Stadtrundgang zur Interkulturellen Woche Spuren des Kolonialismus in Magdeburg: "Die Leute müssen das wissen"

MDR-Volontärin Ann-Kathrin Canjé
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Aufarbeitung von europäischer Kolonialgeschichte ist nicht erst seit der Black Lives Matter Bewegung wichtig geworden. Auch in Magdeburg finden sich Spuren deutscher Kolonialherrschaft. Im Rahmen der interkulturellen Woche hat der Weltladen Magdeburg einen thematischen Stadtrundgang angeboten. MDR SACHSEN-ANHALT ist mitgelaufen.

Assion Lawson zeigt Bilder und Werbeplakate der sogenannten „Völkerschauen“
Assion Lawson zeigt Bilder und Werbeplakate der sogenannten „Völkerschauen“ Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

Ein kleines Papierschild mit schnörkeliger Schrift. "Kolonialismus Stadtführung", steht darauf. Assion Lawson hält es in seinen Händen, lächelt verlegen, während er auf dem Domplatz nach Interessierten Ausschau hält, die teilnehmen möchten. Eine davon bin ich. Der Weltladen Magdeburg bietet schon länger die Führungen an, sie werden regelmäßig angefragt, zuletzt auch von Schulklassen. Linguist Assion Lawson führt auch durch seine Wahlheimat Stendal.

Ich will von ihm wissen, warum es so wichtig, sich mit dem kolonialen Erbe einzelner Städte auseinanderzusetzen. "Wir gehen immer überall spazieren. Aber wenn die Gebäude, an denen wir vorbei gehen sprechen könnten, würden sie viel erzählen. Wo kommt das Geld her, all diese mächtigen Sachen zu bauen? Aus Afrika. Ausbeutung! Auf unserem Weg werden wir zum Beispiel ein Haus sehen, das damals ein Tabakhandel war. Die Leute müssen wissen: Früher war in diesem Haus ein Kolonialwarenladen. Keiner weiß das."

Lawson ist sichtlich ergriffen, wenn er von der Unkenntnis der Menschen berichtet, von all den Lücken, die viele Deutsche inklusive mir in Sachen Kolonialismus zu haben scheinen. Das wird mir im Laufe des Rundgangs auch immer wieder bewusst werden, zum Beispiel dann, wenn manche Nachfragen zu rassistischen Begriffen kommen.  

Wie lange dauerte der europäische Kolonialismus überhaupt an?

Assion Lawson zeigt Magdeburgerinnen und Magdeburgern die kolonialen Spuren ihrer Stadt.
Assion Lawson zeigt Magdeburgerinnen und Magdeburgern die kolonialen Spuren ihrer Stadt. Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

Wir starten die Tour vor dem Magdeburger Dom. Sie trägt den Titel "Stadtrundlesung"– an jedem Ort werden auch kleine literarische Passagen und historische Quellen vorgetragen. Dazu hat sich Assion Lawson Verstärkung geholt. Die literarischen Einschübe trägt Felix Bornholdt vor, die pädagogische Mitarbeiterin Jana Schubert unterstützt ihren Kollegen Lawson bei den historischen Einordnungen.

Sie leitet die Tour mit einem interaktiven Quiz á la "1,2, oder 3" zum Thema Kolonialismus ein. Die Teilnehmenden tauen langsam auf, tauschen sich aus, beratschlagen sich, welche Antwort wohl die richtige ist auf die Frage, was das Wort "Colonia" eigentlich bedeutet. Und wie lange hat die Zeit des europäischen Kolonialismus überhaupt angedauert? Waren es nur 240 Jahre, 480 oder gar 620?

Erst bin ich mir unschlüssig, ob ich mich dazustellen soll, schließlich bin ich als Reporterin vor Ort, unsicher, inwiefern ich mich einbringen kann, darf und soll. Aber das Thema Kolonialismus interessiert mich, geht mich etwas an, so wie alle, die heute her gekommen sind. Ich stelle mich auf die 480, wie die meisten – und wir behalten Recht. Ein kurzer Freudejubel, wie ein Quiz das so mit sich bringt, dabei ist die Zahl doch so erschreckend. So viele Menschen wurden über Jahrhunderte ausgebeutet. Erst 1974 hat Portugal als letzte Kolonialmacht seine Kolonien in die Unabhängigkeit entlassen.

Nachdem das einführende Quiz endet, leitet Assion Lawson über zu dem Grund, weswegen wir am Dom starten. Darin hängen die Figuren des Heiligen Mauritius und der Heiligen Katharina. Die Schutzpatronen stammen ursprünglich aus Nordafrika. Assion Lawson erklärt, dass die Skulpturen an die Darstellung erinnern, wie Leute afrikanische Menschen damals in Büchern malten. Er thematisiert Darstellung von Schwarzen Menschen im Christentum und ihre Präsenz vor der Kolonialzeit.

Zeichnung Kongokonferenz: Erinnerung an die „Kongokonferenz“ auf Einladung Otto von Bismarcks
Zeichnung Kongokonferenz: Erinnerung an die „Kongokonferenz“ auf Einladung Otto von Bismarcks Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

Den Blick für koloniale Erinnerung schärfen

Gleich neben dem Dom verläuft die Leibnizstraße. Früher hieß sie noch Bismarckstraße, getauft nach dem Reichskanzler Otto von Bismarck, der 1884 zur sogenannten "Kongokonferenz" nach Berlin einlud. Ein Begriff, der mir aus meiner Schulzeit im Gedächtnis geblieben ist. Ansonsten ist das Thema im Geschichtsunterricht sehr kurz abgehandelt gewesen, viele Dinge habe ich erst im Nachhinein erlernt und frage mich, wie es den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern damit geht. Als ich nachhorche, wird deutlich, dass sie in ihrem Unterricht kaum gelernt haben, wie etwa Deutschland im Kolonialismus unterwegs war. Deswegen sind sie auch heute hier, weil sie die Geschichte ihrer Stadt und des Kolonialismus kennenlernen wollen.

Interkulturelle Woche und Stadtführungen in Magdeburg

Die Interkulturelle Woche ist eine bundesweite Aktion, die seit 1975 jährlich stattfindet. Die regionale Aktionswoche in Magdeburg wird von der Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt e.V. gefördert und präsentiert noch bis zum 4. Oktober 2020 ihr vielfältiges Programm. Die nächste Stadtrundlesung: Koloniale Spuren Magdeburg. Ein kleiner Stadtrundgang am 13.10. um 14.30; Anmeldung über das Kulturhistorische Museum Magdeburg, maximale Begrenzung auf 10 Personen.  

Durch die verschiedenen Erzählungen und literarischen Passagen schärft die zweistündige Führung den Blick für die kolonialen Erinnerungen, die sich in Magdeburg verstecken – etwa am Breiten Weg 177-178. Dort hat der Tabakwarenhändler Johann Gottlieb Nathusius in seinem "Kolonialwarenhandel" früher Zigaretten, Kakao und Kaffee angeboten und wurde somit zum ersten preußischen Großunternehmer. Die Magdeburger Firma bestand sogar bis 1950. Nachdem wir Bilder von dem Haus vor Zerstörung im Zweiten Weltkrieg durch Lawson gezeigt bekommen, trägt Felix Bornholdt ein anonymes Gedicht einer Schwarzen Person vor.

Danach geht es weiter Richtung Allee Center. Hier machen wir Halt und blicken in Richtung Cracauer Anger. Der Mond zeichnet sich am Abendhimmel ab. Die Atmosphäre ist idyllisch und scheint nicht richtig zu dem schweren Inhalt zu passen, denn dort drüben, auf der anderen Elbseite hat im Jahr 1926 die sogenannte "Indienschau" stattgefunden. Assion Lawson erzählt von der Tradition der "Völkerschauen" zur Zeit des Kolonialismus, zeigt Bilder von ausgestellten Menschen. Dabei scheint er stark und mutig, aber es nimmt ihn auch sichtlich mit, darüber zu erzählen, wie mit den Menschen umgegangen wurde, die aussahen wie er. Betretenes Schweigen in der Runde, dann Nachfragen, Neugier.

Jana Schubert arbeitet als pädagogische Mitarbeiterin im Weltladen Magdeburg.
Jana Schubert arbeitet als pädagogische Mitarbeiterin im Weltladen Magdeburg. Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

Jana Schubert ergänzt weiter: "Sehr häufig ist das auch in Zoos passiert. Zum Beispiel in Hagenbecks Zoo in Hamburg. Die Menschen wurden wirklich ausgestellt wie Tiere und damit auch so in die Nähe von Tieren gerückt. Es hat dazu gedient, Kolonialismus und Rassismus zu rechtfertigen. Man hat versucht, den Menschen zu verkaufen: 'Dass sind die Leute aus den Kolonien, die sind sehr naturnah und wir haben den Auftrag, sie zu zivilisieren.' Also man hat mit diesen Völkerschauen Stereotype manifestiert."

Auf dem Weg zu unserem nächsten Halt am Alten Markt komme ich mit einer Teilnehmerin ins Gespräch. Sie erzählt mir, dass sie den Rundgang schon einmal gemacht, sich viel mit Rassismus und ihrer Stadt Magdeburg auseinandersetzt habe: "Ich stehe meinen Privilegien bewusst gegenüber und kann dadurch glaube ich, sehr viel machen. Ich finde es natürlich spannend zu wissen: okay, was geht jetzt auch noch speziell in meiner Stadt ab? Wo kann ich vielleicht auch etwas bewegen, wo kann ich weiterhin aufklären?" Deswegen bringe sie auch neue Leute zum Rundgang mit.

Auf dem Breiten Weg 177-178 befand sich früher der Tabakhandel Nathusius. Der Tabakhändler wurde über den „Kolonialwarenhandel“ zum ersten preußischen Großunternehmer.
Auf dem Breiten Weg 177-178 befand sich früher der Tabakhandel Nathusius. Der Tabakhändler wurde über den „Kolonialwarenhandel“ zum ersten preußischen Großunternehmer. Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

Alle sollten die Kolonialgeschichten kennen

Als wir am Alten Markt ankommen, berichtet das Weltladen-Team vom Generalleutnant Lothar von Trotha. Dass er in Magdeburg geboren wurde, wissen die wenigsten. Traurige Bekanntheit erlangte er vor allem, weil er für den Genozid an den Herero im heutigen Namibia verantwortlich war. Bis heute ist dieser nicht offiziell als Völkermord anerkannt. Auch das hören viele der Teilnehmenden zum ersten Mal.

Für Assion Lawson steht fest, dass es aber auch Menschen gibt, für die viele der Geschichten, die auf dem heutigen Rundgang referiert werden, nicht neu sind. Doch er glaubt: "Sie schämen sich, dass so etwas passiert ist. Und deswegen muss man langsam all diese Geschichten erzählen und wie es heute noch weitergeht. Heute ist es vielleicht noch schlimmer."

Die Stadtrundlesung als Reflexionsraum

Die Stadtrundlesung endet vor einem Edeka-Markt. Das verwundert viele. Lawson erklärt, was der Name der Supermarktkette eigentlich bedeutet und den kolonialen Ursprung des Namens. Edeka – das stand früher für die "Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler". Sie wurde 1898 in Berlin gegründet.

Assion Lawson zeigt einem Teilnehmer ein Bild von Samuel Maharero. Er hat damals den Aufstand der Herero gegen die deutsche Kolonialmacht angeführt.
Assion Lawson zeigt einem Teilnehmer ein Bild von Samuel Maharero. Er hat damals den Aufstand der Herero gegen die deutsche Kolonialmacht angeführt. Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

Nach zweieinhalb Stunden sind die Teilnehmenden sichtlich erschöpft – nicht nur vom Weg, sondern auch von den vielen Geschichten und neuen Erkenntnissen. Assion Lawson scheint glücklich, dass alle bis zum Ende dabei geblieben sind, das sei nicht selbstverständlich.

Bevor ich gehe, frage ich Jana Schubert vom Weltladen noch, warum sie die Führungen mitbetreut. Sie erklärt: "Mir ist es ganz wichtig, dass wir hier nicht die Moralkeule schwingen, sondern, dass es wirklich darum geht, einen Reflexionsraum zu schaffen und Menschen die Möglichkeit zu bieten, sich damit zu beschäftigen. Ich möchte auch niemanden verurteilen, denn wir sind nun mal in dieser Gesellschaft sozialisiert und mit vielen rassistischen Bildern in unseren Köpfen aufgewachsen. Ich freue mich, wenn Menschen bereit sind, sich damit zu beschäftigen."

Am Ende habe ich genauso viel Neues über Magdeburg und sein koloniales Erbe gelernt, wie die Besucherinnen bei der Führung. Dass der Stadtrundgang bewegt, zeigen ihre Diskussionen und Gespräche während der Führung. Sie staunen über die Vergangenheit ihrer Stadt.

Literaturtipps zum Thema Rassismus/Kolonialismus

Weiterbildung: Noah Sow – "Deutschland Schwarz Weiß: Der alltägliche Rassismus, Tupoke Ogette – "Exit Racism“, Alice Hasters – "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten“

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 30. September 2020 | 12:30 Uhr

8 Kommentare

SusiB. vor 3 Wochen

Warum muss man jetzt noch den Kolonialismus aus der Kiste holen? Ich kann es nicht mehr hören, wieso sind wir die im 21. Jahrhundert leben auch dafür noch verantwortlich ? Es muss doch langsam Schluss sein.

Britta.Weber vor 3 Wochen

Deutschland hat eine vergleichweise geringe Kolonialgeschichte, 1918 war alles vorbei. England und Frankreich hatte Kolonialkriege geführt mit Millionen Toten, sie ehren heute noch ihre Militärs aus diesen Kriegen.
Die Beispiele im Text sind an den Haaren herbeigezogen, die Garnierung mit der üblichen Rassismuskeule macht es nicht besser. Der Führung fehlt inhaltliche Substanz.

Hans Frieder leistner vor 3 Wochen

Haben die Leute nur noch negative Ideen zu bieten? Vor dem zweiten Weltkrieg gab es - wie später "Tante Emma"-Läden - Einzelhandelsgeschäfte die sich Kolonialwarenläden nannten. Das waren keine Ausbeuter sondern kleine Händler, die auch Waren aus Afrika und Asien verkauften. Da störte sich kein Mensch an der Bezeichnung. Und heute wird aus jedem Floh ein Elefant gemacht.

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