Nach Angriff in Straßenbahn Wann Zivilcourage angebracht ist – Interview mit der Polizei

Nach der Prügelattacke in einer Magdeburger Straßenbahn am vergangenen Sonntag gab es viele Kommentare auf den MDR-Seiten. Dabei ging es unter anderem um das Thema Zivilcourage. Polizeisprecherin Mertens hat eine Reihe von Empfehlungen an Augenzeugen.

MDR SACHSEN-ANHALT: Auf Facebook schreibt jemand, es war mutig, dass der junge Mann eingegriffen hat und gegen die Randalierer vorgegangen ist. Frau Mertens, stimmen Sie dem zu?

Beatrix Mertens: Das Handeln war mutig, fast schon heldenhaft. Die Frage ist nur, ist das erforderlich, gerade wenn es wie in dem Fall um eine Sachbeschädigung geht. (Anm. d. Red.: Nach Informationen von MDR SACHSEN-ANHALT hat der 22-jährige Mann aus Hamburg inzwischen das Krankenhaus verlassen.)

Mehrere Nutzer haben danach gefragt, was der/die Straßenbahnfahrer/in gemacht hat. Hätte der MVB-Mitarbeiter in Sachen Zivilcourage mehr machen können? Hat der/die Straßenbahnfahrer/in möglicherweise zu wenig getan?

Zu dem konkreten Fall kann ich nichts sagen. (Anm. d. Red.: Frau Mertens ist in der Polizeiinspektion Stendal tätig.) Grundsätzlich ist wichtig, dass man sich an weitere Personen wendet, die mithelfen können. Das kann auch Personal von einer Straßenbahn oder ein Zugbegleiter in einer Bahn sein. Wichtig ist, dass man überhaupt jemanden anspricht. Manche Bahnen sind bereits mit einem Notknopf ausgestattet, der es ermöglich Kontakt zum Fahrer aufzunehmen. (Anm. d. Red.: Im konkreten Fall hatte der Straßenbahnfahrer den Notruf betätigt.)

Statt Antiaggressionstraining wie es die Magdeburger Verkehrsbetriebe unter anderem jetzt planen, setzen einige Kommentatoren eher auf Security-Personal? Würden aus ihrer Sicht mehr Kameras und Security-Personal der Polizeiarbeit helfen?

Beatrix Mertens
Beatrix Mertens Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Viele Straßenbahnen sind zum Beispiel mit Kameras ausgestattet. Das macht die Strafverfolgung einfacher. Wenn man das Material rechtzeitig sichert und sieht, wie die Tatbeteiligung ist – also wer hat was getan – erleichtert das die Polizeiarbeit. Man wird sicherlich nicht in der Lage sein, alle Bahnen mit Sicherheitspersonal auszustatten. Zivilcourage heißt auch, dass viele Personen aufmerksam sind und dass andere Menschen einschreiten.

Klimaschützer fordern immer wieder, mehr öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Uns haben Kommentare erreicht, die nach solchen Vorfällen besorgt sind. Wie verhält man sich, um möglichst nicht in irgendwelche Rangeleien zum Beispiel bei Fußballspielen oder größeren Festen zu geraten? Was raten Sie Bahn- und Busfahrenden?

Generell würde ich dazu raten, dass man sich im öffentlichen Raum nicht allein, sondern in Gruppen bewegt. Eine generelle Einschätzung zu geben, ob man sich bei einem Fußballspiel in eine Straßenbahn setzen sollte, finde ich schwierig. Denn nicht jeder Fußballfan randaliert. Die Einschätzung muss jeder für sich treffen.

Eine Nutzerin konstatiert für die Gesellschaft: "Wir sind eine Gesellschaft des Wegsehens". Hätte man die Täter gemeinschaftlich stellen können?

Gemeinschaftlich ist es immer leichter, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Wegsehen ist auf jeden Fall das Falsche. Man muss in jedem Fall abwägen, geht es um Sachwerte, geht es um die Gesundheit oder sogar das Leben eines anderen Menschen.

Verhaltenstipps der Polizei kurz zusammengefasst

Auf unserem MDR SACHSEN-ANHALT-Instagram-Kanal haben wir die wichtigsten Tipps zusammengefasst.

Zivilcourage ist richtig und wichtig

Aber sind Nothelfer – und auch Opfer – geschützt? Für Verletzungen oder andere Schäden gibt es ein Opferentschädigungsgesetz. Laut Bundessozialministerium hätten geschädigte Nothelfer – und natürlich direkte Opfer – in Deutschland Anspruch auf Leistungen wie die Behandlung, Pflege, Entschädigung oder Sterbegeld.

Auch Handy, Jacke und andere persönliche Gegenstände sind nach Angaben des Weißen Rings e.V. gesetzlich unfallversichert. Der Verein betont, dass man die Ansprüche erstmal kennen müsse, um Leistungen beantragen zu können.

Selbsttest zu Zivilcourage

Wieviel Zivilcourage in einem selber steckt und ob man in bestimmten Situation angemessen handelt, kann man auf der Seite "Zivile Helden" testen. Informationen und Tipps zum Thema gibt es auf der Seite "Aktion Tu was". Dabei werden auch Fragen zum gesetzlichen Versicherungsschutz geklärt und wozu jeder Einzelne im Notfall verpflichtet ist und was Zivilcourage überhaupt heißt. Auf der Homepage von "Polizei für dich" wird erklärt, was eine Unterlassene Hilfeleistung ist.

Quelle: MDR/ahr

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 16. August 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. August 2019, 16:29 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

9 Kommentare

20.08.2019 21:38 Bernd L. 9

Zum Beitrag 6 des Mediators:
Nazi ist die Abkürzung für einen Anhänger des Nationalsozialismus. Dieser Begriff wird inflationär für alles mögliche benutzt, oft für Rechte. Vom Mediator jetzt sogar für jemanden, der keine Nothilfe leisten will. Ich denke, solche Vergleiche gehören vielleicht in eine Antifa-Propagandaschrift, aber nicht in ein Diskussionsforum des MDR.

19.08.2019 09:15 Ernie 8

Hilfe ist Rechtspflicht !

Zu Hilfe und Zivilcourage ist jeder verpflichtet. Man muss sich nicht selbstgefährden - ab wegsehen geht gar nicht. Im Handyzeitalter kann jeder die Polizei rufen. Das ist das mindeste.
Zudem ist jede/r zur Hilfeleistung verpflichtet, sonst macht er/sie sich selbst strafbar wegen unterlassener Hilfeleistung !

§ 323c Unterlassene Hilfeleistung; Behinderung von hilfeleistenden Personen
(1) Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Ebenso wird bestraft, wer in diesen Situationen eine Person behindert, die einem Dritten Hilfe leistet oder leisten will

18.08.2019 23:27 Mediator an MDR(6) 7

Lieber MDR, ich muss mich sehr wundern, dass sie die UNTERSTELLUNGEN von REXt(4) NICHT kommentieren.

Es ist doch Unsinn und ein dummes Narrativ von Menschen die unsere Justiz schlechtreden wollen, wenn behauptet wird, dass "Politik, Justiz, die Täter hätscheln". Damit wird ja unterstellt, dass zunächst ein Täter ermittelt wird um ihn anschließend gegen das Opfer in Schutz zu nehmen.

Weiterhin ist die gesetzliche Lage bezüglich Notwehr / Nothilfe völlig klar. Wer jemand anderem gegen einen rechtswidrigen Angriff beisteht ist gerechtfertigt und die Justiz billigt ihm sogar zu, dass er bei dieser Nothilfe als Laie und aus Schäche heraus ein wenig über das Ziel heinaus schießt. §33 StGB lässt sogar in manchen Fällen einen Notwehrexzess straffrei.

Ansonsten ist es schlicht und ergreifend ein rechts[populistisches / radikales] Narrativ, dass wenn man sich gegen einen ausländischen Täter wehrt, bzw jemanden gegen so einen Täter beisteht automatisch als NAZI bezeichnet wird.

Mehr aus Magdeburg, Börde, Salzland und Harz

Mehr aus Sachsen-Anhalt