Professor Heim aus Magdeburg Der Mann, der Leukämie heilen wollte – und deshalb fast pleite ging

Vor 24 Jahren organisierte Marcell Heim die weltweit größte Typisierungsaktion. Menschen in ganz Sachsen-Anhalt wollten dem 15 Jahre alten Nico, der an Blutkrebs erkrankt war, mit ihren Stammzellen das Leben retten. Doch das edle Vorhaben wurde für den Professor beinahe zum finanziellen Fiasko.

Daniel George
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von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Marcell Heim
Marcell Heim kam 1993 aus München nach Magdeburg. Bildrechte: MDR/Daniel George

Plötzlich saß Marcell Heim im Hotelzimmer von José Carreras. Alte Kontakte hatten ihm den Termin beschert. Eine Dreiviertelstunde blieb dem Professor aus Magdeburg nun, um dem Star-Tenor aus Spanien seine Geschichte zu erzählen. Heim benötigte damals dringend Unterstützung. Es ging um 1,3 Millionen Mark Schulden, die Privatinsolvenz drohte – und das alles nur, weil er gerade die weltweit größte Stammzell-Typisierungsaktion zur Heilung eines leukämiekranken Jungen organisiert hatte.

Professor Heim, mittlerweile 69 Jahre alt und Pensionär, sitzt an einem Holztisch seines Hauses in Biederitz bei Magdeburg und erinnert sich im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT an diese ganz besondere Geschichte seines Lebens. Eine Geschichte über den Kampf gegen Krebs, die auch erzählt, was so alles famoses, aber auch schauriges passieren kann, wenn einem das Wohl von Vielen wichtiger als das eigene ist.

21.000 Typisierte – unglaubliches Mitgefühl

Nico, Leukämie, Typisierung – viele Sachsen-Anhalter wissen bei diesen Schlagworten noch heute sofort, worum es geht. Manche von ihnen waren dabei, als am 17. Dezember, dem vierten Advent des Jahres 1995, so viele Menschen wie bis heute nie wieder und nirgendwo auf der Welt bei einer Typisierung dabei waren: 21.000. Ein unglaubliches Zeichen des Mitgefühls.

"Vor allem Leute, die selber Kinder hatten, haben sich beteiligt", erinnert sich Marcell Heim, damals Chef des Instituts für Transfusionsmedizin der Uniklinik Magdeburg. Denn es ging um Nico, einen 15 Jahre alten Jungen, der an Leukämie erkrankt war – und gerettet werden sollte. "Eines Abends stand seine Tante bei uns in der Klinik", sagt der Professor. "Sie war ganz aufgelöst und erzählte uns, dass sie gehört hatte, dass die im Westen immer so Aktionen zur Typisierung machen und hat gefragt, ob wir das nicht auch machen könnten für ihren Nico."

Marcell Heim – in Frankfurt am Main geboren, in Österreich das Abitur abgelegt, in München studiert und promoviert – konnte es damals kaum fassen: Es gab keine einzige Datei mit Knochenmarkspendern in den östlichen Bundesländern. Das kannte der 1993 nach Magdeburg gezogene Professor anders. "An der Universitätsklinik in München haben wir damals bereits transplantiert", sagt Heim. Doch zu DDR-Zeiten war das kein Thema gewesen. Die Suche nach einem Spender für Nico war die Initialzündung – und die große Chance, eine Datei aufzubauen und Blutkrebspatienten so künftig zu helfen.

Eintausend freiwillige Helfer aus ganz Sachsen-Anhalt

Dabei wussten alle Beteiligten, dass es beinahe unmöglich werden würde, einen Lebensretter für Nico zu finden. Die weltweite Suche nach einem genetischen Zwilling war erfolglos geblieben. Bei einem Referenzzentrum in Wien hatte Heim ausrechnen lassen, "dass wir 15.000 Menschen typisieren lassen mussten, um die Chance zu haben, jemanden zu finden, der noch nicht registriert war. Dort hätte dann ein geeigneter Spender für Nico dabei sein können. Aber die Wahrscheinlichkeit war sehr gering."

Nico und seine Eltern wussten das. Trotzdem hofften sie. Was blieb ihnen auch anderes übrig? Sie wollten nichts unversucht lassen. Und sie verstanden, dass die "Aktion Nico" künftig Menschen das Leben retten würde – wenn auch nicht Nicos. "Sie waren oft in der Presse, um aufmerksam zu machen auf die Aktion", sagt Heim. "Sie haben das alles tapfer mitgemacht." Sie sind Helden dieser Geschichte.

Eines Abends stand seine Tante bei uns in der Klinik. Sie war ganz aufgelöst und erzählte uns, dass sie gehört hatte, dass die im Westen immer so Aktionen zur Typisierung machen und hat gefragt, ob wir das nicht auch machen könnten für ihren Nico.

Professor Marcell Heim

Eintausend freiwillige Helfer an 26 Orten Sachsen-Anhalts beteiligten sich an der ersten Stammzell-Typisierung im Osten. "Um 13 Uhr hatten wir bereits 15.000 Blutproben entnommen", sagt Heim. Die Frage lautete: weitermachen oder die Aktion stoppen? Schließlich kostete jede Typisierung damals etwa 100 Mark Laborkosten. Heim ordnete an: weitermachen! Womit sich die Chance, doch noch einen geeigneten Spender für Nico zu finden, vergrößerte – genau wie die Spender-Datei. Doch die Kosten stiegen und stiegen.

Nico starb wenige Monate nach der Typisierung

Am Abend des vierten Advents verließen 21.300 Röhrchen mit Blutproben Sachsen-Anhalt. Manche gingen nach Paris oder London, andere nach Wien oder Amsterdam, Stuttgart oder Berlin. Sie mussten damals – anders als heute, wo weit mehr Zeit bleibt – innerhalb von 48 Stunden analysiert werden. Wenige Tage später kamen per Fax seitenlange Ergebnislisten zurück, die erfasst werden mussten. Eine kaum zu bewältigende Herausforderung. Zumal bald erste Anfragen eintrafen, weil bei der "Aktion Nico" geeignete Spender für andere Patienten gefunden worden waren, die vermittelt werden mussten.

Und dann waren da noch die Rechnungen, von denen Marcell Heim den Großteil nicht bezahlen konnte. Manche Labore gewährten den Magdeburgern Zeit für die Zahlung, andere drohten mit rechtlichen Schritten. Auch die Leitung der Uniklinik wurde nervös. Der Professor hatte mit mehr Spendengeldern gerechnet. Doch die blieben aus. Nico starb im Frühjahr 1996. Auch die Massen-Typisierung konnte ihn, wie befürchtet, nicht mehr retten.

Da stand Marcell Heim also nun – und musste "betteln" gehen, wie die Bild-Zeitung damals titelte. Er versuchte, Unternehmen von seiner Sache zu überzeugen und sammelte für den Anfang 1996 gegründeten Verein "Aktion Knochenmarkspende Sachsen-Anhalt". Doch das lief schleppend. "Ich war deprimiert, wir hatten hohe Schulden und es ging nicht so richtig vorwärts", sagt er. Doch dann, Ende 1996, kam es zu der Begegnung, die der Geschichte zur entscheidenden Wendung verhelfen sollte.

Bundesverdienstkreuz für Professor Heim

Über seinen alten Chef an der Universitätsklinik in München kam der Kontakt zu José Carreras zustande. Der heute 72-Jährige war 1987 an Leukämie erkrankt. Mithilfe einer damals noch kaum verbreiteten Knochenmarktransplantation konnte der Opernsänger gerettet werden. Seitdem setzt er sich mit einer eigenen Stiftung für den Kampf gegen Blutkrebs ein.

Carreras war begeistert von Heims Geschichte. So viele Typisierte mit nur einer Aktion? "Das fand er toll", sagt Heim. Die Carreras-Stiftung unterstützte den Aufbau der ersten ostdeutschen Spenderdatei mit 250.000 Mark. Der Scheck wurde öffentlichkeitswirksam übergeben. "Damit konnte ich auch bei anderen Unterstützern punkten", sagt Heim. "Binnen einem weiteren Jahr haben wir das noch fehlende Geld zusammengekriegt. Das wäre sonst nicht möglich gewesen."

Die Zukunft der Aktion Knochenmarkspende Sachsen-Anhalt war gesichert, auch die Eltern von Nico traten dem Verein wenig später bei. Er half anderen ostdeutschen Standorten wie Rostock oder Dresden in den Folgejahren beim Aufbau einer Spender-Datei. Marcell Heim hatte seine drohende Pleite abgewendet. Im Herbst 1998 wurde ihm auf Vorschlag der Landesregierung das Bundesverdienstkreuz verliehen. Weil er persönlich so sehr ins Risiko gegangen war – und das Wohl von Vielen über das eigene gestellt hatte.

Die "Aktion Knochenmarkspende Sachsen-Anhalt e.V."

Durch die "Aktion Nico" und die Spenderdatei der "Aktion Knochenmarkspende Sachsen-Anhalt" konnten seit der Typisierung damals immer wieder passende Spender vermittelt werden. "Etwa 40.000 Registrierte befinden sich in unserer Datei und diese Zahl wollen wir so halten, das ist unser Ziel", sagt Marcell Heim, der sich noch immer für den Kampf gegen Blutkrebs engagiert. Das sei allerdings gar nicht so leicht, schließlich würden zahlreiche damals Registrierte aus Altersgründen allmählich herausfallen. Die Altersgrenze für Spender liegt nämlich bei 60 Jahren.

Daniel George
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Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

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Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 20. Juli 2019 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Juli 2019, 19:58 Uhr

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4 Kommentare

20.07.2019 11:43 Siegfried 4

@ 3 dummer Käse, es kann nicht jeder Blutspenden es müssen dafür Voraussetzungen gegeben sein, und übrigens könnte Merkel viel mehr tun für ihr Volk aber nein es muß ein neuer Tunnel gebaut werden für Millionen damit sie vom Volk abgeschirmt werden und sind ,
diese Krankheit ist sehr schlimm nicht jeder schafft es, er hätte den Verdienstorden verdient und nicht unsere neu Bürger !

19.07.2019 14:29 Andreas 3

Das sind Menschen vor denen ich Achtung habe. Keine Achtung habe ich vor Menschen die nur Labern, Meckern, Merkel muss weg grölen und selber nichts auf die reihe bekommen. Nicht mal ne lumpige Blutspende.

18.07.2019 22:13 MD 65 2

Professor Heim hat viel Geleistet, und dafür sollte man ihm ein Leben lang Dankbar sein, und ebenso José Carreras mit seiner Stiftung, ohne diese es viele Leukämiekranke nicht geschafft hätten. Danke. Die Nichte meiner Frau hat es leider nicht geschafft die Leukämie zu Besiegen.

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