Geschichten aus Sachsen-Anhalt Wie die Volkspolizei zum Bart kam

Mitte der 1970er-Jahre änderte sich etwas Entscheidendes bei der Polizei in Magdeburg. Polizisten trugen plötzlich einen Bart. Bis dahin undenkbar. Angeschoben wurde das Ganze von einem Volkspolizisten.

Volkspolizisten in einem Einsatzfahrzeug
Unrasierte Volkspolizisten waren bis Mitte der 1970-Jahre in der ehemaligen DDR undenkbar. Bildrechte: imago/K-P Wolf

Der Volkspolizist in der DDR: Von manchen als Abschnittsbevollmächtigter belächelt, von den meisten aber respektiert. Immerhin verkörperte die Polizei die Staatsraison der DDR wie kaum etwas anderes. Dabei kam es auch darauf an, dass der DDR-Polizist korrekt und möglichst makellos in Erscheinung tritt.

Doch Mitte der 1970er-Jahre änderte sich plötzlich daran etwas Entscheidendes – zumindest bei der Polizei in Magdeburg. Dort trugen Herren von der Volkspolizei (VP) plötzlich einen Bart. Bis dahin undenkbar. Angeschoben wurde das Ganze von einem Volkspolizisten.

Von der Armee zur Kriminalpolizei

Blick auf den vorderen Teil einer Volkspolizeimütze. Man erkennt eine grüne Kordel und ein Emblem.
"Nie wieder Uniform", hat sich Jochen Junker nach seiner Armeezeit geschworen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK | Hoferichter & Jacobs

Magdeburg Ende der 1960er-Jahre. Wie überall im Land hat die DDR ihr Volk hier weitestgehend im Griff, die politische Linie ist klar. Der Staat verlangt von seinem Volk, gehorsam zu sein und sich unterzuordnen. Anders kommt niemand weit – schon gar nicht, wer bei den staatlichen Organen arbeiten möchte. In dieser Zeit spricht ein junger Mann um die 20 beim Volkspolizei-Kreisamt in Magdeburg vor: Jochen Junker.

Er ist gerade vom Grundwehrdienst zurück, und ein Bekannter hatte ihm erzählt, dass die Volkspolizei Personal sucht. Junker ist erst einmal kritisch. "Nie wieder Uniform", hat er sich nach seiner Armeezeit geschworen. Doch als er die Aussicht auf einen Posten bei der Kriminalpolizei bekommt, nimmt er an. Kurz darauf gehört Junker zur Ermittlergruppe der Magdeburger Kripo. Er verhört Verdächtige und sichert Tatortspuren.

Unrasiert zum Dienst – ein Affront

Eines Tages aber, als Junker zur Arbeit kommt, trauen die Kollegen ihren Augen nicht. Er war ein paar Tage krankgeschrieben und erscheint nun in seiner Dienststelle: mit einem dicken, schwarzen Oberlippenbart. Ein Bart im Dienst? Sowas hatten die Kollegen noch nie gesehen, denn damals gibt es eine interne, aber klare Regel:

Der sozialistische Volkspolizist trägt das Hemd faltenakkurat gebügelt über der sauberen Hose. [...] Die Zuführungskette hängt lose, aber nicht nachlässig im linken Hüftbereich. Im Interesse des internationalen Ansehens der Deutschen Demokratischen Republik verrichtet der Volkspolizist seinen Dienst messerglattrasiert. Starker Bartwuchs erfordert eine Nachrasur in der Mittagspause. Sein Haupthaar berührt einsatzbereit in Zündholzlänge den Hemdkragen.

Volkspolizisten auf Streife in der Stadt
Ein Bart im Dienst? Sowas hatten Volkspolizisten noch nie gesehen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Messerglatt also. Unrasiert zum Dienst? Das bedeutet einen Affront – vor allem für Junkers Vorgesetzte. "Das ging gleich bis ganz nach oben", erinnert sich Juncker. "Begründet wurde es lediglich damit, dass es nicht dem Aussehen eines Kriminalisten entspricht. Ich wurde aufgefordert, den Bart sofort abzunehmen. Ansonsten dürfte ich die Dienststelle nicht mehr betreten." Der junge Polizist beugt sich fürs Erste und nimmt seinen Schnauzer wieder ab. Aber er will wissen, warum. "Ich habe mir gesagt: Was macht denn so ein Bart mit einem Menschen? Und: Warum können denn unsere sowjetischen Freunde, also die hier stationierten Soldaten und Milizen, Bärte tragen und trotzdem hervorragende Arbeit leisten?"

Besuch aus Berlin

Junker setzt sich an die Schreibmaschine und verfasst eine vierseitige Beschwerde – über das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und deren Unterstellten in der Magdeburger Dienststelle – und die Sache mit dem Bart. Die Beschwerde geht an niemanden geringeren als an den damaligen Innenminister der DDR, Generaloberst Friedrich Dickel:

Das Originalschreiben an das Ministerum des Inneren der ehemaligen DDR
Bildrechte: MDR/Matthias Lindner

Werter Genosse Minister! [...] Ich habe bei meiner Tätigkeit hauptsächlich mit jungen Menschen zu tun. Dabei kommt es auch darauf an, modische Erscheinungen zu berücksichtigen. Die Zeiten, in denen ein Dogma die einzige Sprache zwischen Leitern und Unterstellten war, haben wir doch längst überwunden.

Das saß offenbar. Denn nur wenige Tage später wurde es unruhig im Dienstgebäude der VP in Magdeburg. Besuch aus Berlin hatte sich angekündigt. Zwei Herren vom Ministerium des Innern. "Ich hatte eigentlich keine großen Erwartungen und ging davon aus, dass der sich das sowieso nicht anguckt", erinnert sich Jochen Junker. Aber die Gesandten aus Berlin suchen das Gespräch – erst mit dem Leiter der Dienststelle und dann mit Jochen Junker. "Mit denen konnte ich alles besprechen", sagt er – auch die Bartfrage. Und damit war das Dogma tatsächlich gebrochen. Ab 1974 war das Bart-Tragen bei der Magdeburger Volkspolizei nicht länger untersagt.

Junker ahnt aber, dass er nach diesem Vorfall Ziel weiterer Schikanen seiner Vorgesetzten werden könnte und quittiert nur wenige Wochen später den Dienst bei der VP. Hinterlassen hat er die Bart-Erlaubnis und wird später bei Führerscheinkontrollen wie jeder andere gern mal zurechtgewiesen – von bärtigen Volkspolizisten.

Volkspolizisten regeln neben einem Polizeiauto den Verkehr in Espenhain
Ab 1974 war das Bart-Tragen bei der Magdeburger Volkspolizei erlaubt. Bildrechte: imago/sepp spiegl

Quelle: MDR/jr

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 12. Januar 2020 | 11:40 Uhr

5 Kommentare

MDR-Team vor 20 Wochen

Hallo, danke für Ihren Kommentar. Wenn Sie ein konkretes Anliegen für eine Recherche haben, dann melden Sie sich doch noch einmal gesondert bei uns! Zum Beispiel hier: https://www.mdr.de/mdr-vor-ort/kontaktsachsenanhalt100.html
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Unter diesen Artikel passt die Diskussion weniger.
Danke und liebe Grüße!

part vor 20 Wochen

Ärger bei der Stasiunterlagen-Behörde BStU Rekonstruktion zerrissener Stasi-Akten könnte noch Jahrhunderte dauern_ und der Bürger kann nachfragen noch und nöcher, besonders wenn er mitgeteilt bekommt, das Einträge vorhanden sind und eine Akte vorliegt aber die Auswertung noch nicht vollendet ist. Bitte fragen sie zu späteren Zeitpunkten nach, doch da sind die Jünger von Herrn Jahn wohl etwas undisponiert als nach 10 Jahren erneuter Anfrage angebliche keine Einträge vorhanden sind und das sogar bei Verdacht auf Auslandspionage. Ein Grund könnte aber sein, das die Person Opfer geworden ist von Aktivitäten eines anderen Staates, oder soll hier etwas unter der Decke gehalten werden, bei zuviel nichtkommentierbaren Beiträgen? Gleiche Einheit, aber anderes Zimmer und alle Aussagen ließen sich nachlesen vom einem Kammeraden bei der BStU in Erfurt, weshalb nicht von mir? Schon eigenartig und ein Grund zur Recherche in einem Rechtsstaat.

part vor 20 Wochen

Es gab da mal so einen gewöhnlichen Gefreiten und Meldeläufer im 1. WK, der von Kampfhandlungen immer verschont blieb, bis auf einen ganz kleinen Gasangriff, der wohl seinen Augen eine nachträgliche besondere Diabolität verlieh, aber keine nachhaltigen physischen Sehstörungen verursachte. Seither hatte er sich, weil ungeübt und ungedrillt im Aufsetzen des Gasmaske, den Schnauzer links und rechts gestutzt, auf der rechten Seit zuletzt...geholfen hats aber trotzdem nix...im Gegenteil...
Bei der VP bestand damals wohl auch die Bereitschaft im Rahmen der Zivielverteidigung tätig zu werden, daher wohl das Bartverbot und fast Glatze bei der GdSSD in unteren Chargen.

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