Nach Straßen und Postleitzahlen Datenanalyse: Wo in Magdeburg Strafzettel verteilt werden

Kevin Poweska
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Falschparker sind in Magdeburg ein zunehmendes Problem. Die Zahl der Knöllchen ist 2019 im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Das geht aus einer Übersicht über alle Strafzettel hervor, die MDR SACHSEN-ANHALT vorliegt. Wie schon 2018 hat die Stadt erst auf Druck eines Bürgers die Daten veröffentlicht. Eine Übersicht nach Straßennamen und Postleitzahlen.

Parkticket
Rund 88.000 Strafzettel wurden im Jahr 2019 in Magdeburg verteilt. Bildrechte: Colourbox.de

Knapp 1,4 Millionen Euro – das ist die Summe der Bußgelder aller Strafzettel aus dem Jahr 2019 in Magdeburg. MDR SACHSEN-ANHALT hat sich die Daten der Stadt Magdeburg zu den Knöllchen genauer angeschaut. Eine ausführliche Dokumentation erlaubt es, die Strafzettel straßengenau zurückzuverfolgen und jedes einzelne Vergehen nachzuvollziehen.

Anzahl der Strafzettel in den einzelnen Straßen Magdeburgs

Eine erste Möglichkeit, die vorliegenden Daten auszuwerten ist, die Anzahl der Strafzettel in den einzelnen Straßen der Landeshauptstadt darzustellen. Dabei fällt auf, dass es bei Straßen im Stadtzentrum am häufigsten Strafzettel gibt. Nicht überraschend, da ein Großteil der Innenstadt sogenannte "Parkraumwbewirtschaftszone" ist, in der nur mit Parkschein geparkt werden darf. Auf dem Breiten Weg gab es im Jahr 2019 mit insgesamt 8.135 Strafzettel die mit Abstand meisten in ganz Magdeburg. In der Julius-Bremer-Straße (3.375 Mal) wurden 2019 am zweithäufigsten Strafzettel verteilt.

In den nachfolgenden Grafiken können Sie nachsehen, wie viele Strafzettel es in Ihrer Straße gab. Oben können Sie einen beliebigen Straßennamen aus Magdeburg eingeben. Unten rechts auf "Weiter" öffnet sich eine Darstellung der zehn Straßen mit den meisten Strafzetteln.

Ein Mann mit weißem Hemd schaut in die Kamera.
Rechtsanwalt Perry Andrae versteht die vielen Strafzettel wegen Parken ohne Parkschein nicht. Bildrechte: MDR /Kevin Poweska

Für den Strafzettel-Hotspot "Breiter Weg" hat Rechtsanwalt Perry Andrae aus Magdeburg – der sich auch auf Verkehrsrecht spezialisiert hat – eine Erklärung und gleichzeitig eine klare Forderung: Dieser führe mit seinen Gaststätten und Einkaufsmöglichkeiten dazu, dass sich die Leute einfach mal schnell hinstellen.

Der Breite Weg könne, aus Sicht des Rechtsanwalts, fast komplett beparkt werden – deutlich mehr als die Otto-von-Guericke Straße "und das, obwohl wir so viele Parkhäuser in der Innenstadt haben. Ich finde, dass man die Parkmöglichkeiten auf dem Breiten Weg noch weiter beschränken sollte und die Vergehen teurer machen muss", sagt Andrae. Damit zwinge man die Leute weg von der Straße hin zu den Parkhäusern.

Über 50.000 Vergehen im Stadtzentrum

Wenn man den Radius etwas erweitern möchte, kann man die Vergehen in Magdeburg auch nach der Postleitzahl aufschlüsseln. Den Daten zufolge bekamen im Gebiet der Postleitzahl 39104, also im direkten Zentrum der Stadt, 2019 insgesamt 56.981 Menschen einen Strafzettel. Der häufigste Grund dafür war – mit 22.814 Mal – das Parken ohne einen gültigen Parkschein bis zu einer Zeit von 30 Minuten. 2.352 Mal stand in diesem Gebiet ein Fahrzeug verbotswidrig auf dem Gehweg, was der zweithöchste Wert für diese Postleitzahl im Jahr 2019 war.

Ganz anders sah es dagegen im Bereich der Postleitzahl 39120 aus. Hier gab es 2019 gerade einmal 119 Strafzettel – die wenigsten im gesamten Stadtgebiet, aufgeschlüsselt nach den Postleitzahlen. Dadurch, dass es sich in diesem Bereich nicht um die direkte Innenstadt handelt, gibt es auch ein anderes Muster bei den Vergehen. Der größte Anteil im Bereich der Postleitzahl 39120 ist mit 51 Vergehen das Stehen im absoluten Halteverbot. 16 Mal wurden auch in diesem Bereich Fahrzeuge auf dem Gehweg notiert, aber nur eine Person hat ohne Parkschein geparkt – bis zu einer Zeit von 30 Minuten.

Die fünf häufigsten Verstöße in Magdeburg

Aus den Daten der Stadt gehen auch die verschiedenen Verstöße hervor. Insgesamt gab es im Jahr 2019 184 verschiedene Delikte in der Landeshauptstadt. Am meisten kommt es demnach zum Parken ohne gültigen Parkschein bis 30 Minuten – Kostenpunkt: 10 Euro. Diesen Fall gab es im vergangenen Jahr in ganz Magdeburg 26.724 Mal. Am zweithäufigsten kam es zum Parken auf dem Gehweg – mit 9.044 Mal. Dieses Vergehen kostet den Fahrern 20 Euro. 3.930 Mal wurde in Magdeburg ohne eine eingelegte Parkscheibe geparkt. Kostenpunkt: 10 Euro.

Beim Klicken auf die Balken wird die Strafe des jeweiligen Vergehen sichtbar.

Für Rechtsanwalt Perry Andrae muss mit Blick auf die Zahlen etwas passieren: "Wodurch lasse ich mich von verbotswidrigen Handlungen abschrecken? Indem ich dafür eine hohe Strafe erwarte. Wenn die Strafe niedrig ist, lasse ich mich nicht abschrecken." Bei der hohen Menge an Vergehen vermutet der Rechtsanwalt aber auch viele Dauerverstöße.

Für mich ist es unerklärlich, dass es so vielen Leuten egal ist, ob sie einen Parkschein haben oder nicht – zumal es ja wirklich nicht teuer ist.

Perry Andrae, Rechtsanwalt

Die erfassten Vergehen nach Wochentagen

Aufgeteilt auf die einzelnen Wochentage fällt bei den Strafzetteln auf, dass ein Muster zu erkennen ist: MDR SACHSEN-ANHALT hatte bereits die Daten für das Jahr 2018 analysiert und da waren deutlich weniger Fälle an den Wochenenden zu sehen. Auch im Jahr 2019 gab es am Samstag mit unter 5.000 Strafzetteln zwei Drittel weniger Strafzettel als an normalen Wochentagen. Am meisten Strafzettel gab es den Daten nach im Jahr 2019 an Dienstagen in der Landeshauptstadt – auch hier gab es im Jahr 2018 ein ähnliches Ergebnis.

Beim Klicken auf "Weiter" kommen die Zahlen für die Wochentage im Jahr 2018.

Ein Problemfall: Feuerwehrzufahrt

Doch nicht immer ist es der fehlende Parkschein oder die Überschreitung der vorgegebenen Parkzeit. Einzelne Delikte können verheerende Folgen haben. Das Zustellen einer amtlich gekennzeichneten Feuerwehrzufahrt kostet bei einem Vergehen 35 Euro. Kommt es jedoch zu einem Ernstfall und die Zufahrt wird während eines Einsatzes blockiert, bekommt die falsch parkende Person eine Strafe von 60 Euro und einen Punkt. "Der Gesetzgeber sagt, wenn ich tatsächlich eine Maßnahme verhindere, dann fällt die Strafe höher aus, als wenn ich nur dort stehe und nichts passiert", sagt Rechtsanwalt Perry Andrae.

Ich finde das nicht haltbar. Es kann keiner vorhersagen, wann ein Rettungseinsatz notwendig ist. Ich bin der Meinung, dass in diesem Fall immer die höheren Sätze gelten müssten.

Perry Andrae, Rechtsanwalt

Der Rechtsanwalt meint, dass wenn sich jemand auf eine Feuerwehrzufahrt stellt, die Person immer damit rechnen muss, dass es in den nächsten Minuten zu einem Einsatz kommt.

Stadt: Überwachung nach 18 Uhr verbesserungswürdig

Für die Stadt Magdeburg sind die aktuellen Zahlen für das Jahr 2019 nicht überraschend. "Seit 20 Jahren schwanken die jährlichen Erfassungen ungefähr zwischen 80.000 und 110.000", erklärt ein Sprecher der Landeshauptstadt schriftlich auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT. Diese Schwankungen hätten vor allem mit verfügbarem Personal und anderen Faktoren zu tun, wie zum Beispiel technischen Problemen bei defekten Parkscheinautomaten oder außergewöhnlichen Ereignissen wie einer Hochwasserkatastrophe oder auch der Corona-Pandemie. Die Einnahmen aus den Vergehen fließen laut der Stadt in den städtischen Haushalt.

Blick auf den menschenleeren Alten Markt in Magdeburg, im Hintergrund das Alte Rathaus.
Die Einnahmen aus den Vergehen fließen laut der Stadt Magdeburg in den städtischen Haushalt. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Darüber hinaus überlegt die Stadt, wie sie die Verkehrsüberwachung noch optimieren kann. "Es ist gut, dass sich unser Ordnungsamt nicht nur auf das Stadtzentrum konzentriert, sondern auch in den anderen Stadtteilen viele Kontrollen vornimmt. Verbesserungswürdig ist noch die Intensität der Verkehrsüberwachung nach 18.00 Uhr", heißt es seitens der Stadt. Doch nicht in allen Fällen ist die Stadt zufrieden: Beim Parken vor einer amtlichen Feuerwehrzufahrt oder beim fälschlichen Parken auf einem Parkplatz für Menschen mit Behinderung müsste das Verwarngeld nach oben angepasst werden.

Neuer Strafenkatalog kommt mit Punkten fürs Falschparken

In dem neuen Strafenkatalog, der durch die Regierung wegen eines Formfehlers zurückgenommen wurde, waren auch Änderungen im Umgang mit Falschparkern inbegriffen. Rechtsanwalt Perry Andrae erklärt, dass man durch ein Verhalten, das zu einer Behinderung führt, durch den neuen Katalog teilweise Punkte bekommen hätte.

Ein Holzhammer auf Paragrafenzeichen.
Im kommenden Strafenkatalog soll es auch Punkte für Vergehen beim Parken geben. Bildrechte: imago images / Steinach

Zu den Verstößen mit Punkten zählen nach dem Rechtsanwalt unter anderem das unzulässige Halten auf dem Fahrradschutzstreifen oder ein unzulässiges Halten in zweiter Reihe – jeweils mit einer Behinderung für den Verkehr. "Das gab es bisher in dieser Form nicht. Aber das soll im neuen Bußgeldkatalog festgehalten werden", sagt Andrae. Er erklärt, dass die Zulassung einzelner Punkte aus dem neuen, zurückgenommenen Bußgeldkatalog aktuell an der Zustimmung der Bundesländer scheitert.

Stadt Magdeburg veröffentlicht Daten nur widerwillig

Bereits 2018 berichtete MDR SACHSEN-ANHALT ausführlich über die Park- und Haltevergehen in Magdeburg. Für das Jahr 2019 stellte die Redaktion deshalb eine Presseanfrage an die Landeshauptstadt mit Bitte um detaillierte Auskunft. Dieser Anfrage kam die Stadt aber nur mit einer allgemeinen Pressemitteilung nach, da alles darüber hinaus "einen zeitlichen und personellen Aufwand dar, der aus Sicht der Stadtverwaltung für die Beantwortung einer Medienanfrage bei Weitem hinaus geht."

Wie im Vorjahr stellte jedoch auch in diesem Jahr wieder ein Bürger über die Internet-Plattform fragdenstaat.de eine Anfrage nach dem sogenannten Informationszugangsgesetz (IZG) an die Stadt Magdeburg. Im Gegensatz zu Medienanfragen, die auch allgemeiner beantwortet werden können, sind öffentliche Institutionen bei IZG-Anfragen in den allermeisten Fällen verpflichtet, die Fragen detailliert zu beantworten. Im Gegenzug können Sie dafür Bearbeitungsgebühren erheben. Auf diesem Weg gelangte der Bürger an die detaillierten Knöllchen-Daten und stellte sie MDR SACHSEN-ANHALT zur Verfügung.

Kevin Poweska
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Kevin Poweska arbeitet trimedial im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT. Aktuell ist er im sechsten Semester seines Bachelor-Studiengangs Journalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Während seines Studiums absolvierte er bereits ein Praktikum bei der Braunschweiger Zeitung.

In seiner Freizeit ist er gerne sportlich aktiv: Seine Hauptambitionen liegen in den Sportarten Basketball, Tennis und Fußball - aber auch da probiert er sich gerne immer wieder neu aus. Zudem ist er journalistisch sportlich voll dabei: Kevin Poweska führt einen Blog zu den Deutschen Tennisherren und steht dabei mit den Spielern für Postgame-Interviews in regem Kontakt.

Quelle: MDR/pow/mm

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 12. August 2020 | 16:30 Uhr

1 Kommentar

mlange247 vor 15 Wochen

Warum wird nicht mal das Fußwegparken beim Griechen (gegenüber Neustedter Friedhof) kontroliert?

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