Arbeitsmarkt Was das neue Teilhabechancengesetz für Sachsen-Anhalt bedeuten kann

Seit dem 1. Januar ist das neue Teilhabechancengesetz in Kraft und es gibt viele, die sich auf die neuen Möglichkeiten freuen. In Sachsen-Anhalt soll es bis zu 1.500 neue Arbeitsverhältnisse bringen. Ein Altenpflegeheim-Leiter berichtet, wie das Gesetz gegen den Fachkräftemangel wirken könnte.

Christine Warnecke
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Christine Warnecke, MDR SACHSEN-ANHALT

Andreas Kretschmer, Leiter des Altenpflegeheims Kardinal-Jäger-Haus in Oschersleben
Andreas Kretschmer leitet das Altenpflegeheim Kardinal-Jäger-Haus in Oschersleben und sieht in seinen Mitarbeitern das größte Potenzial. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Wenn Andreas Kretschmer über seine Mitarbeiter spricht, wird er ganz euphorisch. Super motiviert und zufrieden seien sie in seinem Altenpflegeheim Kardinal-Jäger-Haus der Caritas in Oschersleben. Der Dienstplan werde nach den Wünschen seiner Mitarbeiter ausgerichtet, es gibt kostenlose Sportangebote und zu Anlässen wie Geburten oder Taufen Gutscheine und Geschenke wie beispielsweise einen Zoobesuch.

Die Mitarbeiter sind doch unser größtes Potenzial, wir müssen ihnen viel mehr zuhören. Gerade im Bereich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf lässt sich viel bewirken und dann sind wir auch ein attraktiver Arbeitgeber.

Andreas Kretschmer

Das ist Kretschmers Antwort auf den Fachkräftemangel. Er habe derzeit keinen Personalmangel, doch andere Einrichtungen würden bereits zu rabiaten Mitteln greifen: "Manche können nicht mehr all ihre Betten belegen – einfach, weil Personal fehlt. Manche zahlen sogar Kopfgelder, wenn eine Arbeitskraft von einer anderen Einrichtung abgeworben wird." Altenpfleger sind gesucht, im Raum Magdeburg etwa kommen derzeit auf eine offene Stelle rechnerisch nur 0,14 Bewerber.

Entwicklungen am Arbeitsmarkt ausnutzen

Außer bei Schulabgängern für Ausbildungsberufe zu werben, müsse man deshalb auch Menschen ansprechen, die schon länger keine Arbeit mehr hatten, meint auch Matthias Kaschte, Geschäftsführer der Magdeburger Arbeitsagentur. Gerade auch wegen der guten Entwicklungen am Arbeitsmarkt.

Matthias Kaschte, Geschäftsführer der Magdeburger Arbeitsagentur
Matthias Kaschte, Geschäftsführer der Magdeburger Arbeitsagentur: Arbeitslosigkeit bleibt gesellschaftliche Aufgabe. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Beispiel Magdeburg: Die Zahl der Arbeitslosen ist zwischen 2013 und 2018 um rund 20 Prozent gesunken, die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hingegen ist gestiegen. "Das ist ein ermutigendes Ergebnis", kommentiert Kaschte, "aber die Arbeitslosigkeit ist noch nicht besiegt, immer noch sind zehntausende Menschen ohne Arbeit und das bleibt eine gesellschaftliche Aufgabe."

Hinzu komme der demografische Wandel: Bis 2030 werden rund 20 Prozent, also etwa jeder fünfte heutige Arbeitnehmer, aus Altersgründen nicht mehr zur Verfügung stehen.

Eine Grafik zu den Arbeitslosenzahlen
Bildrechte: MDR/Max Schörm

Arbeitslose im Fokus

An dieser Stelle kommen nun zwei Paragrafen ins Spiel, die zum 1. Januar in Kraft getreten sind: §16e und §16i des Sozialgesetzbuchs II. Sie sollen einen sozialen Arbeitsmarkt schaffen, indem sie insbesondere Langzeitarbeitslose wieder auf den ersten Arbeitsmarkt bringen. Dazu bekommt der betreffende potenzielle Arbeitnehmer einen Coach zur Seite gestellt, der bei den ersten Schritten zurück ins Berufsleben nach oft langer Zeit helfen soll.

Marco Gravert, Leiter des Jobcenters Börde
Marco Gravert: Begleitendes Coaching wird individuell gestaltet. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

"Das kann individuell sehr unterschiedlich aussehen, der eine braucht vielleicht zwei Stunden pro Woche mit seinem Coach, ein anderer nur eine Stunde im Monat", erklärt Marco Gravert, Leiter des Jobcenters Börde. "Die Inhalte sind ebenfalls individuell festzulegen: Das kann ein gemeinsamer Gang zur Schuldnerberatung sein oder auch nur die Suche nach einer Kita." Bisher seien es häufig solch vermeintlich kleine Stolpersteine, die zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses führten.

Wenn man in die Mitarbeiter investiert und sie begleitet, dann sind das wirklich Chancen, das ist die Zukunft.

Andreas Kretschmer Altenpflegeheim-Chef

Der Arbeitgeber auf der anderen Seite erhält eine bis zu einhundertprozentige Förderung der Lohnkosten, gestaffelt nach der Dauer der Arbeitslosigkeit, für maximal fünf Jahre. Andreas Kretschmer vom Altenpflegeheim in Oschersleben zeigt sich begeistert von dieser Möglichkeit: "Ich habe großes Interesse, auch Langzeitarbeitslose anzusprechen – denn es hat sich schon oft gezeigt: Wenn man wirklich in die Mitarbeiter investiert und sie begleitet, dann sind das wirklich Chancen, das ist die Zukunft." Von seinen etwa 80 Mitarbeitern seien zwölf über verschiedene Fördermaßnahmen zu ihm gekommen und geblieben. Das Teilhabechancengesetz sei ein weiteres, sehr interessantes Instrument.

Kostenintensives Instrument

Bis zu 1.500 neue Arbeitsverhältnisse sollen in ganz Sachsen-Anhalt auf diese Weise entstehen. In Magdeburg sind etwa 270 Jobs anvisiert, in der Börde 80 bis 100 und im Jerichower Land 70, erklärt Marco Gravert. "Das sieht erstmal überschaubar aus, aber man muss auch sehen, dass es ein sehr kostenintensives Instrument ist", erklärt er. Der Bund stellt insgesamt rund vier Milliarden Euro zur Verfügung, für Sachsen-Anhalt sind etwa 40 Millionen Euro geplant.

Wir setzen hier auf Qualität, nicht Quantität. Ich bin überzeugt, dass bei vielen noch ein gutes, großes Potenzial schlummert und wir können es uns nicht leisten, darauf zu verzichten.

Marco Gravert, Leiter des Jobcenters Börde
Christine Warnecke
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über die Autorin Christine Warnecke ist gebürtige Niedersächsin und arbeitet seit September 2017 bei MDR SACHSEN-ANHALT für die Radio- und Online-Redaktion, insbesondere das Studio Magdeburg. Davor hat sie in Praktika bei der Bild-Zeitung Hannover, bei Radio mephisto 97.6 und der Zeitung "Costa del Sol"-Nachrichten in Spanien Erfahrung gesammelt. Sie studierte Journalistik an der Universität Leipzig und volontierte bei der Neuen Westfälischen Zeitung in Bielefeld. Nach diesem Abstecher in den Teutoburger Wald fühlt sie sich nun fast überall nahe der elbischen Fluten wohl.

Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 06. Januar 2019 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Januar 2019, 09:10 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

8 Kommentare

07.01.2019 17:38 humantom 8

Nach 105 Bewerbungen in 2 Jahren hatte ich aufgegeben. Die Mitarbeiter im Berufsförderungswerk beschimpften mich, weil ich mich auf Qualifizierte Stellen beworben habe und die Mitarbeiterin beim Arbeitsamt, zuständig für Arbeitssuchende mit Behinderung, sagte mir beim 2. Besuch sie kann nichts für mich tun.
Jetzt wird es bestimmt besser, wenn es wieder kostenlose Fachkräfte gibt, für die Arbeitgeber. Darunter sind bestimmt viele Langzeitarbeitslose
die sich Hoffnungen machen. Hoffentlich werden diese nicht enttäuscht.

07.01.2019 14:22 Seit 2003 wegen Krankheit fast immer Arbeitsloser 7

07.01.2019 09:48 Leser 5, Von Ärzten,vor allem Fachärzten habe ich überhaupt noch keine Unterstützung bekommen,lediglich meine Hausärztin unterstützt mich in dieser Sache. Ich hatte mal eine Orthopädin die sagte zu mir während ich das 2.mal bei ihr war,das ich keine Körperlichen Arbeiten mehr machen kann,und als ich Sie dann fragte ob sie das auch in einem Gutachten für die Rentenkasse so darlegen würde, hat sie plötzlich gesagt,das es ja so schlimm nun auch wieder nicht sei,und ich ruhig noch etwas Körperliche Arbeit machen kann. Jeder Orthopäde den ich bis heute hatte machte das so. Das liegt nämlich daran, das die Fachärzte keine Lust haben etwas für die Rentenkasse auszufüllen, und Geschweige denn auch noch vor Gericht zu Erscheinen um da etwas Auszusagen. Ursache dessen könnte auch sein,das diese Fachärzte selber auch als Gutachter für die Rentenkasse Arbeiten, und diesen Zustand nutzt die Rentenkasse aus um Anträge auf Erwerbsunfähigkeitsrente in sehr vielen Fällen abzulehnen.

07.01.2019 13:17 Benutzer 6

"Was das neue Teilhabechancengesetz für Sachsen-Anhalt bedeuten kann"

das sich AG und co die Taschen füllen. Und so schön die Arbeitslosenstatistik geschönt wird