Straßenbahnen fahren durch den Breiten Weg in Magdeburg.
Zu wenig Bahnen, zu teuer: Der Magdeburger Fahrgastverband kritisiert die Magdeburger Verkehrsbetriebe. Bildrechte: MVB

Öffentlicher Nahverkehr Magdeburger Verkehrsbetriebe verlieren Fahrgäste

Die Magdeburger Verkehrsbetriebe (MVB) bekommen von Stadt und Land mehr Zuschüsse, heben jährlich die Ticketpreise an – und haben immer weniger Fahrgäste. Der Fahrgastverband kritisiert die Preispolitik und fehlenden Service. Die MVB berufen sich auf notwendige Baumaßnahmen, die den Betrieb derzeit behindern, aber langfristig verbessern sollen.

Christine Warnecke
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Christine Warnecke, MDR SACHSEN-ANHALT

Straßenbahnen fahren durch den Breiten Weg in Magdeburg.
Zu wenig Bahnen, zu teuer: Der Magdeburger Fahrgastverband kritisiert die Magdeburger Verkehrsbetriebe. Bildrechte: MVB

2015 dachte Tom Bruchholz: Schlimmer geht es kaum mehr. Er meinte damit den öffentlichen Nahverkehr in Magdeburg. "Pro Tag fielen hundert Fahrten aus, es war eine Katastrophe." Zusammen mit einigen anderen Magdeburgern gründete er daher den Fahrgastverband Magdeburg. "Aus einer Notsituation heraus", wie er sagt.

Diese Situation ist überwunden, doch die Kritik reißt nicht ab. Seit 2015 haben sich die Fahrgastzahlen der MVB um zehn Prozent reduziert, diese Zahl wurde in der letzten Stadtratssitzung bestätigt. "Ein fatales Signal in Zeiten des Klimawandels, während in den allermeisten Städten der ÖPNV zunehmend genutzt wird", findet Bruchholz.

MVB: Mehr Abokunden als zuvor

Straßenbahn der MVB unterwegs in der Innenstadt von Magdeburg
Die MVB hat nach eigenen Angaben mehr Abokunden. Bildrechte: imago/Ralph Peters

Die MVB dagegen sehen einen Grund im Kundenrückgang in der ungenauen Datenerhebung. "Die Zählung ist recht kompliziert", erklärt MVB-Pressesprecher Tim Stein. "Kunden können Tickets nicht nur über die MVB kaufen, sondern zum Beispiel auch über das Handyticket der Deutschen Bahn. Solche Tickets fließen nicht in unsere Statistik ein, da gibt ein großes Dunkelfeld."

Die MVB habe sogar mehr Abos verkauft als zuvor. Trotzdem betrage der Fahrgastrückgang 2018 im Vergleich zum Vorjahr sechs Prozent. "Der Marego-Verbund kann für uns sogar nur ein Prozent Rückgang verzeichnen. Unser Ziel ist, diese beiden Statistiken zu harmonisieren, um aussagekräftige Zahlen zu bekommen", erklärt Stein.

Fahrgastverband hat viele Verbesserungsvorschläge

Tom Bruchholz
Tom Bruchholz vom Magdeburger Fahrgastverband Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Wegen der vielen Baustellen und der Hitze, die viele Magdeburger auf das Fahrrad umsteigen ließ, sei das Jahr 2018 in punkto Fahrgastzahlen schwächer ausgefallen. Das stimme, sei aber nur ein Teil der Begründung, sagt Bruchholz vom Fahrgastverband. "Magdeburg braucht dringend neue, zusätzliche Bahnen", fordert er. Rothensee werde weiterhin nicht im Zehn-Minutentakt bedient, weil die Fahrzeuge für die Umleitungen am Hauptbahnhof gebraucht würden. Die Linie 8 sei praktisch ersatzlos eingestellt worden und es sei kein Konzept erkennbar, wie neue Kunden gewonnen werden sollten.

Die Vorschläge eines Familientickets oder 18-Uhr-Tickets seien vom Tisch gewischt worden – mit dem Hinweis, es gebe bereits ein Kleingruppenticket, berichtet Bruchholz. "Das ist mit rund 14 Euro aber zu teuer", sagt er. "Dass die Ticketpreise außerdem jedes Jahr erhöht werden, ist bei der aktuellen Baustellen-Lage nicht nachvollziehbar."

MVB-Sprecher Stein widerspricht dieser Darstellung. Er teilte MDR SACHSEN-ANHALT mit, man lasse die Vorschläge des Fahrgastbeirats der MVB und des Fahrgastverbands durch den zuständigen Verkehrsverbund marego prüfen. "Diese Ideen sind also nicht vom Tisch gewischt, ganz im Gegenteil", so Stein.

Höhere Ticketpreise wegen Investitionsstau

Tatsächlich sind die Ticketeinnahmen der MVB seit 2015 tendenziell gestiegen, von rund 28,4 Millionen Euro auf 28,8 Millionen Euro in 2018. "Wir haben einen Investitionsstau abzuarbeiten und derzeit ist das politische System so, dass sich auch die Fahrgäste daran beteiligen müssen", sagt Stein von der MVB. Das Land Sachsen-Anhalt und die Stadt Magdeburg würden aber den Großteil der Kosten tragen, zuletzt 29,9 Millionen Euro. 2015 seien es noch 21,2 Millionen Euro gewesen.

Etwas Gutes kann der Fahrgastverband aber auch feststellen: Immerhin seien zuletzt MVB-Mitarbeiter dort postiert worden, wo es viele Umleitungen gab, um den Fahrgästen bei Bedarf den Weg zu weisen. "Und prinzipiell ist es ja gut, dass investiert wird, dass erneuert und neu gebaut wird." Wenigstens in diesem Punkt sind er und die MVB sich einig.

Christine Warnecke
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über die Autorin Christine Warnecke ist gebürtige Niedersächsin und arbeitet seit September 2017 bei MDR SACHSEN-ANHALT für die Radio- und Online-Redaktion, insbesondere das Studio Magdeburg. Davor hat sie in Praktika bei der Bild-Zeitung Hannover, bei Radio mephisto 97.6 und der Zeitung "Costa del Sol"-Nachrichten in Spanien Erfahrung gesammelt. Sie studierte Journalistik an der Universität Leipzig und volontierte bei der Neuen Westfälischen Zeitung in Bielefeld. Nach diesem Abstecher in den Teutoburger Wald fühlt sie sich nun fast überall nahe der elbischen Fluten wohl.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 05. September 2019 | 09:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. September 2019, 09:42 Uhr

4 Kommentare

Wenzel vor 5 Wochen

In Wien kostet eine Jahresfahrkarte für den ÖPNV 365 € bzw. 60 € für Schüler.
In Kopenhagen ist das Hauptverkehrsmittel das Fahrrad.
In Magdeburg werden die Ticketpreise der Straßenbahn erhöht und gleichzeitig die Taktzeiten in den Schulferien um ein Drittel verringert, was einer doppelten Preiserhöhung gleichkommt. Nach Rothensee kann man nur 3x in der Stunde fahren. Zu wenig Fahrpersonal wird permanet überbeansprucht und fällt dementsprechend häufig überlastet aus.
Letztens konnte ich mit der Straßenbahn noch in 7 Min. zum Hbf fahren.
Wenn ich heute den Routenplaner frage: Wie komme ich am schnellsten zum Hbf?
Routenplaner: Laufen Sie 18 Minuten.
Sonst noch Fragen?

Ossi 65 vor 5 Wochen

Die MVB verliert Fahrgäste, nur darüber wundern brauchen die sich nicht. Zu hohe Fahrpreise, zu viele Verspätungen, schlechter Service, dreckige Bahnen. Das aber alleine ist nicht unbedingt nur die Schuld der MVB. Nein auch die Stadt hat Schuld, denn es wird immer weniger Geld in den ÖPNV gesteckt, und die MVB ist ein Städtisches Unternehmen. ÖVPNV ist immer ein Verlustgeschäft, und kann ohne Zuschüsse nicht Funktionieren, aber nur die Mehrkosten immer auf die Fahrgäste Abwälzen funktioniert auch nicht, denn die hauen irgendwann ab, wenn es zu viel wird. Meine Frau und ich Fahren mit Persönlicher Jahres Abo Karte, und damit Funktioniert es Preismäßig noch ganz gut, aber so langsam aber sicher kommt auch bei dieser Abo Karte bei mir die Finanzielle Schmerzgrenze, aber ohne Auto und Fahrrad wird uns wohl nichts weiter übrig bleiben als wie alle Fahrpreiserhöhungen weiter hinzunehmen.

MaP vor 5 Wochen

"Wir haben einen Investitionsstau abzuarbeiten und derzeit ist das politische System so, dass sich auch die Fahrgäste daran beteiligen müssen"
Und da wundert man sich, dass Fahrgäste wegbleiben?

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