Das Haar im Reagenzglas Beruf Rechtsmediziner: Bis zu 200 Leichen wöchentlich

Ob im "Tatort", "Polizeiruf" oder "CSI" – Rechtsmediziner spielen in vielen Serien eine wichtige Rolle, scheinen sogar immer beliebter zu werden. Doch wie viel Wahrheit steckt in solchen Krimis und wie sieht die reale Arbeit von Rechtsmedizinern aus? Ein Arzt aus Sachsen-Anhalt erzählt – von bis zu 200 Verstorbenen pro Woche, die er vor ihrer Einäscherung begutachten muss und von seinen Lieblingsfiguren "Quincy" und "Columbo".

Christine Warnecke
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Christine Warnecke, MDR SACHSEN-ANHALT

Dr. med. Norbert Beck
Norbert Beck, einer von nur fünf Rechtsmediziner im nördlichen Sachsen-Anhalt. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

An der Tür seines Büros hängt ein Simpsons-Plakat, in seiner Freizeit joggt Norbert Beck gern und spielt Saxophon in verschiedenen Rockbands. Seinen Beruf aber haben nur wenige Menschen in Sachsen-Anhalt. Er ist einer von fünf Rechtsmedizinern, die von der Uni Magdeburg aus das nördliche Sachsen-Anhalt betreuen.

Unaufgeregt wirkt Beck, wenn er von seiner Arbeit spricht und das muss er wohl auch sein. Denn er beschäftigt sich täglich mit Toten, Verletzten und Verbrechen. "Man darf sich nicht selbst auf dem Tisch sehen", sagt der Rechtsmediziner schlicht, "und Horrorfilmen nicht zu viel Glauben schenken." Unaufgeregt, aber nicht ohne Emotion, behandle er seine Patienten seit rund 30 Jahren. Die tägliche Arbeit sei nicht so spektakulär wie es Krimis und Thriller darstellen. Er sei zum Beispiel genauso viel am Schreibtisch wie im Sektionssaal – doch seine Arbeit hat reale Auswirkungen.

Spuren an mutmaßlichen Tatorten sichern und interpretieren, obduzieren, als Sachverständiger bei Gericht auftreten, Verstorbene vor der Einäscherung noch einmal begutachten, aber auch lebende Menschen untersuchen, wenn sie beispielsweise bei der Polizei angeben, Opfer einer Vergewaltigung geworden zu sein – all das sind seine Aufgaben. Dafür hat er sechs Jahre Medizin studiert und eine fünfjährige Weiterbildung zum Facharzt für Rechtsmedizin durchlaufen.

"Verfolgungsjagden? Zum Glück nur im Fernsehen"

Die meisten Fälle seien Verstorbene aus Wohnungen, erzählt Beck. "Wenn es im Hausflur riecht und die Feuerwehr die Tür aufmacht, dann komme ich und gucke wie auf eine Pralinenschachtel: ohne zu wissen, was drin ist, also was das Herz, unser 'Uhrwerk' zum Stillstand gebracht hat. Oder auch bei der Spurensuche: Wir hatten schon Fälle, bei der ein einzelnes gefundenes Haar zum Täter geführt hat." Das sei dann wie bei den Serien "Quincy" oder "Columbo", in denen fast perfekte Verbrechen an kleinsten Unstimmigkeiten platzen.

Man darf sich nicht selbst auf dem Tisch sehen und Horrorfilmen nicht zu viel Glauben schenken.

Norbert Beck, Rechtsmediziner

Zum Großteil werde in Filmen aber viel übertrieben: "Da muss es natürlich knallen und der Rechtsmediziner auch schon mal in eine Verfolgungsjagd verwickelt werden. In der Realität ist mir das zum Glück noch nicht passiert." Einmal habe er dem Polizeiruf Magdeburg aber seinen Dienstkoffer und sein Wissen zur Verfügung stellen können. "Seitdem meldet sich die eine oder andere Maskenbildnerin manchmal bei mir, um zu fragen, wie diese oder jene Verletzung aussehen müsste." Wer weiß schon spontan, wie zum Beispiel erfrorene Personen aussehen? Solche Tipps gibt Beck gern.

Die Ethik im Blick behalten

Manches muss er selbst herausfinden, wenn es noch keine Vergleichsmöglichkeiten in der Fachliteratur gibt. "Einmal hatten wir einen Fall, da wurde eine tote Person in eine Tonne gelegt, die wurde mit brennbarer Flüssigkeit gefüllt und angezündet. Da war zu überlegen, ob nicht auch Brandversuche an biologischem Material gemacht werden müssten, um die Fragen der Juristen beantworten zu können."

In solchen Forschungsfragen müsse eine zuständige Ethikkommission entscheiden, denn nicht jeder theoretisch denkbare Versuch sei medizinethisch auch zulässig, so Beck. Die Kommission besteht aus Ärzten, Wissenschaftlern aus anderen Disziplinen und auch Laien, die zusammen mit den verantwortlichen Wissenschaftlern eine Risiko-Nutzen-Kalkulation vor allen Versuchen am Menschen durchführen. "Keine Forschung ohne Nutzen", stellt Beck als Geschäftsführer der Ethik-Kommission der Uni Magdeburg klar.

Dolmetscher für medizinische Befunde

Rechtsmedizinisches Institut der Universität Magdeburg: Dr. med. Norbert Beck (mit Stirnlampe)
Der Arbeitsplatz von Norbert Beck (mit Stirnlampe): Das rechtsmedizinische Institut der Universität Magdeburg (nachgestellte Szene einer Obduktion einer skelettierten Leiche) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In erster Linie sieht sich Beck aber als Dolmetscher – als Übersetzer medizinischer Befunde und für juristische Aspekte. "Das A und O ist schließlich festzustellen, woran eine Person verstorben ist und ob ein Fremdverschulden in Frage kommt; sowohl für die Auftraggeber, also häufig die Staatsanwaltschaft, als auch die verstorbene Person, die ein Recht darauf hat, dass gegebenenfalls  juristische Maßnahmen greifen." Die schönen Momente seien aber andere: "Wenn man nicht nur zu einer gerechten Strafe beitragen kann, sondern fälschlicherweise Verdächtigte entlasten kann, wenn der Tod zum Beispiel doch ein Unfall war. Das ist auch für die Angehörigen wichtig zu wissen."

Vor Vorverurteilungen zu schützen, funktioniere insgesamt gut. Ausnahme sei etwa der Fall von Jörg Kachelmann: "Wir haben immer mal wieder solche und ähnliche Fälle – nur oftmals ohne Promistatus. Da ist es wichtig, dass wir der Polizei und den Ermittlungsbehörden genau sagen, was wir als Rechtsmediziner von dem Fall halten und wie belastbar die Befunde sind. Nur so lassen sich große Justizskandale verhindern."

Finanzielle Mittel sind knapp

Für all diese Aufgaben sind die Mittel aber zu knapp bemessen, findet Norbert Beck. In Sachsen-Anhalt gibt es rechtsmedizinische Standorte nur an der Uniklinik Halle und ihrer Außenstelle Magdeburg. "Das ist weniger als die Minimalvariante", sagt Beck. "Gegenüber anderen medizinischen Fachrichtungen benötigt die Rechtsmedizin immer Mittel aus politischen Entscheidungen und da wird es meist knapp." Gut wäre, wenn jedes Gesundheitsamt auch mit Rechtsmedizinern besetzt wäre, denn die jetzige Situation sei schwierig: "Wenn wir an die Altmark denken, wo der nächste rechtsmedizinische Standort womöglich 100 Kilometer weit entfernt ist, ist das durchaus ein Problem."

Manchmal  stehen vermeintlich völlig klare Tatabläufe mit einer neuen Information plötzlich ganz anders da. "Ich erinnere mich an einen Fall, zu dem ich in einem Gutachten geschrieben habe, dass das Opfer von hinten geschlagen worden sein muss. Dann gab es aber zehn Zeugen, die alle unabhängig voneinander sagten, Tatverdächtiger und Opfer hätten Gesicht zu Gesicht gestanden. Da muss ich mich dann fragen: Liegen alle Zeugen falsch – oder ich?" Im Gericht könne sich alles nochmal komplett drehen. "Dann sitzt man völlig baff da. Und es wäre nicht das erste Mal, wenn das Gericht mich dann als Sachverständigen fragt, ob das Fazit meines bisherigen Gutachtens Bestand hat – oder ob ich es überdenken muss."

Rechtsmedizin – eine Arbeit also der ständigen Selbstreflektion und kritischen Analyse, viel mehr als in Film und Fernsehen.

Christine Warnecke
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über die Autorin Christine Warnecke ist gebürtige Niedersächsin und arbeitet seit September 2017 bei MDR SACHSEN-ANHALT für die Radio- und Online-Redaktion, insbesondere das Studio Magdeburg. Davor hat sie in Praktika bei der Bild-Zeitung Hannover, bei Radio mephisto 97.6 und der Zeitung "Costa del Sol"-Nachrichten in Spanien Erfahrung gesammelt.
Sie studierte Journalistik an der Universität Leipzig und volontierte bei der Neuen Westfälischen Zeitung in Bielefeld. Nach diesem Abstecher in den Teutoburger Wald fühlt sie sich nun fast überall nahe der elbischen Fluten wohl.

Quelle: MDR/cw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 15. Januar 2019 | 15:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Januar 2019, 11:26 Uhr

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2 Kommentare

15.01.2019 15:39 Sachse43 2

Danke für dieses Thema. Also beißt kein RM neben der Leiche ins Brötchen und lacht albern wie dieser unsägliche Böhnke im TV.

15.01.2019 12:09 Carola 1

das ist ja wieder ein klasse Thema,