Ausgehviertel in Magdeburg Ideen für einen attraktiveren "Hassel"

Der Hasselbachplatz ist das Ausgehviertel in Magdeburg. Doch nach Ausschreitungen und vielen Negativ-Schlagzeilen hat das Image der Kneipenmeile gelitten. Außerdem wird über die gestiegene Zahl von Spätshops diskutiert, einige Traditionskneipen schließen. Wie soll es nun weitergehen am Hasselbachplatz? Jörg Kosinski ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Stadtentwicklung und Bauwirtschaft sowie Mitglied des Netzwerks "Stadtnachacht". Er befasst sich mit Strategien für sichere und attraktive Ausgehviertel. MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Natalie Helka hat mit ihm gesprochen.

Hasselbachplatz Magdeburg bei Nacht.
Gastronomen wollen das Image des Hasselbachplatzes wieder verbessern. Bildrechte: MDR/Thomas Engst

Herr Kosinski, welche Strategien gibt es denn, um Ausgehviertel sicher und attraktiv zu gestalten?

Zu allererst das Offensichtliche, was ja in Magdeburg auch schon durchgeführt wurde, also Kontrollen durch Ordnungsamt oder Polizei. Aber natürlich kann das nicht alles sein, insbesondere wenn sich eine Situation auch wieder beruhigt. Am Hasselbachplatz bedarf es meiner Ansicht nach zusätzlich eines kommunikativen und koordinierenden Ansatzes. Da gibt es verschiedene Beispiele andernorts. In München gibt es "AKIM", das steht für Allparteiliches Konfliktmanagement in München.

Worum geht es dabei genau?

Das zielt ganz konkret auf öffentliche Plätze ab, wo Leute Musik hören, laut sind, trinken, am urbanen Leben teilnehmen. Also bei Nutzungskonflikten im öffentlichen Raum vermittelnd und beruhigend einzugreifen. Dort werden Zweierteams hingeschickt, die Menschen auf die Nachtruhe ansprechen, vermitteln, sensibilisieren oder einfach Präsenz zeigen. Es geht auch um das Problem Müll. Am Hasselbachplatz kommt sicherlich hinzu, dass die Themen Vandalismus und Gewalt noch einmal eine gesonderte Rolle spielen. Dort ist die Polizei- bzw. Ordnungsbehörde gefragt.

Worin genau unterscheidet sich die Arbeit solcher Stellen im Vergleich zum Ordnungsamt?

Jörg Kosinski
Jörg Kosinski ist Experte für Stadtentwicklung. Bildrechte: Jörg Kosinski

Es geht nicht nur darum, unmittelbar einen Konflikt aufzulösen, sondern langfristig mit allen Akteuren im Gespräch zu bleiben und von allen Partnern aus Verwaltung, Polizei, Ordnungsamt, Anrainern und Gastronomen ein Einverständnis zu haben, auf dessen Basis man auch weiter handeln kann. Das betrifft zum Beispiel auch Selbstverpflichtungen wie Einschränkung des To-Go-Verkaufs von Alkohol. Bei "AKIM" hat die Stadt eine eigene Stelle eingerichtet und dafür auch Mitarbeiter eingestellt. Es geht also nicht nur um kurzfristige Vor-Ort-Lösungen, sondern langfristige Kontaktstellen, um Probleme überhaupt in den Griff zu bekommen.

In Magdeburg wird auch über die Idee eines "Nachtmanagers" diskutiert. Wäre das auch eine Möglichkeit?

Die Idee des Nachtmanagers ähnelt eigentlich dem "AKIM"-Projekt. Er ist eine Art Schnittstelle und Kummerkasten. Die Nachtmanager oder Nachtbürgermeister kommen in der Regel aus dem Nachtleben und haben auch einen Draht dorthin, können die Belange also auch "übersetzen" an andere Stellen, die mit anderen Voraussetzungen auf Themen blicken.

Was ist mit dem Thema Alkoholverbot“ an öffentlichen Plätzen?

Das Alkoholverbot im öffentlichen Raum wurde ja 2010 am Hasselbachplatz gekippt und ich glaube, das kommt vorerst auch nicht zurück. Ich bin mir sicher, dass ein Alkoholverbot im Sinne eines modernen, urbanen Platzes mitten in der Stadt auch nicht das richtige Signal wäre.

An welchen Plätzen sind solche Strategien allgemein sinnvoll?

Man kann schon sagen, dass große Plätze in Großstädten, die ein gewisses urbanes Flair haben, mehr und später am Tag bzw. Abend von Menschen besucht werden. Diesen Trend nennt man dann allgemein "Mediterranisierung" oder ganz konkret "Cornern". Also das "Draußen sein" war sicherlich vor 30 Jahren überhaupt nicht so üblich wie heute. Und dieser Trend sollte auch berücksichtigt werden. Dieses Phänomen kann auch andernorts genauso beobachtet werden und ähnliche Konflikte können auftreten.

Hätte man schon früher etwas am Hasselbachplatz unternehmen sollen?

Es ist eigentlich ganz typisch für Fragen des Nachtlebens und der Stadt, dass ganz anlassbezogen gehandelt wird. Das heißt, es gibt ein massives Problem, das mediale Aufmerksamkeit erfährt, und dann wird schnell gehandelt, was sicherlich auch notwendig ist. Aber danach passiert oft nichts mehr. Das gekippte Alkoholverbot am Hasselbachplatz ist ein Beispiel dafür. Es bedarf aber eines längeren Atems.

Was sollte denn jetzt bezogen auf den Hasselbachplatz als erstes passieren?

Es gibt ja jetzt wieder das Musikfest "Hassel-Fever", das ist großartig (am 23. November 2018, Anm. d. Red.). Wenn man sich auch in Zukunft auf die Fahnen schreibt, den "Hassel" neu zu begreifen, die Leute dazu einzuladen, keine Angst zu haben, sondern ihren "Hassel" selbst in Besitz zu nehmen als Magdeburger – ich glaube, das wäre ein allererster Schritt. Der zweite Schritt sollte sein, alle Akteure an einen Tisch zu bringen und konkrete Maßnahmen zu besprechen. Auch die Spätshops, die ja oft als diejenigen betrachtet werden, die den starken Alkoholkonsum vor Ort ermöglichen, sollten dabei sein. Man sollte sich dauerhaft zusammensetzen und eine Strategie für den Hasselbachplatz formen.

Natalie Helka
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Natalie Helka arbeitet seit Mitte 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT - in der Hörfunk-Redaktion, aber auch für das Fernsehformat MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE. Sie berichtet über alles, was in und für Magdeburg wichtig ist: Von Großbaustellen, über soziale Projekte bis hin zu wichtigen Veranstaltungen in der Stadt. Gebürtig kommt sie aus Nordrhein-Westfalen und arbeitete vor ihrem Wechsel zu MDR SACHSEN-ANHALT vor allem bei den Lokalradios in NRW. Sie studierte Journalistik und Philosophie in Dortmund und Jyväskylä (Finnland). Außerdem absolvierte sie Praktika unter anderem beim WDR, bei stern TV und nrw.tv. Ihre Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind die vielen Parks in Magdeburg und das Elbufer.

Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 23. November 2018 | 11:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. November 2018, 10:59 Uhr

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5 Kommentare

23.11.2018 17:30 Ex-Anhaltinerin 5

@3: Beim Stichwort Mediteranisierung musste ich auch laut loslachen: Open-Air-Biertrinker bei 0°C habe ich dort auch noch nicht erlebt. Gegen friedlich-fröhliches Nachtleben hat ja auch niemand etwas (wenn man nicht gerade dort sein Schlafzimmer hat). Beobachte allerdings, dass zunehmend auch Kneipenschlägereien nach draußen verlegt werden. Ob Billig-Trinkhallen eine Lösung wären? Nachbarschaftspartys mit 10 - 20 Leuten in 1R-Hochhauswohnung sind auch der Horror.

23.11.2018 14:46 susi_s 4

Vielmehr wird am unserem Hassel ein Schlichter gebraucht, der erstmal zwischen den ganzen ausländischen Clans vermittelt. Dann erst, erst dann
kann man eventuell an ein urbanes Leben denken.
Zwischen Realität und theroretischen Floskeln liegen leider noch Welten.

23.11.2018 11:49 böse-zunge 3

Es war einmal, eine Doku mit dem Titel 'partyzone-innenstadt' auf zdfinfo zu sehen.
Inhalt: Entwicklungen 'urbanen Lebens' - oder, weniger umschrieben: Saufen und lärmen unter freiem Himmel in Innenstädten.
Protagonisten: München und ... Cottbus
Während in M moderiert wird (s. Beitrag hier) wurde in C eine Verbotszone etabliert (und nicht gekippt).
Man könnte also von MD aus ruhig in beiden (!) Städten mal zu Erfahrungsaustausch anfragen.
Scheinen uns ja beide etwas voraus zu haben...

PS: Feiern heute am Hassel bei 1-2 Grad Celsius und zunehmender Nebelneigung.
Erklärt irgendwie auch den Umgang hier mit dem Projekt 'Alkoholverbot in der Öffentlichkeit'.