Der Angeklagte Bahaa M. wird von Mitarbeitern der Justiz in Handfesseln zum Gerichtssaal geführt.
Der Angeklagte brach zum Prozessauftakt am Dienstag sein Schweigen und berichtete, unter Drogeneinfluss gestanden zu haben und sich nicht zu erinnern. Bildrechte: dpa

Landgericht Magdeburg Attacke in Straßenbahn: Geständnis und Widersprüche vor Gericht

Er hatte ohne erkennbaren Grund in Magdeburg einen Mann angegriffen und später eine Schülerin und einen Studenten am Kopf schwer verletzt. Am Landgericht hat am Dienstag der Prozess gegen den 34-jährigen Angeklagten aus Syrien wegen gefährlicher Körperverletzung begonnen. Demnach gesteht er die Tat, will aber unter Drogen gestanden haben.

Der Angeklagte Bahaa M. wird von Mitarbeitern der Justiz in Handfesseln zum Gerichtssaal geführt.
Der Angeklagte brach zum Prozessauftakt am Dienstag sein Schweigen und berichtete, unter Drogeneinfluss gestanden zu haben und sich nicht zu erinnern. Bildrechte: dpa

Im Prozess gegen einen 34-Jährigen mutmaßlichen Straßenbahnschläger in Magdeburg hat der Angeklagte am Dienstag vor Gericht eine umfangreiche Aussage gemacht. Der aus Syrien stammende Mann sagte, er könne sich an nichts erinnern, er habe vor den Taten im April Haschisch und Marihuana konsumiert. Er sei seit 2014 drogenabhängig. Nach den Worten seiner Verteidigerin gibt er die Angriffe zu, könne über seine Motive aber nichts sagen. "Die Taten tun ihm unendlich leid", hieß es.

Die Staatsanwaltschaft hatte zwei Monate nach Inhaftierung des Mannes eine Haarprobe angeordnet. Nach Angaben der Vorsitzenden Richterin ergibt sich daraus, dass "überhaupt keine Substanzen nachgewiesen werden konnten". Auch nach der einstündigen Befragung des Angeklagten – zu seiner Vorgschichte und dem persönlichen Drogenkonsum – blieben Dinge unklar.

Hintergrund: Nachweis von Drogen im Haar

Eine Haaranalyse gilt bei regelmäßigem oder gelegentlichem Konsum von Drogen wie Kokain, Heroin, Cannabis oder Ecstasy als zuverlässig. Denn bei der Haarbildung werden verschiedene Wirkstoffe mit in das Haar aufgenommen. Der Stoffwechsel endet, sobald das Haar aus der Wurzel herausgewachsen ist, dann ändert sich auch die Zusammensetzung des Haares nicht mehr. Für die Ende der 70er-Jahre entwickelte Haaranalyse wird ein etwa fünf Millimeter langes Stück Haar benötigt. Je nach Haarlänge kann also beispielsweise THC, der Wirkstoff der Cannabis-Pflanze, mehrere Monate oder sogar noch ein Jahr nach Einnahme nachgewiesen werden. Ein einmaliger Drogenkonsum ist mit dieser Methode hingegen schwer zu belegen.

Entschuldigungen an Opfer

Laut Anklage soll der Mann im April 2019 an einer Haltestelle am Hasselbachplatz in Magdeburg einem Mann grundlos mindestens dreimal mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben. Der Mann erlitt dabei Verletzungen im Mund- und Nasenbereich.

Ein Polizist schließt einem Mann, der sein Gesicht mit einem Briefumschlag verdeckt, Handschellen auf.
Der Prozess ist zunächst bis zum 29. August geplant. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Eine Woche später soll er in einer Straßenbahn einer 18-jährigen Schülerin durch Faustschläge ins Gesicht den Augenhöhlenboden und die Nase gebrochen haben. Einem Studenten, der helfen wollte, soll er durch Fußtritte gegen den Kopf die Vorderwand der Stirnhöhle gebrochen und damit lebensbedrohlich verletzt haben.

"Ich möchte mich ganz herzlich bei Ihnen entschuldigen", ließ der Angeklagte am Dienstag über seinen Dolmetscher an die junge Frau ausrichten, ohne sie anzusehen. Er bitte sie aber zu verstehen, dass er unter Drogen gestanden habe. Auch an den jungen Studenten, der bis heute unter gesundheitlichen und psychischen Folgen leidet, richtete der Angeklagte eine Entschuldigung.

Aufklärung erst nach Druck von Außen

Der Fall wurde erst auf Druck der Angehörigen öffentlich. Später wurde zudem bekannt, dass der Mann aus Syrien zuvor schon wegen ähnlicher Vorfälle in Nordrhein-Westfalen aufgefallen war.

Bei einer Verurteilung wegen schwerer Körperverletzung drohen dem Angeklagten bis zu zehn Jahre Haft.

Der Angeklagte sitzt seit dem 26. April – rund zwei Wochen nach dem ersten mutmaßlichen Angriff in Magdeburg – in Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt Burg. Bis zum 29. August sind vorerst vier Verhandlungstermine geplant.

Ermittlungsfehler der Polizei

Die Polizeiführung hatte nach Bekanntwerden der Fälle Ermittlungsfehler eingeräumt. Man habe den Vorfall fälschlicherweise als einfache Körperverletzung eingestuft. So sah die Polizei zunächst keinen Grund, den Fall über die Osterfeiertage weiterzubearbeiten oder die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Das Innenministerium entschuldigte sich bei den Opfern.

Der Angreifer wurde nach der Straßenbahn-Attacke lediglich in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, die er einen Tag später wieder verließ.

Quelle: dpa, MDR/mp,ap

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 06. August 2019 | 06:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. August 2019, 13:29 Uhr

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54 Kommentare

08.08.2019 12:28 jackblack 54

Hallo Sylter, bitte nicht um Kaisers Bart streiten, glauben Sie mir, den OPFERN ist es egal, ob es schwere oder gefährliche Körperverletzung war, die SCHMERZEN sind die gleichen.

08.08.2019 12:13 Fakt 53

>>kein Otto, #53:
"Anders als beispielsweise beim Alkohol werden die Konsumenten davon normalerweise nicht aggressiv "<<
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Da sind Sie offenbar falsch informiert. Laut Ärzteblatt vom Oktober 2017 besagt eine Studie, dass Cannabis-Konsumenten häufiger zu gewalttätigem Verhalten neigen als Alkohol- oder Kokainkonsumenten.

08.08.2019 09:00 kein Otto 52

Am lustigsten fand ich ja die Schutzbehauptung, er hätte Marihuana geraucht. Wer mal die Kiffer bei Musikfestivals oder Konzerten beobachtet hat oder welche kennt, weiß, wie diese Droge wirkt. Anders als beispielsweise beim Alkohol werden die Konsumenten davon normalerweise nicht aggressiv und kloppen sich. Das macht das Zeug natürlich nicht besser oder gar ungefährlich, entlavt aber die Lüge des Angeklagten.

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