Prozessbeginn Mutmaßliche Straßenbahnschläger vor Gericht in Magdeburg

Am Magdeburger Landgericht hat am Mittwochvormittag der Prozess gegen einen 18-Jährigen und gegen einen 17-Jährigen begonnen. Die beiden jungen Männer sind wegen versuchten Totschlags und Sachbeschädigung angeklagt.

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Annette Schneider-Solis, MDR SACHSEN-ANHALT

Verschiedene Personen in einem Gerichtssal.
Die gesamte Verhandlung findert unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Ausgesprochen selbstbewusst, in Handschellen und in Begleitung von Justizbeamten betraten der 18- und der 17-jährige den Gerichtssaal. Das Interesse der Medien war groß, denn der Fall hatte im Sommer wegen seiner Brutalität für Entsetzen gesorgt. Doch gleich zu Beginn stellte der Anwalt des 17-Jährigen den Antrag, die Öffentlichkeit auszuschließen.

Das Gericht folgte dem für die gesamte Hauptverhandlung: Die öffentliche Berichterstattung schade dem Reifeprozess und stehe den Interessen des 17-JÄhrigen entgegen. Auch für den 18-Jährigen sei zu befürchten, dass sich eine Berichterstattung über die Verhandlung negativ auswirke. Auch würde er sich nicht so offen äußern, wenn öffentlich verhandelt werde. Bereits für die Verlesung der Anklage wurde die Öffentlichkeit aus dem Saal geschickt.

Teilnehmen dürfen nur die Eltern des 17-Jährigen, die zum Prozessauftakt im Gerichtssaal waren, und die beiden Bewährungshelferinnen. Denn: Die beiden Angeklagten sind einschlägig vorbestraft und standen zum Zeitpunkt der Tat unter Bewährung. Der Ältere der beiden hat offenbar angekündigt, vor Gericht aussagen zu wollen. Während des bisherigen Ermittlungsverfahrens hatten beide geschwiegen.

Opfer wies Randalierer zurecht

Am Abend des 8. August 2019 sind die beiden damals 18 und 16 Jahre alten Männer gemeinsam mit zwei jungen Frauen mit der Straßenbahn Linie 1 in Magdeburg unterwegs. Die Niederflurbahn fährt von Stadtfeld in Richtung Hauptbahnhof. Auch ein 22-Jähriger aus Hamburg ist in derselben Bahn. Er besucht seine ehemalige Heimatstadt Magdeburg.

Es ist gegen 20:30 Uhr, als die Gruppe Jugendlicher in der Bahn anfängt zu randalieren. Die vier fangen an, Sitzpolster herauszureißen. Der 22-Jährige fasst sich ein Herz, steht auf und stellt die Randalierer zur Rede. Er fordert sie auf, ihre Handlungen einzustellen. Doch jetzt richtet sich die Gewalt gegen den jungen Mann aus Hamburg. Es hagelt Tritte und Schläge. Wie im Rausch traktieren die beiden Männer ihr Opfer.

Ein Mann wird von 2 Polizisten untergehakt.
Beide Angeklagten sind polizeilich bekannt und waren zur Tatzeit auf Bewährung. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Lebensgefährliche Verletzungen

Vorn in der Niederflurbahn bekommt der Fahrer von dem Geschehen mit. Er ruft den Notruf und stoppt die Straßenbahn. Am Damaschkeplatz verlässt der Hamburger die Straßenbahn, gefolgt von den Jugendlichen; die Prügelattacke geht weiter. Die Staatsanwaltschaft wird später in ihrer Anklageschrift schreiben, dass die Täter ihr Opfer töten wollten – aus Wut darüber, dass der Mann sie aufgefordert hatte, sich ordentlich zu benehmen.

Schwer verletzt bleibt der Mann aus Hamburg liegen. Als die Polizei am Damaschkeplatz eintrifft, sind die mutmaßlichen Täter bereits auf und davon. Das Opfer dieser Gewaltorgie erleidet schwere Kopfverletzungen, wird in die Uniklinik eingeliefert. Die Ärzte diagnostizieren Frakturen der Schädelbasis und der Augenhöhle. Es besteht Lebensgefahr. Erst einige Tage nach der Prügelattacke können die Ärzte Entwarnung geben.

Mutmaßliche Täter in U-Haft

Zeitgleich beginnt die Suche nach den Tätern. Die Straßenbahn gehört zu jenen 60 Prozent der Busse und Bahnen in der Landeshauptstadt, die mit Überwachungskameras ausgestattet sind. Die Öffentlichkeit wird um Hilfe gebeten. Hinweise gehen ein; zwei Männer und zwei Frauen werden als Verdächtige ausgemacht. Die beiden jungen Männer aus Magdeburg melden sich noch am Sonntag in Begleitung ihrer Eltern bei der Polizei. Sie sind keine Unbekannten für die Beamten: Der 16-Jährige ist der Polizei wegen gefährlicher Körperverletzung bekannt, der 18-Jährige hat neben gefährlicher Körperverletzung auch Raub und Betrug auf dem Kerbholz.

Beide Männer gelten als dringend tatverdächtig. Wenige Tage nach der Tat erlässt der Ermittlungsrichter Haftbefehl. Seitdem sitzen beide in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen versuchten Totschlags und Sachbeschädigung. Für die Hauptverhandlung sind zunächst elf Verhandlungstage vorgesehen. 17 Zeugen, ein psychiatrischer und zwei medizinische Gutachter sollen gehört werden.

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Annette Schneider-Solis arbeitet seit Mai 1994 für den MDR. Sie ist vor allem als Reporterin für Fernsehen, Hörfunk und Online im Land unterwegs. Ihre Themenpalette ist breit. Annette Schneider-Solis ist in Magdeburg geboren, hat in der Nähe von Stendal Zootechnikerin gelernt, das Abi an der Abendschule gemacht und in Leipzig Journalistik studiert. Seit 1985 arbeitet sie als Journalistin, seit 1994 als Freie, vor allem für den MDR, aber auch für die dpa und ab und zu für verschiedene Zeitungen. Lieblingsorte in Magdeburg hat sie viele - dazu gehören der Stadtpark und der Möllenvogteigarten in Magdeburg und die ländlichen Regionen. Vor allem das weite Grünland in der Altmark und die Felder in der Börde.

Quelle: MDR/cw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 28. Januar 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Januar 2020, 10:03 Uhr

13 Kommentare

der_Silvio vor 2 Wochen

Warum versuchen Sie das schon wieder zu politisieren?
Schlimm genug, daß diese Jugendlichen einen Menschen fast totgeschlagen haben!
Ich mag die NPD auch nicht, aber die haben hiermit NICHTS zu tun!

Denkschnecke vor 2 Wochen

Naja, mit einer Verurteilung für zweifache gefährliche Körperverletzung auf Bewährung konnte ja vor 8 Jahren in Sangerhausen ein NPD-Vertreter sogar noch auf seinem Stadtratstuhl bleiben. Wie finden Sie das?

wo geht es hin vor 2 Wochen

Sie haben aber offensichtlich ein Problem damit, unbelehrbare Typen wie die hier beschriebenen den Mitmenschen bekannt zu machen und so die Mitmenschen vor diesen Typen zu warnen. Ihnen geht der Täterschutz vor Opferschutz und damit befinden Sie sich in trauter Einigkeit mit der für mich unverständlichen Kuscheljustiz. Denn wie kann es sein, dass einschlägig Bekannte der Polizei immer und immer wieder auf freien Fuß gesetzt werden und so auch immer wieder solche Straftaten begehen und Unschuldige schädigen können. PS: Weil Sie ja hier so obelehrerhaft erklären, was alles so veboten ist, um die Rechte dieser Typen nicht zu verletzen - es ist auch nicht erlaubt, andere Menschen zu verletzen. So hat eben jeder so seine Prioritäten - die Ihren liegen offensichtlich bei den Rechten der Täter....

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