Kolumne: Notizen in unruhigen Zeiten Kulturhauptstadt: Was Magdeburg von Plovdiv lernen kann

Plovdiv in Bulgarien hat, was Magdeburg sich noch erarbeiten muss – den Titel "Europäische Kulturhauptstadt". Allerdings liegen zwischen Plovdiv und Magdeburg nicht nur rund zweitausend Kilometer Entfernung, sondern auch mindestens eintausend Jahre Kultur. Dennoch könnte die Magdeburger Bewerbung durchaus erfolgreich sein, meint MDR SACHSEN-ANHALT-Kolumnist Uli Wittstock. Er hat Plovdiv besucht.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

von Uli Wittstock, MDR SACHSEN-ANHALT

Menschen stehen vor dem Kulturhauptstadt-Motto "Together" in der bulgarischen Stadt Plovdiv, Europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2019
"Together": Das Kulturhauptstadt-Motto der bulgarischen Stadt Plovdiv Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Die EU-Kontrolleure werden zufrieden sein, wenn sie in Plovdiv schauen, was aus den europäischen Fördermitteln geworden ist. Die Innenstadt mit der belebten Einkaufsstraße ist auf dem Niveau westeuropäischer Metropolen saniert. In den großen Parks der Stadt plätschern Wasserspiele, abends illuminiert mit modernster LED-Technik. Ein Heer von Straßenfegerinnen, Parkwächtern und Denkmalputzern ist unterwegs, um die kleinsten Schnipsel oder Flecken aus dem Stadtbild zu tilgen.

Ähnlich wie Magdeburg wurde auch Plovdiv von einem Herrscher gegründet. Der makedonische König Philipp, der Vater von Alexander dem Großen, eroberte die Siedlung und baute sie dann zu einer antiken Stadt aus: Philippopolis. Während auf dem Flecken, der später Magdeburg werden sollte, allenfalls ein paar germanische Hütten zu finden waren, feuerten im damaligen Philippopolis Tausende Zuschauer in der Arena die Gladiatoren bei ihren blutigen Kämpfen an. Die Stadt war reich, auch wegen ihrer günstigen Lage und des fruchtbaren Umlands.

Als Europäische Kulturhauptstadt setzt Plovdiv stark auf diese antiken Traditionen. Was seit mehr als tausend Jahren unentdeckt im Untergrund der Stadt schlummerte, wird nun frei gelegt, auch eine Folge des Baus neuer Straßen und Brücken.

Plovdiv spielt in einer anderen Liga als Magdeburg

Eine Fußgängerpassage in der bulgarischen Stadt Plovdiv, Europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2019
Fußgänger in der Innenstadt von Plovdiv Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Magdeburgs Bewerbungsspruch "Raus aus der Leere" wäre für Plovdiv allerdings nur schwer nachvollziehbar. Die Stadt ist voller Menschen und das bis zum späten Abend. Einkaufszentren gibt es nicht, auch nicht am Stadtrand, dafür eine Vielzahl von kleinen Läden, Kaffees, Boutiquen, die eben jenes Stadtgefühl des Schlenderns, Stöberns und Verweilens vermitteln, das sich ja in Magdeburg kaum einstellen mag. Dass Plovdiv auch touristisch in einer anderen Liga spielt, merkt man an der Vielzahl von Restaurants, die in Bezug auf Qualität und Service, deutlich über dem liegen, was man in Magdeburg erwarten darf.

Dennoch gibt es auch in Plovdiv eine Leere, und die ist um einiges dramatischer, als sie sich in Magdeburg zeigt. Dazu muss man die Ränder der Stadt aufsuchen, die Plattenbausiedlungen, wo inzwischen der Beton bröckelt, wo in den Unterführungen Bäume wachsen und Autowracks die Straßen säumen. Es herrscht eine Armut, wie man sie in Europa eigentlich nicht erwarten würde. Was eine abgehängte Region ist, lässt sich in diesen Vorstädten, schlimmer aber noch im weiteren Umland eindrucksvoll besichtigen.

Ein Wohnhaus in der bulgarischen Stadt Plovdiv, Europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2019
37 Prozent der Bürger Bulgariens gelten als arm. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Und es sind nicht nur Roma, die unter diesen unseligen Umständen leben. Zahlen belegen dies: Der Mindestlohn beträgt in Bulgarien gerademal 286 Euro, das Durchschnittseinkommen liegt bei 590 Euro – und in keinem anderen EU-Land sind die sozialen Unterschiede größer. Für umgerechnet acht Euro kann man in Plovdiv hervorragend Essen gehen. Doch für sehr viele Bulgaren dürfte so ein Restaurantbesuch unerschwinglich sein, immerhin gelten 37 Prozent der Einwohner als arm.

Magdeburg muss freundlicher und lockerer werden! 

Und dennoch wird man als Tourist außerordentlich freundlich empfangen. Die Menschen sind sehr hilfsbereit, ob Passant, Busfahrer oder Kartenabreißer. Überhaupt scheint der Alltag sehr viel mehr von einer gewissen Gelassenheit geprägt zu sein – mehr, als man sie hierzulande verspürt. Sollte also Magdeburg aus Plovdivs Kulturhautstadt-Bewerbung etwas lernen sollen, dann zunächst dies: Mehr Freundlichkeit und Lockerheit im alltäglichen Miteinander.

Eindrücke aus der bulgarischen Stadt Plovdiv

"Together" ist das Motto der bulgarischen Stadt Plovdiv für das europäische Kulturhauptstadt 2019. Die Stadt setzt den Schwerpunkt auf die Verbindung zu den Roma, auf den internationalen und den historischen Kontext.

Menschen stehen vor dem Kulturhauptstadt-Motto "Together" in der bulgarischen Stadt Plovdiv, Europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2019
Plovdiv setzt als europäische Kulturhauptstadt ganz entschieden auf den historischen Kontext. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock
Menschen stehen vor dem Kulturhauptstadt-Motto "Together" in der bulgarischen Stadt Plovdiv, Europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2019
Plovdiv setzt als europäische Kulturhauptstadt ganz entschieden auf den historischen Kontext. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock
Menschen stehen vor dem Kulturhauptstadt-Motto "Together" in der bulgarischen Stadt Plovdiv, Europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2019
"Together", "Zusammen", lautet das Kulturhauptstadt-Motto im multiethnischen Plovdiv. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock
Eine Fußgängerpassage in der bulgarischen Stadt Plovdiv, Europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2019
Die Innenstadt von Plovdiv mit belebten Einkaufsstraßen ist auf dem Niveau westeuropäischer Metropolen saniert. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock
Eine Moschee in der bulgarischen Stadt Plovdiv, Europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2019
Als Europäische Kulturhauptstadt setzt Plovdiv stark auf antike Traditionen. Was seit mehr als tausend Jahren im Untergrund der Stadt schlummerte, wird nun frei gelegt – wir hier die antike Pferderennbahn. Im Hintergrund ist die Djumaja-Moschee aus dem 14./15. Jahrhundert zu sehen. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock
Wasserspiel in der bulgarischen Stadt Plovdiv, Europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2019
In den großen Parks der Stadt gibt es Wasserspiele, die abends mit farbigen LED-Lichtern illuminiert sind. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock
Ein Wohnhaus in der bulgarischen Stadt Plovdiv, Europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2019
In Plovdiv herrscht aber auch eine Armut, wie man sie in Europa eigentlich nicht erwarten würde. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock
Ein Wohnhaus in der bulgarischen Stadt Plovdiv, Europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2019
In keinem anderen EU-Land sind die sozialen Unterschiede größer. 37 Prozent der Einwohner Plovdivs gelten als arm. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock
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Plovdiv setzt als europäische Kulturhauptstadt ganz entschieden auf den historischen Kontext. Die aktuellen Probleme der Stadt spiegeln sich in dem Programm kaum wider.

Magdeburg hat keine Möglichkeit, mit historischem Stadtkern und vieltausendjähriger Geschichte derart zu punkten und setzt deshalb bewusst auf einen Gegenentwurf – also nicht auf das Ausblenden sondern auf das Thematisieren der Probleme. Und auch diese Sichtweise hat eine europäische Dimension. Raus aus der Leere sollte also auch als Versprechen gelesen werden, nämlich raus aus der gedanklichen Leere.

Der Versuch lohnt sich allemal.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR-Hörfunk. 2016 erschien sein Roman "Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf" im Mitteldeutschen Verlag Halle.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 27. September 2019 | 16:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Oktober 2019, 16:39 Uhr

5 Kommentare

Denkschnecke vor 1 Wochen

Ich wiederhole meine Frage klarer, damit es auch das Alter Ego Ihres Nicknames es verstehen kann...
Wo finden Sie in Herrn Wittstocks Artikel die von Ihnen erwähnte "Einfärbung evangelischer Theologie"?
Wenn Sie persönlich keinen Grund für Lockerheit und Freundlichkeit sehen, ist das Ihr Problem, aber nicht mit dem Zuzug von Roma (schon gar nicht aus Bulgarien) zu erklären. Die Menschen im Ruhrgebiet beispielsweise haben, wie ich gerade erleben durfte, bei wesentlich größeren sozialen Gradienten eine Grundfreundlichkeit, die einem in Magdeburg selten begegnet.

Fuerst Myschkin vor 1 Wochen

Anscheinend machen Sie Ihren Usernamen wirklich alle Ehre. Dass Sie die von mir angesprochene Zuwanderung, als nutzvoll ansehen, zeugt von einer notorischen Ignoranz. Dies erklärt aber auch, dass Sie die von mir angesprochene Reflektion nicht in der Lage sind zu erkennen. Die weitaus geringeren, sozialen Probleme in Magdeburg sind immer eine Auslegung des Betrachters. So wie ich es betrachte, besteht von meiner Seite aus jedenfalls kein Grund für die Lockerheit & Freundlichkeit. Wenn man regelmäßig Nachrichten aus Sachsen Anhalt & Magdeburg verfolgt, vergeht einem schnell solches. Wer solche Empfehlungen gibt ist weltfremd, wie nur die Evangelische Kirche es sein kann.

Denkschnecke vor 1 Wochen

Wo Sie in diesem Artikel theologische, insbesondere evangelische Reflexe finden, bleibt mir auch nach der zweiten Lektüre schleierhaft. Ihr Bezug auf die nach Ihrer Ansicht schädliche Zuwanderung nach Deutschland ist jedenfalls absolut reflexhaft. Ein Ceterum censeo hilft nicht immer der Sache.

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