Halle-Attentat: Reportage zum achten Prozesstag Seltener Applaus im Gerichtssaal

Marie-Kristin Landes
Bildrechte: MDR/Jacqueline Schulz

Applaus fällt in einem Gerichtssaal selten. Am achten Prozesstag zum Halle-Anschlag ist das anders. Die Aussagen von vier Zeuginnen und Zeugen sind so stark, dass sie kaum jemanden kalt lassen. Ein subjektiver Blick auf das, was an diesem Tag besonders Eindruck hinterlassen hat.

Grafik: Der Eingang zur Synagoge Halle
Am achten Prozesstag kamen Zeuginnen und Zeugen, die den Anschlag in der Synagoge erlebt hatten, zu Wort. Bildrechte: MDR/Max Schörm

Es ist ein unglaublich starkes Statement, mit dem die erste Zeugin dieses Verhandlungstages endet. "Er hat sich mit der Falschen angelegt. (...) Mit dem heutigen Tag wird er mir keine Qualen mehr verursachen. Es endet hier und heute." Kurz zuvor hatte sie darüber gesprochen, dass ihr nach den Erlebnissen vom 9. Oktober 2019 eine posttraumatische Stresserkrankung diagnostiziert wurde. Geholfen habe ihr vor allem auch ihr Großvater. Ein Holocaust-Überlebender. Wie muss es sich für diese Familie nur anfühlen, wenn gleich zwei Mitglieder Opfer antisemitischer Verbrechen wurden, geht wahrscheinlich nicht nur mir durch den Kopf.

Eine vage Antwort liefert die Zeugin kurz darauf. Ihre Familie in den USA wäre von Anfang an nicht begeistert gewesen, dass sie für den Job nach Deutschland geht. Doch auch nach dem Anschlag steht für die Zeugin fest, dass sie nicht weggehen wird. Auf Hebräisch und Englisch zitiert sie einen Segensspruch und findet deutlichen Worte, die mehr an sich selbst gerichtet wirken als an uns Beobachtende: "Es endet hier und heute."

Klares Signal: Er hat nicht erreicht, was er wollte

Ein Moment, der wohl niemanden im Saal, außer einer Person, kalt lässt. Durchbrochen wird er vom lauten Applaus der Nebenklagevertreter und des Publikums. Ein Moment, der sich in Kopf und Herz einbrennt. Nicht der einzige an diesem Tag. Was am heutigen Verhandlungstag besprochen wird, ist extrem persönlich. Es geht nicht um forensische Untersuchungen und Ermittlungsergebnisse wie in der vergangene Woche.

Es geht darum, wie all jene, die sich am 9. Oktober 2019 in der Synagoge befanden und Ziel des Anschlags waren, diesen Tag erlebt haben. Und vor allem: Wie haben Sie ihn verwunden? Dass all das den Angeklagten wenig interessiert, zeigt er gleich zu Beginn noch einmal deutlich. Als die erste Zeugin erklärt, dass sie für eine jüdische Nicht-Regierungs-Organisation (NGO) arbeitet, lacht er laut auf. Er wird von der Vorsitzenden Richterin ermahnt, dass es hier nichts zu lachen gibt. Sie könne ihn auch von der Verhandlung ausschließen. Sie tut es nicht.

Er muss damit weiter zu hören – und das ist gut so. Denn die darauffolgenden Zeugenaussagen senden ein klares Signal in seine Richtung: Von ihm lässt sich hier niemand einschüchtern. Mit seiner Tat hat er nicht erreicht, was er wollte.

"Zwei Menschen sind tot, weil ich es nicht bin"

Die zweite Zeugin unterstreicht das: "Wir werden weitermachen wie vorher. Das wird uns alle nicht abhalten in die Synagoge zu gehen." Ihre Aussage trifft mich persönlich besonders. Nachdem sie eindrücklich geschildert hat wie sie den 9. Oktober 2019 erlebt hat. Fragen der Richterin darüber beantwortet, warum sie in der Synagoge war.

Dann wird sie auch nach einer möglichen posttraumatischen Belastungsstörung gefragt. "Das Einzige, was für mich noch sehr von Belastung ist und ich weiß nicht, ob sich das jemals ändern wird: Ich komme einfach nicht darüber weg, dass zwei Menschen tot sind, weil ich es nicht bin." So viel Empathie tut weh. Hier sitzt eine Zeugin, die Schuldgefühle hat, weil nicht sie, die junge Frau jüdischen Glaubens, "das Ziel" des Angeklagten, von den Kugeln getroffen wurde, sondern Jana L. und Kevin S.. 

Schicksalstag Jom Kippur 

Unter den heutigen Zeugen ist auch der Rabbiner Jeremy Appelbaum Borowitz. Als er den Zeugenstand betritt, zieht der Angeklagte die Augenbrauen hoch. Offenbar passt er ihm nicht. Beeindrucken lässt sich Borowitz davon keine Sekunde. Als der Angeklagte sein Fragerecht beansprucht und sich direkt an ihn mit "Herr Borowitz" wendet, reagiert er kühl auf Englisch: "Rabbi Borowitz."

Sehr eindrücklich schildert der Rabbiner die Hintergründe des höchsten jüdischen Feiertages Jom Kippur und warum sich alle entschlossen, ihren Gottesdienst fortzuführen nachdem die Polizei eintraf. Jom Kippur – ein Feiertag, der Teil einer zehntägigen Periode ist, die mit dem jüdischen Neujahrsfest Rosh ha-Schana beginnt. Er sagt, dass in der Liturgie zu finden ist, dass "das Schicksal an Rosh ha-Schana in das Buch des Lebens geschrieben und an Jom Kippur besiegelt wird." Wie treffend das doch für den 9. Oktober 2019 ist…

Auch Rabbiner Borowitz beschäftigt heute noch der Tod von Jana L. und Kevin S.. Oft denke er an sie, wahrscheinlich "für den Rest meines Lebens". Kurz nach dem Anschlag haben er und seine Frau lange darüber nachgedacht, Deutschland zu verlassen. Ihre Babysitterin, die an diesem Tag ihre damals 15 Monate alte Tochter betreute, ging. "Jetzt kann ich sagen, dass ich weiß, dass jüdisches Leben weitergehen wird." In Richtung des Angeklagten sagt er: "Wir haben keine Angst, wir verstecken uns nicht, wir stehen zusammen, wir sind laut und wir werden gehört." Aber: Es brauche auch die Beteiligung der deutschen Gesellschaft, um eine "multikulturelle Gesellschaft aufzubauen, die gefüllt ist mit Liebe, Ehre und Respekt." 

Gehen oder bleiben?

Gehen oder bleiben – diese Frage hat sich auch der vierte Zeuge gestellt. Eine Frage, die nach allem dem was in diesem Prozess bereits zu hören war und nach all dem Antisemitismus, den Menschen jüdischen Glaubens immer wieder erleben müssen, nachvollziehbar ist. Es hier heute aber noch einmal in der Deutlichkeit zu hören, macht traurig und nachdenklich. Es zeigt, dass wir eben nicht die moderne offene Gesellschaft haben, von der so oft die Rede ist. Eine, die aus ihrer eigenen Geschichte wirklich etwas gelernt hat. Der vierte Zeuge ist der Kantor der jüdischen Gemeinde Halle. Auch er lebt wie die anderen in Berlin und ist der jüdischen Gemeinde in Halle aber schon lange verbunden. 

Was hat ihn gehalten? Die Solidaritätsbekundungen und das Zeichen, dass so viele Menschen am 10. Oktober 2019, nur einen Tag nach dem Attentat, vor der Synagoge setzen. Und diese Worte richtet er deutlich an den Angeklagten: "Ich will, dass du es weißt. Ich war auf der Straße, wo du warst. Auf der Straße waren Menschen, Tausende von Menschen und die haben gesungen und die Wenigsten davon waren Juden." Das sei das Deutschland, das er kenne. "Ich werde hier bleiben und mir eine Zukunft, meine Familie aufbauen. Und du, du musst für den Rest deines Lebens damit leben. Was du getan hast, hat nichts gebracht." Auch hierauf folgt, wie bei allen der vier Zeuginnen und Zeugen, lauter Applaus.

Einiges hätte besser laufen können

Doch diese ersten vier Zeugen, die den 9. Oktober 2019 in der Synagoge Halle erlebt haben, berichten nicht nur von ihren Erlebnissen. Sie sprechen auch an, was besser hätte laufen können – bei der Polizei und bei uns als Medien. "Wir haben lange gewartet bis ein Polizist kommt, der uns einfach aufklärt, was passiert ist und was jetzt passiert", sagt eine Zeugin. Auch gab es Unstimmigkeiten, wie sie aus der Synagoge evakuiert werden sollten, ob sie das koschere Essen mitnehmen dürfen oder nicht. Es gab keinen Sichtschutz, der die im Bus wartenden Gemeindemitglieder vor Blitzlichtgewitter und Kameras abgeschirmte.

Was offenbar fehlte: das nötige Fingerspitzengefühl. "Das wird besonders deutlich im Kontrast zu unserem Empfang im Krankenhaus", sagt Rabbiner Borowitz. Hier sei das Personal sehr liebevoll und zugewandt gewesen. "Ich glaube, die Polizei kann das besser. Die waren einfach auf so eine dramatische Lage nicht vorbereitet. Aber ich glaube, dass hier Raum für Verbesserungen besteht," sagt Rabbiner Borowitz. Raum für Verbesserung gibt es auch bei uns Medienschaffende in solchen Ausnahmesituationen. Ein Gedanke, der mich und sicher auch die ein oder andere Kollegin aus dem Gerichtssaal hinaus begleitet.

Marie-Kristin Landes
Bildrechte: MDR/Jacqueline Schulz

Über die Autorin Marie-Kristin Landes ist in Dessau-Roßlau geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur zog es sie für ein Politikstudium erst nach Dresden, dann für den Master Journalistik nach Leipzig. Praktische Erfahrungen sammelte sie bei der Sächsischen Zeitung, dem ZDF-Auslandsstudio Wien und als freie Mitarbeiterin für das Onlineradio detektor.fm. Nach ihrem Volontariat beim Mitteldeutschen Rundfunk arbeitet sie jetzt vor allem für MDR Kultur und das Landesfunkhaus Sachsen-Anhalt. Wenn sie nicht gerade für den MDR unterwegs ist, ist sie am liebsten einfach draußen. Zwischen Meer oder Berge kann sie sich dabei genauso wenig wie zwischen Hund oder Katze entscheiden.

Der vierte Prozesstag

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 02. September 2020 | 19:00 Uhr

15 Kommentare

Heimatloser vor 12 Wochen

@Denkschnecke,
ich möchte nur auf die"Rothschilds"eingehen.Nur mal als Anregung gedacht.
Lesen Sie doch einmal Sachbücher von Viktor Farkas.
Ich kann hier nicht alle Bücher aufzählen.Bitte googeln.Sie finden genug "Futter".
Viktor Farkas regt zum Nachdenken an.

Denkschnecke vor 12 Wochen

Ihren Kommentar verstehe ich nicht, auch wenn ich schneller denke. Ich habe nur gegenüber ossi1231 die These des Artikels gestützt, dass der Täter nicht das erreicht hat, was der geständige Beschuldigte (wenn wir das jetzt mal juristisch fein separieren) als Ziel seines Vorhabens angegeben hat. Über das Ergebnis des Prozesses habe ich doch gar nicht spekuliert.

Haller vor 12 Wochen

Ich glaub es war Roland Jäger der darüber vor kurzem geschrieben warum Sie nicht veröffentlichen auch wenn kein Hass, finde den Artikel jetzt nicht ad hoc.

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