Bildrechte: MDR/Heike Bade

Noch ein Aspekt, der vielen kleinen Geschäften schwer zu schaffen macht, sind die vielen Baustellen in der Stadt. Vesely meint: "Viele dieser Unternehmen können es sich nicht leisten über mehrere Monate, da wo eine Baustelle ist, ihr Geschäft aufrecht zu erhalten."

Auch der Wirtschafts- und Tourismusbeigeordnete der Stadt, Rainer Nitsche, weiß von vielen Geschäften in Stadtfeld, die sich über die City-Tunnel-Baustelle beklagen. Hier entstehen Umsatzeinbußen und das müsse verhindert werden.

Also die Baustellen wirken sich in der Tat negativ aus und deswegen müssen wir besondere Anstrengungen unternehmen und natürlich auch darauf schauen, dass das Baustellenmanagement so gut wie möglich funktioniert.

Rainer Nitsche, Wirtschafts- und Tourismusbeigeordneter der Stadt Magdeburg

Allerdings seien die Baustellen nun einmal nötig. Zum Leerstand meint er: "Wir haben Leerstände im Zentrum, auch in ganz markanten 1A-Lagen und wir haben Leerstände in den Geschäftszentren, und beides wollen wir nicht hinnehmen." Dramatisch sei die Situation zwar noch nicht, aber falls sich nichts ändere, befürchtet Nitsche, werde der Leerstand das Stadtbild bestimmen.

Ideen gegen den Leerstand

Sabrina Gottschalk
Sabrina Gottschalk kümmert sich seit diesem Sommer um den Leerstand in der Magdeburger Innenstadt. Bildrechte: privat

So weit wollte es die Stadt nicht kommen lassen. Vor zwei Jahren wurde vom Stadtrat entschieden, dass eine Stelle für Leerstandsmanagement entstehen soll. Sabrina Gottschalk hat diesen Posten nun im Juli 2019 angetreten. Neben dem Austausch mit Menschen aus dem Stadtteilmanagement und anderen Städten, möchte Gottschalk mit einem Onlineportal gegen leere Schaufenster in der Innenstadt vorgehen. So sollen Eigentümer, Vermieter und Nutzungsinteressierte zusammengebracht werden und über Vermietungsmöglichkeiten informiert werden. Die sind vielfältiger als gedacht.

Eine Vollvermietung wäre natürlich die beste Option für einen Eigentümer. Wenn das nicht gelingt, könne man leere Geschäftsräume aber auch für eine Zwischenraumnutzung zum Beispiel jungen Start-Up-Unternehmen zur Verfügung stellen. Bei dieser Art der Vermietung werden die Mietobjekte preisgünstiger angeboten, allerdings nur für einen begrenzten Zeitraum. Damit sich dies für alle Parteien lohne, müsse aber die Wirtschaftsförderung der Stadt finanziell helfen, so Rainer Nitsche. Er schwärmt in diesem Zusammenhang von den studentischen Projekten, die so eine Zwischenraumnutzung bereits auf dem Nordabschnitt des Breiten Weges in Anspruch nehmen.

In Magdeburg stehen viele Geschäfte leer

Der Einzelhandel in Magdeburg hat es schwer. Die vielen Baustellen vertreiben derzeit die Kunden, hinzu kommt das Onlinegschäft. Doch es gibt einige Einzelkämpfer, und auch die Stadt hat das Problem erkannt.

Breiter Weg Magdeburg, historisch
Der Breite Weg in Magdeburg war vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg die einstige Pracht- und Einkaufsstraße von Magdeburg. Bildrechte: imago/Arkivi
Breiter Weg Magdeburg, historisch
Der Breite Weg in Magdeburg war vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg die einstige Pracht- und Einkaufsstraße von Magdeburg. Bildrechte: imago/Arkivi
Leerstehende Geschäftsräume
Ausgerechnet hier stehen heute etliche Geschäfte leer. Bildrechte: Viktoria Schackow
Leerstehende Geschäftsräume
Zum Teil sind die Geschäfte schon monatelang unbenutzt. Bildrechte: Viktoria Schackow
Leerstehende Geschäftsräume
Eigentlich liegen die Läden in bester Lage. Bildrechte: Viktoria Schackow
Eine Frau steht in der Tür eines Geschäftes
Eine, die dem Leerstand trotzt, ist Bets Peymann ... Bildrechte: Matthias Piekacz
Blick in einen Bekleidungsladen
... sie hat auf dem Breiten Weg ein modernes Bekleidungsgeschäft eröffnet. Bildrechte: Markus Köpke
Robert Vesely
Der Regionalvertreter des Immobilienverbandes, Robert Vesely, meint, eine Herausforderung seien große Einkaufscenter. Bildrechte: die immobilie
Rainer Nitsche
Der Wirtschafts- und Tourismusbeigeordnete der Stadt, Rainer Nitsche, hat das Problem erkannt und setzt auf die Leerstandsmanagerin ... Bildrechte: Dirk Mahler
Sabrina Gottschalk
... diese neue Stelle hat seit Mitte 2019 Sabrina Gottschalk in Magdeburg.

Die Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 24.09.2019 | 09:30 Uhr

Quelle: MDR/jw
Bildrechte: privat
Alle (9) Bilder anzeigen

Stichwort: Zwischenraumnutzung

Auch die Vermietung von Schaufenstern wäre denkbar, bei der Produkte oder Unternehmen für einen gewissen Zeitraum vorgestellt werden können. Der Wirtschafts- und Tourismusbeigeordnete sieht das Prinzip der Zwischenraumnutzung als "Win-Win Situation", bei der die Stadt, die Eigentümer und die Nutzer von der Situation profitieren. Die Stadt kann so unschönen Leerstand vermeiden; Eigentümer haben, trotz weniger Mieteinnahmen, immer eine Nutzung für die Geschäftsräume, und die Nutzer können den Raum vielfältig und flexibel nutzen.

Leerstehende Geschäftsräume
In Magdeburg gibt es ein Leerstandsmanagement der Stadt. Bildrechte: Viktoria Schackow

Rainer Nitsche sieht in der Arbeit von Sabrina Gottschalk großes Potential für die Stadt: "Also ich sehe die Arbeit unserer Leerstandsmanagerin vielleicht als Einstieg für ein noch größeres Vorhaben, nämlich das Vorhaben eines Citymanagers oder einer Citymanagerin". So könnten verschiedene Interessengruppen, wie zum Beispiel die IG Innenstadt oder IG Hasselbachplatz, besser vereint und koordiniert werden. Auch Veranstaltungen wie das Kaiser-Otto-Fest könnten regelmäßiger stattfinden und das Geschäftszentrum positiv prägen. Nitsche ist sehr froh über diese neue Stelle und findet, dass eine erfolgreiche Arbeit der Leerstandsmanagerin der Ausgangspunkt für vieles mehr sein kann.

Quelle: MDR/vs/jw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | MDR SACHSEN-ANHALT | 24. September 2019 | 09:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. September 2019, 17:33 Uhr

13 Kommentare

Eulenspiegel vor 2 Wochen

Also ich wohne am Rande einer Großstadt und bin mit der U-Bahn genau so schnell in der Innenstadt wie mit dem Auto. Und alle Großstädte die ich kenne haben ein gutes öffentliches Verkehrsmittel mit dem man schnell und günstig in die Innenstadt kommt. Und die erforderlichen park and ride Parkplätze sind auch vorhanden und auch noch kostenlos. Aber die Dorfdeppen bilden sich ja ein sie hätten einen Rechtsanspruch auf einen Parkplatz in der Innenstadt direkt vor dem Geschäft in dem sie einkaufen wollen. Was sie aber damit den Stadtbewohnern damit antun interessiert sie gar nicht. Das es in jeder Großstadt Straßenzüge gibt in dem die Bewohner ertragen müssen das täglich 20 000 Autos direkt an ihrem Schlafzimmerfenster vorbei fahren. Und diese Dorfdeppen tragen einen großen Anteil dazu bei.

aus Elbflorenz vor 2 Wochen

Mit dem Online-Handel ist es eine Art Teufelskreislauf:
Der Marktanteil steigt und das Angebot in den Städten wird immer kleiner und damit unattraktiver. Gerade bei weiteren Anreisen stellt sich dann die Frage, ob sich die Fahrt in die Stadt überhaupt noch lohnt. Zudem sind wir mittlerweile gewohnt, aus einer riesigen Angebotspalette wählen zu können, was der stationäre Handel einfach nicht bieten kann.

Trotzdem kaufe ich (als Großstädter) vorrangig im stationären Handel. Ich möchte lebendige Städte und ich kann die Waren auch real in Augenschein nehmen. Ich muss auch nicht immer das Optimum kaufen, das konnte man früher auch nicht.

Magdeburg viel Glück mit seinem Vorhaben!

Ekkehard Kohfeld vor 2 Wochen

"Aber die meisten Bewohner des ländlichen Raumes wünschen sich doch den zügigen Ausbau des öpnv. Was natürlich nur Sinn machen würde wenn er auch benutzt wird."

Würde,hatte,könnte ist das alle was sie liefern können?
Hätte,hätte Fahrradkette.
Hatte der Fuchs nicht geschissen hätte er den Hasen gefangen,wenn wohlen sie mit so ein Gesülze überzeugen,das hören wir doch schon seit über 40 Jahren,nur ändern tut sich nichts.

Mehr aus Magdeburg, Börde, Salzland und Harz

Mehr aus Sachsen-Anhalt