Baukräene über der Magdeburger Innenstadt
In Magdeburg wird derzeit an vielen Stellen gleichzeitig gebaut – Sperrungen sind damit unausweichlich. Bildrechte: imago/Christian Schroedter

Problem in der Innenstadt Baustellen-Frust bei Magdeburger Unternehmern

Längere Wege, weniger Kunden – für viele Unternehmen und Händler ist Magdeburg durch seine vielen Baustellen ein massives Problem. Oft erfahre man erst beim Blick durchs Schaufenster von neuen Baustellen. Die Stadt rechtfertigt sich und bald könnte es auch einen Baustellen-Koordinator geben. Großprojekte werden aber auch in den nächsten Jahren für Behinderungen sorgen.

Christine Warnecke
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von Christine Warnecke, MDR SACHSEN-ANHALT

Baukräene über der Magdeburger Innenstadt
In Magdeburg wird derzeit an vielen Stellen gleichzeitig gebaut – Sperrungen sind damit unausweichlich. Bildrechte: imago/Christian Schroedter

Matthias Rasch muss seine Angestellten dieser Tage immer wieder beruhigen. Die Fahrer seiner Reinigungsfahrzeuge kommen häufig nur schwer durch die Stadt, brauchen für eine Tour deutlich länger als sonst – wegen der vielen Baustellen in Magdeburg. "Da muss ich viel mit ihnen reden, den Druck rausnehmen", erklärt Rasch, "die Fahrer können ja nichts für die Situation."

Entsorgungs-Unternehmer: "Es ist ein Drama"

Matthias Rasch, Unternehmer Magdeburg
Matthias Rasch hat die Rasch-Reinigung selbst aufgebaut und Probleme, seine Aufträge zügig zu erfüllen. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Oft schaffen sie nur noch 60 oder 70 Prozent ihrer Touren, erklärt Rasch, der das Unternehmen selbst aufgebaut hat. Deswegen habe er vier neue Lkw angeschafft und mehr Personal eingestellt – eine finanzielle Mehrbelastung, die so nicht geplant war, aber nötig ist. "Sie brauchen einfach mehr Zeit durch Magdeburg, es ist ein Drama. Wenn dann noch ein Unfall oder Stau auf der Autobahn ist und die Stadt zur Umleitung wird, ist hier völlig landunter", so der gebürtige Magdeburger.

Dabei profitiert er eigentlich sogar von den Baustellen: Denn wo gearbeitet wird, gibt es viel Schutt zu entsorgen. Auch darum kümmert sich die Rasch-Reinigung. Doch nun sind es so viele Baustellen, dass sie die Leistungen nicht wie gewohnt erbringen kann. "Dass sich etwas entwickelt, ist ja gut", resümiert der Chef, "aber man hat den Eindruck, dass das oft unkoordiniert passiert." Seit 28 Jahren kümmert er sich um Entsorgung, Verwertung und Reinigung – aber so viele Bauarbeiten gleichzeitig hat er noch nicht erlebt.

IG Innenstadt beklagt Kunden-Rückgang

Längere Wege haben auch Kunden, die einkaufen oder sich entspannen wollen. "Im ersten halben Jahr 2019 haben wir rund elf Prozent weniger Kunden in der Innenstadt", resümiert Arno Frommhagen. Er ist Sprecher der Interessengemeinschaft (IG) Innenstadt, leitet aber auch unter anderem das Café Flair, das mit dem Blauen-Bock-Neubau und der Sanierung der Straßenbahn-Trasse im Breiten Weg gleich zwei Großprojekte vor der Nase hat. Zwar habe es im August dieses Jahres 22 Prozent mehr Kunden als zum Vorjahresmonat gegeben – aber das sei nur eine Momentaufnahme, bedingt durch verschiedene Veranstaltungen in der Stadt. "Wir merken insgesamt, dass die Innenstadt gemieden wird."

Arno Frommhagen - Unternehmer IG Innenstadt Magdeburg
Arno Frommhagen Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Wir appellieren an die Stadt und die kommunalen Unternehmen wie SWM und MVB, sensibler mit Sperrungen umzugehen, sich besser abzustimmen. Und auch wenn es zu höheren Kosten kommt: Dann muss man die Bauzeiten zum Beispiel mit einem Zwei-Schicht-System verkürzen.

Arno Frommhagen, Sprecher der Interessengemeinschaft (IG) Innenstadt

Vor allem, dass so viele Projekte gleichzeitig begonnen werden, nervt Frommhagen und die Mitglieder der IG. An die Citytunnel-Baustelle haben sie sich schon gewöhnt, doch immer neue Sperrungen kommen dazu: ob auf der Schönebecker Straße stadteinwärts, an der Kreuzung Walther-Rathenau-/Gustav-Adolf-Straße an der Festung Mark in den Ferien, in der Lübecker Straße am Neustädter Bahnhof, der Nordabschnitt des Breiten Wegs oder in der Wiener und Raiffeisenstraße – große Baustellen, die teils noch Jahre bestehen werden. Die Sorgen über die Entwicklung hat die IG Innenstadt auch in einem offenen Brief formuliert. Dabei sei Magdeburg insgesamt auf einem guten Weg, "blühe auf" und habe eine gewisse Sogwirkung entwickelt.

Stadt hält Kritik teilweise für gerechtfertigt

Die Stadt sieht die Kritik nur in Teilen als gerechtfertigt an. In der Antwort auf den offenen Brief der IG Innenstadt verweist sie darauf, dass es etwa eine Vereinbarung über eine verstärkte öffentliche Information, Plakate und Wegehinweise rund um die Tunnelbaustelle gegeben habe. Auch die MVB hätten über die Baumaßnahmen im Breiten Weg und an der Kreuzung Walther-Rathenau-Straße/Gustav-Adolf-Straße hingewiesen: mit einem Schreiben an die IG im April, einer Info-Veranstaltung im Juni, einer umfangreichen Pressemitteilung und per Postwurfsendung an die Anlieger. Die Sorge der IG Innenstadt werde sensibel aufgenommen, heißt es.

Jedoch seien viele Projekte abhängig von Fördermitteln, die zeitlich gebunden sind. Außerdem: "Eine Verzögerung einzelner Baumaßnahmen zur besseren Koordinierung hätte zum Beispiel zu erheblichen Problemen beim Öffentlichen Personennahverkehr mit der konkreten Gefahr von Havarien und Problemen bei wichtigen Bauvorhaben, wie zum Beispiel beim Blauen Bock und im Domviertel, geführt", erklärt die Stadt Magdeburg.

Verkehrsbehinderungen Baustellen-Chaos in Magdeburg

Baustellen in Magdeburg im Juli 2019
Es ist eine der größten Bauprojekte in Magdeburg: der Tunnelbau am Damaschkeplatz. Bildrechte: Wenzel Oschington
Baustellen in Magdeburg im Juli 2019
Es ist eine der größten Bauprojekte in Magdeburg: der Tunnelbau am Damaschkeplatz. Bildrechte: Wenzel Oschington
Baustellen in Magdeburg im Juli 2019
Durch die Arbeiten ist auch eine zentrale Verkehrsader, die Ernst-Reuter-Allee, am Bahnhof vollgesperrt. Bildrechte: Wenzel Oschington
Baustellen in Magdeburg im Juli 2019
Auch Fußgänger und Radfahrer werden durch die Baustelle eingeschränkt und müssen durch den Bahnhof gehen, um in die Innenstadt zu gelangen. Bildrechte: Wenzel Oschington
Baustellen in Magdeburg im Juli 2019
Auch am Nordabschnitt des Breiten Weges gibt es für die Straßenbahnen momentan kein Durchkommen. Bildrechte: Wenzel Oschington
Baustellen in Magdeburg im Juli 2019
Hier wird das Gleisbett erneuert und der öffentliche Nahverkehr als Folge umgeleitet. Bildrechte: Wenzel Oschington
Baustellen in Magdeburg im Juli 2019
Mehr als 35 Baustellen gibt es momentan im Stadtgebiet von Magdeburg. Bildrechte: Wenzel Oschington
Baustellen in Magdeburg im Juli 2019
Einschränkungen beim ÖPNV gibt es auch auf der Lübecker Straße. Hier finden ebenfalls Gleisarbeiten statt, wodurch eine Fahrtrichtung komplett gesperrt ist. Bildrechte: Wenzel Oschington
Baustellen in Magdeburg im Juli 2019
Weiter nördlich an der Lübecker Straße ist es auch kein Durchkommen für Autofahrer – hier ist die Einfahrt zur Ritterstraße gesperrt. Bildrechte: Wenzel Oschington
Baustellen in Magdeburg im Juli 2019
Ein weiterer Verkehrsknoten, an dem kräftig gebaut wird: die Kreuzung Gustav-Adolf-Straße/Jakobstraße. Bildrechte: Wenzel Oschington
Baustellen in Magdeburg im Juli 2019
Das hat zur Folge, dass sich der Verkehr vom Tunnel und Universitätsplatz kommend regelmäßig staut. Bildrechte: Wenzel Oschington
Baustellen in Magdeburg im Juli 2019
Für Lastwagen wird es hier eng: An der Schönebecker Straße im Stadtteil Buckau ist der Verkehr auch eingeschränkt. Bildrechte: Wenzel Oschington
Baustellen in Magdeburg im Juli 2019
Ebenfalls in Buckau: Die Vollsperrung auf der Warschauer Straße, aufgrund des Neubaus der Straßenbahntrasse. Bildrechte: Wenzel Oschington
Baustellen in Magdeburg im Juli 2019
Auf der Raiffeisenstraße treffen Verkehrsteilnehmer auch auf Einschränkungen... Bildrechte: Wenzel Oschington
Baustellen in Magdeburg im Juli 2019
... denn hier wird eine weitere neue Straßenbahntrasse gebaut. Bildrechte: Wenzel Oschington
Baustellen in Magdeburg im Juli 2019
Wer nach Stadtfeld-Ost einfährt, trifft auf dieses Bild. Hier wird auf der Liebknechtstraße am Kanal gebaut. Bildrechte: Wenzel Oschington
Baustellen in Magdeburg im Juli 2019
Eine weitere Baustelle in Stadtfeld-Ost befindet sich am Westring zwischen Schleiermacherstraße und Große Diesdorfer Straße. Bildrechte: Wenzel Oschington
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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 15. Juli 2019 | 09:30 Uhr

Baustellen in Magdeburg im Juli 2019
Bildrechte: Wenzel Oschington

Mit weiteren Einschränkungen ist zu rechnen

Mit einer Entspannung der Situation ist in absehbarer Zeit aber nicht zu rechnen. Das geht aus einem Antrag der CDU- und FDP-Fraktion im Stadtrat hervor, den der Baubeigeordnete Dieter Scheidemann unterschrieben hat. Darin heißt es: "Mittelfristig ist ein Rückgang im Koordinierungsbedarf nicht in Aussicht." Die Arbeiten für die zweite Nord-Südverbindung der Straßenbahn und den Strombrücken-Ersatz sind bereits angeschoben, hinzu werden noch die Sanierung des Magdeburger Rings Höhe Sudenburger Wuhne, die Pettenkofer Brücke, die Oebisfelder Brücke und die Bahnbrücke am Neustädter Bahnhof kommen. "Daher werden die Großprojekte in der Stadt noch mehr als ein Jahrzehnt andauern", schreibt Scheidemann. Deshalb solle ein "Baustellenkoordinator" eingesetzt werden, bei dem alle Informationen über Bauvorhaben landen. 2016 gab es diese Idee schon einmal, nun soll der Stadtrat im November darüber entscheiden.

Trotz allem gibt es auch positive Entwicklungen

Bei allen Sorgen und Einschränkungen, die das Magdeburger Geschäftsleben aktuell trüben, gibt es auch Lichtblicke und Optimisten. Die Betreiber eines Waffel-Ladens etwa, der durch die Tunnelbaustelle (noch) am Ende einer Fußgänger-Sackgasse liegt. Durch Zufall dürften sich die wenigsten Kunden dorthin verirren. Die Betreiber wussten das, die Baustelle war bereits da, als sie eröffneten.

Ein anderes Beispiel ist "Betsy" Peymann, eine junge Frau, die zum Studieren nach Magdeburg kam und nun ihren eigenen Laden mit fair gehandelter Kleidung und einer kleinen Kaffee-Ecke im Breiten Weg eröffnet hat. "Natürlich gibt es Barrieren", sagt sie, "aber am Ende lohnt es sich, denn die Magdeburger haben Lust auf Neues."

Christine Warnecke
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über die Autorin Christine Warnecke ist gebürtige Niedersächsin und arbeitet seit September 2017 bei MDR SACHSEN-ANHALT für die Radio- und Online-Redaktion, insbesondere das Studio Magdeburg. Davor hat sie in Praktika bei der Bild-Zeitung Hannover, bei Radio mephisto 97.6 und der Zeitung "Costa del Sol"-Nachrichten in Spanien Erfahrung gesammelt. Sie studierte Journalistik an der Universität Leipzig und volontierte bei der Neuen Westfälischen Zeitung in Bielefeld. Nach diesem Abstecher in den Teutoburger Wald fühlt sie sich nun fast überall nahe der elbischen Fluten wohl.

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Leerstehende Geschäftsräume
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Quelle: MDR/ap

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 15. Oktober 2019 | 09:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2019, 13:49 Uhr

8 Kommentare

jackblack vor 4 Wochen

An F.Sch. : Das liegt möglicherweise an der Unterführung am Buckauer Bahnhof, aber trotzdem wäre die Fertigstellung Raiffeisenstr. eine ENLASTUNG für Autofahrer !!!

F.Sch. vor 4 Wochen

Auf der Großbaustelle Schönebecker Str./ Raiffeisenstr. passiert seit Wochen so gut wie nichts! Wenn man den Baustart Straßenbahnerweiterung Wiener Str. bis zum vorrausichtlichen Ende betrachtet, kommt man wohl auf 5 oder 6 Jahre. Magdeburg bekommt hier aber keine U-Bahn! Es ist einfach unglaublich.

C.T. vor 4 Wochen

Das etwas "gemacht" werden muss steht außer Frage. Das Problem ist die Umsetzung. Die Stadt ist nicht in der Lage einen zumutbaren Verkehrsfluss aufrecht zu erhalten. Keine Abstimmung - überall wird gleichzeitig drauflos gebuddelt. Man schafft es nichteinmal die Schaltintervalle der Ampelanlagen an veränderte Bedingungen anzupassen. Totale Unfähigkeit/ Desinteresse - mehr fällt mir dazu nicht ein. Hinzu kommen noch die im internationalen Vergleich absolut unterirdisch langen Bauzeiten bei öffentlichen Projekten. Der billigste bekommt den Zuschlag - das bekommt man hier täglich zu spüren...

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