Virtuelle Realität Die Zukunft der Medizin

Virtuelle Realität kennen viele aus Science-Fiction-Filmen oder als Spielerei für Technik-Fans. Eine Magdeburger Firma will damit demnächst Patienten nach Schlaganfällen oder nach einem Schädelhirntrauma helfen. Denn was in der realen Welt nicht beeinflussbar ist, lässt sich in der virtuellen schnell kreieren.

von Marcel Roth, MDR SACHSEN-ANHALT

Noch vor fünfzehn Jahren hätte Dorothee Schlüter der virtuellen Realität (VR) in der Medizin keine Chance gegeben – mit den damaligen helmartigen Brillen und der unausgereiften Grafik. Heute ist Schlüter vom Magdeburger Medizintechnik-Unternehmen Hasomed überzeugt:

Diese Technologie bietet Möglichkeiten, um Patienten besser und schneller weiter zu therapieren.

Dorothee Schlüter, Hasomed

Hasomed erprobt derzeit mit vier renommierten Institutionen, ob virtuelle Realität bei der Rehabilitation nach einem Schlaganfall oder einem Schädelhirntrauma helfen kann. Zusammen mit der Charité in Berlin, dem Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut, dem Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften und der Tagesklinik für kognitive Neuropsychologie an der Uni-Klinik Leipzig wird das Projekt in den kommenden zwei Jahren mit zwei Millionen Euro vom Bundesforschungsministerium gefördert.

VReha heißt das Projekt. Hasomed habe sogar die Führung des Konsortiums übernommen, sagt Schlüter. "Wir haben als kleines mittelständisches Unternehmen die Rolle, alle administrativen und organisatorischen Aufgaben zu bewältigen. Das machen wir gern, denn am Ende wollen wir zu einem marktreifen Produkt kommen." Hasomeds computergestütztes Rehaprogramm sei bereits jetzt in 90 Prozent der deutschen Kliniken im Einsatz.

Bessere Rehabilitation durch VR

Nach einem Schlaganfall oder einem Schädelhirntrauma haben viele Patienten zum Beispiel Probleme, einen Weg zu finden. Damit ein Neuropsychologe das feststellt, muss der Patient einen Weg auf einem Stadtplan einzeichnen. Eine Diagnosemethode, die sich seit Jahrzehnten nicht geändert hat. Die virtuelle Realität soll nun bei der Diagnose und auch bei der Therapie helfen. Das sagt zum Beispiel Dr. Angelika Thöne-Otto von der Tagesklinik für kognitive Neuropsychologie an der Uni-Klinik Leipzig:

Jetzt machen wir das, indem wir mit dem Patienten den Weg auf der Straße gehen. Aber ob zum Beispiel gerade ein LKW vorbeifährt und den Patienten verunsichert, das können wir auf der Straße nicht beeinflussen. Sehr wohl aber in der Virtuellen Realität.

Dr. Angelika Thöne-Otto, Uni-Klinik Leipzig

In einer VR-Therapie seien die Patienten geschützter. Wenn sie versagten, würde das nicht bestraft, sie könnten an ihren Erfolgen wachsen. Und die Ärzte würden viel genauer sehen, woran ein Patient scheitere, sagt Schlüter: "Der Algorithmus bestimmt, was passiert und schreibt mit, was der Patient wann macht und wann er überfordert ist. Derzeit wissen viele Patienten nicht, an welchem Punkt sie scheitern."

Erste Reha-Versuche mit virtueller Realität nach Unfällen sind erfolgversprechend bei Menschen, die zum Beispiel lernen müssen, eines ihrer Beine wieder zu bewegen. Sie sehen in der VR-Brille ihr Bein, das sich dort allerdings besser bewegen kann als in echt. Virtuelle Realität trickst das Gehirn aus. Möglicherweise kann so auch Höhenangst oder Angst vor Spinnen behandelt werden. Selbst bei Suchterkrankungen, Depression oder zur Demenzfrüherkennung ist virtuelle Realität im Gespräch. Und mit Hilfe von VR könnte ein Therapeut sogar mehr Patienten als bisher behandeln.

Etwa zwei Dutzend Menschen sollen VReha in den nächsten zwei Jahren ausprobieren, danach wollen die Wissenschaftler am liebsten eine großangelegte Studie machen. Und wenn es nach Dorothee Schlüter von Hasomed und ihren Kollegen geht, kann es in 15 Jahren eine VR-Brille auf Rezept für Zuhause geben.

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Quelle: MDR/pat

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 21. März 2018 | 10:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. März 2019, 19:52 Uhr

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