75. Jahrestag der Bombardierung Magdeburg – Ein Schicksalstag jährt sich

Magdeburg erinnert am Donnerstag an die Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg. Rund um den Gedenktag sorgt auch immer wieder die Zahl der Todesopfer für Diskussionen. Lange war von 16.000 die Rede, die Zahl wurde einst von der SED und später auch von Rechtsextremisten genutzt. Heute gehen Forscher von bis zu 2.500 Toten aus. Forscher mahnen mit Blick auf die Debatte, die Einzelschicksale der Betroffenen nicht aus den Augen zu verlieren.

Blick auf das im 2. Weltkrieg stark zerstörte Industriegebiet von Magdeburg.
Auch das Industriegebiet Magdeburg wurde stark zerstört. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Es war nur etwa eine halbe Stunde – doch sie reichte, um Magdeburg in Schutt und Asche zu legen. Am 16. Januar 1945 wurden durch alliierte Bomber 90 Prozent der Innenstadt zerstört. Der Luftangriff gilt – wie auch die  Bombardierung Dresdens – als einer der verheerendsten des Zweiten Weltkriegs. Viele Menschen starben durch die Bomben. Doch wie viele es genau waren – diese Frage wird immer wieder politisch instrumentalisiert. Lange war von 16.000 Opfern die Rede.

Der Kulturwissenschaftler Elias Steger und der Historiker Benjamin Kant aus Magdeburg haben sich intensiv mit dem 16. Januar 1945 befasst. "Nach Ende des Krieges hat das angefangen, Magdeburg musste sich gegenüber Dresden behaupten", beschreibt Steger. Die Stadt sei mit Blick auf die Opferzahl als "Nagasaki der DDR" inszeniert worden, als Märtyrerstadt. Kant ergänzt: "Außenpolitisch sah sich die DDR in den 80er Jahren mit Kriegsvorbereitungen der Westmächte konfrontiert. In diesem Sinne wurde die Zerstörung Magdeburgs instrumentalisiert, um für Frieden zu mahnen und die Interessen der DDR-Politik durchzusetzen."

Hohe Opferzahl schnell im Gespräch

Auch Rechtsextremisten haben die Zahl der 16.000 Opfer nach der Wende aufgegriffen und den 16. Januar für sich vereinnahmt. Jahr für Jahr gibt es zum Jahrestag der Bombardierung rechte Aufmärsche in Magdeburg – mittlerweile mit geringerem Zulauf. "Bei den Rechtsextremisten geht es formal um das Bedauern der Opfer und der zerstörten Stadt", erklärt Historiker Kant. Im Mittelpunkt stehe aber eigentlich die Zurschaustellung nationalsozialistischer Rituale, etwa das Marschieren mit Fackeln in Reih und Glied.

Die eigentliche Kriegsschuld der Deutschen, die der Zerstörung vorausgegangen ist, wird bei diesem Gedenken ausgeklammert.

Historiker Benjamin Kant

Inzwischen gehen Forscher von 2.000 bis 2.500 Toten aus. Dazu kommen gut 11.200 Verletzte. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat vor einigen Jahren deutlich gemacht, dass die geringere Zahl realistischer sei und dass es weniger Tote gegeben habe als behauptet. Die Landeszentrale berief sich dabei auf Veröffentlichungen des Stadtarchivs. Der Untersuchung zufolge kamen bereits kurz nach der Bombardierung Gerüchte auf, in denen von weit mehr als 10.000 Toten gesprochen wurde. Für die hohen Zahlen gebe es aber keine Belege.

Benjamin Kant und Elias Steger
Benjamin Kant und Elias Steger haben sich intensiv mit der Magdeburger Stadtgeschichte beschäftigt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kant erklärt dazu, dass auch die Nationalsozialisten bei Nachforschungen später geringere Zahlen ermittelt hätten. Diesen seien zum Ende des Krieges hin angesichts von Leichenbergen aber untergangen. "Die mündliche Überlieferung war wahrscheinlich stärker als Dokumente, die irgendwo verborgen waren in Archiven", so Kant.

Eine Zahl ist immer eingängig und kann für Provokationen gut genutzt werden. Für die Zahl 16.000 gibt es aber faktisch keine Quellengrundlage.

Kulturwissenschaftler Elias Steger

Kulturwissenschaftler Steger sieht durch den Fokus auf die Opferzahlen noch ein anderes Problem. Das Bemühen, ganz konkrete Zahlen herauszufinden, gehe am Thema vorbei. Die Zahlen seien unheimlich hoch, auch wenn es nicht 16.000 Opfer waren. Durch die Debatte würden die Einzelschicksale der Magdeburger aus dem Fokus geraten: "Menschen haben Angehörige verloren, mussten die Stadt verlassen, mussten fliehen. 190.000 Obdachlose, das muss man sich mal vorstellen."

Zeitzeugen erinnern sich

Kant sieht das ähnlich: "Mir ist ein Gespräch mit einem Zeitzeugen in Erinnerung geblieben, der zum Zeitpunkt der Bombardierung 14 Jahre alt war und sich nicht in der Stadt aufhielt. Er hat seine Rückkehr in die Heimat sehr eindrücklich geschildert. Er hat von Flammen berichtet, von vielen Toten."

Eine Korrektur der Opferzahlen nach unten sorgt daher aus Sicht von Historiker Kant auch aus einem anderen Grund für Diskussionen: "Weil das auch bedeutet, dass die Bedeutung dieses Angriffs und des Leids, das damit verbunden ist, ebenfalls nach unten korrigiert werden sollen."

Aktionswoche für Weltoffenheit

Wie also umgehen mit dem 16. Januar? Historiker Kant hält es für richtig, an die Geschehnisse zu erinnern und über die Bedeutung für die Gegenwart zu diskutieren. Bei Konzerten, Gottesdiensten, Veranstaltungen mit Zeitzeugen und Historikern.

Genau das ist auch in diesem Jahr in Magdeburg möglich. Noch bis zum 22. Januar läuft die Aktionswoche "Eine Stadt für alle", mit der ein Zeichen gegen die rechte Vereinnahmung gesetzt werden soll. Zum Jahrestag der Bombardierung sind Bürgerinnen und Bürger am Donnerstagabend eingeladen, auf dem Alten Markt gemeinsam mit Chören und Domposaunisten Friedenslieder zu singen. Pünktlich um 21.28 Uhr werden dann wieder viele Kirchenglocken der Stadt läuten. Zu der Uhrzeit, als die Luftangriffe 1945 begannen.

Quelle: MDR/kb

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 16. Januar 2020 | 19:00 Uhr

10 Kommentare

der_Silvio vor 41 Wochen

Inwieweit die Bombardierung Dresdens als Lazarettstadt durch das Kriegsvölkerrecht gedeckt war, weiß ich nicht. Dennoch ist es m.E. ein Kriegsverbrechen, eine Lazarettstadt in so einer Art und Weise zu bombardieren

Schenkendorf vor 41 Wochen

Das sich so etwas nie wiederholen sollte, darüber sind sich alle einig. Nach dem 08./09.05.45 lautete die Parole: "Nie wieder Krieg!" Leider blieb dies nur Illusion. Im Korea-und Vietnamkrieg gingen die Bombardierungen gegen Dörfer und Städte munter weiter. Opferzahlen sind leider immer ideologisch gefärbt. M. M. n. hätte es auch ohne deutsche Angriffe auf GB, diesen Bombenterror der Alliierten gegeben. Ein Harris träumte schon vor dem 2. WK davon, die Zivilbevölkerung zu demoralisieren. Präzise Luftangriffe waren für ihn nebensächlich. 75 Jahre nach Kriegsende ist Versöhnung das oberste Gebot. Beispielgeben hierfür, ist die Spende eines Kuppelkreuzes 1995 für die Dresdner Frauenkirche. Von der Kriegsgeneration lebt kaum noch einer. Deshalb sollten die Diskussionen zu ewigen Schuldzuweisungen und Aufrechnungen beendet werden.

Rotti vor 41 Wochen

Nach diesen schrecklichen Ereignissen über die Zahlen der Toten zu feilschen, halte ich für total pietätslos. Das ist einfach unanständig. Egal, welche Seite damit rüber kommt. Mein Vater hat den Angriff auf Dresden miterlebt. Er hatte gerade deutsche Flüchtlinge dorthin begleitet. Ihn hat der Sprung vom Spähpanzer in die Elbe gerettet. Er sprach von mindestens 150.000 Toten. Mein Großvater, der geschäftliche Beziehungen zu Unternehmen in Dresden unterhielt, sprach von einer Viertelmillion. Beides verbindet Eines, dass sich so etwas nie wiederholen darf. Und, da sind mir die Spekulationen von Leuten, die damals nicht vor Ort waren, schnurz.
Die Menschen hatten Schutz gesucht in den Häusern. Die wollten nicht sterben. Die wollten leben!

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