#miteinanderstark Wie sich Händler und Gastronomen in Magdeburg gegen die Corona-Krise stemmen

Lokal einkaufen – aber online. Was erstmal wie ein Widerspruch erscheint, soll auch in Magdeburg Geschäfte und Restaurants durch die Corona-Pandemie bringen. Die Betreiber öffnen ihre Läden nun digital und hoffen trotz Krise auf eine positive Zukunft.

Kalina Bunk
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Kalina Bunk, MDR SACHSEN-ANHALT

David Zibold
Die Corona-Krise als Chance sehen – das will David Zibold. Bildrechte: MDR/Kalina Bunk

Wenn David Zibold darüber nachdenkt, wann sich die Lage nach der aktuellen Corona-Pandemie wohl wieder entspannt, dann klingt das momentan nach weiter Ferne. Er vermutet, dass es erst im Herbst so weit sein wird. Zibold betreibt in Magdeburg-Sudenburg mit zwei Freunden seit einem dreiviertel Jahr den Wein- und Spirituosenhandel "Basta". Das Geschäft kann derzeit zwar weiter laufen. Aber regelmäßige Veranstaltungen wie Konzerte, Tastings und Dinner brechen erstmal weg. "Wir haben uns darauf eingestellt, erst ab September wieder Events anbieten zu können", erzählt Zibold.

Und das hat natürlich Folgen: Drei geringfügig-beschäftigten Mitarbeitern musste gekündigt werden. Außerdem gibt es bislang sechs Voll- bzw. Teilzeitjobs. Um diese Mitarbeiter zu erhalten, ist auch Kurzarbeit ein Thema. Das Team prüft Zibold zufolge aktuell zudem, ob andere finanzielle Hilfen in Frage kommen. Allerdings sei die Gemengelage momentan unklar: "Man weiß nicht genau, wo und wie man Hilfe bekommt", so Zibold. Außerdem seien Darlehen und Kredite irgendwie auch eine Verlagerung des Problems in die Zukunft. Denn: "Wenn wir heute keine Veranstaltung haben, heißt das nicht, dass wir in sechs, sieben Monaten zwei Veranstaltungen am selben Abend machen können", sagt der Sommelier.

Waren sollen nun online verkauft werden

Zibold und seine Mitstreiter versuchen aber dennoch, positiv zu bleiben. "Wir wollen aus der Situation eine gewisse Chance generieren", erklärt er. Die Chance – das ist "YourLocal Magdeburg", ein Online-Marktplatz für Magdeburg, der am Mittwochabend an den Start gegangen ist. Aktuell zehn Händler bieten hier nun Produkte an, die sie eigentlich bei sich im Laden verkaufen würden. Getränke, Kleidung, Dinge aus dem täglichen Bedarf. Mit einigen weiteren Gewerbetreibenden laufen Zibold zufolge aktuell Gespräche, auch mit Restaurantbesitzern.

Innerhalb einer Woche hat ein Team aus 20 Leuten den Shop zum Laufen gebracht – eine Webseite, die möglichst vielen von der Krise betroffenen Geschäften, Gastronomen und Dienstleistern in Magdeburg helfen soll. "Wir hatten gesehen, dass jeder Händler seine Insellösung vorbereitet. Und da haben wir gesagt: Hey, das ist schön. Aber nicht jeder hat die Möglichkeit dazu, so zu agieren", erklärt Zibold. Aus der Bereitschaft aller, in der Krise etwas zu tun, sei nun "YourLocal" entstanden.

So funktioniert der Online-Marktplatz

Die Kunden schauen sich – wie bei einem echten Marktplatz – auf unterschiedlichen "Ständen" um und schließen ihren Kauf am jeweiligen "Stand" ab. Auf die Schnelle sei das zunächst die einfachste Lösung gewesen, so Zibold. Auch, um die Zahlungsabwicklung schlank zu halten.

In einem zweiten Schritt soll es künftig gemischte Warenkörbe geben – sodass man Produkte unterschiedlicher Händler in einem Kaufvorgang erwerben kann. Ausgeliefert werden die Waren per Lastenfahrrad oder Transporter.

Die Fahrer holen nach Bestellungseingang die Waren bei den Händlern ab und liefern sie dann aus. Ein zentrales Lager gibt es nicht, auch um den Kontakt unter den Fahrern gering zu halten, falls mal ein Corona-Fall auftritt.

David Zibold und Tom Assmann
David Zibold und Tom Assmann setzen bei der Auslieferung auch aufs Lastenfahrrad. Bildrechte: MDR/Kalina Bunk

Hinter dem Shop steckt auch ein solidarischer Gedanke. Ein gewisser Teil der Marktplatz-Einnahmen kommt laut Zibold nämlich in einen Umverteilungstopf. Das Geld aus dem Topf soll dann in bestimmten Abständen – wöchentlich oder monatlich – auf alle Anbieter gleich verteilt werden. Wenn umsatzstärkere Teilnehmer auf das Geld verzichten, kommt die Summe in einen Fondstopf. Die Idee dahinter: Wenn ein Teilnehmer des Marktplatzes in Schieflage gerät, soll mit diesem Geld unbürokratisch geholfen werden.

Was dem Online-Marktplatz selbst helfen würde, wäre unbürokratisches Startkapital, sagt Tom Assmann, der bei "YourLocal" für die Logistik zuständig ist. "Die Coronahilfen, die es aktuell gibt, sind für Unternehmen in Not gedacht. Die sind nicht dafür da, dass man in der Krise etwas neu anfängt", erklärt er. Auch Gründungsdarlehen seien darauf nicht ausgelegt, da sie Vorlaufzeiten von ein bis zwei Monaten hätten.

Positives Feedback treibt an

Nun komme es aber vor allem auf die Magdeburger und ihre Resonanz an, sagt David Zibold. Die Bereitschaft, lokal einzukaufen, sei zumindest da, meint er. Das sehe er an dem Interesse, das es in den vergangenen Tagen bereits für den Online-Marktplatz gegeben habe. In 36 Stunden hätten 200 Menschen einen Fragebogen ausgefüllt und gesagt, welche Angebote ihnen im Shop wichtig wären.

Antrieb bekommt Zibold zudem durch die Vernetzung und den Zusammenhalt unter den Händlern und Gastronomen. Er erhalte viele Nachrichten mit Lob und Freude über den Online-Marktplatz – auch von Leuten, denen es in der aktuellen Situation gut gehe: "Die wollen trotzdem teilhaben."

Das ist so eine positive Energie, die daraus entsteht. Wir schrubben hier momentan 14, 15, 16 Stunden am Tag, manchmal mehr. Zu Hause ist man fertig – aber geht trotzdem mit einem Grinsen ins Bett.

Weinladeninhaber David Zibold

Abholservice statt Restaurantbesuch

Im Austausch ist Zibold zum Beispiel mit Julius Fritsch, der zusammen mit Elena Gaidamacha in der Magdeburger Innenstadt das vegane Restaurant "Botanica" und einen Cateringservice betreibt. Fritsch will schauen, ob der Online-Marktplatz auch für die beiden eine Chance ist. Als Anfang letzter Woche die erste Corona-Verordnung des Landes in Kraft trat, bekam der Gastronom das sofort zu spüren. Restaurants durften zunächst zwar weiterhin unter Auflagen öffnen. Allerdings habe man schnell gesehen, dass trotzdem weniger Leute kamen. Fritsch vermutet, dass das auch daran lag, dass Restaurants in anderen Bundesländern nur noch bis 18 Uhr öffnen durften. Viele hätten das auf Sachsen-Anhalt übertragen.

Deswegen hat das "Botanica" nun umgestellt. Von Donnerstag bis Sonntag kann man Burger, Wraps, Sandwiches und Co. per Telefon bestellen und dann selbst abholen. Die Abholungen werden zeitlich so getaktet, dass sich die Kunden möglichst nicht begegnen. Das habe vergangene Woche gut funktioniert, erzählt Fritsch. Allerdings müsse man aktuell von Tag zu Tag neu schauen.

Wir haben großartige Kunden, die uns da unterstützen, das ist unser rettender Strohhalm.

Gastronom Julius Fritsch

Julius Fritsch und Elena Gaidamacha
Julius Fritsch und Elena Gaidamacha bieten vegane Speisen an (Archivbild). Bildrechte: Julius Fritsch, Elena Gaidamacha

Um in nächster Zeit finanziell über die Runden zu kommen, haben Fritsch und Gaidamacha nun erstmal beim Finanzamt beantragt, die Umsatzsteuer zu stunden und die Einkommenssteuerzahlung zurückzubuchen. Für vier Teilzeit-Mitarbeiter wurde ein Antrag auf Kurzarbeit gestellt. Bei vier weiteren Angestellten ging das aufgrund geringfügiger Beschäftigung nicht. Gekündigt wurde niemandem, allerdings liegen die Arbeitsstunden – außer bei den beiden Botanica-Betreibern selbst – aktuell bei null. Fritsch bleibt trotzdem optimistisch: "Wir gehen davon aus, dass wir die anderen später weiterbeschäftigen können."

Manche Kunden wollen nicht online kaufen

Eine junge Frau (Betsy Peymann) lächelt in die Kamera
Der Laden von Elisabeth Peymann ist Modegeschäft und Café zugleich. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Olga Patlan

Elisabeth Peymann, die den Fair-Fashion-Laden "Betsy Peymann" betreibt, ist beim Magdeburger Online-Marktplatz "YourLocal" ebenfalls dabei. Da ihr Geschäft momentan geschlossen ist, hatte sie vergangene Woche bereits einen eigenen Online-Shop aufgesetzt. Seitdem hat es auch schon einige Käufe gegeben – hauptsächlich allerdings von Stammkunden. "Wen wir aktuell nicht erreichen, sind Laufkunden, die Onlinekäufe zum Teil bewusst vermeiden", so Peymann.

Die Auslieferungen übernimmt sie aktuell alle selbst: "Das ist momentan eine One-Woman-Sache." Die Gründerin hofft, dass die Verluste wieder aufgefangen werden können. Wenn der Laden fünf Monate geschlossen bleibe, wäre das kritisch, so Peymann. "Zwei Monate könnten wir schaffen, wenn alle mitziehen – Vermietung, Lieferanten, Gläubiger." Allerdings gebe es ein weiteres Problem: Das geschlossene Geschäft sei aktuell voll mit Frühlingskleidung. Wenn die Pause zu lange werde, sei es utopisch, das alles abzuverkaufen.

Dennoch versucht die junge Geschäftsführerin auszublenden, dass ihr Traum vom eigenen Laden schief gehen könnte. "Man muss sich von negativen Gedanken frei machen und funktionieren" – das ist Peymanns Einstellung, die sie aktuell wohl mit vielen anderen Betroffenen teilt.

Online-Marktplatz soll nachhaltig wirken

David Zibold vom "Basta"-Weinladen und Online-Marktplatz fasst es so zusammen: "Ich freue mich auf den Zeitpunkt, wenn wir wieder erste Veranstaltungen haben und das gemeinschaftlich feiern können. Es werden nicht alle schaffen, das ist auch ganz klar. Aber dann hat man mit 'YourLocal' zumindest seinen Teil dazu beigetragen, dass es für viele in der jetzigen Situation eine Perspektive gibt."

Der Online-Marktplatz ist als nachhaltiges Projekt angedacht. Auch nach der Krise, wenn Geschäfte und Veranstaltungen wieder laufen, wollen die Betreiber damit eine Alternative anbieten zu den etablierten, großen Plattformen, sagt Zibold. "Darum geht es mir, das alles gesellschaftlich als Chance zu sehen, dass wir gemeinsam an einem Strang ziehen und die Möglichkeiten nutzen, die jetzt vorhanden sind."

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Kalina Bunk
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Kalina Bunk arbeitet seit 2015 für MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online- und in der Hörfunkredaktion. Sie schreibt für mdrsachsenanhalt.de, verfasst und spricht die Nachrichten im Radio und ist als Reporterin im Land unterwegs. Aufgewachsen ist sie in Bremen. Dort und in Madrid studierte sie Kulturwissenschaft und Germanistik. Danach war sie für mehrere private Radiosender in Bremen und Berlin tätig. An der Arbeit als Redakteurin fasziniert sie, dass jeder Arbeitstag anders aussieht und dass man täglich etwas Neues dazu lernt.

Quelle: MDR/kb

Zuletzt aktualisiert: 26. März 2020, 17:37 Uhr

1 Kommentar

konstanze vor 1 Wochen

Bitte lesen Sie den Artikel von heute auf der Seite des Auswärtigen Amtes:
"Wie Deutschland Europa in der Corona-Krise hilft."
Wir verlieren wieder jedes Maß und überschätzen unsere eigenen Kräfte und Fähigkeiten, koste es hier was es wolle.

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