Mit Sehschwäche über den Weihnachtsmarkt Selbsttest: Weihnachten im Dunkeln

Kevin Poweska
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Für viele ist eine starke Abhängigkeit von den Mitmenschen unvorstellbar – für Olaf Schmiedeck ist sie alltäglich. Auf dem einen Auge hat der 60-jährige Ilsenburger eine Restsehschärfe von zwei Prozent, auf dem anderen kann er gerade noch zwischen hell und dunkel unterscheiden. – Ich bin 24 Jahre alt, trage eine Brille, komme aber, bei beiden Augen, auf 100% Sehschärfe. Um Olaf und andere seheingeschränkte Menschen besser verstehen zu können, will ich mit einer völlig abgedunkelten Schwarzbrille eine Tour durch die Magdeburger Innenstadt machen. Olaf ist mit dabei und auch Katrin Gensecke, eine häufige Begleiterin Olafs.

Zwei Männer mit weißem Stock werden von einer Frau über den Fußweg geführt.
MDR-Reporter Kevin Poweska (Mitte) lässt sich von Olaf Schmiedeck und Katrin Gensecke über die Barrieren der weihnachtlichen Magdeburger Innenstadt lotsen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Unser Weg führt vom Magdeburg Domplatz durch das Hundertwasserhaus und das Allee Center hin zum Weihnachtsmarkt auf dem Alten Markt. Für mich ist es eine völlig neue Situation. Ich setze die Brille auf und von jetzt auf gleich bin ich orientierungslos – und das, obwohl ich ja im Grunde weiß, wo ich stehe. Ich bin im ersten Moment direkt überfordert und unsicher. Ich weiß nicht, was um mich herum passiert – das macht mich innerlich wahnsinnig. Olaf erklärt mir kurz, wie ich mich mit dem Blindenstock fortbewegen soll. Dann geht's auch schon los!

"Plötzlich nur noch schwarz"

Zwei Männer und eine Frau gehen ineinandergehakt durch Bögen aus Lichterketten.
Die Lichterwelt in Magdeburg lockt viele Besucher an. Für Sehbehinderte stellt die Installation ein zusätzliches Hindernis dar. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mein Gang ist nicht vergleichbar mit meinem normalen Schritt. Den Blindenstock rolle ich etwas unbeholfen vor mir entlang, ohne in den ersten Momenten wirklich vorwärts zu kommen. Seitlich schwingen und nicht vorwärts stoßen – das hatte ich direkt wieder vergessen. "Oh Gott" oder "Ach du Sch****" waren zu Beginn unserer Route hauptsächlich von mir zu hören. Auf einmal ist alles ungewohnt dunkel. Da, wo sonst die Lichterwelt Magdeburg strahlt, sehe ich plötzlich nur noch schwarz. Von hier auf jetzt, einfach so. Es fällt mir schwer, diese Situation der Hilflosigkeit zu akzeptieren.

Schon komme ich zur ersten Straße: Autos überall um uns herum. Ich höre Kati Anweisungen geben, weiß aber gar nicht, wo ich eigentlich hinhören soll. Es ist etwas viel auf einmal und so muss ich öfter bei Kommandos nachfragen. Mit etwas Verzögerung schaffen wir es über die Straße. Ehrlich gesagt, bin ich da schon leicht fertig mit der Welt. Dann geht es weiter durch das Hundertwasserhaus – einen Ort, den ich vor allem als künstlerische Attraktion sehe, heute jedoch mehr als Hindernis empfinde. Enge Gänge und kurviges Gelände erschweren unser Vorankommen. Auch der ständige Wechsel des Untergrunds macht es nicht leichter. Mein Stock verhakt sich ein ums andere Mal.

Olaf berichtet von ungeahnten Barrieren und Fallen

Olaf berichtet mir von den Gefahren, die sich für Menschen mit eingeschränktem Sehen ergeben. So sei er einmal in eine Baugrube reingefallen, weil vergessen wurde, den Bauzaun wieder vorzuziehen. Auch auf die Gefahr durch die nur schwer wahrnehmbaren E-Autos weist der 60-jährige hin. Er ist sehr aufgeweckt und engagiert – das merke ich sofort.

Ein Blindenstock schlägt an eine Holzstufe
Jede Stufe ein Hindernis – der weiße Stock hilft bei der Orientierung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Breite Weg gestaltet sich problemlos. Einmal merke ich den Gang über einen kleinen Absatz noch nicht einmal. Der Schwung mit dem Blindenstock wird immer vertrauter und ist dennoch ungewohnt – das Gefühl, ständig irgendwo gegenzulaufen, werde ich einfach nicht los. Auch bekomme ich kein Gefühl für die bereits gelaufene Entfernung: Der gesamte Weg ist insgesamt etwa einen Kilometer lang bis zum Alten Markt. Gefühlt ist die Strecke auf dem Breiten Weg aber vier Kilometer lang.

Dann höre ich es nur leise schwingen: die Drehtür im Allee Center, eigentlich nichts Besonderes, doch ich habe auf einmal etwas mehr Respekt. Aber Katrin lotst uns da durch und hinein in die Massen. Die Chance auf Orientierung ist gleich Null! Ich versuche Geräusche wahrzunehmen, um vorwärts zu kommen, doch es sind zu viele Geräusche auf einmal und zack: Etwas Metallisches kollidiert mit meinem Stock und ich merke schnell, ich bin am Rondell angekommen.

Andere Sinne haben Vorrang

Olaf erzählt mir, dass bei ihm wegen seiner Erfahrungen der Hörsinn geschärfter sei. Er konnte bereits als kleines Kind erkennen, wenn beispielsweise der Nachbar mit dem Auto nach Hause gekommen ist. Bei mir klappt das mit dem besseren Hinhören auf Anhieb jedenfalls nicht. Wir gehen weiter und kommen zur großen Ampelkreuzung. Es ist eine Blindenampel und es ist für mich das erste Mal, dass ich diese auch bewusst für mich nutzen werde. Ich will die Hand drauflegen, werde aber von Olaf schnell darauf hingewiesen, dass ich unten drücken muss, um das akustische Signal auszulösen. Wieder was gelernt! Die Schienen sind nochmal ein kleiner Stolperstein für die Routine mit dem Stock – aber wir kommen mit zwei Ampelphasen heile drüben an.

Der extra lange Weg zum Glühwein

Ein Mann mit dunkler Brille spricht auf dem Weihnachtsmarkt mit einem Blinden
Von all dem Lichterglanz und den schön geschmückten Buden bekommt Kevin nichts mit. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wir sind auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt angekommen. Der Weg zum Glühweinstand, relativ mittig auf dem Marktplatz, wird noch zu einer kleinen Herausforderung. Wieder höre ich überall Stimmen um mich herum, stoße gegen Leute, merke Widerstand am Stock. Auch die Stromkabel und Abdeckungen auf dem Boden sind eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Gar nicht so einfach, hier durchzugehen. Olaf meidet große Weihnachtsmärkte zur Rushhour – ohne Begleitung sei ein Besuch aus seiner Sicht schlichtweg unmöglich. Angekommen am Glühweinstand ist meine Erleichterung zuerst groß. Doch dann stellt sich das Bezahlen als schwierig dar: Ich sehe ja gar nicht, was ich hingebe. Hier kommt es auf Vertrauen an! Ein freundlicher Mitarbeiter steht mir helfend zur Seite – und so bekommen wir am Ende unseren wohlverdienten Glühwein.

Ein letztes Mal komme ich noch ins Schmunzeln: Als wir versuchen anzustoßen, brauchen wir eine Weile, um uns mit den Gläsern zu finden. Zuerst sind wir auf deutlich unterschiedlichen Höhen unterwegs. Schließlich klappt es doch und dann ist der Selbsttest auch schon vorbei.

Fazit: Es war eine tolle Erfahrung diesen Weg gemeinsam mit Olaf und Katrin zu gehen. Ehrlicherweise muss ich zugeben: Ohne Katrins Führung wäre ich wohl das ein oder andere Mal abhandengekommen. Mit diesen Eindrücken werde ich nun mit einem anderen Blick durch die Welt gehen. Man darf nicht vergessen: Für mich war es eine vertraute Umgebung – nicht auszudenken, wie schwierig es ist, wenn die Umgebung und vielleicht auch die Sprache völlig fremd sind. Die Aufmerksamkeit, die nicht sehende Menschen in jeder Sekunde an den Tag legen müssen, ist enorm und für einen Sehenden nur schwer nachzuempfinden. Ich zumindest habe nun eine kleine Ahnung davon.

Kevin Poweska
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Der Autor: Kevin Poweska Kevin Poweska arbeitet trimedial im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT. Aktuell ist er im fünften Semester seines Bachelors Studiengangs Journalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Während seines Studiums absolvierte er bereits ein Praktikum bei der Braunschweiger Zeitung. In seiner Freizeit ist Kevin gerne sportlich aktiv: Seine Hauptambitionen liegen in den Sportarten Basketball, Tennis und Fußball - aber auch da probiert er sich gerne immer wieder neu aus. Zudem ist er journalistisch sportlich voll dabei: Kevin führt einen Blog zu den Deutschen Tennisherren und steht dabei mit den Spielern für Postgame-Interviews in regem Kontakt.

Quelle: MDR/ap

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 20. Dezember 2019 | 19:00 Uhr

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