Bewegender Brief Pflegerin über Corona-Zeit: Die wahren Gefühle hinter dem Lächeln

Sie vermitteln Nähe in der Zeit des Abstands: Pflegemitarbeiter geraten wie viele andere in der Corona-Krise an ihre Grenzen. So auch eine Pflegerin aus Magdeburg. Ehrliche Worte über die Kraft gemeinsamer Tränen.

Eine Pflegekraft kümmert sich in einem Pflegeheim um eine ältere Dame und kontrolliert den Blutdruck.
Die Corona-Krise stellt auch die Pflege vor Herausforderungen. Bildrechte: MDR/dpa

Homeoffice? Das geht für manche, aber längst nicht für viele. Doreen B.* arbeitet in einer Altenpflege-Einrichtung in Magdeburg – und hat es wie so viele andere gerade nicht leicht.

Für MDR SACHSEN-ANHALT hat sie einen Brief verfasst, mit dem sie sich an alle Sachsen-Anhalter und Sachsen-Anhalterinnen wendet:

"Ich möchte Euch meine Gefühlswelt mitteilen. Denn meine Arbeit in der Pflege ist aktuell mit viel Traurigkeit verbunden. Ich bekomme mit, wie Angehörige ihre Liebsten besuchen möchten – es aber nicht dürfen.

Ein älterer Herr stand neulich unten auf dem Hof und durfte nicht zu seiner Frau, seiner großen Liebe. Keine Chance. Er stand da unten, völlig verzweifelt, und hatte Tränen in den Augen. 'Corona, was ist Corona?', fragte mich seine Frau.

Die Älteren verstehen diese Problematik oft nicht. Wir versuchen trotzdem, es ihnen irgendwie zu erklären. Ihr Mann fragte mich, ob ich am nächsten Tag wieder im Dienst sei. Ich sagte: 'Ja.' Und er antwortete: 'Gut, dann stehe ich morgen wieder hier und bringe ihnen eine Tafel Schokolade mit, weil sie sich so bemüht haben.'

Wir wollen keinen 19-Uhr-Applaus von Euren Balkonen. Wir wünschen uns lediglich Anerkennung und Respekt. Denn wir müssen immer liefern: sonntags, nachts und jetzt auch bei Corona.

"Wir vergießen gemeinsam Tränen"

Pfleger und Betreuer, Kosmetiker und Friseure, Seelentröster – wir alle sind derzeit gefragter denn je. Wir stoßen täglich an unsere Grenzen und gehen sogar zwei Schritte über sie hinaus.

Wir besitzen viel Herz, sind für Kollegen da, die ihre Kinder weggeben müssen, um ihre Existenz zu sichern und arbeiten gehen zu können. Wir tauschen uns aus, vergießen gemeinsam Tränen und verteilen den Druck auf unseren Schultern – weil wir gemeinsam mehr ertragen können. Egoismus ist gebrochen, Solidarität geschaffen. Nur wie lang?

Wir alle haben auch private Sorgen. Ich habe selbst Familie, die in Spanien und der Schweiz in Krisengebieten lebt. Um sie sorge ich mich täglich. Wie geht es ihnen? Wie betroffen sind sie? Halten sie diese Zeit durch?

Mein Sohn arbeitet auch in der Pflege. Mit seinen jungen Jahren sieht er sich gleich einer großen beruflichen Herausforderung ausgesetzt und stemmt sich ihr mit allen Kräften entgegen. Doch er schafft das. Denn er hat viel Herz. Ich bin sehr stolz auf ihn.

"Das macht mir Angst"

Als Pflegekraft lächelst du immer. Du machst deine Späße mit den Pflegebedürftigen und den Kollegen. Wir schenken uns Mut, weinen auch mal, aber lächeln im nächsten Moment wieder. Anders geht es nicht.

Unsere Bewohner geben uns Kraft, diesen Kampf zu meistern. Wir tun alles für sie, damit sie gesund bleiben und ihre Angehörigen hoffentlich bald wieder in die Arme schließen können.

Auf dem Weg zur Arbeit sehe ich die Vermummten vor dem Krankenhaus am Einlass stehen. Das macht mir Angst. Man denkt, man sei in einer Art Krieg angekommen. Doch sie stehen dort in der Kälte und ziehen ihren Job durch. Das verdient größten Respekt.

Die Krise in Bildern Sachsen-Anhalt in Zeiten von Corona

Trainingsbereich im Fitnessstudio mit Absperrband gesperrt
Viele Fitnesscenter im Land dürfen wieder öffnen. Das erfolgt unter Auflagen: Jedes zweite Fitnessgerät ist abgesperrt und darf nicht genutzt werden. Einige Trainingszirkel sind eingezäunt, um die Wege der Sportler zu lenken. Bildrechte: MDR/Mario Köhne
Trainingsbereich im Fitnessstudio mit Absperrband gesperrt
Viele Fitnesscenter im Land dürfen wieder öffnen. Das erfolgt unter Auflagen: Jedes zweite Fitnessgerät ist abgesperrt und darf nicht genutzt werden. Einige Trainingszirkel sind eingezäunt, um die Wege der Sportler zu lenken. Bildrechte: MDR/Mario Köhne
Teilnehmer einer Demonstration des Bündnisses Freier Kunst- und Kulturakteure protestieren vor dem Landtag von Sachsen-Anhalt
Kulturschaffende haben am 27. Mai in Magdeburg eine Kunstaktion veranstaltet. Sie fordern finanzielle Unterstützung für freischaffende Künstler. Bildrechte: dpa
Ein Schild kurz hinter der Landesgrenze von Sachsen zu Sachsen-Anhalt, am Ortseingang Lützen, weist darauf hin: "Reisen aus touristischen Anlässen ins Land Sachsen-Anhalt sind untersagt!".
Während Ferienhäuser und -wohnungen seit dem 15. Mai wieder öffnen dürfen, bleibt das Einreiseverbot nach Sachsen-Anhalt aus touristischen Gründen weiter verboten. Spätestens mit der Fortschreibung der 6. Eindämmungsverordnung, die am 26.05.2020 im Kabinett beschlossen werden soll, wird es weitere Informationen geben, ab welchem Zeitpunkt wieder Gäste aus dem gesamten Bundesgebiet nach Sachsen-Anhalt reisen können. Bildrechte: dpa
Mitarbeiterinnen des Burgenlandkreises bereiten sich in einem Zelt auf den Start des Corona-Screenings vor.
In einem eigens dafür aufgestellten Testzentrum in Weißenfels haben am 14. Mai Mitarbeiter des Burgenlandkreises mit Corona-Tests in der Belegschaft des Fleischkonzerns Tönnies begonnen. Bis zu 2.500 Mitarbeiter der drei Tönnies-Standorte in Weißenfels sollen in den kommenden Tagen auf das neuartige Virus getestet werden. Anlass der prophylaktischen Untersuchung waren Ausbrüche in Betrieben der Fleischwirtschaft in anderen Bundesländern. Bildrechte: dpa
 Zwei Schülerinnen aus dem Harz sitzen mit Mundschutz in einer Kabinengondel der Seilbahn in Thale.
Ein Stück Normalität ist in den Harz zurückgekehrt: Seit dem 10. Mai fahren die Kabinenbahn zum Hexentanzplatz und der Sessellift zur Rosstrappe wieder. In den Kabinen der Kabinenbahn müssen allerdings Mund-Nase-Masken getragen werden. Bildrechte: dpa
Vor einem geschlossenen Kino hängt eine leere Schautafel.
Heute kein Film: Dieses Kino am Stadtrand von Magdeburg bleibt wie viele andere in der Corona-Krise erst einmal noch geschlossen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Plakat in Halle, das auf die Notlage der Gastronomen in der Corona-Krise aufmerksam macht
Gastronomen in Not: Dieses Banner hängt in Halle. Bildrechte: MDR/Fabian Brenner
Ballonfahrer Winfried Borchert aus Wernigerode (r) legt nach der Landung im Vorharzort Hessen seinen Heiߟluftballon vorsichtig auf die Seite.
Auch Ballonfahren ist – unter Einhaltung der Hygieneregeln – wieder gestattet. Diese Truppe im Harz war sicherlich eine der ersten nach der Lockerung des Kontaktverbots. Bildrechte: dpa
Besucher des Garteinreiches fahren im Wörlitzer Park auf Gondeln.
Am ersten Wochenende nach der Corona-Lockerung sind auch wieder viele Menschen ins Gartenreich Dessau-Wörlitz gekommen. Neben historischen Gebäuden wie dem Schloss Wörlitz und dem Schloss Oranienbaum sind auch die Gondeln auf den Kanälen in der Parkanlage wieder für Besucher geöffnet. Bildrechte: dpa
Ein Mitarbeiter der Bootsverleihstation am Wendefurther Stausee reinigt Boote, die aneinandergereiht auf dem Wasser liegen.
Sachsen-Anhalt bereitet sich auf die geplanten Lockerungen vor: Ab Mitte Mai darf der Tourismus für Einheimische wieder starten. Am Wendefurther Stausee im Harz werden schon mal die Boote für Ausflügler hergerichtet. Bildrechte: dpa
Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch
Auch für Fahrschullehrer Jens-Uwe Simonsen aus Magdeburg läuft der Betrieb wieder an. Nach Wochen Corona-bedingter Schließung darf er wieder Fahrschüler empfangen – jedoch nicht, ohne die geltenden Hygiene-Regeln zu beachten. Bildrechte: MDR/Hanna Lohoff
Anleger für Elbfähre
Weil sich Überfahrten wegen der Corona-Krise nicht rechnen, liegen seit Wochen viele Fähren an Land. So auch in Pretzsch im Landkreis Wittenberg. Ab 17. Mai soll der Fährbetrieb hier aber wieder aufgenommen werden. Bildrechte: MDR/André Damm
Spielplatz in Magdeburg
Absperrbänder adé: Landesweit dürfen Spielplätze wieder genutzt werden. Allerdings entscheiden die einzelnen Landkreise und kreisfreien Städte, welche Spielplkätze öffnen. Die Stadt Magdeburg zum Beispiel hat alle 128 Spielfächen wieder zur Nutzung freigegeben. Bildrechte: MDR/Frank Rugullis
Eine Infotafel vor einem grünen Gassthof.
 "Heinrichs" in Walternienburg (Anhalt) fiebert dem Ende der Gastronomie und Beherbergungssperre entgegen. Sie betreiben Café, Wirtschaft, Biergarten und Ferienwohnung am Elberadweg. Bildrechte: MDR/André Plaul
Ein gelbes Infoblatt hängt an einem Eingangstor.
Doch bislang ist wegen der Corona-Auflagen alles geschlossen. Bildrechte: MDR/André Plaul
Mitarbeiterinnen der Vereinigten Domstifter tragen im Dom St. Peter und Paul in Naumburg Mundschutz unter der weltbekannten Stifterfigur Uta von Ballenstedt neben ihrem Gemahl Ekkehard II. Markgraf von Meißen.
Nach achtwöchiger Schließung öffnet auch der Naumburger Dom wieder seine Tore. Allerdings sind für Besucher nun das Tragen von Mundschutz und die Angabe ihrer Kontaktdaten Pflicht. Bildrechte: dpa
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Leere Straßen und Plätze wegen des Coronavirus in Magdeburg.
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Ich bin dankbar für all die Verkäufer und Verkäuferinnen in den Supermärkten, die sich beschimpfen lassen müssen von Menschen im Kaufrausch. Wenn ich mal meine Zigaretten nicht bekomme, gehe ich trotzdem mit einem Lächeln aus dem Laden und versuche, ihnen zu vermitteln, dass sie einen starken Job machen.

Ich möchte einfach Danke sagen: meiner Familie, meinen Kollegen und meinen Freunden, aber auch allen, die das Leben gerade am Laufen halten. Zum Beispiel der Postbotin, die die Pakete bringt und an meiner Tür einen Zettel sieht: "Stellen Sie das Paket ab. Danke für ihren Einsatz!" Sie malt mit einem Kugelschreiber immer einen Smiley auf den Zettel – und zeigt mir damit, dass sie nicht aufgeben wird.

"Zuhause können wir Kraft tanken"

Wir Pflegekräfte, Einzelhandelskaufleute, Krankenschwestern, Briefboten, Ärzte, Versorger und viele weitere wollen keinen 19-Uhr-Applaus von Euren Balkonen. Wir wünschen uns lediglich Anerkennung und Respekt. Denn wir müssen immer liefern: sonntags, nachts und jetzt auch bei Corona.

Ich wünsche allen viel Kraft und Gesundheit in dieser schweren Zeit, die uns alle vor eine Kraftprobe stellt. Unser Zuhause ist der Ort, an dem wir alle Kraft tanken und Abstand nehmen können, was so wichtig ist.

Und ich bin mir sicher: Der Tag wird kommen, an dem der alten Mann seine Frau wieder in den Arm nehmen und ihr einen Kuss geben an. Dann wird diese Krise bewältigt sein. Wir Pfleger? Werden dann lächeln und für die Menschen da sein – so wie immer."

*Name von der Redaktion geändert

Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 26. März 2020 | 19:00 Uhr

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