Halle-Attentat – Reportage zum vierzehnten Prozesstag Depressionen, Schlafstörungen, Angstattacken – Folgen für die Betroffenen

MDR-Redakteur Roland Jäger
Bildrechte: Philipp Bauer

Für die Betroffenen des Anschlages von Halle ist der 9. Oktober 2019 noch nicht vorbei. Teilweise erinnern sie Kleinigkeiten an das Erlebte, stoßen sie in die Situation des Angriffes zurück. Das haben am Dienstag ihre Aussagen vor Gericht deutlich gemacht.

Ein Anwalt zeigt einem Zeugen den Gerichtssaal
Am vierzehnten Prozesstag sagte unter anderem ein Augenzeuge aus, der sich während des Anschlags im Döner-Imbiss befand. Bildrechte: MDR/Max Schörm

Er habe die Tür nur zugehalten. Sie mit dem Metallriegel zu verschließen, hätte ein zu lautes Geräusch gemacht – die Angreifer hätten ihn bemerken können. Als er einen Schuss aus dem Gastraum des Kiez-Döners gehört habe, nur wenige Meter von ihm entfernt, habe er vor Schreck die Tür auf- und zugezogen. Die Tür habe geknallt. 

Ich dachte: Shit, jetzt ist es vorbei. 

Conrad R., Zeuge und Nebenkläger

So schildert ein Zeuge, wie er die Momente des Angriffes von Stephan B. auf den Kiez-Döner erlebt hat. Er habe geglaubt, mehrere Angreifer seien im Laden. Zunächst flüchtete er hinter eine Wand; habe von dort gesehen, wie ein Mitarbeiter des Kiez-Döners sich hinter dem Tresen versteckte und ihm mit dem Zeigefinger auf den Lippen bedeutete, leise zu sein. Danach habe er sich in der Toilette versteckt – einem kleinen Raum ohne Fenster und Ausgang. Er habe seiner Familie eine Abschiedsnachricht geschrieben. Erst, als es etwas ruhiger wurde, rief er die 110 an. 

Die Polizistin am Telefon habe sofort gewusst, aus welcher Situation er anrief, habe gesagt, Einsatzkräfte seien bereits unterwegs, er solle ruhig bleiben. "Sie verabschiedete sich mit: ‘Auf Wiederhören’. Ich dachte: Das ist eventuell die letzte Stimme, die ich höre. Mir fehlen die Worte, das zu beschreiben. Da war ich baff."

Er berichtet weiter, die Zeit in dem kleinen Raum habe sich sehr lang angefühlt, wie eine Stunde. Dabei waren es nur etwa 20 Minuten – das habe er anhand seiner Telefonate später nachvollziehen können. Irgendwann habe er Rufe gehört, ob noch jemand im Laden sei. Das habe sich nach Polizei angehört. Conrad R. sagt, als die Beamten die Tür öffneten und er das Wappen der Polizei gesehen habe, habe er gedacht: "Okay, ich sterbe heute nicht."

Die psychischen Folgen des Anschlages

Als Conrad R. im Zeugenstand sitzt und diesen Moment schildert, ist die Erinnerung an das Gefühl der Erleichterung in seiner Stimme wahrnehmbar. Dennoch fühlt er sich heute nicht wohl, wenn er bewaffnete Sicherheitskräfte sieht: "Schwer ausgerüstete Polizisten werfen mich in den Tag zurück. Ich unterstelle denen überhaupt nicht, dass sie mir was Böses wollen. Aber wenn ich die sehe, bin ich wieder in der Situation, in der die Tür aufgemacht wird." 

Während er das erzählt, sind ungefähr ein Dutzend Sicherheitsleute im Gerichtssaal. Darunter auch die Beamten der Spezialeinheit der Justiz BSRD, die den Angeklagten bewachen. Die Aufregung darüber ist ihm anzuhören, während er im Zeugenstand sitzt.

Heute habe ich nicht viel geschlafen. Ich reise sehr ungern. Ich mag keine riesigen Gruppensituationen. Mir wurde auch angeboten, das heute anders zu machen; dass ich nicht in diesem Raum sitze. Aber ich wollte hier sein, auch wenn ich Angst habe. 

Conrad R., Zeuge und Nebenkläger

Die Erfahrung des Attentats habe bei ihm Spuren hinterlassen: In Räumen zu sein, in denen er keinen Ausgang sehe, sei nur schwer auszuhalten, sagt er. Conrad R. ist mit seinen Symptomen nicht allein.

Schlafstörungen, Angstattacken, Depressionen

Der 9. Oktober 2019 hat sich in die Erinnerungen der Betroffenen eingebrannt. Das ist bereits an den vergangenen Verhandlungstagen gezeigt worden – viele der Zeugen, die bisher befragt worden sind, können nicht mehr durchschlafen, berichten von Angstattacken, die sie erst in den Wochen und Monaten nach dem Anschlag entwickelt haben. 

Wie sehr die Taten diese Menschen zum Teil verändert haben, wurde heute besonders deutlich. Eine Anwältin verliest ein Statement zu ihrem Mandanten – einem Kollegen von Kevin S. Er habe sich verantwortlich gefühlt für den geistig und körperlich behinderten jungen Mann. Seit dem Attentat habe er Schuldgefühle, mache sich Vorwürfe zu dessen Tod. Als im Februar 2020 der Anschlag in Hanau passierte, habe ihn das in seiner Verarbeitung noch einmal zurückgeworfen. Der Mann, Mitte 40, sei seit dem Anschlag arbeitsunfähig, habe Schwierigkeiten, seine Wohnung zu verlassen. 

Rolle der Medien: Berichten, bedrängen?

Die Anwältin berichtet weiter, ihr Mandant sei von Medien bedrängt worden, Interviews zu geben. Rücksicht auf das Trauma des Betroffenen wurde, zumindest dieser Schilderung nach, nicht genommen. MDR SACHSEN-ANHALT hat nicht versucht, mit dem Mann Kontakt aufzunehmen. Doch der Fall zeigt, wie unterschiedlich die Perspektiven auf journalistische Arbeit in einem solchen Fall sind: Einerseits ist es der Auftrag der Medien zu berichten – und dazu natürlich mit denjenigen zu sprechen, die den Anschlag selbst erlebt haben. Andererseits ist gerade bei der Arbeit mit traumatisierten Menschen eine Sensibilität gefragt, der Reporter oft nicht ausreichend gerecht werden. 

Conrad R. erzählt hingegen von einer Reporterin, die direkt mit ihm gesprochen hatte, nachdem er den Kiez-Döner verlassen hatte. Sie habe sich zu ihm gesetzt, ohne Kamera und Mikrofon, und ihm zugehört. Erst später habe sie ihn gefragt, ob er seine Erlebnisse vor der Kamera noch einmal schildern würde. Er sagte, er sei froh gewesen, seine Gedanken teilen zu können. 

Prozess zum Anschlag von Halle: Blick in den Gerichtssaal

Blick auf mit hellem Holz vertäfelten Zeugenstand, Anklagebank und Nebenklage im größten Gerichtssaal Sachsen-Anhalts.
So sieht er aus – Sachsen-Anhalts größter Gerichtssaal im Landgericht Magdeburg. In der Mitte des Raumes befindet sich der Zeugenstand. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis
Blick auf mit hellem Holz vertäfelten Zeugenstand, Anklagebank und Nebenklage im größten Gerichtssaal Sachsen-Anhalts.
So sieht er aus – Sachsen-Anhalts größter Gerichtssaal im Landgericht Magdeburg. In der Mitte des Raumes befindet sich der Zeugenstand. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis
Auf der linken Seite des Bildes stehen viele schwarze Stühle. Sie werden durch Plexiglasscheiben vom übrigen Gerichtssaal getrennt.
Die Plexiglasscheibe ist Corona-Schutz. Sie trennt Zuschauer und Journalisten auf der linken Seite von den Verfahrensbeteiligten auf der rechten Seite. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis
 Auf einem Bildschir steht "Landgericht Magdeburg", im Hintergrund ist verschwommen ein Gerichtssaal.
Der Verhandlungssaal ist technisch unter anderem mit Bildschirmen und Mikrofonen an den einzelnen Plätzen ausgestattet. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis
Auf einer hellen Holztür sind drei Ausdrucke mit Hinweisen zum Infektionsschutz angebracht.
Auch im größten Prozess, den Sachsen-Anhalt bisher erlebt hat, gelten Corona-Schutzmaßnahmen. Zuschauer und Journalisten müssen Mundschutz tragen. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis
Blick vom Zeugenstand auf die Nebenklage im größten Gerichtssaal Sachsen-Anhalts
Der Blick von der Anklagebank auf die Nebenkläger – gut 40 sind zugelassen. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis
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Auch Aftax Ibrahim hat vor der Kamera über seine Erlebnisse sprechen wollen. Der Somalier war auf der Magdeburger Straße in Halle, überquerte an einer Straßenbahn-Haltestelle die Straße – als Stephan B. auf seiner Flucht aus Halle mit seinem Mietwagen auf die linke Spur steuerte und versucht haben soll, ihn zu überfahren: "Ein Freund rief noch: ‘Pass auf, warte!’ und er erreichte schon den Bürgersteig. Aber mich traf das Auto. Ich fiel zu Boden, bin kurz ohnmächtig geworden." Die Verletzungen an Hand und Knie wurden in einem Krankenhaus behandelt, sagt Ibrahim im Zeugenstand. Erst dort habe ihm ein Arzt von den Schüssen berichtet. Erst dort sei ihm klar geworden, dass er keinen Unfall, sondern einen Anschlag überlebt habe.

Der 9. Oktober 2019 hat die Betroffenen verändert

Ibrahim ist seit dem Anschlag ein anderer Mensch, hat mit den psychischen Folgen zu kämpfen. Ebenso wie der Mann, der im Kiez-Döner den Anschlag überlebte, falle es ihm schwer, allein die Wohnung zu verlassen. "Man hat immer so ein mulmiges Gefühl. Das hat man immer. Das hat man in sich," sagt er. Auch für ihn habe das Attentat von Hanau im vergangenen Februar das eigene Trauma noch einmal präsent gemacht. Dort seien in einer Shisha-Bar, wie auch er sie früher gern besucht habe, junge Menschen getötet worden. Nun gehe er nicht mehr in Bars.

Ich schränke mein Leben draußen ein. Ich habe nichts mehr seit dem 9. Oktober, was mir Freude bereitet. Ich freue mich nicht mehr.

Aftax Ibrahim, Zeuge und Nebenkläger

Während Ibrahim spricht, schaut der Angeklagte ihn an, richtet sein Kinn eine zeitlang etwas nach oben. Sein Blick ist als Beobachter schwer zu deuten – es mag Geringschätzung für die Betroffenen darin liegen. 

Conrad R. kann seinen Erlebnissen im Kiez-Döner neben all den negativen Folgen sogar etwas Gutes abgewinnen: "Egal wie 0815 ein Tag ist, es kann jeden Moment vorbei sein." Nach der Nahtoderfahrung im Kiez-Döner versuche er aktiver zu sein. Er wolle keine Lebenszeit mehr verschwenden.

MDR-Redakteur Roland Jäger
Bildrechte: Philipp Bauer

Über den Autor Roland Jäger arbeitet seit 2015 für den Mitteldeutschen Rundfunk – zunächst als Volontär und seit 2017 als Freier Mitarbeiter im Landesfunkhaus Magdeburg. Meist bearbeitet er politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Themen - häufig für die TV-Redaktionen MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE und Exakt – Die Story, auch für den Hörfunk und die Online-Redaktion. Vor seiner Zeit bei MDR SACHSEN-ANHALT hat Roland Jäger bei den Radiosendern Rockland und radioSAW erste journalistische Erfahrungen gesammelt und Europäische Geschichte und Germanistik mit Schwerpunkt Medienlinguistik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg studiert.

Quelle: MDR/cw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 22. September 2020 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Haller vor 4 Wochen

Mehr als 24 Stunden nichts freizuschalten.
Wo wir doch gern gewusst wann der Mahler das Lokal verlassen haben will.
Und der Kunde aus der Toilette
"So schildert ein Zeuge, wie er die Momente des Angriffes von Stephan B. auf den Kiez-Döner erlebt hat. Er habe geglaubt, mehrere Angreifer seien im Laden. Zunächst flüchtete er hinter eine Wand; habe von dort gesehen, wie ein Mitarbeiter des Kiez-Döners sich hinter dem Tresen versteckte und ihm mit dem Zeigefinger auf den Lippen bedeutete, leise zu sein. Danach habe er sich in der Toilette versteckt – einem kleinen Raum ohne Fenster und Ausgang."
Warum kann der MDR das nicht nachstellen damit wir uns das vorstellen können.
Wir haben ja nicht einmal eine Bauzeichnung der Örtlichkeit.

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