"Ich bleibe bis zur Rente" Ein leidenschaftlicher Straßenbahnfahrer in Magdeburg

Eine junge Frau mit grünem Kopftuch steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Susanne Scharfenberg

Djamel Sellaoui liebt die Stadt Magdeburg. Deshalb liebt er auch seinen Beruf. Er fährt tagtäglich durch die Stadt und sieht immer jede Entwicklung. Seine Erfahrungen im Berufsalltag als Straßenbahnfahrer hat er MDR SACHSEN-ANHALT erzählt.

Straßenbahnfahrer steht in der Tür seiner Stranßenbahn.
Djamel Sellaoui ist seit acht Jahren Straßenbahnfahrer. Bildrechte: MDR/Vesile Özcan

Djamel Sellaoui ist leidenschaftlicher Straßenbahnfahrer. Er ist gebürtiger Magdeburger und bezeichnet sich selbst als absoluten "Lokalpatrioten". "Es ist einfach klasse in Magdeburg Straßenbahnfahrer zu sein", erzählt er.

Der Weg zu Traumberuf

Sellaoui hat 2010 mit 19 Jahren seine Ausbildung als "Fachkraft im Fahrbetrieb" angefangen. Seit 2013 ist er als Straßenbahnfahrer bei den MVB tätig. Schon als Kind sei das sein Traumberuf gewesen. "Viele in meiner Umgebung wollten Polizist oder Feuerwehrmann werden. Ich fand Straßenbahnfahrer cool. Für mich war es einfach toll mit der Bahn durch die Stadt zu fahren", erzählt Sellaoui. Als Jugendlicher musste er nochmal grübeln, ob er lieber Koch wird oder bei seinem Traumberuf bleibt. Jetzt sagt er: "Heute bin ich froh, dass ich kein Koch geworden bin. Ich habe einfach kein Talent dafür".

Blick über die Schulter eines Straßenbahnfahrers aus dem Cockpit.
Mit der Bahn Richtung Katharinenturm. Bildrechte: MDR/Vesile Özcan

Langjährige Erfahrungen

Auch nach rund acht Jahren Berufserfahrung genießt er es, Straßenbahnfahrer zu sein. Langweilig sei ihm dabei nie, erzählt Sellaoui. "In kleineren Städten wie Stendal oder Dessau wäre das bestimmt anders", beschreibt er. "Aber in Magdeburg haben wir ein mittelgroßes Netz und ich fahre jeden Tag eine andere Linie. Da ist also viel Abwechslung und ich fühle mich nicht gelangweilt. Es passiert eigentlich immer irgendwas in der Stadt. Wenn ich mal Richtung Buckau fahre, wo viel gebaut wird, dann kann sich innerhalb einer Woche viel verändern und man hat neue Sachen zu sehen", erklärt Sellaoui. Er könne sich gar nicht vorstellen in einer anderen Stadt beschäftigt zu sein.

Lieblingslinie 9

Straßenbahnfahrer steht in der Straßenbahntür.
Djamel Sellaoui während seiner Pause, bevor er die Linie 1 weiterführt. Bildrechte: MDR/Vesile Özcan

Seine Lieblingslinie ist die Nummer 9. "Weil die Gleise so schön sind. Von Reform bis Freibad Süd hat man unabhängige Bahnkörper. Die sind durch Bordsteinkanten vom Autoverkehr getrennt. Dadurch ist man verkehrsunabhängiger und kann die Pünktlichkeit besser einhalten", beschreibt Sellaoui. Die Linie 9 fährt von der Haltestelle Reform bis Neustädter See. "Die kann man schön durchziehen. Natürlich muss man sich dabei immer noch an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten", erzählt Sellaoui.

Die Linie 2 mag er dagegen nicht so gerne. Zwar sei die Route von Alte Neustadt bis Westerhüsen architektonisch sehr schön, weil man unter anderem am Hundertwasserhaus vorbeifährt, aber die Strecke ist überwiegend straßenbündig. Das heißt, Autos und Straßenbahnen nutzen die gleiche Spur. Sellaoui erklärt: "Da muss man sehr vorsichtig fahren. Es kommt oft vor, dass Autos in die Grenzbereiche einscheren". Abgesehen davon genießt Sellaoui es auch die Linie Nummer 2 zu bedienen. Jede Strecke habe ihre Vor- und Nachteile. Die Nummer 2 sei beispielsweise sehr abwechslungsreich. "Zuerst fährt man durch die Innenstadt und im Abschnitt von Fermersleben bis Westerhüsen fühlt man sich wie auf einem Dorf", sagt Sellaoui.

Straßenbahnfahrer und gleichzeitig Deeskalationstrainer

Sallloui gefällt an seinem Beruf besonders, dass es Fortbildungsmöglichkeiten gibt. Er selbst hat ein Deeskalationstraining abgeschlossen, um in Konfliktsituationen in der Bahn besser zu reagieren. Inzwischen gibt er Seminare für seine Kollegen und gibt die erlernten Methoden weiter. Dabei geht es um rechtliche Grundlagen, Umgang mit aggressiven Fahrgästen und wie man in stressigen Situationen weiterhin kundenfreundlich bleiben kann.

Sellaoui erzählt, dass es nur in Ausnahmefällen zu Konflikten komme. Der häufigste Grund seien Verspätungen. In dem Fall versucht Sellaoui Kontakt mit dem Anschluss aufzunehmen und zu klären, ob dieser warten kann. Sellaoui sagt: "Ich finde Deeskalationstrainings sehr wichtig. Ich weiß nämlich, dass es Situationen gibt in denen sich Kollegen unsicher fühlen können. Man tendiert dann dazu, nicht hinzuschauen. Es ist aber wichtig, dass man reagiert. Eigentlich verlassen sich die Fahrgäste darauf, dass die Bahn sicher ist. Und deshalb ist mir das halt auch wichtig".

Veränderungen durch Corona

Die Hand eines Straßenbahnfahrers betätigt Knöpfe im Cockpit der Bahn.
Die Fahrerkabine muss nach jedem Wechsel desinfiziert werden. Bildrechte: MDR/Vesile Özcan

Mit der Corona-Pandemie wurden für die Fahrgäste neue Regeln eingeführt. Dazu gehört die Maskenpflicht. Wenn mal jemand ohne Maske einsteigt, dann sieht das Sellaoui nicht unbedingt als eine Konfliktsituation. Er lässt dann die Durchsage "Bitte tragen Sie einen Mund- und Nasenschutz, um sich und ihre Mitmenschen zu schützen" manuell mehrmals laufen. "Meistens sind abends Fahrgäste ohne Maske unterwegs. Tagsüber kommt das selten vor", erzählt Sellaoui.

Eine weitere Veränderung durch Corona betrifft nur die Fahrerinnen und Fahrer. Und zwar muss die Fahrerkabine bei jedem Fahrerwechsel desinfiziert werden. In der Praxis kommt das manchmal zu kurz. Vor allem wenn die Bahn voll mit Fahrgästen ist, die so schnell wie möglich weiterfahren möchten. "Ich versuche das trotzdem schnell bei Gelegenheit zu erledigen", sagt Sellaoui.

Sein nächstes Ziel ist es eine Weiterbildung zum "Fachwirt für Personenverkehr und Mobilität" zu machen. Das kann er an einer privaten Akademie in Magdeburg machen. "Ich möchte auf jeden Fall bis zu meiner Rente bei den MVB bleiben", sagt Sellaoui.

Eine junge Frau mit grünem Kopftuch steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Susanne Scharfenberg

Über die Autorin Vesile Özcan arbeitet seit April 2020 für die Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Sie ist in Augsburg auf die Welt gekommen und in Heilbronn aufgewachsen. Nach Magdeburg kam sie durch ihr Studium im Bereich Journalistik/Medienmanagement.

Nach dem Studium hat sie als Projektleiterin eines interkulturellen TV-Magazins im Offenen Kanal Magdeburg gearbeitet. An ihrer Arbeit fasziniert sie die Gelegenheit, in viele neue Welten eintauchen zu können.

Quelle: MDR/vö

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 16. Juli 2020 | 06:30 Uhr

4 Kommentare

geradeaus vor 3 Tagen

Schön das es Djamel Dellaouni soviel Spaß macht und er Freude an seinem Beruf hat. Dafür kniet er sich ja auch voll rein und macht Kurse zur Weiterbildung was ihm in bestimmten Momenten natürlich sehr hilft. Sein guter Charakter und sein Optimismus werden ihn bis zur Rente bei dem was er gerne macht begleiten. Nämlich Straßenbahn fahren und Menschen von A nach B bringen ^^

Alles Gute

jackblack vor 3 Tagen

Hallo, ich war von 80 -87 " Facharbeiter für städt. Nahverkehr " , also Bimmelkutscher und ich sage , DAMALS hat es wesentlich MEHR Spass gemacht !!!
Nix mir Deeskalation u.ä., die Leute waren vernünftig aber heute ............

sachsenanhalter vor 4 Tagen

"Zuerst fährt man durch die Innenstadt und im Abschnitt vom Fermersleber Weg bis Westerhüsen fühlt man sich wie auf einem Dorf"
Der Fermersleber Weg liegt nicht an der Linie 2 sondern im Stadtteil Leipziger Straße an der Linie 9. Da der Fahrer vorher davon erzählt, das die 9 seine Lieblingslinie ist und er darüber hinaus alteingesessener Magdeburger ist, kann ich mir kaum vorstellen, dass er es tatsächlich so gesagt hat.
Kurz gesagt: Der Fermersleber Weg und der Stadtteil Fermersleben (der eigentlich gemeint sein wird) sind zwei paar Schuhe.
An sonsten: Schöner Bericht. 🙂

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