Vom Küchenchef zum Schäfer Wie ein Koch aus dem Salzlandkreis sein Glück fand

Jürgen Maurer, einst Küchenchef in der Magdeburger Uniklinik, hat Küchenschürze gegen Lümmelstock getauscht und sein Hobby zum Beruf gemacht. Bereut hat er den Wechsel nicht. Als Schäfer fühlt er sich gelassener.

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Annette Schneider-Solis, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein Schäfer mit seiner Herde und zwei Hütehunden auf einer Wiese
Vor drei Jahren hat Jürgen Maurer die Küchenschürze an den Nagel gehängt und hütet seitdem Schafe und Ziegen. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Die Sonne scheint, Vögel zwitschern, ein Milan zieht am Himmel seine Runden. An einem Hang in den Sohlener Bergen bei Magdeburg weiden Schafe und Ziegen. Sie gehören Jürgen Maurer, der seinen Job als Küchenchef in der Magdeburger Uniklinik gegen die Arbeit eines Schäfers getauscht und so sein Hobby zum Beruf gemacht hat. "Ich hatte vorher schon 50 Schafe", erzählt er. Als er die Küchenschürze an den Nagel hängte, habe er mit seiner Frau besprochen, was er fortan machen wolle. Er habe ein Konzept erstellt und seine Frau habe ihn bestärkt.

Drei Jahre ist das nun her und Jürgen Maurer hat seine Entscheidung nicht bereut. Auch wenn er nun weniger Geld hat; vor allem ist es nicht immer pünktlich am ersten eines Monats da. Anfangs hat er aber hauptsächlich die Kollegen vermisst. 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatte er unter sich und viel Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bereichen. "Das hat mir schon gefehlt", gesteht er. "Es war ja keiner mehr da mit dem ich mich unterhalten konnte. Mit den Schafen kann ich ja keine Gespräche führen!" Inzwischen plaudert der Schäfer mit Spaziergängern, die an seinem Ferch vorbeikommen.

Viele geben den Beruf auf

Zwei Hütehunden stehen vor einer Schafherde
Seine Schafe und Ziegen lässt Maurer derzeit in den Sohlener Bergen fressen. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Was Jürgen Maurer da gemacht hat, entspricht nicht der heutigen Zeit. Wolle ist kaum noch zu verkaufen, Landschaftspflege wird zu schlecht bezahlt, der Wolf besiedelt immer mehr Flächen im Land. Und so geben viele Schäfer ihren Beruf auf. "Das hat auch einen Vorteil", gibt sich Jürgen Maurer antizyklisch. "Wenn es immer weniger Schäfer gibt, steigen auch die Preise, wenn zum Beispiel die Stiftung Kulturlandschaft einen Schäfer braucht."

Für die Stiftung Kulturlandschaft lässt Jürgen Maurer derzeit seine Schafe und Ziegen in den Sohlener Bergen fressen. Dort, wo jahrzehntelang Büsche und Gräser wild wucherten, soll ein Biotopverbund entstehen. Die finanziellen Mittel dafür kommen von der 50hertz Transmission GmbH. Die Firma betreibt das Stromnetz im Norden und Osten Deutschlands und baut es weiter aus. 10.200 Kilometer Stromnetz sind schon jetzt verfügbar, um grünen Strom quer durchs Land zu transportieren.

Partner für Ausgleichsmaßnahmen

Wo solche Stromleitungen entstehen, wird in die Natur eingegriffen. Dafür sind Ausgleichsmaßnahmen nötig. "Wir suchen Partner, damit sinnvolle Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen vorgenommen werden“, erklärt Frank Golletz, der bei 50hertz Technischer Geschäftsführer ist.

Ein solcher Partner ist in den Sohlener Bergen die Stiftung Kulturlandschaft. "Wir wollen die Halbtrockenrasenbestände erhalten", erzählt Jens Birger von der Stiftung Kulturlandschaft. "Das passiert, indem Schafe und Ziegen hier weiden. Im zweiten Zug verschwinden die Sträucher und Bäume, denn wir brauchen offene Landschaften und Rohboden, damit sich kleine Kräuter wieder etablieren können, die sonst unterdrückt werden und verschwinden."

Drei Jahre Verlust einkalkuliert

Mit dem Geld, das Jürgen Maurer damit und mit der Deichpflege durch seine Schafe verdient, will er im nächsten Jahr als Schäfer in die Gewinnzone kommen. "Die ersten drei Jahre waren von Anfang an als Verlust geplant", erzählt er. Er liege genau im Plan. Wenn er abends bei seinen Schafen steht und der Sonne beim Untergehen zuschaut, dann weiß er, dass seine Entscheidung richtig war. "Ich würde es wieder machen", bekräftigt er.

Ein Schäfer mit seiner Herde und zwei Hütehunden auf einer Wiese
Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Wenn ich gewusst hätte, wie schön das ist, hätte ich es sogar fünf Jahre früher gemacht. Ich habe hier auch Stress, aber anderen. Was man finanziell einbüßt, bekommt man mit einer anderen Zufriedenheit zurück. Ich weiß nicht, wann ich mich zum letzten Mal mit meiner Frau gestritten habe. Man wird ruhiger und gelassener.

Jürgen Maurer, Schäfer

Mit über 50 wolle er nun das machen, was ihm Spaß macht und ihm Zufriedenheit bringt. Und das ist jetzt eben die Schäferei.

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Annette Schneider-Solis arbeitet seit Mai 1994 für den MDR. Sie ist vor allem als Reporterin für Fernsehen, Hörfunk und Online im Land unterwegs. Ihre Themenpalette ist breit. Annette Schneider-Solis ist in Magdeburg geboren, hat in der Nähe von Stendal Zootechnikerin gelernt, das Abi an der Abendschule gemacht und in Leipzig Journalistik studiert. Seit 1985 arbeitet sie als Journalistin, seit 1994 als Freie, vor allem für den MDR, aber auch für die dpa und ab und zu für verschiedene Zeitungen. Lieblingsorte in Magdeburg hat sie viele - dazu gehören der Stadtpark und der Möllenvogteigarten in Magdeburg und die ländlichen Regionen. Vor allem das weite Grünland in der Altmark und die Felder in der Börde.

Quelle: MDR/cw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 20. Mai 2019 | 13:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Mai 2019, 19:28 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

5 Kommentare

21.05.2019 14:43 Max W. 5

(Drei Jahre ist das nun her und Jürgen Maurer hat seine Entscheidung nicht bereut.)

DAS glaube ich dem Mann auf's Wort. Darüber würde ich als Wirtschafts"wissenschaftler" mal gründlich reflektieren. Von einem SPD-Politiker, für den das sogar zur Pflichtveranstaltung werden müsste, erwarte ich in diesem Zusammenhang allerdings keinerlei verwertbaren Erkenntnisse.
Er müsste sich ja dann mit dem Begriff der "Entfremdung" auseinandersetzen und schon 24h später aus der geschröderten "SPD" austreten...

21.05.2019 12:35 Leser 4

@Ureinwohner. Er hat Herdenschutzhunde und ist somit auf der sicheren Seite. Warum spielen Sie den Wolf ins Gespräch?

21.05.2019 10:10 Leser 3

Am meisten freut es mich, dass er den Knall gehört hat und auf Herdenschutzhunde setzt. Und die scheinen sich auch richtig wohl zu fühlen.

Mehr aus Magdeburg, Börde, Salzland und Harz

Mehr aus Sachsen-Anhalt