Interview mit Steffen Dauer Psychologe über Sexismus im Netz: "Problem ist, dass Menschen andere bewerten"

Kevin Poweska
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Sexismus im Reitsport – darauf hat eine junge Magdeburgerin aufmerksam gemacht. Doch wie sollte man mit sexistischen Nachrichten umgehen? MDR SACHSEN-ANHALT hat den Rechtspsychologen Steffen Dauer aus Halle gefragt. Ein Interview.

Steffen Dauer
Dr. Steffen Dauer sprach im Interview mit MDR SACHSEN-ANHALT über Sexismus im Internet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Dr. Dauer, was sagen Sie zur generellen Darstellung von jungen Menschen im Netz. Wo lauern die Gefahren?

Dr. Steffen Dauer: Die Darstellung von jungen Menschen im Internet ist sehr verschieden. Es gibt dabei keine echte Typologie. Bei Vorstellungen von Attraktivität sind die Vorstellungen des Einzelnen natürlich breit gefächert. Einige finden zum Beispiel Tattoos schön, andere sehen darin eine Verunstaltung des Körpers. Das Problem, das im Internet vorherrscht, ist nicht die Darstellung, sondern, dass es Menschen gibt, die andere bewerten – und dann auch abwerten. Dieser Sachverhalt stellt aus psychologischer Sicht ein großes Problem dar, weil keine Toleranz mehr gelebt wird. Die individuelle Meinung wird versucht zu generalisieren.

Warum wird – aus psychologischer Sicht – so viel in den sozialen Netzwerken gepostet?

Man möchte den Leuten etwas mitteilen. Auf der einen Seite will der Mensch individuell sein, auf der anderen Seite möchte man unterbewusst der Strömung folgen, sich mitzuteilen. Wenn man etwas liked, erhofft man sich, selbst Likes bei eigenen Postings zu bekommen. Die kritische Betrachtung beim Posten fällt weg und damit auch die Kontrolle über das eigene Handeln, welche Fotos eigentlich gepostet werden.

Wir haben jetzt das Beispiel Reitsport. Wie kann man die generalisierte Meinung auf dieses Beispiel übertragen?

Wenn beispielsweise ein junger Mann ein Bild mit einem Pferd postet, nehmen die Leute das unterschiedlich wahr. Eine Person, die das als "uncool" empfindet, teilt die eigene Meinung mit Freunden. Der Versuch, diese von der eigenen Meinung zu überzeugen ist gleichzeitig der Versuch, eine generelle Meinung zu generieren. In der Folge wird das Bild dann in einem bestimmten Kreis als "uncool" wahrgenommen.

Was sollten die Betroffenen gegen anzügliche Nachrichten oder auch Hass im Netz unternehmen?

Aus psychologischer Sicht gibt es keine Möglichkeiten, etwas dagegen zu tun. Das Einzige wäre ein Rückzug aus den sozialen Medien und die Rückkehr zu traditionellen Kommunikationsformen – aber das ist heutzutage auch nicht mehr zeitgemäß. Ansonsten sollte man allzu freizügige Postings unterlassen. Generell muss man aber immer mit blöden Kommentaren rechnen – wenn diese jedoch gegen Gesetze verstoßen, rate ich, diese auf jeden Fall zur Anzeige zu bringen!

Wie erklären Sie sich solche Nachrichten wie "Du kannst ja auch mal auf mir reiten" als Reaktion auf Fotos von Reitern?

Es handelt sich in diesem Fall um eine primitive Verknüpfung durch Worte – die Verknüpfung von Sexualität mit dem Reitsport, was für viele eine eher unbekannte Welt ist. Schlichte Gemüter, die das Reiten nicht kennen, nutzen diese Verbindung, um Aufsehen zu erregen und Emotionen auszulösen. Solche Äußerungen würde in einem direkten Gespräch wohl eher niemand sagen. Das ist eine primitive Distanzlosigkeit bei solchen Formulierungen.

Was sagen Sie aus psychologischer Sicht: Warum posten zum Beispiel Reitsportler Bilder von sich in Reiterpose?

Sie sind sich zumeist nicht über die Konsequenzen ihres Handelns bewusst. Gerade im jungen Alter ist es schwierig, dies zu begreifen. Nehmen wir den jungen Mann aus dem vorherigen Beispiel: Er freut sich, dass er ein Bild mit seinem Pferd oder generell vom Reiten postet. Er rechnet gar nicht mit einer negativen Wahrnehmung und ist somit gar nicht auf die negativen Reaktionen vorbereitet.

Wodurch entsteht dieser Wunsch der Meinungsmache?

Es wird uns heutzutage ja durch Influencer vorgelebt, wie eine Meinungsbildung entstehen kann und wie man dadurch selbst im Ansehen steigt. In sozialen Netzwerken werden wir mittlerweile durchgehend beeinflusst und die Nutzer versuchen als besonders "cool" zu gelten. Um das zu schaffen, werden Postings von anderen dazu missbraucht, um seinen eigenen Status zu steigern. Indem jemand die Coolness von anderen in Frage stellt, glaubt er, selbst cool zu sein.

Woran es liegt es, dass diese Reaktionen manchmal negativ sind?

Dafür sind unter anderem die unterschiedlichen sozialen Erfahrungen verantwortlich. Einige Leute haben keine Vorstellung vom Reiten. Sie verstehen nicht, wie viel Spaß es macht und auch nicht, wie viel Arbeit hinter einem Pferd stecken kann – es fehlt das Einfühlungsvermögen. Teilweise prallen hier auch Gedanken aus völlig verschiedenen sozialen Schichten aufeinander, die nicht dieselben Möglichkeiten haben.

Kevin Poweska
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Kevin Poweska arbeitet trimedial im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT. Aktuell ist er im fünften Semester seines Bachelors Studiengangs Journalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Während seines Studiums absolvierte er bereits ein Praktikum bei der Braunschweiger Zeitung. In seiner Freizeit ist Kevin gerne sportlich aktiv: Seine Hauptambitionen liegen in den Sportarten Basketball, Tennis und Fußball - aber auch da probiert er sich gerne immer wieder neu aus. Zudem ist er journalistisch sportlich voll dabei: Kevin führt einen Blog zu den Deutschen Tennisherren und steht dabei mit den Spielern für Postgame-Interviews in regem Kontakt.

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Quelle: MDR/jw,ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 06. November 2019 | 19:00 Uhr

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