Fristverlängerung wegen Corona Magdeburg 2025: Mehr Zeit für Kulturhauptstadt-Bewerbung – und höhere Erwartungen

Kalina Bunk
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Viele Kulturschaffende stecken aufgrund der Corona-Pandemie in der Krise. Ausgerechnet in dieser Zeit bemüht sich Magdeburg um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025. Weil auch hierbei einiges nicht ablaufen kann wie geplant, heißt es bei der Bewerbung: neue Wege gehen.

Kubus Magdeburg, Raum für Kulturhauptstadt-Bewerbung
Der Kubus in der Innenstadt: Unter anderem hier wird an der Kulturhauptstadt-Bewerbung gearbeitet. Bildrechte: MDR/Kalina Bunk

Eigentlich hätte es Mitte Mai inhaltlich so gut wie fertig sein sollen: Magdeburgs entscheidendes Bewerbungsbuch für die Kulturhauptstadt-Bewerbung. Eigentlich. Doch wie so ziemlich überall schmeißt auch hier das Coronavirus die bisherigen Pläne über den Haufen. Magdeburg und die anderen verbliebenen Konkurrenten (Chemnitz, Hannover, Hildesheim und Nürnberg) bekommen für die Bewerbung gut zwei Monate mehr Zeit. Statt Ende Juli müssen die 44 Jury-Fragen nun bis Ende September beantwortet werden. Das soll helfen, mögliche Nachteile durch die Corona-Pandemie abzufedern.

Neue Fristen für die Bewerbung – Abgabe Bewerbungsbuch: 21. September 2020
– Jury besucht Magdeburg: 21. Oktober 2020 
– Präsentation in Berlin: 26. bis 28. Oktober 2020  
– Bekanntgabe des Siegers: 28. Oktober 2020

Das Magdeburger Team schätzt, dass der Jury-Besuch und die Präsentation in Berlin für die Entscheidung genauso wichtig sind wie das Buch. "Die Jury muss den Spirit spüren – es muss mehr rüberkommen als im Buch."

Tamás Szalay, der Leiter der Magdeburger Bewerbung, sieht dies mit gemischten Gefühlen. Einerseits habe man nun zwar mehr Luft und Zeit, das Konzept und mögliche Schwachstellen durchzusprechen. Andererseits geht er davon aus, dass die Jury dadurch nun auch mehr erwarten wird. "Eigentlich haben wir nichts gewonnen, der Zeitraum ist einfach länger", so Szalay. Man habe aber die Chance, die künstlerischen Projekte jetzt schon einmal weiter voranzutreiben als ursprünglich gedacht.

Kreatives Arbeiten wieder einfacher

Dabei spielt dem Team in die Karten, dass durch die Corona-Lockerungen inzwischen auch wieder gemeinsames Brainstorming im Kubus möglich ist. Im Homeoffice habe man zwar effektiv am Bewerbungstext arbeiten könnten, erzählt Projektmanagerin Kerstin Hartinger. Kreatives Arbeiten für die Projekt-Entwicklung sei so aber nicht wirklich gut möglich gewesen.

Wer entscheidet, wer Kulturhauptstadt Europas 2025 wird?

Die Europäische Union hat zehn Experten ernannt, die aus dem Kulturbereich kommen. Zusätzlich gibt es zwei Experten aus Deutschland, die von Kultusministerkonferenz und Bund berufen wurden. Sie alle haben eine Erklärung unterschrieben, in der sie sich zu Vertraulichkeit und Unabhängigkeit verpflichten. Die Vorsitzende der Jury ist Sylvia Amann, Expertin für Kulturentwicklung und Kreativwirtschaftspolitik.

Was ist im Wettbewerb entscheidend?

Die Jury schaut vor allem auf sechs Punkte:

– Was bringt die Bewerbung für die langfristige Kulturentwicklungsstrategie der Stadt?
– Wie groß ist die europäische Dimension des Programms?
– Sind Gesamtprogramm und künstlerische Qualität überzeugend?
– Ist die Bewerberstadt in der Lage, ihre Pläne tatsächlich umzusetzen?
– Inwieweit werden die Einwohner eingebunden?
– Gibt es genügend personelle Ressourcen für das Management des Kulturhauptstadtjahres?

Die Bewerberstädte im Vergleich

Nach dem Einzug in die Finalrunde hat die europäische Jury jeder Stadt mitgeteilt, womit sie in ihrer Bewerbung schon punktet – und wo sie noch Nachholbedarf hat:

MAGDEBURG
– Positiv aufgefallen ist der Jury, dass Einwohner in den Prozess eingebunden werden.
– Das Projekt Kulturhauptstadt werde von der Stadtpolitik unterstützt, die Stadt bemühe sich um den Titel seit 2011.
– Das eingeplante Budget von mehr als 66 Millionen Euro sei eine gute finanzielle Ausstattung.
– Magdeburg habe aber die Tendenz, eher Mängel und Probleme zu betonen.
– Stattdessen würden der Bewerbung aber Humor und ein stärkerer Blick nach vorn gut tun.
– Unklar sei zudem, wie lokale Künstler sowie Städte und Regionen aus dem Umland eingebunden werden sollen.
– Es müsse außerdem klarer gemacht werden, was ein Kulturhauptstadtjahr in Magdeburg am Ende ganz Europa bringen würde
– Magdeburg sollte zudem stärker auf die Bedeutung des Magdeburger Rechts für das heutige Leben eingehen, so die Juroren.

CHEMNITZ
– Lob bekommt Chemnitz, weil es im ersten Bewerbungsbuch 24 umliegende Kommunen mit einbezieht. Dadurch entstehe eine Strategie für die gesamte Region, die aber noch konkretisiert werden müsse, so die Jury.
– Positiv sei auch die hohe politische Unterstützung des Vorhabens und die "Bottom-Up-Perspektive" – also dass Projektideen mit vielen Einwohnern diskutiert wurden.
– Die freie Szene sowie Kulturinstitutionen würden beide im Kulturprogramm berücksichtigt. Allerdings sei die artistische Vision noch nicht ausreichend genug, um international attraktiv zu ein.
– Der Austausch mit anderen Kulturhauptstädten sei vorhanden. Grenzüberschreitende Kooperationen, etwa mit Tschechien und Polen, seien aber noch nicht ausreichend in den Blick genommen worden.
– Die Strategie für Nachhaltigkeit sei noch nicht genügend ausgearbeitet.
– Die Bewerbung befasse sich mit den gewalttätigen Ausschreitungen von 2018 nicht wirklich aus europäischer Perspektive.

HANNOVER
– Hannover präsentiert sich aus Sicht der Jury als harmonische Stadt der Balance.
– Die Stadt hat aus Sicht der Jury großes Potenzial und eine gute Basis für ein interessantes Kulturhauptstadtjahr.
– Es gebe die Möglichkeit, signifikante Effekte auf europäischem Level zu erreichen.
– Es gebe Chancen, relevante Themen auf interessante und artistisch inspirierende Weise zu präsentieren.
– Die Kooperation mit der Region sei schon gut ausgearbeitet.
– Die Europäische Dimension müsse aber noch klarer gemacht und verstärkt werden.
– Das Projekt sollte zudem nachhaltiger gedacht werden.

HILDESHEIM
– Die Kulturstrategie Hildesheims hat die Jury überzeugt, weil sie die Entwicklung der Region mit einbezieht. Einwohner, die kreative Industrie und Kulturinstitutionen würden alle eingebunden.
– Allerdings müssten die europäische Sichtweise und artistische Dimension klarer herausstechen.
– Eine weitere Schwäche sei die finanzielle Unterstützung. Das Budget liege bei 54.200.000, nur gut ein Zehntel davon steuere die Stadt selbst bei. Die Stadt habe angesichts von Verschuldung das kulturelle Budget in den letzten Jahren eingefroren. Das sei insgesamt ein hohes Risiko.
– Als problematisch sieht die Jury außerdem an, dass nicht alle politischen Parteien das Vorhaben unterstützen.

NÜRNBERG
– Positiv sei, dass es eine hohe politische und finanzielle Unterstützung bei der Bewerbung gebe.
– Die vorgeschlagenen Themen für das artistische und kulturelle Programm haben laut Jury eine hohe europäische Relevanz.
– Es gebe ein gutes Potenzial, das Umland einzubinden.
– Allerdings müsse der Aspekt der Nachhaltigkeit besser geplant werden. Also die Frage: Was passiert nach 2025?

Bisher keine Projekte weggebrochen

An dem 100 Seiten starken Buch arbeiten insgesamt fünf Personen aus dem Magdeburger Bewerbungsbüro, ab und zu gibt es außerdem Unterstützung von drei externen Beratern. Projektpartner aus der Kulturszene sind dem Team durch die Krise Hartinger zufolge bisher noch nicht weggebrochen. Allerdings würden sie momentan zum Teil länger brauchen, um Rückmeldungen zu geben – einfach weil es schwierig sei, aktuell für die nächsten Jahre zu planen. "Manche finden es aber auch beruhigend, dass gerade in dieser Zeit jemand anruft und mit ihnen zusammenarbeiten will", so Hartinger.

Für viele Künstlerinnen und Künstler habe aktuell das berufliche Überleben absolute Priorität, ergänzt Szalay – es gebe aber auch einige, die trotz allem bis 2025 denken. Das Bewerbungsteam merke zudem auch, dass sich die freie Kulturszene in Magdeburg zusammengeschlossen habe und dadurch enger zusammenrücke – ein möglicher positiver Nebeneffekt, auch für die Zeit nach der Pandemie.

Zusammenarbeit mit Künstlern von außerhalb

Die Corona-Krise wird sich auch im Bewerbungsbuch widerspiegeln – denn neben der kulturellen Stadtentwicklung sollen auch mögliche Risikofaktoren für das Kulturhauptstadtjahr beschrieben werden. Viel Konkretes über die künstlerischen Projekte aus dem Bewerbungsbuch macht das Team zum jetzigen Zeitpunkt dagegen noch nicht öffentlich.

Zumindest einen kleinen Einblick gab es aber am vergangenen Wochenende in einem Live-Video bei Facebook, in dem das Magdeburg2025-Team Fragen zum aktuellen Bewerbungsprozess beantwortet hat.

Zu Wort kamen dabei unter anderem der Urban-Art-Künstler Robert Kaltenhäuser aus Düsseldorf – der für ein Graffiti-Projekt mit dem Kulturhauptstadtbüro zusammenarbeitet – und der britische Theater- und Opernregisseur Brian Michaels, der ein Projekt in Verbindung mit dem Magdeburger Dom entwickelt.

Ich kannte die Stadt bisher vom Vorbeifahren. […] Der Dom hat mich innerlich wirklich umgehauen. Ich war überhaupt nicht auf die erstaunliche spirituelle Kraft vorbereitet, die dieses Gebäude von innen hat. So etwas habe ich noch nie erlebt.

Theater- und Opernregisseur Brian Michaels

Das Facebook-Live-Video hätte es ohne Corona-Pandemie höchstwahrscheinlich nicht gegeben. Eigentlich hatte das Bewerbungsbüro zum Europatag am vergangenen Samstag nämlich eine Stadtwette geplant: Schafft es Magdeburg, dass sich 2025 Menschen mit einem Stuhl auf einem Platz versammeln und so auf das Thema Kulturhauptstadt aufmerksam machen? Aufgrund der Corona-Beschränkungen natürlich unmöglich. Deswegen musste das Team umdenken – wie bei einigen anderen Projekten, die eigentlich jetzt im Frühjahr stattgefunden hätten.

Mehr virtuelle Projekte

"Wir versuchen, Dinge, die im öffentlichen Raum stattgefunden hätten, digital anzubieten", sagt Andrea Jozwiak aus dem Bewerbungsteam. Ein Beispiel dafür sei die Kooperation mit der diesjährigen europäischen Stadt des Sports, Milton Keynes in England. Statt gemeinsamer Sportaktionen in Magdeburg gibt es nun Sportübungen für zu Hause zum Nachmachen.

Einige weitere digitale Kulturhauptstadt-Projekte: Bei der Aktion "ArtPile" haben sich Künstler online getroffen und zeitgleich gemeinsam Kunstwerke geschaffen. Und bei der Aktion "Windowtelling" erzählen Magdeburger, wie sie durch die Corona-Zeit kommen.

Das geplante "Freiraumlabor", das ab Juni mit verschiedenen Aktionen den Nordabschnitt des Breiten Weges in der Innenstadt beleben soll, findet nach jetzigem Stand aber wie geplant auch im Offline-Leben statt. Zwischen Universitätsplatz und Ratswaagehotel sind Streetfood, Sport und Kultur geplant – wenn auch wahrscheinlich in etwas anderer Form als bei der Präsentation des Programms im März ursprünglich angedacht.

Und obwohl sich momentan vieles anders entwickelt als gedacht, sieht Andrea Jozwiak die Corona-Krise nicht als Hindernis. Schließlich seien alle Bewerberstädte davon betroffen. In einer Phase, die nicht vorhersehbar war, Alternativen auf die Beine zu stellen, sei zudem eine Stärkung, sagt sie: "Das gibt uns die Power, bis 2025 weiterzumachen."

Kalina Bunk
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Kalina Bunk arbeitet seit 2015 für MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online- und in der Hörfunkredaktion. Sie schreibt für mdrsachsenanhalt.de, verfasst und spricht die Nachrichten im Radio und ist als Reporterin im Land unterwegs. Aufgewachsen ist die Redakteurin in Bremen. Dort und in Madrid studierte sie Kulturwissenschaft und Germanistik. Danach war sie für mehrere private Radiosender in Bremen und Berlin tätig.

Quelle: MDR/kb

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 20. Mai 2020 | 09:30 Uhr

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