Ein bekanntes Problem Falschparker machen Menschen mit Behinderung in Magdeburg das Leben schwer

Kevin Poweska
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Für Menschen mit Behinderung sind barrierefreie Parkplätze wichtig. Sie sind breiter und bieten kürzere Wege. Doch sie sind häufig von Falschparkern besetzt. Eine Betroffene berichtet von ihren Erlebnissen in Magdeburg. In Magdeburg kommen Falschparker besonders häufig auf dem Parkplatz des Einkaufszentrum Flora Park vor. Eine Datenrecherche von MDR SACHSEN-ANHALT hat ergeben, dass dort etwa zwei Drittel aller Falschparker auf barrierefreien Parkplätzen erwischt wurden.

Ein Schild was auf die Parkplätze für Menschen mit Behinderungen aufmerksam macht
Parkplätze für Menschen mit Behinderungen: Sie werden nicht selten widerrechtlich belegt. Bildrechte: MDR / Kevin Poweska

Sommer, Sonne, Sonnenschein hieß es einst in einem bekannten Song der 2000er. Auch in diesen Tagen bekommen wir davon nicht zu wenig: Stets über 30 Grad und die Sonne ist schon gar nicht mehr wegzudenken. Draußen ist weniger los als sonst – für die meisten heißt es ab ans kühle Nass oder zu Hause die Hitze überstehen. Doch nicht alles kann man stehen und liegen lassen – schließlich muss das Leben ja weitergehen. Katrin Gensecke hat die Nervenerkrankung Multiple Sklerose, kurz MS, – die Krankheit mit den 1.000 Gesichtern. Sie ist Landesvorsitzende der AG Selbst Aktiv in Sachsen Anhalt und engagiert sich für Menschen mit Behinderungen. Mal hat sie Spastik, mal ist sie vergesslich – aber manchmal hat sie einfach nur Probleme beim Gehen. MS ist eine Erkrankung, die sich in unterschiedlichen Symptomen äußert. Da kann ein Wocheneinkauf schnell zu einer Herausforderung werden.  

Der Barrierefreie Parkplatz

Und genau für diese Fälle, wie zum Beispiel das Einkaufen, gibt es eine Hilfe: Barrierefreie Parkplätze. Dadurch sollen die Wege so kurz wie möglich sein. Außerdem soll durch die breitere Fläche des Parkplatzes problemlos ein Rollstuhl ausgepackt werden können. Doch die Chance auf einen solchen Parkplatz ist nicht immer da, berichtet Katrin Gensecke. Sie hadert: "Bei schlechten Witterungsbedingungen ist das oft so, dass dann vor Einkaufszentren plötzlich alle barrierefreien Parkplätze belegt sind". Vor allem junge Leute hätten wenig Verständnis. "Die möchten wahrscheinlich einfach nicht nass werden", vermutet die Landesvorsitzende der AG Selbst Aktiv.

Eine Frau steht auf dem Bürgersteig an einer Straße und schaut in die Kamera
Katrin Gensecke wünscht sich mehr Rücksicht und Verständnis für Menschen mit Behinderungen. Bildrechte: MDR / Kevin Poweska

Das Verhalten der Menschen in dem Moment stimmt mich sehr nachdenklich und traurig.

Katrin Gensecke, Landesvorsitzende der AG Selbst Aktiv in Sachsen-Anhalt

1.951 Verstöße auf Barrierefreien Parkplätzen

Ein Schild mit der Aufschrift "Unberechtigt parkende Fahrzeuge werden kostenpflichtig abgeschleppt"
Abschleppen ist eine Möglichkeit, um Falschparker von Barrierefreien Parkplätzen zu entfernen. Bildrechte: MDR / Kevin Poweska

Aus einer Datenrecherche von MDR SACHSEN-ANHALT geht hervor, dass im Jahr 2019 in Magdeburg insgesamt 1.951 Strafzettel an Menschen verteilt wurden, weil sie widerrechtlich auf einem Barrierefreien Parkplatz standen. Allein auf dem Parkplatz des Magdeburger Einkaufszentrum Flora Park kam es 1.242 Mal zu diesem Verstoß. Umgerechnet werden dort am Tag 3,4 Personen erwischt, die fälschlicherweise auf einem barrierefreien Parkplatz stehen. Die Kosten für dieses Vergehen liegen bei 35 Euro. Mit dem neuen Strafenkatalog gab es eine Erhöhung auf 55 Euro – dieser musste jedoch aufgrund eines Formfehlers wieder zurückgenommen werden. Katrin Gensecke findet, dass man die Strafe auch verdoppeln und vielleicht auch einen Punkt dazugeben könnte. "Nur so begreift der Fahrer endlich, dass er sich beim nächsten Mal auf einen normalen Parkplatz stellen sollte und nicht auf einen Parkplatz für Menschen mit Behinderungen", erklärt Gensecke.

Im öffentlichen Verkehrsraum in Magdeburg gibt es, nach Angaben eines Pressesprechers der Stadt Magdeburg, insgesamt 498 Behindertenparkplätze. Davon seien aber auch 238 personengebunden. Für Katrin Gensecke ist das zu wenig: "Es müsste viel mehr geben – da muss unbedingt etwas passieren, weil auch die Zahl der potentiellen Nutzer steigt." Auch bei der Stadt laufe noch nicht alles rund: So sei Katrin Gensecke aufgefallen, dass im Winter barrierefreie Parkplätze durch das Ordnungsamt mit Schnee zugeschaufelt worden seien. "Das kann ja auch nicht Sinn der Sache sein und schafft Menschen mit Behinderungen noch einmal zusätzliche Probleme", meint Katrin Gensecke.

Die Kriterien für den Behinderten-Parkausweis

Nicht bei jeder Behinderung ist es möglich einen Parkausweis zu beantragen. Grundvoraussetzung ist der Besitz eines Schwerbehindertenausweises und ein Hauptwohnsitz dort, wo der Ausweis beantragt wird.

Den Behinderten-Parkausweis bekommen Personen, die im Schwerbehindertenausweis den Vermerk Blind oder außergewöhnlich Gehbehindert stehen haben ebenso wie bestimmte angeborene Fehlbildungen.

Die Rückseite des Behindertenausweises mit, in diesem Fall, dem Merkzeichen G
Die Rückseite eines Behindertenausweises. Hier mit dem Merkmal für eine Gehbehinderung. Bildrechte: MDR / Kevin Poweska

Die Falschpark-Kontrollen der Stadt

Von der Stadt heißt es, dass Fahrzeuge abgeschleppt werden, wenn sie widerrechtlich auf einem Behindertenparkplatz stehen. Seien nur ein bis höchstens zwei solcher Parkplätze vor Ort, werde bei Feststellung sofort abgeschleppt. Insgesamt sei die Überwachung der Schwerbehinderten-Parkplätze einer der Kontrollschwerpunkte, erklärt die Stadt Magdeburg MDR SACHSEN-ANHALT auf Anfrage schriftlich. Nicht nur Katrin Gensecke findet, dass die Strafe aktuell mit 35 Euro zu gering ist: Auch von der Stadt heißt es, dass das Verwarngeld auf mindestens 55 erhöht werden müsste.

Probleme am Flora Park bekannt

Für das Centermanagement vom Flora Park in Magdeburg ist die Situation um die barrierefreien Parkplätze ein bekanntes Problem. "Wir haben die Stadt dann häufig auch immer mal um Hilfe gebeten – dadurch kommen auch die Strafzettel zustande", erklärt Centermanager Kai Ehlers. Das Personal vom Flora Park hätte selbst kein Weisungsrecht und dürfe die Fahrzeugführer nur per Zettel darauf aufmerksam machen.

Ein Mann steht vor dem Haupteingang am Flora Park in Magdeburg und schaut in die Kamera
Kai Ehlers, Centermanager vom Flora Park in Magdeburg Bildrechte: MDR / Kevin Poweska

Wenn die Parkplätze nur von Leuten mit Behinderung genutzt werden würden, dann würden sie nie voll sein.

Kai Ehlers, Centermanager vom Magdeburger Einkaufszentrum Flora Park
Der Haupteingang am Magdeburger Einkaufszentrum Flora Park. Davor steht ein Schild was auf barrierefreie Parkplätze hinweist.
Die Barrierefreien Parkplätze liegen direkt vor dem Haupteingang am Flora Park. Bildrechte: MDR / Kevin Poweska

Sind alle barrierefreien Parkplätze belegt, gebe es immer noch die Möglichkeit sich auf einen Familienparkplatz daneben zu stellen, meint Ehlers. Dies würden auch viele der Betroffenen automatisch machen. Auch diese Parkplätze seien in der ersten Reihe, direkt am Centereingang gelegen. "Kurze Wege zum Center, breitere Stellflächen zum rangieren mit einem Rollstuhl oder andere Hilfsmittel und gute Zufahrtsmöglichkeiten zum Parkplatz", sind laut Ehlers die Kriterien, nach denen die Parkplätze vor dem Haupteingang des Flora Parks eingerichtet wurden.

Ehlers fordert, dass die Menschen die nähergelegenen Parkplätze den Kunden überlassen, die diesen auch wirklich bräuchten. "Solange man gesund ist und zwei Beine hat, kann man auch mal fünf Meter mehr laufen und muss den Behinderten Menschen nicht die Parkplätze wegnehmen", meint der Centermanager.

Nicht nur böse Blicke beim Parken

Hat Katrin Gensecke einen barrierefreien Parkplatz erwischt, komme es auch vor, dass sie von Passanten böse Blicke oder gar beleidigende Wörter abbekomme. Aber davon lässt sich die gebürtige Erfurterin nicht abschrecken. Sie stellt klar, nicht jede Behinderung ist auf den ersten Blick sichtbar. Bei ihr wäre es durch die Krankheit MS, die Tagesform, die entscheidet, wie fit sie wirklich sei.

Mir ist das schon häufig passiert, dass mich Passanten angesprochen haben, ob ich nicht lesen könnte – das wäre doch ein Behindertenparkplatz. Da kam es das ein oder andere Mal auch zu beleidigenden Aussagen.

Katrin Gensecke freut sich, wenn sie einen Barrierefreien Parkplatz bekommt.

Barrierefreie Parkplätze entsprechen oft nicht der Norm

Ein barrierefreier Parkplatz auf dem Parkplatz vom Flora Park wo ein Auto drauf steht
Die Barrierefreien Parkplätze am Florapark entsprechen der Norm – oftmals stehen allerdings auch Menschen dort, die da eigentlich nicht stehen dürften. Bildrechte: MDR / Kevin Poweska

Für die Landesvorsitzende der AG Selbst Aktiv ist aber nicht jeder als barrierefrei gekennzeichnete Parkplatz gleich die goldene Lösung. Häufig entsprechen die Parkplätze nicht der vorgegebenen Din-Norm. Oftmals fänden Personen, gerade auf der Beifahrerseite, einen Bordstein um den Parkplatz herum vor. Dann sei ein Transfer eines Rollstuhls nicht gewährleistet, erklärt Katrin Gensecke. Dadurch würden einige Parkplätze für bestimmte Personen trotz Kennzeichnung kategorisch ausscheiden.

Laut Din-Norm müssten Stellplätze mindestens 350 Zentimeter breit und 500 Zentimeter lang sein. Für Kleinbusse gelten andere Maße: Eine Mindestbreite von 350 Zentimeter, eine Länge von 750 Zentimeter und eine Höhe von 250 Zentimeter.

Katrin Gensecke lacht und ist froh. Das Wetter hat zwar etwas abgeflacht – warm ist es noch, aber eher drückend. Die Sonne versteckt sich hinter den Wolken. Aber heute hat Katrin Gensecke ihren Parkplatz am Hauptbahnhof in Magdeburg bekommen. "Eine steile Treppe weniger", freut sie sich. Damit andere Menschen auch davon profitieren will sie sich auch in Zukunft für die Belange von Menschen mit Behinderung einsetzen.

Kevin Poweska
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Kevin Poweska arbeitet trimedial im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT. Aktuell ist er im sechsten Semester seines Bachelor-Studiengangs Journalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Während seines Studiums absolvierte er bereits ein Praktikum bei der Braunschweiger Zeitung.

In seiner Freizeit ist er gerne sportlich aktiv: Seine Hauptambitionen liegen in den Sportarten Basketball, Tennis und Fußball - aber auch da probiert er sich gerne immer wieder neu aus. Zudem ist er journalistisch sportlich voll dabei: Kevin Poweska führt einen Blog zu den Deutschen Tennisherren und steht dabei mit den Spielern für Postgame-Interviews in regem Kontakt.

Quelle: MDR/pow

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 13. August 2020 | 17:30 Uhr

6 Kommentare

Eulenspiegel vor 15 Wochen

Ja dies asozialen Typen gibt es überall. Es interessiere sie nicht das sie einen behinderten Mitbürger arg in Schwulitäten bringen. Wenn ich zu sagen hätte bekämen die mindestens ein Monat Fahrverbot und mindestens 1000 Euro Geldstrafe dazu noch mindestens 1000 Schmerzensgeld.

James vor 15 Wochen

Lieber MDR,

diese Mitbürger stehen nicht fälschlicherweise sondern unberechtigt auf diesen Parkplätzen.
Nicht das Ordnungsamt, sondern der jeweilige Winterdienst schüttet ggf. geräumten Schnee auf die Parkplätze. Das betrifft leider nicht nur die barrierefreien Parkplätze, sondern auch normale.
Auf Parkplätzen von Einkaufszentren ist das Center selbst zuständig. Dies kann leider keine Bußgelder festsetzen. Durchsagen lösen das Problem leider auch nicht mehr.
Auch ein Thema: leider gibt es auch Menschen mit Handicap, die gar nicht mehr auf den speziell gekennzeichneten Parken möchten, weil es zu den hier beschriebenen negativen Reaktionen kommt.
Die Menschen sind zudem nicht behindert, sondern haben ein Handicap bzw. eine Einschränkung. Allein jemanden als behindert zu bezeichnen,grenzt diese Person m.E. aus.
Zum Schluß: Ich erinnere mich, wo eine hochgestellte Person ohne Einschränkung auch einen barrierefreien Parkplatz blockierte. Müsste diese nicht mit gutem Beispiel voran gehen?

part vor 15 Wochen

Leider wurden in manchen Wohngebieten die Behindertenparkplätze ganz beseitigt. Behinderte, die aber auf ihren mobilen Untersatz angewiesen sind und bei einer der wenigen Großvermieter wohnen haben dann das Nachsehen, denn weder Kommune noch privatem Vermieter interessiert welchen Weg von Parkmöglichkeit bis zur Wohnung sie bestreiten müssen. Auch für Menschen, die kurzzeitig erkrankt oder frisch opereriert sind fehlen oft die Möglichkeiten in der Nähe der Wohnung zu parken. Abhilfe schaffen würde ein Gesetz, das Vermieter und Kommunen verpflichtet zusätzlich Behindertenparkplätze zu errichten, statt diese aufzuheben. Wenn dann noch Garagenbesitzer verpflichtet würden, wie Hessen, ihre Garage auch zu nutzen für das eigen KFZ, dann wären mehr Stellplätze vorhanden. In Thüringen sucht man solch ein Garagengesetz vergeblich...

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