Jonas Obdachlos im Winter
Warme Pullover und Jacken bekommt Jonas in der Kleiderkammer der Bahnhofsmission. Vorweihnachtliche Freude ist ihm heute fremd. Bildrechte: MDR/Beatrix Heykeroth

Obdachlose im Winter Leben auf der Straße: Jonas' Angst vor der Kälte

Anfang September hat MDR SACHSEN-ANHALT über den Obdachlosen Jonas berichtet. Der ehemalige Rechtsanwaltsgehilfe lebt seit vier Jahren in Magdeburg auf der Straße. Er hatte vor Jahren einen Schicksalsschlag, über den er nicht reden will. Nach dem Bericht gab es jede Menge Reaktionen – und viele Hilfsangebote. Wir haben den jungen Mann Ende November erneut besucht, um zu schauen, wie es ihm heute geht.

Jonas Obdachlos im Winter
Warme Pullover und Jacken bekommt Jonas in der Kleiderkammer der Bahnhofsmission. Vorweihnachtliche Freude ist ihm heute fremd. Bildrechte: MDR/Beatrix Heykeroth

Jonas lebt immer noch auf der Straße. Jetzt bei der Kälte, versucht er, in Hauseingängen Unterschlupf zu finden. Die letzte Nacht verbrachte er in einem Mietshaus. Ein Keller war nicht frei. Deshalb schlief er auf dem Dachboden. Ohne Decke.

Mir ist nicht besinnlich zumute, weil ich einfach jeden Tag kämpfen muss. Da hat man zu wenig Zeit zum Zulassen von Adventsstimmung.

Jonas, obdachlos

Er erzählt, wie er sich warm hält: "Ich hatte mich dick eingepackt, hab mehrere Jacken an und dann muss man sich halt warme Gedanken machen. Die Kälte ist das Schlimmste und der Boden ist noch kälter." Es falle ihm schwer zu schlafen, erzählt er.

Winter: Der Feind der Obdachlosen

Jonas ist nicht der Einzige, dem es so geht: Jeder Obdachlose hat im Winter Angst vor dem Einbruch der Dunkelheit, vor der Nacht. Die meisten anderen schlafen auch nicht, berichtet Jonas.

Der 33-Jährige hat inzwischen kurze Haare. Seinen Pferdeschwanz hat er von den Barber Angels abschneiden lassen. Er wirkt müde. Seine Hose starrt vor Schmutz. Die Turnschuhe sind abgewetzt, die Schnürsenkel offen. Ein Wunder, dass er nicht darüber stolpert.

Nachts will er nicht entdeckt werden

Um sieben Uhr musste Jonas seinen Schlafplatz in dem Mehrfamilienhaus verlassen – er hatte diese Nacht Glück und ist von den Mietern nicht entdeckt worden. Die Angst davor ist groß.

Um acht Uhr öffnet die Bahnhofsmission in Magdeburg. Bis dahin hält sich Jonas in den vorderen Räumen des Bahnhofs auf. Hier ist es nicht ganz so kalt. Die Bahnhofspolizei grüßt ihn, er ist bekannt: "Morgen Jonas".

Hilfe in der Bahnhofsmission

Mit ihm warten noch andere Obdachlose. Als erstes gibt es einen heißen Kaffee. Jetzt in der kalten Jahreszeit ist viel Betrieb in den Räumen der Bahnhofsmission. Eine halbe Stunde später schlafen am Tisch die ersten "Gäste", wie die Obdachlosen hier von den Helfern genannt werden. Jonas beschreibt es so: "Man packt sich auf den Stuhl, legt sich auf den Tisch und holt dann ein bisschen Schlaf nach. Schlaf, den man nachts nicht bekommen hat."

In den letzten Wochen hat Jonas acht Kilo während eines Krankenhausaufenthaltes zugenommen. Er hatte sich einweisen lassen, weil er immer noch psychische Probleme hat.

Jonas Obdachlos im Winter
Jonas wichtigste Adresse im Winter ist die Bahnhofsmission. Bildrechte: MDR/Beatrix Heykeroth

Gabriele Bolzek arbeitet seit Jahren in der Bahnhofsmission und kennt Jonas inzwischen ganz gut: "In der Zeit im Krankenhaus war er mehrfach bei uns. Man hat das schon gemerkt, dass die Medikamente und die Gespräche ihm gut getan haben. Er war in der Zeit wesentlich entspannter." Inzwischen habe das leider nachgelassen. Jonas, erzählt sie, sei motorisch unruhig und ebenso vergesslich wie vor der Behandlung im Krankenhaus.

Warme Jacken aus der Kleiderkammer

In der Kleiderkammer lässt sich Jonas zwei Herren-Pullover geben und einen dicken Schal. Dem Leiter der Mission, Florian Sosnowski, erzählt er währenddessen, dass er ein Job-Angebot als Hausmeister im Alten Theater in Magdeburg noch nicht wahrgenommen hat.

Warum nimmt Jonas den Job nicht an? Florian Sosnowski versucht es so zu erklären: "Er muss es wollen. Er muss es auf alle Fälle vom Kopf her wollen. Er ist jetzt schon drei bis vier Jahre auf der Straße." Es sei nicht einfach, für Menschen wie Jonas, das Leben neu anzufangen. "Deswegen muss man ihm noch Zeit zugestehen."

Keine besinnliche Weihnachtszeit

Jetzt aber ist erstmal Adventszeit. Doch Weihnachten hat für Jonas nicht mehr die gleiche Bedeutung wie früher. Nachdenklich sagt er: "Mir ist nicht besinnlich zumute, weil ich einfach jeden Tag kämpfen muss. Und da hat man wenig Zeit zum Zulassen von Adventsstimmung. Dafür sind die Probleme viel zu viel."

Eins möchte Jonas unbedingt noch sagen: Er möchte gern den Menschen danken, die ihm in den letzten Monaten geholfen haben. Und vielleicht geht ja im nächsten Jahr sein Traum von einer Ein-Raum-Wohnung in Erfüllung.

Quelle: MDR/rj

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | MDR SACHSEN-ANHALT | 02. Dezember 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Dezember 2018, 21:16 Uhr

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18 Kommentare

04.12.2018 13:28 Wolpertinger 18

@03.12.2018 10:53 Thore
Da gab´s den § 249 StGB der DDR. Es war einfach strafbar, DESHALB gab´s das nicht. Gott ist mir schlecht.

04.12.2018 13:21 Andreas 17

Grundsätzlich braucht man in Deutschland nicht auf der Straße leben. Wohngeld und Harz 4 gibt es für jeden. Manche wollen nicht und viele können nicht. Ich verstehe diese Menschen die nicht in der Lage sind sich Hilfe zu Suchen für Behördengänge und sonstiges und auch überfordert sind mit allem was so im Leben alles dazu gehört. Familienschicksale geben einem manchmal den Rest. Kraftlos fürs normale Leben.

03.12.2018 14:39 Ossi 65 16

Es ist Traurig, das Jonas es noch nicht geschafft hat aus dieser Misere raus zu kommen. Der Hausmeisterjob hat ihm wohl nicht zugesagt, wer weiß warum das nicht geklappt hat, den waren Grund kennt nur er. Naja ich hoffe er kommt gut durch den Winter.

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