Denkmalschutz Magdeburger Rayonhäuser erstrahlen in neuem Glanz

Sie wurden so konstruiert, dass man sie schnell hätte abreißen können: Rayonhäuser. In Magdeburg finden sich noch einige dieser deutschlandweit seltenen Gebäude – viele verfallen, in manche zieht neues Leben ein. Die Sanierung ist oft schwierig, aber möglich.

von Christine Warnecke, MDR SACHSEN-ANHALT

Rayonhäuser in Magdeburg
Denkmalgeschützter Hingucker: ein saniertes Rayonhaus in Magdeburg. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Die Wände sind maximal 15 Zentimeter dick und aus Fachwerk, ohne stabilisierende Nägel – besonders robust waren Rayonhäuser nie. Doch das sollten sie auch nicht sein. Im Gegenteil: Bei einem Angriff auf die preußische Festung Magdeburg hätte man die Häuser dieser besonderen Bauart innerhalb eines Tages abgerissen, um freie Sicht und freies Schussfeld auf den Feind zu haben. So sah es das Reichsrayongesetz Ende des 19. Jahrhunderts jedenfalls noch vor.

Tatsächlich wurde das Abreißen für einen Kampf wohl nie nötig. Etwa 45 der bis zu 180 einst rund um Magdeburg entstandenen Rayonhäuser haben die etwa 140 Jahre seit ihrer Erbauung überdauert. Sie sind unterschiedlich gut erhalten. Manche sind bewohnt, in einige kehrt gerade wieder Leben ein, andere verfallen weiter. Gerfried Kliems hat eines der Rayonhäuser in Stadtfeld wieder zum Wohnen hergerichtet. "Wir haben es als Fachwerkhaus gekauft und später erst herausgefunden, dass es eben diese besondere Geschichte hat." Die Sanierung war aufwändig: Ganze Wände fehlten, das Fundament musste stabilisiert werden. Trotzdem: Das Interesse war geweckt.

Ein Haus mit Seele

Vor fünf Jahren hat Kliems ein zweites Rayonhaus in der Leipziger Straße gekauft. In dem neueren Anbau ist bereits seine Schmuckwerkstatt untergebracht, den Rest des Hauses renoviert er nach und nach. "Eine Lebensaufgabe", meint er und lacht. "Wir dachten, wir haben die Erfahrung aus der Sanierung des ersten Hauses – aber man vergisst auch viel von dem Elend."

Rayonhäuser in Magdeburg
Gerfried Kliems Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Du schaust das Haus anfangs an und sagst dir: Ich habe ja die Erfahrung. Aber dann zeigt sich, dass da doch immer mehr zu machen ist, als angenommen.

Gerfried Kliems, saniert Rayonhäuser

Die obere Etage soll bald als Wohnung vermietet werden, unten sollen Veranstaltungen mit Getränkeausschank stattfinden können. Der alte Tresen mit antik wirkender Kasse, einige dunkle Polsterstühle und etwas Mobiliar sowie ein mit Schnitzereien reich verziertes Klavier hat Kliems von der Vorbesitzerin übernommen. "Dieses Haus war über hundert Jahre lang eine Gärtnerei und ein Blumenladen, im Hof stehen noch die Gewächshäuser, die wir erhalten wollen. Das Haus war immer in Familienbesitz." Auch das macht für Gerfried Kliems den Charme des Hauses aus: "Es ist ein Haus mit Seele."

"Rayon" heißt "Bezirk" oder "Ring"

Rayonhäuser finden sich in einem Halbkreis rund um das Magdeburger Zentrum. Zeichnet man die übriggebliebenen Häuser auf einem Stadtplan ein, lässt sich erkennen, wo früher der "2. Rayon" verlief – das Gebiet, in dem leichte Bebauung erlaubt war, die aber im Fall der Fälle auch schnell verschwinden können sollte. Im ersten Rayon, am nächsten zur Festungsmauer, durften nur Holz- und Blechschuppen stehen – von ihnen sind wohl keine mehr erhalten. Im dritten Rayon war nur die Ausrichtung der Straßen vorgeschrieben.

Sanierung Rayonhäuser in Magdeburg

Rayonhäuser in Magdeburg
Das Rayonhaus von Gerfried Kliems ist in der Sanierung. Für das Fundament und die Fenster bekam er eine finanzielle Förderung, doch der Großteil ist Eigenleistung. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke
Rayonhäuser in Magdeburg
Das Rayonhaus von Gerfried Kliems ist in der Sanierung. Für das Fundament und die Fenster bekam er eine finanzielle Förderung, doch der Großteil ist Eigenleistung. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke
Rayonhäuser in Magdeburg
Das untere Geschoss hat Gerfried Kliems schon saniert, oben sollen die Wohnungen bald vermietet werden. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke
Rayonhäuser in Magdeburg
Fast nebenan steht ein weiteres Rayonhaus, das bewohnt ist. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke
Rayonhäuser in Magdeburg
Auch an der Fassade der Leipziger Straße 13 sind Verzierungen erhalten, die wieder aufgearbeitet werden sollen. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke
Rayonhäuser in Magdeburg
Von innen werden zusätzliche Wände vor die Außenwände gesetzt, um eine bessere Isolierung zu erreichen. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke
Rayonhäuser in Magdeburg
Eine Decke ist durchgebrochen, doch schon in etwa einem Jahr sollen die Wohnungen vermietet werden. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke
Rayonhaus in Magdeburg (Archivbild)
An der verputzten Hauswand lässt sich das darunterliegende Fachwerk noch erkennen. Bildrechte: Stadtarchiv Magdeburg
Rayonhäuser in Magdeburg
In der Helmholtzstraße wurde ein Wohnhaus im englischen Tudorstil saniert. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke
Rayonhäuser in Magdeburg
Das Rayonhaus neben dem Puppentheater in der Porsestraße. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke
Rayonhäuser in Magdeburg
Das Fachwerk sticht aus der Häuserreihe im Klosterbergestraße hervor und ist ebenfalls bewohnt. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke
Rayonhäuser in Magdeburg
Anders sieht es in der Schönbecker Straße 9, erbaut 1886, aus: Es steht zu verkaufen. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke
Rayonhaus in Magdeburg (Archivbild)
In der ehemaligen Makarenko-Schule ist heute das Puppentheater zu Hause.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 13.03.2018 | 12:30 Uhr

Quelle: MDR/agz,mh
Bildrechte: Stadtarchiv Magdeburg
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Rayonhäuser in Magdeburg
Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Umfassende Bauvorschriften

Für die Bebauung des zweiten Rayons schien die Fachwerk-Bauweise praktisch, um alle Auflagen zu erfüllen: Es durften etwa keine Nägel zur Stabilisierung verwendet werden; die hätten den Abbau nur behindert. Die Wände durften maximal 15 Zentimeter breit sein, so dick wie ein Holzbalken. Pflicht war außerdem ein Keller – um das Baumaterial direkt an Ort und Stelle in der Erde versenken zu können. Die Kellerdecke durfte nicht aus Stein sein, sondern nur aus Holzbohlen bestehen. Auch das Fundament, das dann noch zurückblieb, durfte nicht höher als 30 Zentimeter sein, um dem Feind keine Deckungsmöglichkeit zu bieten. Entlang dieser Vorgaben entstand die Rayon-Bauweise.

Trotz all dieser Vorschriften wurden die Rayonhäuser teilweise aufwändig mit fein gearbeiteten Giebeln, Fensterrahmen und mehrfarbigen Ziegelmustern versehen. Und schon in den 1890ern gebaute Häuser erfüllten die Rayon-Bestimmungen nicht mehr immer – vermutlich erschien es schon damals unwahrscheinlich, dass es einen Angriff geben könnte. Außerdem entwickelten sich die Waffen weiter: Artillerie konnte auch von weit außerhalb des Rayons Festungen beschießen und nur Bunker hielten dem noch stand. Mit dem Versailler Vertrag 1919, der den Abriss ("Schleifung") deutscher Festungen vorsah, wurden die Vorschriften obsolet.

Denkmalschutz kann nicht alle Häuser retten

Zwar entstanden nicht nur in Magdeburg solche Häuser, sondern auch rund um andere Festungsstädte wie Koblenz, Köln, Mainz und Ulm. Doch nirgends scheint es noch so eine Häufung dieser Häuser zu geben wie in Magdeburg. Mittlerweile stehen alle Rayonhäuser der Stadt unter Denkmalschutz. Trotzdem werden manche abgerissen – wie zuletzt im Dezember 2017 in der Leipziger Straße 53. Die Substanz war zu marode: Decken waren eingestürzt, die Standsicherheit nicht mehr gegeben.

Rayonhäuser in Magdeburg
Im Rayonhaus in der Leipziger Straße 13 ist noch viel zu tun. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Nur einige Dutzend Schritte weiter, in der Leipziger Straße 13, sollen dagegen in gut einem Jahr acht neue Wohnungen in einem Rayonhaus bezogen werden können. Das Unternehmen KD Immobilien saniert ein dreigeschossiges Haus. Noch ist viel zu tun: Obdachlose haben im oberen Stockwerk Müll hinterlassen, ein Stück Decke ist abgesackt, überall liegt Schutt, die Toiletten auf halber Treppe werden verschwinden. Zeitungen auf den Rückseiten der in Fetzen hängenden Tapeten zeugen von der letzten Renovierung: 1963. "Von außen wird es originalgetreu aussehen", sagt KD-Geschäftsführer Bernd Kunze. Am Ende solle das Haus eine Mischung als alt und neu sein. Wohnraum ist gefragt – so wie zur Zeit der Industrialisierung, die die Menschen in die Städte zog und die Rayonhäuser entstanden.

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Quelle: MDR/agz,mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 13. März 2018 | 12:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. März 2018, 08:23 Uhr

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2 Kommentare

14.03.2018 04:56 Enrico Pelocke 2

@mdr: "Mit dem Versailler Vertrag 1919, der den Abriss ("Schleifung") deutscher Festungen vorsah, wurden die Vorschriften obsolet und 1912 komplett abgeschafft. " Wurden die Vorschriften wirklich 7 Jahre vorher abgeschafft bevor sie obsolet wurden?

ANMERKUNG MDR SACHSEN-ANHALT:
Besten Dank für den Hinweis. Das war natürlich ein Versehen.

13.03.2018 23:42 Rayon Haus Stadtfeld 1

Stimmt, mit einem Rayonhaus begleitet auch uns eine größere Aufgabe, aber dafür ist es ein Haus mit Geschichte und Charakter in Magdeburg.