Uni Magdeburg: selbstfahrende Fahrräder
Fahrräder, die selbständig fahren und den Weg allein finden – daran wird an der Uni Magdeburg gearbeitet. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Projekt an der Uni Magdeburg Wenn das Fahrrad von allein fährt

Selbstfahrende Autos sind schon länger im Gespräch, selbstfahrende Fahrräder aber haben die wenigsten bisher gesehen. Die Uni Magdeburg erforscht, wie Fahrräder autonom durch die Stadt fahren können, um Nutzern flexibel zur Verfügung zu stehen. Für Einkäufe oder andere Transporte könnte man sie dann mieten.

von Christine Warnecke, MDR SACHSEN-ANHALT

Uni Magdeburg: selbstfahrende Fahrräder
Fahrräder, die selbständig fahren und den Weg allein finden – daran wird an der Uni Magdeburg gearbeitet. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

"Es ist schon ein bisschen gruselig", "ungewohnt und merkwürdig", "wie aus Filmen, irgendwie surreal", so finden viele Zuschauer das Lastenfahrrad, das leise, etwas schneller als Schrittgeschwindigkeit, vor der Mensa der Uni Magdeburg auf und ab fährt. Am Lenker sind zusätzliche Kabel und eine schwarze Box mit einer Kamera angebracht. In dem durchsichtigen Kasten zwischen den Hinterrädern liegen ein Laptop, ein kleiner Computer und weitere Kabel.

Abgesehen davon ist es ein normales dreirädriges Lastenfahrrad, das auf dem Split knirschend vor Ingenieursinformatiker Sören Meißner zum Halten kommt. Noch steuert er das Fahrrad mit einem Controller wie für eine Playstation. "Später soll das natürlich verschwinden und das Fahrrad komplett selbst fahren", sagt er, doch so weit sei es noch nicht.

Mobilität als Service

Die Idee, an der Informatiker, Logistiker, Wahrnehmungspsychologen und Maschinenbauer tüfteln, ist dieselbe wie bei Leihfährrädern: Kunden können sich ein Rad mieten und zeitweise nutzen.

Uni Magdeburg: selbstfahrende Fahrräder
Noch wird das Rad per Joystick gelenkt. Künftig soll dieser wegfallen. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Doch anders als bei bisherigen Angeboten muss es nicht an festen Standorten abgeholt und abgegeben werden, sondern fährt selbstständig zum Kunden und danach wieder zurück ins Depot. "Mobilität als Service", fasst es Studienleiter Stephan Schmidt zusammen, "das Mittel steht dann zur Verfügung, wenn ich es brauche."

"Eine super Idee", findet ein Student, der interessiert zusieht. "Dass Dinge sich allein fortbewegen, kennt man ja von ferngesteuerten Spielzeugautos. Das macht mir keine Angst – auch nicht, wenn das Rad wirklich irgendwann ganz allein rumfährt." Eine Studentin ergänzt: "Wenn es wirklich funktioniert und vielleicht mehr Leute aufs Fahrrad umsteigen, ist das gut."

2 in 1: E-Bike und selbstfahrendes Rad

Noch sind viele Fragen zu klären. "Wir haben zum Beispiel noch keine ausreichend detaillierten Stadtkarten", sagt Informatiker Martin Seidel. "Ein Mensch hat über Jahre gelernt: Wo kann ich langlaufen, wie sicher kann ich da stehen, sinke ich da eventuell ein – das muss man dem Fahrrad beibringen. Es muss erkennen, wo es mit welcher Geschwindigkeit fahren kann und dazu haben wir erstmal nur die Kamera."

Uni Magdeburg: selbstfahrende Fahrräder
Die Technik im Inneres des Rades: Ein Laptop, ein kleiner Computer und Kabel. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Und die kann zum Beispiel bei Sonnenschein Schwierigkeiten haben: "Gegen die Sonne hat man ähnliche Probleme bei Rad wie der Mensch. Wir kneifen zu Augen zu, gucken eher nach unten." Das Rad erkenne dann womöglich Hindernisse zu spät oder ordne Gegenstände falsch ein. Der Fall eines autonom fahrenden Tesla-Autos, das einen Lkw für den Himmel hielt und dem Fahrer das Leben kostete, ist den Magdeburger Wissenschaftlern natürlich bekannt. "Ein Fahrrad ist zwar kein Auto", sagt Seidel, "aber natürlich sollen keine Unfälle passieren."

Fahrrad oder Mofa? Führerschein oder nicht?

Auch Rechtliches muss geklärt werden. Derzeit ist für das Fahrrad ein Mischbetrieb geplant: Einerseits solle es ein Elektrofahrrad sein, wenn ein Mensch darauf sitze, sagt Seidel. "Aber wenn niemand drauf sitzt, haben wir ein autonomes Fahrzeug, das Fahrrad ist komplett auf sich gestellt. Da wissen wir nicht, wie das rechtlich einzuordnen ist. Es ist von der Politik noch nicht erfasst", berichtet Seidel.

Als das Verkehrsrecht entstand, hat niemand damit gerechnet, dass Autos oder Fahrräder eines Tages allein fahren würden. Abhängig von der Klassifizierung wäre auch, ob Kunden wie beim Mofa einen Führerschein und einen Helm brauchen.

Einsatz abseits der Innenstadt denkbar

Uni Magdeburg: selbstfahrende Fahrräder
In vier Jahren könnten selbstfahrende Räder zum Stadtbild in Magdeburg gehören. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Das Forschungsprojekt ist auf vier Jahre angelegt. Doch ob am Ende die Magdeburger tatsächlich autonome Fahrräder zu sich bestellen können, ist offen. Wenn, dann sollen sie sowohl in der Innenstadt, als auch den Randgebieten flächendeckend angeboten werden. "Unser erster Ansatz war, das Ganze in der Innenstadt aufzubauen", erklärt Studienleiter Schmidt, "aber da wurde uns von den Nahverkehrsverbünden gesagt: Vielleicht wäre es interessanter, mal in die Randgebiete zu gehen, wo der Nahverkehr noch nicht so stark ist. Dort könnten wir eine Ergänzung zum Nahverkehr schaffen und das haben wir jetzt auch vor."

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Quelle: MDR/ap

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | Studio Magdeburg | 20. März 2018 | 12:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. März 2018, 05:17 Uhr

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5 Kommentare

22.03.2018 02:08 Ralf 5

Ich bin für neue Sachen zu begeistern, aber laut der Gesetzeslage wird dieses Projekt scheitern. Die Haftungsfrage wird durch ein Gesetzesentwurf keine Zustimmung bekommen. Die Frage: "was wäre wenn"? Wird nie lösbar werden. Außerdem, werden im großem Stil " E - Bike "gestohlen. Ich würde auch gern ein E - Bike privat kaufen, nur es steht an Platz 1 für Diebstahl. Der Preis ist viel zu Hoch, und in der Praxis wäre die Anschaffung und Versicherung so wie die Haftung bei Unfälle vom Gesetzgeber nicht entschieden. Als Gaudi und Forschungsprojekt sag ich ja, aber in der Praxis nein. Unsere Deutsche Bürokratie ist viel zu Lahm.

21.03.2018 11:54 frank r. 4

Menschen bewegen sich schon zu wenig, ich denke nicht das dies ein Erfolg wird. Es wird Teuer, wird wenig genutzt, und die Einnahmen decken nicht mal die Kosten.

21.03.2018 11:00 Sr.Raul 3

Erfindungen, auf welche die Welt gewartet hat und dringend benötigt! Mal Schauen Was geht, wenn sich dann die Hacker in der schönen autonomen Fahrwelt tummeln. Wird sicher lustig. Gibt es auf dieser Welt eigentlich noch normale "Ecken"? Warme Strandlage mit funktionierenden Gesundheitswesen und halbwegs genießbarer Küche bevorzugt. Alder, Alder, da bricht bei 10cm Schnee und ein paar Minusgraden der halbe Zugverkehr zusammen, aber... .