Innenstadt Magdeburg streitet ums Draußensitzen

Leonard Schubert
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Seit 2018 diskutiert der Stadtrat Magdeburg, welche neuen Bänke auf Domplatz gehören. Bislang ergebnislos. Günstige Übergangslösungen wurden blockiert. Ähnlich mühsam läuft die Debatte, ob in der Sternstraße übergansgweise mehr Platz für Außengastronomie geschaffen werden darf. Wieso ist die Entscheidung über Sitzflächen so kompliziert? Einblick in einen Sitzstreit.

Eine helle Holzbank mit Lehne steht auf dem Magdeburger Domplatz vor einer Infotafel.
Die Debatte um die neuen Domplatzbänke hält an. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Im Sommer von Wasserfontänen umspielt, im Winter von der Lichterwelt erhellt, lädt der Domplatz in Magdeburg mit Deluxe-Blick auf Dom und Landtag Besucher und Anwohner zum Verweilen ein – eigentlich. Denn bequeme Sitzgelegenheiten sucht man dort (noch) vergebens.

Bereits seit Dezember 2018 diskutiert der Stadtrat in Magdeburg darüber, wie Ersatz aussehen soll, für die Bänke, die es gibt, die aber unbequem und teils marode sind. Bisher wurde aber lediglich ein einzelner neuer Bankprototyp aufgestellt. Der steht zwischen Bänken ohne Lehne aus den sechziger Jahren und Bänken, die die Stadt als unbequem bezeichnet, weil "Sitzhöhe und Neigungswinkel der Rückenlehne nicht korrekt" seien. Warum die Anschaffung neuer Bankvarianten so lange dauert? Scheinbar hängt das unter anderem damit zusammen, dass die Bänke eine Vielzahl an Kriterien erfüllen sollen, über die sich die Fraktionen im Stadtrat einigen müssen. Dabei geht es um verschiedene Stile, Kosten, Funktionalität, das Gesamtkonzept Domplatz, Hersteller, Nachhaltigkeit... Sogar private Initiativen versuchen schon, Vorschläge einzureichen und Banksponsoren zu gewinnen.

Zwei Braune Bänke ohne Lehne und eine Doppelbank mit einer senkrecht stehenden Lehne stehen auf dem Magdeburger Domplatz.
Die alten Bänke auf dem Domplatz gelten als unbequem und müssen zum Teil ersetzt werden. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Kriterien für passende Bänke

Aus verschiedenen Protokollen und Anträgen in Stadtratssitzungen geht hervor, dass die Fraktionen verschiedene Vorstellungen haben, welche Kriterien bei den Bänken unter anderem bedacht werden sollen. Laut den Unterlagen werden in die Diskussionen unter anderem folgende Punkte einbezogen:

Die Bänke sollten am besten...

- bequem sein und zum Verweilen einladen
- zum architektonischen und denkmalpflegerischen Konzept des Domplatzes und den bisherigen Bänken passen
- den Domplatz als große Freifläche für Veranstaltungen belassen
- nicht zu viel kosten (aktuell diskutierte Bankvarianten kosten zwischen 1.800 und 5.000 € pro Stück)
- leicht reparierbar sein
- schwer genug sein, um nicht gestohlen zu werden
- leicht genug sein, um nötigenfalls verstellt zu werden

Sitzmöbel "Enzi" als Übergangslösung abgelehnt

Der Vorschlag der Fraktion Grüne/Future im Stadtrat, bis zur endgültigen Entscheidung übergangsweise die Sitzmöbel "Enzi" auf dem Domplatz aufzustellen, die sich seit dem Freiraumlabor auf dem Breiten Weg in Besitz der Stadt befinden, wurde abgelehnt. Sandra Yvonne Stieger, Beigeordnete für Wirtschaft, Tourismus und regionale Zusammenarbeit, begründete dies unter anderem damit, dass die Sitzgelegenheiten im Widerspruch zur denkmalpflegerischen Zielstellung des historischen Domplatzes stehen würden.

Mit anderen Worten: Große, orangefarbene Sitzschalen passen ihrer Meinung nach nicht auf den Domplatz, auch nicht übergangsweise. Begründet wurde dies auch damit, dass der Domplatz als Freifläche erhalten bleiben und nicht mit zusätzlichen Möbeln vollgestellt werden soll. Dabei waren die "Enzis" nach Angaben der Stadt ein vielgelobtes Highlight des Freiraumlabors auf dem Breiten Weg. Laut Internetseite der Stadt Magdeburg sagte eine Passantin etwa: "Die Möbel sind toll und ich habe wirklich mehr Lust, in die Stadt zu gehen. Überall kann man sitzen, liegen und spielen".

Das sind "Enzis"

"Enzi" sind Sitzmöbel, die transportabel sind und bei Bedarf umgestellt oder auch wieder entfernt werden können. Sie wurden von den Architekten Anna Popelka und Georg Poduschka für den Innenhof des MuseumsQuartier in Wien in Wien entworfen. Der Name bezieht sich auf Daniela Enzi, die ehemalige Prokuristin im MuseumsQuartier in Wien.

Die offene Bühne steht allen zur Verfügung
Die Sitzmöbel "Enzi" erfreuten sich auch in Magdeburg während des Freiraumlabors im Breiten Weg großer Beliebtheit. Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

Antrag soll mehr Außengastronomie in der Sternstraße ermöglichen

Die Sternstraße ist eine der wenigen Kneipenstraßen in Magdeburg. Auch hier geht es derzeit um mehr Sitzmöglichkeiten. Die Gastronomiebetriebe auch dort haben durch Corona starke Einbußen erfahren. Um sie zu entlasten, hat die SPD-Fraktion nun einen Antrag in den Stadtrat eingebracht, der mehr Außengastronomie ermöglichen soll. Er sieht vor, in der Sternstraße auf Höhe der Bölschestraße bis Höhe der Geißlerstraße Parklücken übergangsweise als Sitzflächen für die Gastronomiebetriebe zur Verfügung zu stellen. Dafür sollen die äußeren Fahrspuren zu Parkplätzen werden. Autos und Straßenbahnen sollen sich die inneren Fahrspuren teilen. Über den Antrag wird am 8. Oktober im Stadtrat abgestimmt.

Das Problem: Verschiedene Bars und Gastronomiebetriebe hatten schon im Frühjahr darum gebeten, die Parklücken zum Verkauf nutzen zu dürfen, aber keine offiziellen Genehmigungen erhalten. Nun ist schon Herbst und Temperaturen und Wetter sind weniger einladend, um abends lange draußen zu sitzen.

Blick die Sternstraße von der Straßenmitte herunter. Links und rechts Parkbuchten, in der Straßenmitte Schienen. An den Seiten große Altbauten
Die Parkbuchten links und rechts in der Sternstraße könnten bald übergangsweise zum Gastronomiebereich umfunktioniert werden. Die Autospuren würden dann neue Parkflächen, die Autos müssten auf den Straßenbahnspuren in der Mitte fahren. So schlägt es die SPD im Stadtrat vor. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Draußensitzen – nicht nur in Magdeburg ein Streitfall

Magdeburg scheint, wenn es um das Problem von Sitzflächen geht, nicht die einzige Stadt zu sein, die über Probleme stolpert. Die Satiresendung Extra3 etwa hat in der Rubrik "realer Irrsinn" eine ganze Sendereihe zum Thema "Deutsche Städte und ihre Bankprobleme" gedreht, etwa in Köln, Paderborn oder Travemünde.

Leonard Schubert
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Leonard Schubert arbeitet seit Februar 2020 in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Seine Interessensschwerpunkte sind Politik, Umwelt und Gesellschaft. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er beim Charles Coleman Verlag, für das Outdoormagazin Walden und beim ZDF.

Nebenher arbeitet er an seinem Masterabschluss in Friedens- und Konfliktforschung. Über den Umweg Leipzig kam der gebürtige Kölner 2016 nach Magdeburg, wo er besonders gern im Stadtpark unterwegs ist. In seiner Freizeit steht er mit großer Leidenschaft auf den Poetryslambühnen Sachsen-Anhalts oder sitzt mit einem Eisbärbier am Lagerfeuer, irgendwo in Skandinavien.

Quelle: MDR/ls

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 09. Oktober 2020 | 17:30 Uhr

7 Kommentare

Denkschnecke vor 7 Wochen

Warum die Enzis sogar provisorisch den Denkmalschutz schlimmer verletzen als jeden Sommer drei Monate Bauzaun für eine Musicalbühne, das verstehe wer will.

Wenzel vor 7 Wochen

Die alten Bänke ohne Lehne sind schon okay. Einfach mal wieder aufmöbeln und fertig. Außerdem sind die gerade so schwer bzw. leicht, dass man sie nicht weit weg schleppen bzw. etwas umstellen kann z.B. in den Schatten oder in die Sonne.
Bei Bänken mit Lehne wird sich oft oben auf die Lehne gesetzt und mit den dreckigen Schuhen auf die Sitzfläche gestellt. Das braucht keiner.
Aber die Wasserspiele auf dem Domplatz sind doch genial oder?! Und die Bäume rundherum erst! Zum Glück haben sich letztens die MagdeburgerInnen für deren Erhalt dort "angekettet". Im Stadtrat hat man auch nicht immer den Durchblick ... kommt vor ... sind ja auch nur Menschen.

Grosser Klaus vor 7 Wochen

Am besten verschiedene Banktypen aufstellen und die zukünftigen Banknutzer entscheiden lassen. Im Übrigen kann die Stadtverwaltung Magdeburg auch sehen, welche Bänke die praktikabelsten sind.

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