Obdachlose schlafen am Straßenrand
Die kalte Jahreszeit steht bevor. Menschen, die auf der Straße leben, benötigen dann vor allem Decken, Schlafsäcke und warme Kleidung. Bildrechte: IMAGO

Soziales Engagement Wie Magdeburg Obdachlosen hilft

In Magdeburg kümmern sich Stadt und Ehrenamtliche um Obdachlose. Auch bei sinkenden Temperaturen bleiben aber Betten in den Unterkünften leer. Einige Obdachlose verbringen die Nacht lieber im Freien. Ein Misstand, der den Helfern große Sorgen macht.

Alisa Sonntag
Bildrechte: MDR/Martin Paul

von Alisa Sonntag

Obdachlose schlafen am Straßenrand
Die kalte Jahreszeit steht bevor. Menschen, die auf der Straße leben, benötigen dann vor allem Decken, Schlafsäcke und warme Kleidung. Bildrechte: IMAGO

Hardy Ratzlaff sitzt in der Bahnhofsmission Magdeburg und starrt in seine Soljanka. Er isst die Suppe langsam, mit Bedacht. Immer wieder tupft er seinen Bart sorgsam mit der Serviette ab. Der 60-Jährige ist obdachlos. Seit 2012, sagt er.

Hardy Ratzlaff
Hardy Ratzlaff in der Magdeburger Bahnhofsmision Bildrechte: MDR/Alisa Sonntag

An diesem Donnerstag sitzt er in der Bahnhofsmission, bis sie schließt. Dann macht er sich auf zum Supermarkt und setzt sich dort vor den Pfandautomaten. Wie jeden Tag. Betteln möchte er aber nicht. "Ich nehme, was sie mir geben oder eben auch nicht. Ich sage kein Wort", erklärt er.

Mindestens 30 Cent müssen dabei zusammenkommen – so viel kostet ein Frühstück in der Bahnhofsmission. Das brauche er, um sich morgens nach einer kalten Nacht aufzuwärmen. Denn wenn es kälter wird, schläft Ratzlaff trotzdem nur mit einer Decke im Hof des Hauses, in dem er früher seine Wohnung hatte. In die Obdachlosenunterkunft in der Basedowstraße will er nicht gehen. Dort würde man beklaut, meint er. Außerdem komme er mit den Sozialarbeitern dort nicht klar.

Helfen ist Pflicht

Matthias Märker leistet Sozialstunden in der Bahnhofsmission Magdeburg.
Die Bahnhofsmission unterstützt Obdachlose. Bildrechte: MDR/Pia Uffelmann

Jörg Gleiche, Sachgebietsleiter für Obdachlosenangelegenheiten der Stadt Magdeburg, arbeitet schon seit 15 Jahren mit Obdachlosen. Ihm zufolge gibt es in der Magdeburger Obdachlosenunterkunft 88 Betten, von denen aktuell 51 belegt sind. In den vergangenen Jahren habe sich gezeigt, dass die Auslastung auch im Winter nicht wesentlich steige.

Der 56-Jährige sagt, dass manche diese Art und Weise, zu leben, auch freiwillig gewählt hätten. Zwar sieht er es als seine und als Pflicht der Stadt, Obdachlosigkeit zu beseitigen – aber nur, wenn sie unfreiwillig ist. "Wir können nur Hilfe anbieten", sagt er. Sei diese nicht gewollt, sei auch seine Pflicht beendet. Dass manche Menschen keine Hilfe wollen, müsse man tolerieren. Das gelte auch für Obdachlose im Stadtbild:

Es gibt schließlich kein Gesetz, das vorschreibt, wie oft man sich wäscht und was man anzieht.

Jörg Gleiche, Sozial- und Wohnungsamt Magdeburg

Außerdem sei nicht jeder, den man dafür halte, wirklich obdachlos: "Der verwahrloste Mann mit der Bierdose in der Hand hat vielleicht noch eine Wohnung." Dafür gebe es viele Menschen, denen man ihre Obdachlosigkeit nicht ansehe: "Die gehen morgens zur Arbeit, haben aber so viele Schufa-Einträge, dass sie keine Wohnung finden", sagt Gleiche.

Sonntagsbrunch für Wohnungslose

Ulrike Wetzel
Ulrike Wetzel kümmert sich ehrenamtlich um Wohnungslose in Magdeburg. Bildrechte: MDR/Alisa Sonntag

Auch Ehrenamtliche wie Ulrike Wetzel engagieren sich für Obdachlose. Während der kalten Monate organisiert die 35-Jährige gemeinsam mit anderen Engagierten regelmäßig sonntags einen Brunch für Wohnungslose. Dafür dürfen sie kostenfrei die Räume des Christlichen Vereins junger Menschen in Magdeburg (CVJM) nutzen. "Obdima(h)l" haben sie ihre Aktion genannt.

Ihrer Meinung nach gibt es verschiedene Gründe, warum einige Wohnungslose die Obdachlosenunterkunft in der Basedowstraße meiden. Regeln wie das Verbot von Alkohol und Drogen schränkten die Bewohner ein, die sonst gewohnt seien, ihr eigener Herr zu sein. "Viele kennen sich auch von der Straße und haben Konflikte untereinander, der eine mag den anderen nicht", erklärt sie außerdem. Auch die Bürokratie in der Obdachlosenunterkunft sei für viele ein Problem.

Verloren in der Bürokratie

Jörg Gleiche erklärt, was mit Bürokratie gemeint ist: In Magdeburg schliefen Obdachlose nicht einfach in der Unterkunft und müssten sie am nächsten Morgen wieder verlassen – Mitarbeiter würden hier intensiv mit ihnen arbeiten.

Es sind 24 Stunden am Tag Mitarbeiter vor Ort, die sich darum kümmern, dass die Obdachlosen wieder eine Wohnung bekommen.

Jörg Gleiche

Das sei nicht selbstverständlich. Seiner Meinung nach ist das ein wichtiger Grund dafür, dass es in Magdeburg im Vergleich mit ähnlich großen Städten wenig Obdachlose gibt. Auch Wetzel bestätigt, dass es in Magdeburg verhältnismäßig wenig Wohnungslose gebe. Allerdings gibt es auch hier eine Kehrseite. Wenn Obdachlose Wohnungen vermittelt bekämen, sagt Gabriele Bolzek von der Bahnhofsmission, hätten sie häufig Probleme mit der damit verbundenen Verantwortung und würden sie so wieder verlieren.

Hilfe für Obdachlose – das können Sie tun Wer Obdachlosen helfen will, kann sie zum Beispiel fragen, ob man ihnen etwas Bestimmtes aus dem Supermarkt mitbringen soll.

Wer einen Obdachlosen in Magdeburg sieht, der Hilfe braucht, kann unter der 0391/5407000 den Ordnungsdienst erreichen. Dieser wird die zuständigen Sozialarbeiter informieren. Der Dienst ist Montag bis Freitag von 6 Uhr bis 20 Uhr erreichbar, sonst ist die Polizei zuständig. Wenn es kalt ist und die Person zu erfrieren droht, sollte ein Rettungswagen gerufen werden.

Auch Sachspenden helfen Obdachlosen. Insbesondere in den kalten Jahreszeiten werden Rucksäcke, Decken, Schlafsäcke, dicke Jacken, Schuhe oder andere Kleidung in gutem Zustand gesucht. Spenden können beispielsweise bei der Bahnhofsmission abgegeben werden.

Verantwortungsbewusstsein lernen

Die Obdachlosenunterkunft setzt auf Kooperation mit den Bewohnern. Wer hier aufgenommen werden will, muss laut Gleiche seine persönlichen Daten angeben. Später müssten die Obdachlosen dann aufs Meldeamt, ins Jobcenter und zum Gesundheitsamt gehen. "Bei Behördenängsten", erklärt Gleiche, "begleiten wir die Leute auch." Das solle aber immer nur Hilfe zur Selbsthilfe sein.

Das beleuchtete Schild einer Bahnhofsmission
Die Bahnhofsmission ist dankbar über jede Unterstützung. Bildrechte: imago/HRSchulz

Ulrike Wetzel erklärt, dass viele Obdachlose in Bezug auf die Ämter resigniert hätten. Sie seien enttäuscht und entmutigt, weil sie deren Entscheidungen nicht nachvollziehen könnten. "Die Ämter haben für mich zu, so fühlt sich das an", sagt auch Ratzlaff. Er macht auch das Amt dafür verantwortlich, dass er seine Wohnung verloren hat, die bis 2012 das Sozialamt bezahlte: "Da muss bei den Ämtern irgendetwas schiefgelaufen sein, anders kann ich es mir nicht erklären." Hingegangen, um nachzufragen, ist er allerdings bis heute nicht.

Wetzel kennt den Starrsinn vieler Obdachloser: Oft sei es eine Art Trotzreaktion, nicht mehr zu den Ämtern zu gehen. Andere wüssten nicht, wie sie Gelder beantragen sollen. Die komplexe Bürokratie falle ihnen schwer. Einige seien schwierige Persönlichkeiten, die auch schon vor ihrer Wohnungslosigkeit angeeckt seien. Hardy Ratzlaff wünscht sich am sehnlichsten einen Partner oder eine Wohnung. Dass er das haben könnte, daran glaubt er aber nicht.

Alisa Sonntag
Bildrechte: MDR/Martin Paul

Über die Autorin Neugierig ist Alisa Sonntag schon immer gewesen – zukünftig, hofft sie, auch hauptberuflich. Aktuell studiert sie in Halle Multimedia und Autorschaft und International Area Studies. Dabei schreibt sie unter anderem für das Leipziger Journalismus-Startup The Buzzard, die Mitteldeutsche Zeitung , die Freie Presse Chemnitz und den Dresdner Blog Campusrauschen, den sie 2016 mitgegründet hat.

Quelle: MDR/ahr

Zuletzt aktualisiert: 16. November 2018, 14:00 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

3 Kommentare

18.11.2018 02:31 part 3

Na dann haben die Wohnungslosen aber Glück nicht in Dortmund auf der Straße gelandet zu sein, dort werden wurden letztlich hunderte von Knöllchen ausgegeben an Personen, die sich nicht in Massenunterkünften unterbringen lassen. Bei Nichtzahlung folgt dann Bußgeld und letztendlich der Schuldenturm wie im Mittelalter. Ungarische Verhältnisse eben...

17.11.2018 11:38 Leser 2

Ich sende mal ein Herz an alle Beteiligten.

16.11.2018 15:02 Denkschnecke 1

Mein großer Respekt gilt den Leuten von Sunrise / Obdima(h)l, die sebstlos ehrenamtlich das regelmäßige Frühstück für Obdachlose organisieren!