Fastenmonat "Ich vermisse das Gebet in der Moschee" – Ramadan in Corona-Zeiten

Kalina Bunk
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Für Musliminnen und Muslime läuft momentan der Fastenmonat Ramadan. Auch diese Zeit ist in diesem Jahr von Corona geprägt. Zumindest kann nun nach und nach aber wieder gemeinsam in den Gemeinden gebetet werden. Was dies den Gläubigen bedeutet.

Montage einer Mondsichel auf mehreren islamischen Büchern
Seit dieser Woche ist das gemeinsame Gebet wieder erlaubt – neben Moscheen auch in Kirchen und Synagogen (Symbolbild). Bildrechte: dpa | Collage: MDR/Max Schörm

Für die gut 25.000 Musliminnen und Muslime in Sachsen-Anhalt ist es der wichtigste Monat des Jahres: der Fastenmonat Ramadan. Noch etwa zwei Wochen lang wird vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang gefastet. Auch in der Islamischen Gemeinde Magdeburg läuft diese Zeit in diesem Jahr aufgrund der Corona-Krise allerdings anders ab als normalerweise: Ein gemeinsames Gebet mit dem Imam ist nicht möglich – zumindest bisher.

Seit dieser Woche sind Gottesdienste wieder erlaubt, auch Moscheen dürfen somit wieder öffnen. In Magdeburg soll es am Samstag so weit sein, erzählt Moawia Al-Hamid, der Erste Vorsitzende der Islamischen Gemeinde in der Stadt. Allerdings müssen viele Regeln befolgt werden.

Abstandslinien sollen für Distanz sorgen

Um die Abstandsregeln einzuhalten, sind im Gebäude 80 Plätze mit Abstandslinien und Plastikabsperrungen gekennzeichnet. Von außen können zusätzlich 40 Gläubige den Gebeten folgen. Normalerweise finden allein im Inneren der Gemeinde bis zu 500 Menschen Platz.

Der Fastenmonat Ramadan

In Sachsen-Anhalt hat der Ramadan in diesem Jahr am 24. April begonnen. Der Start richtet sich nach dem Erscheinen der Neumondsichel und kann deswegen von Region zu Region variieren. Vier Wochen lang verzichten viele Musliminnen und Muslime vom Anbruch des Tages bis zum Sonnenuntergang auf Essen, Trinken, Rauchen und Sex. Kranke, Ältere, Schwangere und stillende Mütter müssen nicht fasten.

Abstands- und Hygieneregeln in der Magdeburger Gemeinde

  • Die Gläubigen bringen ihre eigenen Gebetsteppiche mit.
  • Schutzmasken und 1,5 Meter Mindestabstand sind Pflicht.
  • Beim Eintritt und beim Verlassen der Moschee müssen die Hände desinfiziert werden.
  • Besucher mit Krankheitssymptomen dürfen nicht kommen.
  • Das Benutzen der Waschräume und Toiletten in den Räumen der Moschee ist nicht gestattet.
  • Die Moschee wird 10 Minuten vor dem Gebetsruf für die drei Gebete (Fadjr-, Zuhur- und Asr-Gebete) geöffnet.
  • Während der Verrichtung des Gebetes wird die Moschee geschlossen.
  • Zwei Ordner sollen für einen reibungslosen Ablauf der Gottesdienste sorgen.
  • Versammlungen im Innenraum oder außerhalb der Moschee sind verboten.
  • Nach dem Gebet müssen die Besucher die Moschee verlassen.
  • Freitags-, Festgebete und Kinderaktivitäten bleiben weiter ausgesetzt.

Und noch etwas ist anders: Zunächst werden nur drei der fünf täglichen Gebete (Morgen-, Mittags- und Nachmittagsgebet) durchgeführt – die drei, die aufgrund der Tageszeit in der Regel nicht so stark besucht werden, erklärt Al-Hamid. Zum Nachtgebet gegen 22 Uhr würden normalerweise 300 bis 350 Muslime kommen. Dafür gebe es aufgrund der Corona-Beschränkungen aktuell aber nicht genügend Platz, deswegen falle es aus.

Die Moschee im Stadtzentrum ist seit ungefähr zwei Monaten geschlossen. Auf die Wiedereröffnung hat sich Al-Hamid, der auch Vorsitzender des Dachverbandes islamischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt ist, gründlich vorbereitet. "Wir haben alles gemeinsam diskutiert, Handschuhe und Desinfektionsmittel gekauft." Nach Gesprächen mit dem Ordnungsamt habe der Dachverband zudem eine Vorgehens-Empfehlung für alle islamischen Gemeinden im Land verfasst.

Ordner werden eingesetzt

Bei den Gebeten in Magdeburg sollen jeweils zwei Ordner anwesend sein und für einen problemfreien Ablauf sorgen. Al-Hamid selbst will diese Aufgabe am Samstag beim Frühgebet übernehmen. "Wir hoffen und gehen davon aus, dass alle Vorschriften eingehalten werden können. Wenn wir sehen, dass es chaotisch wird, dann gibt es künftig vielleicht nur noch zwei Gebete pro Tag", so Al-Hamid.

Viele Muslime würden sehnsüchtig darauf warten, die Räume wieder betreten zu können – auch er selbst. Da der Magdeburger die Schlüssel für das Gebäude hat, hat er die Räumlichkeiten in den letzten Wochen zwei Mal sogar allein aufgesucht, um dort zu beten. Als die Gläubigen erfahren hatten, dass die Moschee coronabedingt schließen muss, hätten viele geweint, erinnert sich Al-Hamid. "Für diejenigen, die gerne hier her kommen, wird die Wiedereröffnung nun wie ein Fest. Sie werden sehr zufrieden sein."

Islamische Gemeinden in Sachsen-Anhalt

In Sachsen-Anhalt gibt es insgesamt 12 islamische Gemeinden beziehungsweise Kulturzentren: in Magdeburg, Halle, Stendal, Genthin, Schönebeck, Dessau, Bitterfeld, Bernburg, Aschersleben, Merseburg, Weißenfels und Naumburg. Die Gemeinden haben sich im vergangenen Jahr zum Dachverband islamischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt zusammengeschlossen.

Ein gemeinsames Fastenbrechen am späten Abend wird es in der Moschee aber nicht geben, auch um die Nachbarschaft nicht zu stören. Normalerweise laden die Gläubigen in der Ramadan-Zeit zum gemeinsamen Essen am späten Abend befreundete Familien auch nach Hause ein, so auch Al-Hamid. Er finde es aber nachvollziehbar, dass diesmal der engste Familienkreis unter sich bleibt. Es sei aktuell eben eine Zeit, in der man soziale Kontakte einschränke. Er habe seit Februar keinen Besuch gehabt, so Al-Hamid – als Vorsitzender der Gemeinde wolle er selbst auch ein Vorbild sein.

"Ich habe in diesem Jahr das erste Mal in meinem Leben das Nachtgebet zu Hause gebetet, zum ersten Mal mit meinen beiden Söhnen und meiner Frau zusammen", erzählt Al-Hamid.

Moawia Al-Hamid lacht in die Kamera.
Bildrechte: MDR/ Felix Moniac, Tobias Bader

Ich vermisse das Gebet in der Moschee, aber meine Frau freut sich auch, dass gemeinsam mit der Familie gebetet wird.

Moawia Al-Hamid, Vorsitzender der Islamischen Gemeinde Magdeburg

Auch das Zuckerfest fällt kleiner aus

Gottesdienste virtuell oder im Fernsehen zu verfolgen, – wie es beispielsweise Christen zu Ostern gemacht haben – sei für Muslime keine Alternative, sagt Al-Hamid. Denn für ein gültiges Gebet müssten sich die Gläubigen hinter dem Imam versammeln, was via Internet nicht möglich sei.

Abstandsmarkierungen im Islamischen Kulturcenter Halle
Abstand halten ist auch im Islamischen Kulturcenter Halle Pflicht. Hier wird seit Mittwoch wieder gemeinsam gebetet. Nach Angaben der Gemeinde wurden die Regeln bisher eingehalten. Bildrechte: Islamisches Kulturcenter Halle/Saale e.V.

Auch das Zuckerfest zum Ende des Ramadan wird die Familie zum ersten Mal nicht gemeinsam mit anderen Muslimen feiern. Normalerweise gibt es drei Tage lang ein großes Fest – ähnlich bedeutend wie Weihnachten für Christen. In der Islamischen Gemeinde Magdeburg fällt es in diesem Jahr aus. Al-Hamid hat die Hoffnung, dass aber zumindest Anfang August das Islamische Opferfest – das höchste islamische Fest – in großer Gemeinschaft stattfinden kann, vielleicht auf einer großen Freifläche. Nach jetzigem Stand sind Großveranstaltungen allerdings bis Ende August untersagt.

Zunächst hofft Al-Hamid in der Ramadan-Zeit aber auf eines: "Dass wir unsere Gebete in Frieden ausführen können." Zusammen in der Gemeinde.

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Kalina Bunk
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Kalina Bunk arbeitet seit 2015 für MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online- und in der Hörfunkredaktion. Sie schreibt für mdrsachsenanhalt.de, verfasst und spricht die Nachrichten im Radio und ist als Reporterin im Land unterwegs. Aufgewachsen ist sie in Bremen. Dort und in Madrid studierte sie Kulturwissenschaft und Germanistik. Danach war sie für mehrere private Radiosender in Bremen und Berlin tätig. An der Arbeit als Redakteurin fasziniert sie, dass jeder Arbeitstag anders aussieht und dass man täglich etwas Neues dazu lernt.

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Montage einer Mondsichel auf mehreren islamischen Büchern
Bildrechte: dpa | Collage: MDR/Max Schörm

Quelle: dpa, MDR/kb

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 23. April 2020 | 08:00 Uhr

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