Schausteller Stefan Boos auf dem Weihnachtsmarkt Magdeburg.
Schausteller Stefan Boos vor seinen Geschäften auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Familienunternehmen aus Magdeburg Schausteller auf Weihnachtsmärkten: Mehr als ein Vollzeitjob

Die Magdeburger Brüder Boos sorgen auf Weihnachtsmärkten und Volksfesten mit ihren Fahrgeschäften für Highlights. Ihr Motto: höher, schneller, weiter. Im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT erzählen sie, warum Schausteller eher eine Lebenseinstellung als ein Job ist.

Christine Warnecke
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Christine Warnecke, MDR SACHSEN-ANHALT

Schausteller Stefan Boos auf dem Weihnachtsmarkt Magdeburg.
Schausteller Stefan Boos vor seinen Geschäften auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Es ist 80 Meter hoch, blinkt in bunten Lichtern und steht derzeit auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt. Das ist Stefan Boos‘ Leidenschaft, es steht für seinen Beruf und sein Kapital. "The Flyer" ist das höchste transportable Kettenkarussell Deutschlands. "Das ist schon außergewöhnlich. Als Schausteller macht es einfach den Reiz aus, etwas zu haben, das nicht jeder hat", sagt Stefan Boos.

Es gibt nur zwei Karussells dieser Art – und ihm und seinem Bruder Stefan gehört eines davon. Die "Gebrüder Boos" sind die fünfte Generation der Familie, die mit der Unterhaltung ihr Geld verdient. Die Begeisterung ist den Magdeburgern also praktisch in die Wiege gelegt. "Da muss man reinwachsen", sagt Stefan Boos. "Wir hatten natürlich eine tolle Kindheit auf den Festplätzen – so viel Karussell fahren, wie wir wollten."

Bis zu 100 Mitarbeiter

Schausteller Stefan Boos auf dem Weihnachtsmarkt Magdeburg.
Stefan Boos und sein Bruder sind Schausteller in fünfter Generation. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Stefan Boos hat zwar auch Jura studiert, doch er kam zum Betrieb der Eltern zurück. 2000 gründete er mit seinem Bruder ein eigenes Unternehmen. Stefan Boos hatte in der Zwischenzeit eine Ausbildung zum Konstruktionstechniker gemacht. In Ostdeutschland bildet die Familie einen der größten Schaustellerbetriebe, unter allen deutschen Betrieben sind sie nach eigenen Angaben unter den größten 20. In der Spitzenzeit beschäftigen sie bis zu 100 Menschen, vom Ticketverkauf bis zum Ausschank.

Für die Brüder ist es mehr als ein Vollzeitjob. "Der Schausteller-Beruf ist ein Leben. Man hat nie richtig Feierabend. Besonders auf den Festplätzen, da kann man nur beim Schlafen abschalten – aber schon beim Aufwachen ist man wieder voll vor Ort." Der schönste Moment für Stefan Boos: Wenn auf einem Markt alles reibungslos geklappt hat.

Schausteller müssen sich bei den Festen bewerben

Heute überwacht er entweder den Aufbau und Betrieb seiner Fahrgeschäfte oder transportiert sie selbst quer durchs Land. Dorthin, wo sie gebucht wurden. Für jedes Fest, jeden Jahrmarkt müssen sich Schausteller einzeln bewerben. Bei rund 5.000 Volksfesten in Deutschland pro Jahr und fast genauso vielen Schaustellern sei das gar nicht so leicht.

Die Brüder Boos wollen mit Außergewöhnlichem punkten – höher, schneller weiter. "Wir hören öfter: 'Mensch, wir sind stolz, dass es euch gibt. Denn ohne Leute, die solche Sachen betreiben, würde das Volksfest irgendwann einschlafen.' Immer nur Pommes und Bratwurst sei doch langweilig, meint Stefan Boos. "Wir versuchen, immer noch einen draufzusetzen."

Selbsttest der Fahrgeschäfte ist Pflicht

Alle Fahrgeschäfte testen sie natürlich selbst. Wenn ihnen schlecht wird, drosseln sie  die Geschwindigkeit oder verkürzen die Fahrt. Eine Probefahrt am Tag muss sein, für sie oder die Mitarbeiter. "Das macht natürlich Spaß. Und die Menschen wollen mehr. Wenn ein Geschäft zum ersten Mal in eine Stadt kommt, kommen die meisten Besucher – die Menschen wollen es ausprobieren."

Zu ihrem Repertoire gehören neben dem "Flyer" und "Vmaxx" auch Kinderkarussells, Weihnachtspyramiden und das Doppelstock-Glühweinhaus. Die Weihnachtsmärkte in Magdeburg und Halle sowie in Breslau in Polen sind derzeit ihre wichtigsten Standorte. In Breslau baut Stefan Boos mit seinem Geschäftspartner einen ganzen Weihnachtsmarkt mit 250 Hütten auf. Zum Vergleich: in Magdeburg sind es 50 bis 70 Stände.

Nächstes Vorhaben: Riesenrad für Pompeji

Für die Brüder aus Magdeburg gibt es kaum Grenzen. Sie waren schon in Tschechien, Holland, Frankreich, der Schweiz und Österreich. "Das Spaß-Empfinden ist eigentlich sehr ähnlich", meint Stefan Boos. Zuletzt kam sogar eine Anfrage aus dem Nahen Osten, erzählt Stefan Boos: "Aus Saudi-Arabien kam eine Anfrage für den 'Flyer'. Da muss man aber wissen, die sind nicht so schnell mit der Entscheidungsfindung – nicht wie in Deutschland oder Europa. Jetzt wollen sie ihn doch erst nächstes Jahr haben."

Fest geplant ist dagegen ein neues Riesenrad in Pompeji: mit 60 Metern Höhe soll es ab Mai neue Blickwinkel auf die Ausgrabungsstätte ermöglichen.

Christine Warnecke
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über die Autorin Christine Warnecke ist gebürtige Niedersächsin und arbeitet seit September 2017 bei MDR SACHSEN-ANHALT für die Radio- und Online-Redaktion, insbesondere das Studio Magdeburg. Davor hat sie in Praktika bei der Bild-Zeitung Hannover, bei Radio mephisto 97.6 und der Zeitung "Costa del Sol"-Nachrichten in Spanien Erfahrung gesammelt. Sie studierte Journalistik an der Universität Leipzig und volontierte bei der Neuen Westfälischen Zeitung in Bielefeld. Nach diesem Abstecher in den Teutoburger Wald fühlt sie sich nun fast überall nahe der elbischen Fluten wohl.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 26. November 2018 | 14:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. November 2018, 15:03 Uhr

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