Portraitserie Franka Kretschmer: Wie eine Magdeburgerin Demos organisiert

Daniel Tautz vor einer grauen Wand
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Wer etwas verändern möchte, muss aktiv werden. Diesem Leitsatz folgen auch in Sachsen-Anhalt immer mehr Menschen. Wer sind die Köpfe hinter Bürgerinitiativen, Aktionsgruppen und Bewegungen im Land? MDR SACHSEN-ANHALT stellt sie in einer Serie vor. Im ersten Teil geht es um Franka Kretschmer aus Magdeburg.

Franka Kretschmer vernetzt in Magdeburg alle Bewegungen, die für den Klimaschutz und gegen Rechts auf die Straße gehen.
Franka Kretschmer versucht, zahlreiche poltische Initiativen in Magdeburg zu koordinieren. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz

Ein sonniger Januarnachmittag in Magdeburg. Am Hauptbahnhof haben sich hunderte Menschen versammelt; mit Fridays-for-Future-Flaggen, Pappschildern und Sprechgesängen gegen Rechts. Mitten drin: Franka Kretschmer.

Die 38-Jährige zieht ihre Wollmütze über das dunkelbraune Haar, schlüpft in eine neongelbe Warnweste und greift zum Funkgerät an ihrem Gürtel. Franka ist im Demo-Modus. Das heißt: überall und nirgendwo. In ihren sandbraunen Stiefeln rennt sie zu den Polizisten, zu den Demonstranten, zum Lautsprecherwagen. Weist an, koordiniert, organisiert. Und hält zwischendurch immer wieder strahlend inne.

In Magdeburg verbünden sich die Bewegungen

"Das ist großartig, ganz wundervoll", sagt Franka und blickt über die Menschenmenge, die sich gerade in Bewegung setzt. "Vor allem, dass auch ältere Menschen da sind. Man hört ja oft so: 'Die Kids machen dies, und die Gruppe macht das.' Aber hier sind gerade alle miteinander am Start."

Dass sich die Bewegungen in Magdeburg verbündet haben, ist vor allem auch Frankas Verdienst. Denn wenn in der Landeshauptstadt demonstriert wird, ist sie vorne mit dabei: Fridays For Future, Extinction Rebellion, Solidarisches Magdeburg, Seebrücke.

"Du musst Leute auf die Straße bringen, dann fangen auch andere Menschen an, nachzudenken", sagt sie. Eine Welle breite sich von alleine aus, wenn sie erst einmal angestoßen wurde. Und in Magdeburg sei genau das Frankas Rolle, sagen ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter.

Protest Franka Kretschmer – eine Frau, die Demos organisiert

Franka Kretschmer vernetzt in Magdeburg alle Bewegungen, die für den Klimaschutz und gegen Rechts auf die Straße gehen.
Franka Kretschmer vernetzt in Magdeburg Bewegungen, die für den Klimaschutz und gegen Rechts auf die Straße gehen. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz
Franka Kretschmer vernetzt in Magdeburg alle Bewegungen, die für den Klimaschutz und gegen Rechts auf die Straße gehen.
Franka Kretschmer vernetzt in Magdeburg Bewegungen, die für den Klimaschutz und gegen Rechts auf die Straße gehen. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz
Franka Kretschmer vernetzt in Magdeburg alle Bewegungen, die für den Klimaschutz und gegen Rechts auf die Straße gehen.
Beim großen Demotag Mitte Januar koordiniert die 38-Jährige auch den Protest von Fridays For Future. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz
Franka Kretschmer vernetzt in Magdeburg alle Bewegungen, die für den Klimaschutz und gegen Rechts auf die Straße gehen.
Frankas Motto: Antifaschismus und Klimaprotest gehören zusammen. Deshalb freut es sie, dass sich die Bewegungen in Magdeburg verbünden. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz
Franka Kretschmer vernetzt in Magdeburg alle Bewegungen, die für den Klimaschutz und gegen Rechts auf die Straße gehen.
Der Demonstrationszug setzt sich in Bewegung. Franka behält die Lage im Blick. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz
Franka Kretschmer vernetzt in Magdeburg alle Bewegungen, die für den Klimaschutz und gegen Rechts auf die Straße gehen.
Franka gibt die Anweisungen der Polizei an die Ordner der Demo weiter. Am Hasselbachplatz muss eine Tramschiene freigehalten werden. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz
Franka Kretschmer vernetzt in Magdeburg alle Bewegungen, die für den Klimaschutz und gegen Rechts auf die Straße gehen.
Franka Kretschmer vernetzt in Magdeburg Bewegungen, die für den Klimaschutz und gegen Rechts auf die Straße gehen. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz
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"Frankas Engagement ist einzigartig"

Auch André von der Klimabewegung Extinction Rebellion bewundert ihr Engagement. Er reist mit einem Wohnmobil durch Deutschland, um bei den einzelnen Ortsgruppen der Bewegung Aufbauhilfe zu leisten. Dabei hat er schon viele Aktivistinnen und Aktivisten getroffen – aber niemanden, der so aktiv ist wie Franka Kretschmer. "Franka ist immer mit 180 Prozent dabei", sagt André. "Wie sie alle Bewegungen in Magdeburg – und auch darüber hinaus – zusammenbringt, ist einzigartig."

Und die 38-Jährige ist nicht nur besonders viel, sondern auch schon besonders lange aktiv. In der neunten Klasse beschäftigte sie sich erstmals mit der Erderwärmung. Vor knapp zwanzig Jahren zog sie dann aus ihrem altmärkischen Heimatdorf Polvitz nach Magdeburg. Dort promovierte sie in der Umwelt- und Energietechnik und brachte ehrenamtlich Photovoltaikanlagen nach Tansania. Bis 2015 Hunderttausende Geflüchtete nach Deutschland kamen und die Stimmung im Land umschlug.

"Die Fremdenfeindlichkeit hat mir gezeigt, dass ich in Deutschland politisch aktiv sein muss. Ich konnte nicht einfach weiter Solaranlagen in Afrika bauen und das hier alles so stehen lassen."

Antifaschismus und Klimaprotest gehören für sie zusammen

Seitdem geht die 38-Jährige nicht nur für ein Umdenken in der Klimapolitik, sondern auch gegen die AfD und rechtes Gedankengut auf die Straße. So auch beim großen Demo-Tag in Magdeburg. Während sie am Nachmittag den Fridays-For-Future-Protest koordiniert, schlüpft sie nach Sonnenuntergang in eine andere Rolle. Am Abend sollen 150 Rechte und Neonazis durch die Stadt ziehen – und Franka will sich ihnen in den Weg stellen.

Auf ihrem Handy schreibt sie immer wieder Nachrichten, telefoniert mit anderen Aktivistinnen und Aktivisten. Bald ist klar: Die Route der rechten Demonstration wird von der Polizei über die Magdeburger Steubenallee geleitet. Sieben Minuten später ist Franka da.

Dann wird es hektisch: Franka huscht zu einer Sitzblockade von 30 Demonstrierenden. Als sie sich dazu setzen will, kommt ein Polizist von der Seite und stößt sie hart auf eine Bordsteinkante. Nicht die einzige derartige Situation an diesem Abend in Magdeburg.

"Gewalt geht zu weit – von allen Seiten aus"

Franka schüttelt den Kopf und schaut fassungslos in die von Blaulicht erleuchtete Nacht. Dabei hat sie schon Härteres erlebt: ausgekugelte Arme, blaue Flecken und aufgeschrammte Knie. Die 38-Jährige möchte aber nicht alle Polizistinnen und Polizisten über einen Kamm scheren. Genauso wenig wie alle Demonstrierenden. Denn Gewalt geht aus ihrer Sicht zu weit, egal von welcher Seite sie ausgeht. "Autos anzünden oder Scheiben einschmeißen bringt halt niemandem was. Aber einen Aufmarsch zu blockieren, ist ein Mittel, dass man nutzen kann."

Wo Franka am Demo-Tag auch hinkommt, kennt man sie. Sie ist eine Anführerin, ohne im Mittelpunkt zu stehen. Woher sie all die Energie dafür zieht, weiß sie selbst nicht so recht. 20 bis 30 Wochenstunden diskutiert sie bei Plenen, klebt Plakate oder stellt Anträge. Und all das neben ihrem Vollzeitjob bei einem Bildungsträger und einem 12-jährigen Sohn.

Franka Kretschmer vernetzt in Magdeburg alle Bewegungen, die für den Klimaschutz und gegen Rechts auf die Straße gehen.
Gemeinsam mit anderen Demonstrierenden möchte Kretschmer eine rechte Demo-Route blockieren. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz

"Diesen Moment darf man nicht verpassen"

Franka selbst spricht von einem "aktivistischen Projektleben", nicht immer sei alles leicht miteinander vereinbar. "Aber jetzt gerade ist auch so ein Moment da, den man nicht verpassen darf. Ich kann nicht einfach weiter shoppen gehen und denken, dass es morgen noch so ist wie heute."

Es ist auch das, was Franka antreibt: Zu sehen, dass sich den Bewegungen immer mehr Menschen anschließen. Nach dem Demo-Tag muss sie aber erstmal auf ein Bier in die Kneipe, sagt sie. "Positive Energie tanken – für das nächste Projekt."

Daniel Tautz vor einer grauen Wand
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Autorenprofil Daniel Tautz volontiert an der electronic media school in Potsdam. Für seine Hörfunk-Station ist der gebürtige Hallenser aber zu MDR Sachsen-Anhalt gekommen. Bevor er das Radio für sich entdeckte, war er vor allem online unterwegs: Bei Zeit Online kümmerte er sich um die Nachrichten, bei der dpa um Geschichten aus Berlin und Brandenburg. Seine Kernthemen: Medienjournalismus und der Osten Deutschlands.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 16. März 2020 | 14:40 Uhr

5 Kommentare

aus Elbflorenz vor 20 Wochen

Da geht es um Spontandemos, aber nicht um Spontan-gegen-demos.

Gerade zur Gewährung der Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit an mehrere um eine geeignete Demonstrationsfläche konkurrierende Demos ist eine Koordinierung hinsichtlich Ort und Zeit der Demos ein geeignetes Mittel.

faultier vor 21 Wochen

Auf der einen Seite die AFD die bei Demos hetzt und aufwiegelt und auf der anderen Seite die linke Aktivistin die nur das gute möchte und dabei anderen das Demonstrationsrecht streitig macht ,plumper und entlarvender gehts nicht.

ralf meier vor 21 Wochen

Wenn ich mir die aktuellen Artikel des MDR Sachen Anhalt vergegenwärtige, bekomme ich das Gefühl, der MDR Sachsen Anhalt möchte indymedia Konkurenz machen. So lese ich: 'Auch André von der Klimabewegung Extinction Rebellion bewundert ihr Engagement' und denke an den Bento Artikel (Jugendmagazin des Spiegel) : 'Ehemaliger "Extinction Rebellion"-Aktivist: "Das kann den Eindruck einer Sekte erwecken".




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