Halle-Attentat: Reportage zum zwölften Prozesstag Nichts ist mehr wie es war

Der zwölfte Prozesstag ist emotional besonders fordernd. Zum ersten Mal sagt einer der Angehörigen der Todesopfer aus. Zu Wort kommt auch der heutige Besitzer des Kiez Döner. Er schließt mit einem eindringlichen Statement.

Schwer bewaffnete Polizeikräfte in Halle an der Saale
Am zwölften Prozesstag schilderten Zeugen aus der Synagoge, wie sie den Einsatz der Polizei erlebt haben. Bildrechte: Tom Wunderlich/Max Schörm

Knapp zwei Meter trennen den Zeugenstand von den ersten Plätzen für Medien. Zwischen uns ist nur eine Wand aus Panzerglas. Wie bei allen bisher gehörten Zeuginnen und Zeugen lässt sich auch auf das Gesicht von Karsten L. kein Blick erhaschen. Wir sehen nur seinen Rücken, das sportliche weiße Hemd, die Brille mit rechteckigen Gläsern und schmalem Rand, die er abgenommen und auf den Kopf gesetzt hat. Um seinen Hals hängt ein Schal mit Schwarzweiß-Fotos seines Sohnes Kevin S. und dem Logo des Halleschen FC.

Um zu sehen, wie es diesem Mann gerade geht, braucht es den Blick in sein Gesicht aber auch nicht. Seine Füße unter dem Tisch zucken unruhig hin und her, ziehen regelrechte Kreise. Dieser Mann kämpft – mit sich und dem Erlebten.

Ein letzter Anruf

Karsten L. ist heute der erste Zeuge. Er soll dem Gericht einen Eindruck davon vermitteln, wie sein Sohn gewesen ist. Welche Träume hatte der 20-Jährige und welche Spuren hat der Tod des Sohnes, das Attentat vom 9. Oktober 2019, bei der Familie hinterlassen?

Während L. spricht, stockt er immer wieder. Seine Worte sind brüchig und schwer von Tränen. Sein Rechtsanwalt Erkan Görgülü und eine Mitarbeiterin des Sozialen Dienstes der Justiz müssen ihn immer wieder beruhigen. Karsten L. beginnt zu erzählen, dass sein Sohn eine geistige und körperliche Behinderung hatte. Die Familie hatte auch nach der Trennung der Eltern ein enges Verhältnis. Die Eltern waren stolz, dass sich Kevin trotz Schwierigkeiten durch die Schule gekämpft hatte. "Maler war sein Traumberuf", sagt der Vater. Zwei Jahre lang absolvierte Kevin neben der Schule immer wieder Praktika bei einer Malerfirma aus Halle.

Dort sei sein Sohn richtig aufgeblüht. Er wollte gern arbeiten und Geld verdienen. Vor allem, um sich seine Leidenschaft, den Fußballverein Hallescher FC, selbst finanzieren zu können. Am 1. Oktober 2019 durfte Kevin S. endlich eine Ausbildung anfangen. Acht Tage später wird er in seiner Mittagspause erschossen.

Je mehr sich die Aussage des Vaters diesem Tag nähert, desto schwerer fällt es ihm zu sprechen, rotieren seine Füße unter dem Zeugentisch. Noch gegen 11.45 Uhr hatte er mit seinem Sohn telefoniert, weil Kevin gern mit Kollegen einen Döner essen wollte. Seine Mutter hatte er zuvor angerufen. Sie sagte Nein, Karsten L. gab nach. "Er hat immer versucht, uns ein bisschen auszuspielen, auf eine nette Art und Weise", erinnert sich sein Vater.

Verzweifelte Suche

Der Anruf ist das letzte Mal, dass Vater und Sohn miteinander sprechen. Was wenige Minuten darauf passiert, ist leider festgehalten für die Ewigkeit auf einem Video des Täters. Tausende Menschen haben es mittlerweile gesehen. Auch wenn der Link zum Stream aus dem Netz genommen wurde: Auf Smartphones, Computern und in Clouds ist es bis heute gespeichert. Auch Kevins Eltern haben das Video gesehen.

Als er nicht auf Nachrichten und Anrufe reagiert, sucht Karsten L. seinen Sohn über Facebook. Sie orten sein Handy per App und bemerken, dass es sich seit Stunden am selben Ort befindet. Gegen 18.00 Uhr meldet sich ein Bekannter. Er habe ein Video. Kevins Eltern schauen sich das Video an. "Das ist Kevin, das ist Kevin…", wiederholt Karsten L., bis ihm die Stimme versagt. Der große Mann versinkt in Tränen, unfähig weiter zu sprechen. Die Sitzung wird unterbrochen.

Wie schwer muss es sein, nicht nur das eigene Kind zu verlieren, sondern vom Tod über ein Video zu erfahren? Seine Aussage nimmt viele im Saal mit. Leises Schniefen ist zu hören, einige wischen sich Tränen aus den Augen und lüften ihre Masken. Es ist eine von vielen besonders langen Pausen an diesem zwölften Verhandlungstag. Ein Tag, der sich im Vergleich noch schwerer anfühlt als die bisherigen. Nicht wegen der drückenden Hitze dieses Spätsommertages, sondern der unendlichen Trauer dieses Vaters, die zu spüren ist.

Auf Karsten L. folgen weitere Zeuginnen und Zeugen, die am 9. Oktober 2019 in der Synagoge waren. Keinem folgt der Angeklagte so aufmerksam wie ihm. Während er die durchlebten Ängste und Erinnerungen der anderen Zeugen, ihre Mahnungen an die Gesellschaft und Kritik an der Ermittlungsarbeit des Bundeskriminalamtes mit hochgezogenen Augenbrauen oder dem bekannten Grinsen missbilligt, scheint es fast so, als wären ihm der Schmerz und die Verzweiflung des Vaters unangenehm. Bei ihm schaut er nicht stur geradeaus, er schaut zu Boden.

Der Angeklagte ist ein Feigling

Wie die Nebenklagevertrerinnen, Nebenklägerinnen und Prozessbeobachtenden nimmt auch Ismet Tekin die Aussage des Vater besonders mit. Auch er ist Nebenkläger, hat bisher keinen einzigen Verhandlungstag verpasst. Er betritt als Letzter den Zeugenstand, direkt nach seinem jüngeren Bruder. "Bis heute habe ich es ausgehalten, bis zur Aussage von Kevins Vater. Das habe ich nicht ausgehalten. Ich musste rausgehen." Ismet Tekin gehört mittlerweile der Kiez Döner in der Ludwig-Wucherer-Straße in Halle. Am 9. Oktober 2019 verließ er nur wenige Minuten vor dem Anschlag den Laden. Er erzählt, wie zurück rannte als sein Bruder ihn anrief, wie er sich neben einem Auto versteckte und die Schießerei des Angeklagten mit der Polizei verfolgte, wie er den erschossenen Kevin S. hinter einem der Kühlschränke fand.

In vier Sprachen habe ich keine Worte gefunden, die Tat zu beschreiben. Aber für den Mörder habe ich ein Wort gefunden: Er ist ein Feigling.

Ismet Tekin, Nebenkläger

Seine Aussage schließt er mit einem beeindruckenden Statement, das fast einem Appell an die Menschlichkeit gleicht. "Kevin und Jana sind nicht für umsonst gestorben. Ihr Tod, den Wert kann man nicht bemessen. Sie sind vielleicht körperlich nicht hier. Aber sie werden immer bis in alle Ewigkeiten in unseren Herzen leben", beginnt er. Niemand habe verdient, auf so eine Art und Weise zu sterben. "Es ist ein Mensch, der die Waffenmunition herstellt. Es ist auch der Mensch, der andere tötet. Wieso ist ein Menschenleben so wenig wert?"

Nach dem Anschlag habe auch er für einen Moment, so wie viele der Opfer, Deutschland hinterfragt. Zwei Monate vor der Tat wollte er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Er war bereits dabei zu lernen, doch der Anschlag ließ ihn zögern. "Solange ich dunkle Haare habe, einen dunklen Teint, macht es überhaupt keinen Unterschied, ob ich in meiner Tasche einen deutschen Pass trage oder nicht."

Es gibt in jedem Land böse, schlechte Menschen. Aber das Böse wird immer verlieren.

Ismet Tekin, Nebenkläger

Aber: "Ich habe nach dieser feigen Tat sehr viele wunderbare Menschen kennengelernt. Ich war mir danach sicher: Es gibt in jedem Land böse, schlechte Menschen. Aber das Böse wird immer verlieren." Genau deshalb wird er mit seiner Familie bleiben und seinen Laden, den Kiez Döner, nicht aufgeben.

Solidarität statt Hass

Ismet Tekins Aussage knüpft an so viel von dem an, was in diesem Saal bereits gesagt wurde. Trotz der schrecklichen Taten und dem Leid, das der Angeklagte so vielen zugefügt hat, können Zeugen wie Ismet Tekin etwas Positives aus dem Erlebten ziehen. Es ist die große Solidarität zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen, Herkunft und Sozialisation. Eine Solidarität, die bis heute andauert und sich nicht nur am Schabbat direkt nach dem Anschlag zeigte. Dem Tag, als Hunderte Menschen sich schützend um die Synagoge stellten. Sie zeigt sich darin, wie sich Nebenklägerinnen und Nebenkläger gegenseitig stützen. Menschen, die sich vor dem Anschlag nicht kannten und heute Freunde sind. Sie zeigt sich in Spendenaufrufen, wie dem der Jüdischen Studierendenunion für den Kiez Döner, der seit dem Anschlag um seine Existenz kämpft.

Unterbrochen werden Ismet Tekins eindringliche Worte, die Danksagung, nur von der Verteidigung. Hans-Dieter Weber unterbricht ihn. Er findet, all das gehört nicht in eine Aussage. Auch scheint der Verteidiger vergessen zu haben, dass Ismet Tekin nicht nur Zeuge, sondern auch Nebenkläger ist. Ist er nur unaufmerksam oder ist es ihm egal? Schließlich haben wir nicht Prozesstag eins, sondern zwölf. "Ich empfehle Ihnen, dringend die Akten zu lesen und ich finde es an dieser Stelle beschämend, dass sie sich an dieser Stelle auf die Hinterbeine stellen", erwidert sichtlich aufgebracht Rechtsanwalt Onur Özata, der die Tekin-Brüder vertritt. Ismet Tekin darf seine Ausführungen beenden und bekommt Applaus. Vielleicht einen der lautesten, der bisher fiel.

Über die Autorin Marie-Kristin Landes ist in Dessau-Roßlau geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur zog es sie für ein Politikstudium erst nach Dresden, dann für den Master Journalistik nach Leipzig. Praktische Erfahrungen sammelte sie bei der Sächsischen Zeitung, dem ZDF-Auslandsstudio Wien und als freie Mitarbeiterin für das Onlineradio detektor.fm. Nach ihrem Volontariat beim Mitteldeutschen Rundfunk arbeitet sie jetzt vor allem für MDR Kultur und das Landesfunkhaus Sachsen-Anhalt. Wenn sie nicht gerade für den MDR unterwegs ist, ist sie am liebsten einfach draußen. Zwischen Meer oder Berge kann sie sich dabei genauso wenig wie zwischen Hund oder Katze entscheiden.

Quelle: MDR/sp,js

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 15. September 2020 | 19:00 Uhr

3 Kommentare

ossi1231 vor 1 Wochen

"Der zwölfte Prozesstag ist emotional besonders fordernd. ..." und wie so oft vermissen wir Sachlichkeit und Inhalt sowohl in Magdeburg selbst als auch in nachfolgenden Medien.
Und narürlich ist am 16.09.2020 nach 11:30 Uhr noch kein Kommentar freigeschaltet.

ossi1231 vor 1 Wochen

Emotionen und Inhalt, aber hier haben wir Emotionen (fast) ohne Inhalt.

MDR-Team vor 1 Wochen

Emotionen und Inhalt widersprechen sich nicht. Wir berichten auf verschiedene Weisen vom Prozess. Bei einer Reportage gehören dazu auch Emotionen.

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