#miteinanderstark Warum ein Geschäftsführer aus Magdeburg zum Erntehelfer wird

Julia Heundorf
Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

Christian Szibors Unternehmen, das Veranstaltungszentrum "Festung Mark", muss derzeit stillstehen. Aber der Leiter setzt einiges daran, seine Mitarbeiter sinnvoll zu beschäftigen und Geld reinzukriegen. Und das nicht nur für sich, sondern für die gesamte Magdeburger Kulturszene. Zum Beispiel sticht er mit seinem Team nun Spargel – anstatt den Kopf in den Sand zu stecken.

Grauhaariger Mann in Gewölbe
Christian Szibor leitet das Veranstaltungszentrum Festung Mark und wird in der Krisenzeit kreativ. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Christian Szibor war am Telefon mit einem befreundeten Musiker, als der ihm erzählt, dass – während die Mitarbeiter der Festung Mark in Kurzarbeit gehen und kaum etwas tun können – ein Bekannter in der Altmark Angst habe, dass womöglich keine Gastarbeiter zur Spargelernte kommen könnten. So kam Szibor auf die Idee: Wenn sein Betrieb nicht wie gewohnt laufen kann, geht er Spargel ernten. Eine Win-win-Situation.

Am Mittwoch fährt er zum ersten Mal nach Zibberick, einem Ortsteil von Angern, um dort auf dem Spargelhof "Bamme & Sohn" bei der Ernte mit anzupacken. Fünfzehn bis zwanzig Mitarbeiter der Festung Mark kommen mit. Jeweils zu zweit nehmen sie ein Auto, um, so gut es geht, Distanz zu halten. Auf dem Hof helfen sie zunächst einen Tag lang bei der Spargelernte. Einen Lohn gibt es nicht, die Arbeit ist ehrenamtlich. Keiner der Teilnehmenden hat jemals Spargel geerntet.

Ein Schnuppertag auf ehrenamtlicher Basis

Flaches, rotes Bachsteingebäude mit Wiese
In der Festung Mark in Magdeburg finden normalerweise Messen, Konferenzen und Hochzeiten statt. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Der Bauer will zahlen, was er an Wertschöpfung erkennt. Christian Szibor erklärt: "Mir ist schon klar, dass wir nicht das leisten können, was ein Spargelstecher leistet, der das schon lange macht. Zwei Leute schaffen vielleicht das, was normalerweise einer schafft", sagt Szibor. Die Verabredung sei, dass das so vergütet werde. Der Erlös des Spargeltages geht auf ein Konto des Artist e.V. und soll als Hilfsfonds für Künstler und Kulturschaffende dienen. Dazu gehören unter anderem Musiker, Kabarettisten, Clubs und soziokulturelle Zentren.

Nicht alle werden nach dem einen Tag in Zibberick weiterarbeiten. Spargelbauer Thomas Bamme hofft aber, dass der ein oder andere wiederkommt. "Spargelernte ist kein Spiel", sagt er, "aber auch nicht so verteufelt, wie man es oft hört." Derzeit arbeiten acht Leute auf dem Hof. Noch reiche das aus, aber es hänge immer vom Tag ab. Für Jobs in Ernte, Verarbeitung und Verpackung brauche er zu Spitzenzeiten um die 50 Personen. Er sagt: "Ich glaube nicht, dass wir dahin kommen dieses Jahr."

Die Ernte muss verkauft werden

Auch der Absatz werde schwer. Denn: Restaurants haben geschlossen und nehmen keinen Spargel ab. Zu Ostern verkaufen die Festung Mark und der Spargelhof nun Beutel in verschiedenen Größen und Preiskategorien als Geschenke: ein bis zwei Kilo Spargel, Gutscheine der Festung für das "Danach" und Bier aus Sudenburg. Laut Szibor sind bereits zahlreiche Bestellungen dafür eingegangen.

Sechs Bierflaschen, Spargel aus Pappe und ein roter Stoffbeutel
Die Festung Mark und der Spargelhof Bamme arbeiten auch bei der Vermarktung zusammen. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Wie der Erlös aus dem Hilfsfonds nach der Krise verteilt wird, wird dann besprochen. Christian Szibor könnte sich vorstellen, dass man es nach der Corona-Krise in Benefizveranstaltungen investiert. Diese könnten wiederum Geld einbringen und den Künstlern im Idealfall neue Buchungen einbringen. Letztendlich entscheidet das aber das Netzwerk der Kulturschaffenden in Magdeburg gemeinsam.

Der Unternehmer erzählt, dass in der Krise die Kultureinrichtungen stärker zusammenarbeiten, nun per Videokonferenz: "Wir merken, wir sitzen alle im selben Boot, wir haben die selben Sorgen und Erfahrungsaustausch ist wichtig." Die Solidarität im Magdeburger Kulturbereich sei schon immer da gewesen und werde, so glaubt er, auch über die Krise hinaus mit Blick auf die Kulturhauptstadtbewerbung ein Thema sein.

Szibor: "Jammern hilft nicht"

Und es geht Christian Szibor nicht nur ums Geld: "Ich habe die Hoffnung, dass das ein Beispiel ist, dass man einfach auch in so einer Notlage mal andere Wege gehen muss. Und nicht einfach sagt: Ich habe jetzt meine Arbeit und das geht nicht, also sitze ich zu Hause und jammere." Außerdem sei dies eine Gelegenheit, sich auch als Verbraucher mal anzusehen, wie mühsam die Lebensmittelproduktion ist.

Christian Szibor kritisiert, dass mit Beginn der Krise schnell Schuldzuweisungen laut wurden und resigniert wurde. "Jammern hilft nicht. Es muss doch möglich sein, dass man sich jetzt auch umschaut, wo Arbeit ist." Er verweist auf das Jobportal der Initiative "Hierbleiben", das nun speziell Corona-Jobs vermittelt. Auch die Ernte-Jobs in Zibberick sind dort zu finden.

Julia Heundorf
Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

Über die Autorin Julia Heundorf arbeitet seit Februar 2020 für die Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Sie ist im Landkreis Harz aufgewachsen und hat ihren Bachelor in Halle und Bologna gemacht, den Master Medien, Kommunikation und Kultur in Frankfurt (Oder), Sofia und Nizza.

Nach Magdeburg kam sie für einen Job an der Uni. Zu ihren Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt gehören die Dörfer westlich von Osterwieck, der Heinrich-Heine-Weg zum Brocken und das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle.

MDR-Schwerpunkt: Das Coronavirus
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Quelle: MDR/jh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 08. April 2020 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

konstanze vor 7 Wochen

Lieber mdr, bitte dranbleiben und kontinuierlich weiter darüber berichten, wie die Genannten auf Dauer beim Sparelstechen helfen.

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